Als Kinder vertrieben sich meine Freund*innen und ich oft mit anketa, russisch für Umfrage, die Zeit. Wir notierten Fragen auf einer Seite eines Heftes – etwa welchen Beruf wirst du ergreifen, wo wirst du wohnen, wen wirst du heiraten – und füllten die restlichen Seiten mit Antworten aus – etwa Schauspieler*in, Moskau, Sascha aus der 3a. Die Antworten waren durchnummeriert. Wer dran war, wählte für jede Frage eine Zahl aus, hinter der sich die Antwort verbarg. Am Ende stand ein möglichst perfektes Leben. Ein bisschen Schicksal, manchmal peinlich, immer lustig. Erwachsene machen sowas ja seltener, einfach spielen, einfach Spaß haben.

Köln, Dezember 2023 © Kristina Klecko
Daran musste ich denken, als ich auf Bluesky bei Wibke Ladwig (sinnundverstand.net (Opens in a new window)) einen Fragenkatalog sah, den sie von Uwe Kalkowski (kaffeehaussitzer.de (Opens in a new window)) hatte, der es wiederum bei Jana Miklaw (wissenstagebuch.com (Opens in a new window)) entdeckt hatte – und so weiter.
Ich wollte mitmachen. Ich wollte mitspielen.
Ein Buch, das du als dein “Lieblingsbuch” bezeichnest
Viele Jahre gab es auf diese Frage nur eine Antwort: Das große Haus von Nicole Krauss. Erstmals habe ich es mit Mitte Zwanzig gelesen, danach diverse Male wieder, einmal sogar mit einem Notizblock und Stift während der Lektüre, um alle Bezüge und Verbindungen festzuhalten. Ich glaube, ich mag es immer noch, aber seitdem habe ich zum Glück zu viele gute Bücher gelesen, um ein Lieblingsbuch zu haben.
“Ich fragte, wie sie mich gefunden habe. Ich habe beschlossen zu suchen, sagte sie.” Nicole Krauss, Das große Haus, übers. v. Grete Osterwald
Dein “Guilty Pleasure”
Vor einigen Jahren ertappte ein Bekannter mich bei einer … Unstimmigkeit. Ich hatte voreilig verkündet, ich schäme mich nicht (mehr) für (peinliche) Bücher, er deutete zielsicher auf ein Regalbrett, auf dem ein ebensolches stand: Catherine Coulters The Sherbrooke Bride ist England-Kitsch-Romance mit Herzog*innen, Liebe, Drama und Happy End.
Ein Buch, das außer dir alle gemocht haben
Sturmhöhe von Emily Brontë, in der Übersetzung von Michaela Meßner, habe ich gelesen, weil viele Autor*innen es als Inspirationsquelle angeben. Das war vor zwei Jahren. Einerseits hat das Buch mich nicht umgehauen, andererseits schaffe ich es nicht, es wegzugeben, weil ich denke, dass ich es noch einmal lesen möchte.
4. Ein Buch, das du am schnellsten durchgelesen hast
Die Vegetarierin von Han Kang in der Übersetzung von Ki-Hyang Lee. Es war aber auch sehr kurz.
Ein Buch, das mehr Aufmerksamkeit verdient
Brotjobs & Literatur, herausgegeben von Iuditha Balint, Julia Dathe, Kathrin Schadt und Christoph Wenzel, vermittelt gut, warum Menschen vom Schreiben nicht leben können und wie es zu ändern wäre.
“Und literarisches Schreiben muss den Stellenwert bekommen, den Mathematik, Sport und Biologie längst haben. Schrifsteller*in zu sein, das ist ein Beruf wie Ingenieur*in, Bäcker*in und Astronaut*in. Es ist Arbeit.” Juliane Ziese, “Der eigentliche Brotjob” in Brotjobs & Literatur
Ein Buch, das demnächst verfilmt wird
Glücklicherweise Stolz und Vorurteil mit Olivia Colman (!). Ich hoffe sehr, dass diese Version dem Buch gerechter wird. Es ist nämlich mehr drin als die Liebesgeschichte von Elizabeth Bennet & Fitzwilliam Darcy.
“Ich versichere Ihnen, dass ich nicht zu jenen jungen Damen gehöre (wenn es solche jungen Damen überhaupt gibt), die ihr Glück wagemutig aufs Spiel setzen in der Hoffnung, dass sie noch ein zweites Mal gefragt werden. Ich meine es mit meiner Ablehnung vollkommen ernst.” Jane Austen, Stolz und Vorurteil, übers. v. Andrea Ott
Das Buch, das du am häufigsten gelesen hast
Ich lese Bücher selten öfter als ein Mal, aber in einige schaue ich regelmäßig rein. Bernardine Evaristos Manifesto gehört dazu, weil es motivierend und tröstend ist, auch für Menschen, die nicht künstlerisch tätig sind.
“Als ich 2019 für meinen Roman Mädchen, Frau etc. den Booker Prize erhielt, war ich plötzlich ‘über Nacht berühmt’ – nach vierzig Jahren künstlerischer Arbeit.” Bernardine Evaristo, Manifesto, übers. v. Tanja Handels
Ein Buch eines Genres, das du eigentlich nicht liest
Ich lese keine Krimis und keine Thriller, weil ich mich zu gut (und sehr nachhaltig) grusele, aber ich habe schon einige Bücher von Melanie Raabe gelesen.
“Unser Körper ersetzt ständig Zellen. Tauscht aus. Erneuert. Nach sieben Jahren ist man gewissermaßen neu.” Melanie Raabe, Die Falle
Ein Buch, das seinen Hype verdient
Länger als nötig bin ich um Hanya Yanagiharas Ein wenig Leben, übers. v. Stephan Kleiner, herumgeschlichen. Dann aber habe ich die fast 1000 Seiten in einem persönlichen Wettbewerb in fünf Tagen ausgelesen. Ein schlimmes Buch, das tritt und tritt, und wenn du denkst, so kann es nicht enden, tritt es weiter. Dennoch verdient es seine Hypes.
Ein Buch, das du meistens empfiehlst, wenn dich Leute fragen
Ich empfehle selten Romane oder dicke Bücher. Frauen & Macht von Mary Beard ist daher perfekt. Es ist ein schmaler Band, in dem die Althistorikerin ausführt, wie das weibliche öffentliche Sprechen seit der Antike und bis in die Gegenwart verhöhnt und abgewertet wird.
“Wenn Frauen nicht innerhalb der Machtstrukturen wahrgenommen werden, müsste dann nicht statt der Frauen die Macht neu definiert werden?” Mary Beard, Frauen & Macht, übers. v. Ursula Blank-Sangmeister unter Mitarbeit von Janet Schüffel
Ein Buch mit deinen Lieblingsfiguren
Das war schwer, ich hätte Stolz und Vorurteil oder Call me by your name nennen können, weil ich die Figuren lange nach der Lektüre vermisste. Doch beide Bücher kommen bereits an anderen Stellen vor, also greife ich zu einer List und nenne Look what she made us do von Anne Sauer über Taylor Swift – die wirklich eine Lieblingsfigur (Opens in a new window) ist.
“Es ist möglich, manchmal mit Tinte und Feder, manchmal eben mit Glitzergelstift zu schreiben.” Anne Sauer, Look what she made us do
Ein Buch, in dem du gern leben würdest
Über mein liebstes Kinderbuch habe ich bereits geschrieben (Opens in a new window). Ich würde gern in der Welt von Alissa leben, in der es gleich ist, woher du kommst, ob und welches Geschlecht du hast, wie viele Augen du brauchst, um deine Mitwesen zu betrachten oder es ganz anders machst, und in der eine Abenteuergeschichte mit Müll am Strand beginnt, weil die Figuren es ungeheuerlich finden, dass jemand im späten 21. Jahrhundert so unachtsam mit der Umwelt umgeht.
Ein Buch, von dem du dachtest, dass du es hassen würdest
Hass ist ein zu großes Wort, das ich für Bücher nicht verwenden würde, aber während ich André Acimans Call me by your name an der Oxfam-Kasse zahlte, bereute ich die zwei Euro bereits. Ich fürchtete, es sei bloß eine Romanadaption, und wäre es ein Roman, was es übrigens ist, könnte es besser als die Verfilmung sein? Unentschieden. Das Buch hat eine unnötige Drehung, die im Film zurecht nicht vorkommt, dafür aber viele wunderschöne Sätze:
“Du siehst einen Menschen und siehst ihn doch nicht wirklich, weil er in den Kulissen steht.” André Aciman, Call me by your name, übers. v. Renate Orth-Guttmann
Ein Buch, das dich zum Weinen gebracht hat
Ich weine nicht bei Büchern, wie Ladwig schreibt (Opens in a new window) “es liegt mir nicht”. Als ich ein Buch für eine deutlich jüngere Leserin gesucht habe, bin ich auf Alva und das Leuchten der Erinnerung von Alexandra Helmig und Valeria Docampo gestoßen. Schon im Buchladen kamen die Tränen – und seitdem jedes Mal, wenn ich im Buch blättere. (Ich habe es mir nachgekauft, Kindern Geschenke wieder wegzunehmen, kommt bei den Eltern nicht gut an.)
“Jeden Morgen landen die unterschiedlichsten Erinnerungen auf Alvas Insel.” Alexandra Helmig und Valeria Docampo, Alva und das Leuchten der Erinnerung
Ein Buch, bei dem du dir wünschst, dass du es noch mal zum ersten Mal lesen könntest
Nachtgewächs von Djuna Barnes – nur um sich noch einmal richtig verwirren zu lassen.
“Wenn sie sich verliebte, so geschah es mit der vollen Wucht angestauter Unaufrichtigkeit. Sofort wurde sie zum Händler von Gefühlen aus zweiter Hand und daher unberechenbar im Preis.” Djuna Barnes, Nachtgewächs, übers. v. Wolfgang Hildesheimer
Danke, dass du mitliest und bis in zwei Wochen!
Kristina
Beischriften sind Gedanken, Zitate, Fotos und Notizen – Nebenschauplätze der Kurzessays, flüchtig und daher exklusiv für Abonnent*innen.💜 Melde dich kostenlos an, um die Kurzessays künftig mit der Beischrift zu erhalten.
Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.