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Der lange Schatten des Herrn Kurtz - Das Grauen

Manchmal reicht der richtige Umriss, um einen ganzen Kosmos entstehen zu lassen. Über die Symbiose von „Apocalypse Now“ und „Herz der Finsternis“.

Bild der Begegnungszene zwischen Colonel Kurtz und Captain Willard
(Bildquelle: https://www.flickr.com/photos/brtsergio/60213977)

Es gibt Filme, die so ikonisch sind, die so tief in das kulturelle Bewusstsein ganzer Generationen eindringen, dass sie über sich selbst hinausstrahlen. „Apocalypse Now“ ist so ein Film.

Die Handlung ist im Grunde schnell zusammengefasst. Während des Vietnamkriegs bekommt Captain Willard (Martin Sheen) den geheimen Auftrag, einen Mann zu liquidieren, einen Amerikaner, der im Grenzgebiet von Vietnam und Kambodscha eine Art Gewaltherrschaft errichtet hat. Dieser Colonel Kurtz (Marlon Brando) ist ganz offensichtlich unter den Eindrücken des Krieges wahnsinnig geworden und Willard begibt sich mit einer kleinen Militäreskorte auf die Schiffsreise den Mekong hinauf, um ihm das Handwerk zu legen.

Die ikonische Anfangssequenz eines vom Wind zerzausten Dschungels, die Stille zunächst zerrissen vom durch die Zeitlupe gestreckten Wop-wop-wop eines vorbeifliegenden Helikopters, später durch Jim Morrison, der die bedrückende Vorahnung dieses Bildes mit „This is the end“ besingt. Die ikonische Luftoffensive, die von Wagners Walkürenritt begleitet wird. Die ikonische Szene, in der Martin Sheen mit Tarnbemalung ganz langsam aus dem Wasser auftaucht, die Augen mit einem wilden Glühen aus Entschlossenheit und Zweifel. Und schließlich: der ikonische Colonel Kurtz, ein gottgleicher Alleinherrscher, der Terror und Gewalt verbreitet, wo sein Charisma nicht ausreicht, um Menschen gefügig zu machen.

„Apocalypse Now“ kann man ohne Übertreibung als Meisterwerk bezeichnen, das American Film Institute führt ihn im oberen Drittel unter den einhundert besten Filmen aller Zeiten. Francis Ford Coppola hat aus der überschaubaren Handlung, der Essenz dieser Geschichte, ein komplexes Protokoll geschaffen, die Chronik einer seelenzersetzenden Reise ins, nun ja, Herz der Finsternis.

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Vorlage des Films ist das gleichnamige Buch von Joseph Conrad, vielmehr ein Büchlein, eine Novelle, was ja nur die bildungsbürgerliche Bezeichnung für einen Kurzroman ist. Immer, wenn eine filmische Adaption über sich selbst hinauswächst, muss sie sich irgendwann nicht mehr mit der literarischen Vorlage messen, sondern umgekehrt. Ich weiß nicht mehr, wer es war, der irgendwann zu mir sagte, das Buch sei eher enttäuschend im Vergleich zum Film. Vielleicht habe ich mich zu sehr davon beeinflussen lassen, denn es dauerte eine Weile, bis ich es zur Hand nahm, obwohl es schon lange hier lag. Nun, da ich es endlich gelesen habe, könnte ich nicht vehementer widersprechen.

Joseph Conrad erzählt die Geschichte der Flussfahrt in die Dunkelheit als Monolog eines gewissen Captain Marlow, der seinen Freunden eines Abends von der Reise in den dunkelsten Teil Afrikas berichtet. Die Erzählung ist über 100 Jahre alt, sie spielt nicht vor dem Hintergrund eines Krieges, sondern vor dem nicht minder schaurigen des europäischen Kolonialismus. Marlow ist ein geborener Abenteurer, ein hungriger Geist, immer auf der Suche nach dem Fremden, dem Herausfordernden. Die guten Kontakte seiner Tante ausnutzend, reist er im Auftrag einer belgischen Handelsgesellschaft nach Afrika und schon bald begleitet ihn der geraunte Name eines Agenten, der ganz erstaunliche Mengen von Elfenbein aus dem dunklen Kontinent nach Europa sendet: Kurtz. Wer immer diesen Namen erwähnt, tut es entweder mit Bewunderung für einen brillanten Redner oder mit Unbehagen, es bei Kurtz mit einer tickenden Zeitbombe zu tun zu haben.

Wie in Coppolas späterer Verfilmung dauert es lange, bis der Reisende der Sagengestalt Kurtz tatsächlich begegnet, und die Begegnung fällt bei Conrad sparsamer als im Film aus. So sparsam, dass ich verstehen kann, warum jemand an der Stelle enttäuscht ist. Statt – wie im Film – in einer klimaktischen Begegnung lange einzutauchen in die außergewöhnliche Rednergabe Kurtz’, in seinen abgrundtiefen Geist, schenkt Conrad uns nur wenige Zeilen Dialog, wenig Handlung und ein weit weniger dramatisches Ende als der Film.

Es ist richtig, dass Joseph Conrad seinen Kurtz nicht ausfüllt, dass er ihn eher als Kontur erscheinen lässt. Man erfährt nur wenig von Kurtz selbst oder aus dem Zusammentreffen der beiden Protagonisten, aber dafür sehr viel aus der Reaktion aller anderen Seitenfiguren. Ihre zwiegespaltene Verehrung eines außergewöhnlichen Mannes ist die einzige Form, die Kurtz bei Conrad erhält. Es entsteht eine Betonung durch Auslassung. In der Folge sind nicht alle Begebenheiten dieser Begegnung nachvollziehbar. Und doch ist das Buch auf seine Weise genauso ikonisch wie der Film.

Wie ein Maler bestimmt Conrad, was Hintergrund und Vordergrund ist. Beim Lesen erschien es mir erst etwas verstörend, wie oft die unerträgliche Stille auf der Reise erwähnt wird – dabei weiß doch jedes Kind, dass ein tropischer Dschungel förmlich schrillt vor tierischen Geräuschen. Doch Conrad legt offenbar Wert darauf, dass „Geräusch“ per se menschengemacht ist, alles andere ist Hintergrundflirren – und damit Stille. Die auf diese Weise herbeigeführte Isolierung des Menschlichen wirkt wie eine Hervorhebung, als würde man die handelnden Personen mit einem dicken Filzstift umranden. Wo menschliche Geräusche auftauchen, ein Schrei etwa oder ein belauschter Dialog, bekommen sie dadurch übergroße Bedeutung. Sie werden aus der natürlichen, pflanzlichen, tierischen Umgebung herausgehoben, so dass sie – hallo! – ikonisch werden.

Und hier kehren wir zurück zu dem Film. Wikipedia sagt, der Film basiere nur „lose“ auf Conrads Geschichte, aber ich glaube, der Film konnte nur werden, was er ist, weil die Novelle ist, was sie ist. Beide sind unvergleichbar auf ihre Art und deshalb sollte man sie nicht aneinander messen. Vielmehr bereitete Conrad mit seiner Erzählung das Substrat, auf dem der Film überhaupt erst wachsen konnte. Ich maße mir nicht an zu wissen, was Francis Ford Coppola fühlte, nachdem er „Herz der Finsternis“ gelesen hatte. Ich kann nur sagen, was ich fühlte. Als ich das Buch am Ende zuklappte, war ich wie erschlagen von den Möglichkeiten, die Conrads Auslassungen hinterließen. Der forcierte Fokus hinterließ einen Hunger, nein, eine Gier danach, besagte Auslassungen zu füllen. Ein beinahe überforderndes Freiheitsgefühl war bei mir die Folge. Joseph Conrad präsentiert hier einen Umriss, der mit allem gefüllt werden kann, was die eigene Kreativität hergibt. Und Coppolas Kreativität gibt eine Menge her.

Er dehnt die überschaubare Handlung nicht einfach nur auf zweieinhalb Stunden, er füllt sie. Bietet seinem Publikum Antworten auf die Fragen, die das Buch hinterlässt. Warum entwickelt Marlow plötzlich den Wunsch, Kurtz zu töten? Welcher Art sind die emotionalen und intellektuellen Zwischenstationen auf dem Weg von einem zynisch-gleichgültigen Abenteurer zu einem Mann, der zwischen Faszination für Kurtz und Ekel vor diesem moralisch völlig verkommenen Monster schwankt? Welcher Art ist die abgrundtiefe Verzweiflung, die Marlow in Kurtz spürt? Wie verändert die rohe, ungestüme Wildnis die Gedanken eines zivilisierten Mannes?

Und an der Stelle passiert etwas, das ich noch niemals zuvor bei der filmischen Adaption eines literarischen Stoffen empfunden habe: beide Erzählformen ergänzen und befruchten einander. Eine Art Symphonie entsteht, in der Buch und Film wie unterschiedliche Instrumente wirken. Jetzt, da ich das Buch kenne, kann ich sagen, dass die Erfahrung dieser Geschichte unvollständig ist, wenn man den Film ohne Kenntnis des Buches schaut, das Buch ohne Kenntnis des Films liest.

Die ganze filmische Meisterschaft Francis Ford Coppolas offenbart sich erst, wenn man das Substrat kennt, auf dem er gearbeitet hat. Die einmalige Befreiung durch das Buch stellt sich nur ein, wenn man weiß, wie Coppola diese Freiheit genutzt hat.

Er gibt der Figur des Kurtz Raum und Bühne, die eines so großen Geistes gebühren – und nach der man im Buch vergeblich hungert. Als Captain Willard und Colonel Kurtz einander schließlich begegnen, ist das nicht weniger als ein filmisches Elysium. In einer kongenialen Mischung aus Drehbuch, Kamera, Szenenkomposition und Licht macht „Apocalypse Now“ den hochintelligenten, gleichzeitig aber auch gebrochenen Verstand des Colonels in Bildern sichtbar. Schlaglichter beleuchten immer nur Teile von Marlon Brandos Gesicht, setzen isolierte Akzente auf sein Spiel und seine geistige Fragmentierung. Der endlos scheinende Monolog dieses Wahnsinnigen – in der besten aller verfügbaren Synchronisationen von dem unvergleichlichen Gottfried Kramer gesprochen -, die bruchstückhaften Bilder, Captain Willard, der wegen einer erlittenen Verletzung in den Hintergrund verbannt ist und nur zuhören kann, weg von einem Akteur hin zu einem Zeugen – all das erzeugt eine szenische Intensität, die man beinahe mit Händen greifen kann.

Ich bin fest überzeugt davon, dass es für jeden Schauspieler und jede Schauspielerin eine Rolle gibt, in der er oder sie sich auflöst, in der Magie passiert. Und die Figuren von Kurtz und Willard sind nach meiner bescheidenen Meinung für beide – Marlon Brando und Martin Sheen – die Rollen ihrer beider Leben.

Sheens Figur bekommt auf der zehrend langen Flussfahrt Gelegenheit, sich dem Publikum als Kurtz in seiner Intelligenz ebenbürtig zu zeigen. Captain Willard weiß genug über die Verbrechen des Colonels, um von der Richtigkeit seines Liquidierungsauftrags überzeugt zu sein. Aber weil Intelligenz Intelligenz anzieht, spürt er widerstrebend eine zehrende Sehnsucht, Kurtz zu begegnen. Und über diese inneren Zwiespälte begegnet Willard auch sich selbst. Während der gesamten quälend langsamen Annäherung an das Phantom Kurtz dreht Captain Willard sich gewissermaßen selbst durch den Fleischwolf.

Marlon Brando dagegen zeigt in keinem anderen (mir bekannten) Film, wie wenig er braucht, um auf der Leinwand eine überlebensgroße Präsenz zu zeigen. Nicht einmal „Der letzte Tango in Paris“, der eine ähnliche Intensität hat, kann diese Magie aus Brando herausholen – gerade in der Begegnungsszene, in der er durch die Lichtakzente wie – hallo! – ein Umriss wirkt. Dieses Mal allerdings wie ein ausgefüllter.

Coppolas Genie macht aus jener ikonischen Szene, in der Captain Willard in Tarnbemalung aus dem Wasser steigt, so viel mehr als Ästhetik. Mit Haaren, die klatschnass am Schädel kleben, dem wüsten Blick des Mannes, der ist, wo er ist, um das Böse auszumerzen, um Gerechtigkeit zu schaffen, ähnelt Willard dem glatzköpfigen Colonel Kurtz nie mehr als in diesem Augenblick. Die beiden Männer spiegeln sich ineinander.

Und das wiederum führt uns, die wir dieser Symbiose atemlos, fassungslos zuschauen, zu der Frage, was eine solche Reise, ein solcher Auftrag mit uns machen würde. Konfrontiert uns mit der Frage, was Richtig und Falsch eigentlich bedeutet. Ist es richtig, einen bösen, einen wahnsinnigen Mann, der die Köpfe seiner Feinde auf Pfählen rund um seine Behausung wie Wahrzeichen präsentiert, ohne Zögern zu liquidieren? Oder ist es richtig, einem Geist, der mehr denkt, mehr wahrnimmt und weit komplexere Schlussfolgerungen zieht, zuzuhören? Ihn zu untersuchen, bis man eine Antwort findet, die weiter reicht als die Verurteilung seiner Verbrechen? Jemanden, der mit einer so außergewöhnlichen Intelligenz und Tiefe gesegnet ist, vor einer so berauschenden wie erdrückenden Kulisse töten zu müssen – würde es nicht auch uns selbst einen Zwiespalt eröffnen, in dem uns Pflicht, Moral, Instinkt und Sehnsucht zu zerreißen drohen?

Wie die beiden Männer spiegeln auch Buch und Film einander. Das Buch offenbart sich nicht ohne den Film und der Film offenbart sich nicht ohne das Buch. In einer besseren Welt würde mir jemand 5000 Euro geben, damit ich mich drei Monate lang mit Film und Buch einsperren kann, um alle Subtexte, alle Implikationen, um alle Symbolik dieser Geschichte zu entschlüsseln. In unserer klickökonomischen Zeit tut das leider niemand, weshalb mir nur dieser Text bleibt, in dem ich alle bitte, nein, anflehe, den Film zu schauen und das Buch zu lesen. Wer beides mit der gebotenen Offenheit aufnimmt, wird einer Geschichte begegnen, an der man wachsen kann.

Und wer jetzt immer noch nicht genug hat von mir, kann mir bei Instagram (Opens in a new window) oder Bluesky (Opens in a new window) folgen.

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