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LebensSpuren #11: Die Arbeit des Frühlings

Der April macht gerade, was er will.

Sonne, Wolken, ein kurzer Schauer, wieder Licht. Der Garten verwandelt sich zusehends in ein sattes Grün, teils noch zögerlich, aber unübersehbar. Die Tulpen stehen mittendrin. Nicht mehr Knospe, noch nicht verblüht. Einfach da, voll da, als hätten sie auf genau diesen Moment gewartet.

Und wir mit ihnen.

Ein erster kleiner Ausflug mit Emi auf die Bank im Dorf.
Unterwegs. Emi weiß, wo es langgeht.

Die ersten Tage draußen haben etwas verändert. Nicht dramatisch, eher leise. Sonnenstrahlen auf dem Gesicht ändern die Stimmung schneller als jeder Plan. Das gilt für uns. Ganz besonders aber für Emi.

Emi ist 95 und lebt seit vielen Jahren mit Demenz bei uns. Im Winter zieht sie die Stube dem Draußen vor, was man verstehen kann. Warm, vertraut, alles an seinem Platz. Aber der Frühling hat seine eigene Überzeugungskraft. Wenn die Luft nicht mehr gegen einen arbeitet, wenn das Licht wärmt statt zu blenden, dann öffnet sich manchmal auch die Bereitschaft, loszugehen.

Wir erhöhen gerade den Bewegungsradius. Laufen mehr, so gut es eben geht. Mit Rollator, mit Pausen, mit dem einen oder anderen Umweg. Und erleben dabei Momente, die vorher nicht geplant waren. Eine lustige Begegnung auf dem Weg. Ein Blick, der irgendwo hängenbleibt. Ein Lachen, das einfach kommt.

Die Vorbereitungen für größere Exkursionen laufen bereits: neue Sonnenbrille, der altgediente Sonnenhut. Jetzt fehlen nur noch das passende Outfit und die richtigen Temperaturen.

Tante Emi (95) testet neue Sonnenbrillen.
Die neuen Sonnenbrillen werden schon mal drinnen getestet.

Es gibt ein Lied von Ariel Oehl, dessen Titel ich gerade immer wieder im Kopf habe.

"Die Arbeit des Frühlings hatte keine:r bedacht."

Er legt seine Hände auf alles, das gestern noch still und starr. Er neigt sich in jeden Winkel. Er rührt selbst an Orte, die man längst verlor'n geglaubt.

Ich denke dabei weniger an den Garten. Mehr an Emi. An diese kleinen Momente, in denen plötzlich etwas aufgeht, was verschlossen schien. Ein Lächeln an einer unerwarteten Stelle. Ein Satz, der so klar kommt, als wäre gar nichts. Die Demenz ist da, das ist keine Frage. Aber sie ist nicht alles.

Manchmal rührt sich auch hier noch etwas. Leise, unvermittelt, echt.

Oma Maria (100) und Emi (95) genießen auf der Bank im Garten die erste Frühlingssonne.
Hundert und fünfundneunzig Jahre im Frühling.

Neulich beim Spaziergang. Ein junger Mann läuft an uns vorbei. Emi schaut ihm nach und fragt, wer das sei, ob man den kenne. So wie sie immer fragt.

Eine Reaktion bleibt aus. Vielleicht Unsicherheit, vielleicht kurze Unachtsamkeit, sicher keine böse Absicht.

Emis Kommentar: "So ein Dappl."

Da ist sie, die neue Ehrlichkeit. Direkt, trocken, auf den Punkt. Wir mussten alle lachen.

Emi und Melanie beim Training mit dem Rollator.
Emi trainiert wieder die große Runde.

Und gleichzeitig steckt darin mehr, als es auf den ersten Blick scheint. In der April-Ausgabe der brand eins habe ich einen Text von Stefanie Wilke gelesen, der genau das berührt. Eine Frau mittleren Alters verliert ihren Job im Kreativbereich, zu alt, ersetzbar durch KI und ähnliches, und entscheidet sich für eine Ausbildung als Betreuungskraft auf einer Demenzstation. Sie verdient jetzt die Hälfte von früher. Und sie beschreibt, was unsere auf Effizienz getrimmten Systeme den Menschen dort abverlangen, jeden Tag.

Ein Satz ist hängengeblieben:

Menschen mit Demenz besitzen feine Antennen dafür, ob das Gegenüber mit dem Herzen denkt und handelt. Denn das emotionale Gedächtnis ist auch im fortgeschrittenen Stadium noch intakt.

Das klingt einfach. Und ist es eigentlich auch. Wer wirklich präsent ist, wer nicht durch die Begegnung hindurch denkt, wer einfach da ist, der bekommt das zurück. Ein Nicken. Ein Aufleuchten. Ein "So isch's recht."

Wer woanders ist, spürt das ebenfalls. Kein Vorwurf. Eher ein ehrliches Echo. Manchmal auch ein "Dappl".

Und wenn man diesen Antennen vertraut und sich gleichzeitig den gemeinsamen Humor behält, gibt es auch in diesem Stadium noch viel zu lachen. Miteinander, nicht übereinander.

Emi transportiert Fürhlingsblumen mit ihrem Rollator.
Emis Rollator trägt heute Frühling.

Was bleibt

Mehr als 1,8 Millionen Menschen leben in Deutschland heute mit der Diagnose Demenz. Tendenz steigend. Hinter jeder dieser Zahlen steckt jemand mit feinen Antennen. Und jemand, der täglich entscheidet, wie er oder sie begegnet.

Manchmal ist das eine professionelle Pflegekraft, die die Hälfte verdient und trotzdem bleibt. Manchmal ist es eine Tochter, ein Sohn, ein Partner. Manchmal ein Nachbar, der einfach klingelt.

Draußen wachsen die Tulpen weiter. Der Garten wartet nicht.

Und Emi auch nicht, wenn die Sonne uns ihr lächeln schenk.

Oma (100) und Emi (95) marschieren mit dem Rollator.
Zwei Schwestern unterwegs.

Wenn dir diese Geschichte etwas gegeben hat, freuen wir uns, wenn du uns weiter begleitest. LebensSpuren erscheint alle paar Wochen, immer dann, wenn etwas erzählt werden will.

Und wenn du jemanden kennst, dem diese Geschichten gut täten, ein Mensch der pflegt, der begleitet, der manchmal einfach wissen möchte, dass er nicht allein damit ist, dann leite diesen Artikel gern weiter. Manchmal ist das die einfachste Art zu sagen: Ich denke an dich.

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LebensSpuren zum anhören:





Quellen & Lesetipps

Demenz-Statistik: brand eins, April 2025: Ich hatte es vergessen - Erfahrungsbericht aus einer Demenzstation

Ariel Oehl: "Die Arbeit des Frühlings hatte keine:r bedacht"

Topic Demenz-Begleitung