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LebensSpuren #6: Allein, allein

Wenn Vertrautheit Pause macht – und Nähe plötzlich den ganzen Tag füllt.

Es sind ein paar Tage vergangen seit unserer letzten Geschichte. Und wie so oft im Pflegealltag kam alles anders, als wir dachten.

Die eine Pflegerin musste nach ihrem Einsatz wieder nach Hause. Die andere - uns vertraut, eingespielt, warm im Umgang - konnte erst zwei Wochen später kommen.

Wir überlegen nur kurz. Und beschließen dann, diese Zwischenzeit selbst zu tragen. Zwei Wochen Pflege von früh bis spät. Manchmal auch nachts, wenn die Ruhe sich weigert einzuziehen.

Nicht Augen zu und durch – sondern Augen auf und da sein. Beobachten, lernen, bleiben.

Wenn Licht den Tag eröffnet
Morgens nach dem aufwachen.

Der Tag beginnt im Schlafzimmer. Ich ziehe langsam die Rollläden hoch, und wenn die Sonne es gut meint, streift ihr goldener Schein über unsere Gesichter.

Draußen tragen die Ginkgoblätter ihr Herbstgelb. Ein kühler Wind zieht durchs gekippte Fenster. Tantchen verkriecht sich unter die Decke, blickt hinaus, als würde sie die Welt prüfen.

Blick aus dem Schlafzimmerfenster.

Dann kommt ihre erste Frage, jeden Tag dieselbe: „Und was machen wir jetzt?“

Ich locke sie mit der Aussicht auf ein leckeres Frühstück in die Stube. Es braucht den richtigen Moment, ein kleines Ja, ein sanftes Kopfnicken. Dann schnell sein, bevor ihr Blick wieder am Vorhang hängt oder am nicht geschlossenen Fenster. Ordnung beruhigt. Offene Schubladen irritieren.

Manchmal dauert es zehn Minuten. Manchmal dreißig.

Im Bad liegt alles bereit: frische Kleider, ein warmes Unterhemd. Doch neulich wurde es kurzerhand als Toilettenpapier zweckentfremdet. Ein kurzes Stirnrunzeln, ein leises Lachen und weiter geht’s.

Beim Waschen spüre ich, wie wichtig der Ton ist. Sanfte Sätze. Ruhige Hände. Präsenz statt Eile.

Wenn ich bei mir bin, geht alles leicht. Wenn mein Kopf woanders ist, geht alles doppelt so lang.

Leichter leben

Wer viel Zeit miteinander verbringt, spürt sofort, was nicht mehr passt.

Also erleichtern wir die Wohnung. Der schwere rustikale Tisch geht, und mit ihm drei Stühle, die seit Jahren niemand mehr bewegen konnte.

Dafür kommen leichte Stühle mit Armlehnen. Ein Tisch, dessen Beine Platz lassen für Rollator und Bewegung.

Kleine Veränderungen. Große Wirkung. Mehr Ruhe im Raum. Mehr Freiheit für zwei alte Frauen.

Das Fenster nach draußen
Das Fenster in den Garten.

Mehrmals in der Woche gehen wir die Treppe hinunter und wieder hinauf. Nicht wegen der Pflicht sondern damit Bewegung bleibt, damit Gefühl in den Körper zurückkehrt.

Danach drehen wir Runden durch die Wohnung. Und wenn es gut läuft, setzen wir uns in die Loggia.

Dort öffnet sich die Welt. Der Garten, die Dächer der anderen Häuser, der große Himmel. Ein Wimmelbild aus Licht, Wolken, Bewegung.

Flugzeuge fesseln Tantchen jedes Mal. „Wo fliegt der hin?“ fragt sie.
„Nach Frankfurt“, sage ich. „Oder Stuttgart.“ Sie nickt. Manchmal rät sie mit. Manchmal lacht sie nur wie früher, als Reisen noch möglich waren.

Die Elstern im Garten gehören fast zur Familie. Wir suchen ihr Nest, verfolgen ihre Fluglinien, überlegen, wohin sie im nächsten Jahr ziehen.

Diese stillen Beobachtungen haben eine eigene Wärme. Eine Nähe ohne Worte. Ein gemeinsames Atmen.

Zwei Schwestern, ein langer Weg

Beinahe jeden Tag holt jemand Oma (100) ab, bringt sie zu uns und später wieder nach Hause. „Ich komme und helfe dir, Bub“, sagt sie und meint es so.

Oma (100) kommt.

Ihre Tage allein im großen Haus sind lang geworden. Viele Nachbarn gibt es nicht mehr. Ihre Hände suchen Aufgaben. Ihre Gedanken suchen Menschen.

Tantchen dagegen verzieht sofort das Gesicht: „Was will denn die schon wieder?“

Es ist ein alter Reflex, ein Echo aus Kindertagen. Zwei Schwestern, sechs Jahre auseinander, die eine immer ein bisschen verantwortlich, die andere ein bisschen trotzig.

Dei zwei Schwestern (Oma, 100 und Großtante 94).

Heute winkt Oma ab, lächelt mild, und setzt sich dazu, so, wie sie es oft tut.

Miteinander schaffen
Kochduell.

Wir kochen oft gemeinsam. Essen verbindet mehr, als Worte es können.

Für Tantchen lege ich ein kleines Muster parat. Sie schnippelt dann das Gemüse so akkurat und präzise, wie ich es selbst nie könnte. Demenz hat ihre eigene Ordnung und manchmal ist sie erstaunlich. In diesem Fall sogar hilfreich.

Oma hilft mit, stellt Fragen, erzählt kleine Geschichten. Für sie ist Nähe die wichtigste Zutat. Für Tantchen das Gefühl, gebraucht zu werden.

Für uns ist es beides.

Mit Liebe gekocht.
Zwei Wochen viel Nähe


Unter der Woche kommt fast jeden Tag jemand aus der Familie oder aus dem Freundeskreis für zwei Stunden vorbei. Genau in der Zeit, in der die Pflegerin ihre Pause hat.

Die Personen wechseln, jeder bringt ein kleines Stück Zeit mit, so wie es möglich ist.

Diese festen Pausen sind wichtig für die Pflegerin und es tut gut zu sehen, wie andere bereit sind, diesen Moment zu übernehmen.

An den Wochenenden liegt die Betreuung meist bei uns. So teilt man die Tage, wie es eben möglich ist und manchmal entstehen gerade dabei Begegnungen, die uns alle verbinden.

In diesen zwei Wochen haben wir viel gelernt: Wie lang ein Tag ist, wenn man von früh bis später aufmerksam bleibt. Wie wenig Raum für anderes bleibt. Und wie unser Respekt vor den Pflegerinnen nochmal größer geworden ist.

Es waren zwei Wochen voller Nähe, voller Wiederholungen, voller kleiner Siege und manchmal voller Müdigkeit am Ende eines jeden Tages.

Aber auch zwei Wochen, die uns gezeigt haben, wie viel man entdeckt, wenn man bleibt. Wenn man genau hinschaut. Wenn man das Leben mitgeht, statt es wegzuschieben.

Große Schwester und jüngere Schwester bei der Halloween Anprobe.
Topic Pflege-Alltag