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Meer-Montag #27 - Bananen auf der Oie

Heute möchte ich ein wenig mehr über meinen Ausflug auf die Insel Greifswalder Oie erzählen. Den ganzen Bericht werdet ihr aber erst später, in anderer Form lesen können. Ich bin noch ganz am Anfang mit meiner Projektidee und werde in den nächsten Monaten weitere Geschichten rund um unsere Ostsee sammeln. Wenn ihr mich dabei unterstützen und mir zum Beispiel bei der Finanzierung der Recherche (wie hier die Fahrt auf die Oie) unterstützen wollt, könnt ihr das mit einer Mitgliedschaft auf Steady. Mit einem von euch gewählten monatlichen Beitrag macht ihr den Meer-Montag weiterhin möglich.


Neben der Sandbank Lieps in der Wismarer Bucht (siehe Meer-Montag #20) gibt es auch andere Orte, die von Kegelrobben als Liegeplätze an unserer Ostseeküste aufgesucht werden. Einer davon ist die Greifswalder Oie. Wo der Greifswalder Bodden in die Ostsee übergeht, liegt diese kleine Insel, die derzeit nur von einem einzigen Touristenschiff angefahren werden kann. Auf diesem Flecken Erde betreibt der Naturschutzverein Jordsand e.V. gemeinsam mit der Beringungszentrale Hiddensee Deutschlands fangstärkste Vogelberingungsstation. Zwei Mal jährlich werden hier insgesamt bis zu über 20.000 Vögel in speziell dafür entwickelten Netzen gefangen, vermessen, beringt und direkt wieder in die Freiheit entlassen. Durch diese Arbeit lassen sich wichtige Erkenntnisse über Populationen, den Zug der Vögel und die Bedeutung von Schutzgebieten als Rastplätze gewinnen. Die Stationsleitung und jährlich etwa 50 Helfende (unter anderem auch junge Menschen, die hier zum Beispiel ein freiwilliges ökologisches Jahr (FÖJ) absolvieren) erfassen zum Beispiel Daten für Monitoringprogramme über Seevögel und auch Kegelrobben, kümmern sich um die Schafherde, die die Landschaft auf der Insel erhalten soll und führen Besuchende über die Insel.

Es ist Mitte Juni und ich treffe mich auf der Insel mit der ehemaligen Stationsleitung Helga Bieber. Sie zeigt mir in der kurzen Zeit, bevor das Schiff wieder ablegt, verschiedene Aussichtspunkte und Aspekte der Naturschutzarbeit. Direkt nach der Ankunft machen wir uns auf den Weg auf die Ostseite der Insel. Links und rechts des Weges sind die Schafweiden zu sehen, auf denen Schlehen und Weißdornbüsche Schatten spenden. Wir biegen nach einigen hundert Metern ab in einen Naturwald. Das bedeutet, dass er nicht wie ein Forst bewirtschaftet wird. Umgefallene Bäume dürfen als Totholz liegen bleiben und bieten somit Lebensraum und schließen den Nährstoffkreislauf. Immer enger wird der Pfad und durch die Holunderbäume, die mit ihrem schweren, süßen Duft in direkter Konkurrenz zum Kormorankot stehen, sehe ich schon die Ostsee. Diese Insel ist wirklich nicht groß, in nur wenigen Minuten haben wir sie einmal in der Breite durchquert und befinden uns jetzt am östlichen Rand. Wenige Schritte weiter öffnet sich der Wald, gleichzeitig klappt meine Kinnlade herunter und ich muss stehen bleiben. Was für ein Blick! Wir stehen auf einem Kliff, direkt unter uns schimmert milchig türkises Wasser. Durch Strömung oder einen Abbruch muss Sediment aufgewirbelt worden sein, das der Ostsee hier und heute diese besondere Färbung verleiht. Weit verstreut hat die letzte Eiszeit hier jede Menge Findlinge, also große massive Steine im flachen Wasser rund um die Insel zurück gelassen.

Und diese Findlinge - manche knapp unter der Wasseroberfläche, andere schauen je nach Wasserstand heraus - sind scheinbar die perfekten Liegeplätze der Kegelrobben. Jede Menge, große und kleine Robben liegen hier in der Sonne. Wie kleine Bananen heben sie ihren Kopf und ihre Flossen in die Höhe, schließen die Augen und tanken Vitamin D. Doch nicht nur der Anblick lässt mich staunen: zum ersten Mal höre ich sie! Die Geräuschkulisse ist kaum zu beschreiben. Direkt hinter uns, in den bereits abgestorbenen Bäumen am Waldrand, nisten die Kormorane und die Küken verlangen lautstark nach Futter. Direkt unter uns auf ihren Steinen gurgeln und brummen die Kegelrobben tief und  entspannt. Hier und dort wird auch gestritten, denn nicht jeder Felsen ist gleich beliebt. Es gibt eindeutige Favoriten, um die mit vollem Körpereinsatz und Zähnen gekämpft wird, bis kurze Zeit später alle wieder zur Ruhe kommen.

Die Robben sind hier im Vergleich zur Sandbank Lieps anderen Bedingungen ausgesetzt. Durch das Niedrigwasser rund um die weiter in der Ostsee liegende Insel kommen Boote seltener nah an die Robben heran als in der beliebten Wismarer Bucht. Außerdem fühlen sie sich auf ihren Steinen sehr sicher: innerhalb einer Sekunde können sie sich bei Gefahr ins Wasser plumpsen lassen und sofort untertauchen. Von unserem Beobachtungspunkt auf der Steilklippe haben wir einen perfekten Blick auf die Tiere, ohne bedrohlich auf sie zu wirken. Erst, als auch mehrere andere Toursit*innen zu uns stoßen, verstummen die Robben, bleiben aber in der Sonne liegen.

Von hier wäre das Monitoring mittels Foto-Identifikation sehr gut durchführbar. Helga erzählt mir auch von der Idee, eine feste Kamera zu installieren und den Blick auf die Kegelrobben per Livestream noch mehr Menschen zugänglich zu machen, zum Beispiel in der Naturstation Karlshagen auf Usedom. Somit könnte die Begeisterung für die Tiere auch in jenen geweckt werden, die sich die Tour auf die Greifswalder Oie nicht zutrauen oder leisten können. Ein ähnliches besteht auf der - ebenfalls vom Verein Jordsand betreuten - Klima-Hallig Norderoog. HIER (Opens in a new window) können wir alle jederzeit über mehrere Kameras einen Blick auf die Insel werfen und nicht nur die dort lebenden Tiere bestaunen, sondern auch die direkten Auswirkungen der Klimakrise beobachten. So gab es in den letzten Jahren mehrere starke Sommerfluten, die viele Gelege von Seevögeln zerstörten.

Wissenschaftliche Arbeit und ihre Erkenntnisse sichtbar, greifbar und verständlich der Öffentlichkeit zukommen zu lassen ist eine große Aufgabe im Naturschutz. Ich bin dankbar für die Einblicke, die ich an diesem Tag bekam und merke, wie wichtig es ist, die Natur vor unserer Haustür kennenzulernen. Wir haben hier in Deutschland jede Menge schützenswerte Lebensräume, deren Biodiversität beeindruckend aber auch gefährdet ist. Ich bin motiviert, mich weiterhin mit ihr zu befassen und mehr dazu zu lernen.


HIER (Opens in a new window)könnt ihr verschiedene Touren, auch die zur Greifswalder Oie buchen.


Topic Meer-Montag

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