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Die To-Do-Listen-Lüge

Hallo und herzlich Willkommen zur sechsten Ausgabe „Mediapreneur“.

Hier schreiben David Reiter und Sören Mannschitz jede Woche abwechselnd für Medienschaffende, die unabhängig publizieren.
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TrennerAutor: David Reiter (Opens in a new window)

„Wenn ich noch eine Idee habe, ramme ich mir einen Bleistift ins Ohr“

Letzte Woche saß ich mit Melanie und Rosalie vom Musikliebe-Newsletter „Zwischen zwei und vier“ (Opens in a new window) im Workshop. Wir arbeiten daran, ihre Positionierung zu schärfen, die Mitgliedschaft aufzuwerten, Mediasales aufzubauen und ihre Reichweite zu vergrößern. Ein RIESEN Programm.

Kurz vor Schluss sagte Melanie: „Ich will einfach keine Ideen mehr haben. Gestern hat jemand zu mir gesagt: 'Oh, du solltest noch DAS machen!' Wenn ich noch eine Idee habe, ramme ich mir einen Bleistift ins Ohr. Ich kann nicht mehr. Ich brauche keine Ideen mehr. Ich muss jetzt erstmal das abarbeiten, was da ist.“

Ich saß da und dachte: Fuck, das kenne ich SO gut.

Das ist Überwältigung in Reinform. So fühlte ich mich auch regelmäßig und heute bin ich womöglich Teil des Problems bei anderen.

Wie ein Kurator sammle ich überall coole Projekte, Umsetzungen und Man-müsste-mal-Gedanken. Ich filtere, sortiere, veredle Ideen – und bei nächster Gelegenheit teile ich sie dann großzügig: Hast du schon mal über X nachgedacht? Kennst du Y? Was wäre, wenn du Z probierst?

Gut gemeint. Aber für jemanden, dessen To-Do-Liste schon überquillt? Uff.

Weil: Je fleißiger du bist, desto länger wird deine To-Do-Liste ohnehin.

Das Produktivitäts-Paradox

Mediapreneure kennen das Gefühl:

Du streichst Dienstagabend deine Liste ab. Drei kleine Tasks erledigt und an einer großen gearbeitet. Fühlt sich gut an! Du gehst schlafen mit dem Gedanken: Morgen wird leichter.

Mittwochfrüh checkst du deine Mails und freust dich über eine völlig neue Anfrage und einen Wettbewerb, an dem du unbedingt teilnehmen willst. Hinzu gesellt sich ein genialer Einfall, den du beim Duschen hattest.

Das Ergebnis? Deine Liste ist unterm Strich nicht kürzer geworden. Sie ist länger.

Und so geht es immer weiter: Du arbeitest ab und neue Gelegenheiten eröffnen sich. Du arbeitest noch mehr ab – aber dazu gesellen sich immer neue Verbindlichkeiten und Potenziale.

Willkommen im Hamsterrad.

Weil gute Arbeit mehr Arbeit erzeugt. Weil Fleiß deine To-Do-Liste nicht verkürzt – er verlängert sie.

Das ist das Paradox: Je erfolgreicher du bist, desto voller wird deine Liste. Je mehr du umsetzt, desto mehr Türen öffnen sich. Je klarer deine Richtung wird, desto mehr Wege siehst du.

Und plötzlich merkst du, dass Abarbeiten nicht die Lösung ist. Deine To-Do-Liste wird nämlich nie leer.

Der falsche Traum

Ich habe Jahre damit verbracht zu denken: Wenn ich nur alle offenen Tabs abarbeite, habe ich endlich Klarheit. Wenn ich nur die perfekte Roadmap erstelle, bin ich bald fertig. Wenn ich nur fleißiger bin, wird es leichter.

Pustekuchen.

Wenn dein Projekt lebt, wächst die Liste. Wenn dein Business funktioniert, kommen mehr Möglichkeiten. Wenn deine Arbeit Wirkung zeigt, fallen dir mehr Verbesserungen auf.

Das ist nicht schlimm. Das ist sogar gut. Es zeigt: Hier geht's voran.

Aber wir haben uns einreden lassen, dass FERTIG das einzig wahre Ziel ist – von Inbox Zero über das Tracken von Quartalszielen bis zum Abschluss dieses einen Deals, der alles verändert.

Wenn ich nur endlich diese Phase überstanden habe, DANN...

Nope.

Diese Phase endet nicht. Es kommt keine Zeit, in der plötzlich alles leichter wird.

Die Frage für Mediapreneure ist nicht: Wann bin ich fertig?

Die Frage ist: Was ignoriere ich bewusst – und warum?

Was du wirklich brauchst: Einen Filter

Wenn die Liste nie leer wird, brauchst du kein besseres To-Do-System. Du brauchst einen Filter.

Und der beste Filter, den ich kenne, ist deine Mission.

Wenn du keine Mission hast, ist jede Idee gleich relevant (= keine ist es wirklich). Dann wird jede Anfrage, jeder Einfall, jedes „Du solltest noch…“ zu einer potenziellen Ablenkung.

Aber wenn du weißt, wohin du willst, wird die Entscheidung einfacher:

  • Zahlt das auf meine Mission ein? ➽ Starker Kandidat für die Wochen-Liste.

  • Ist das nur nice-to-have? ➽ Ab in den Ideen-Speicher.

  • Lenkt mich das ab? ➽ Bewusst ignorieren.

Für „Shelfd“ ist meine Mission klar: Ich will Menschen helfen zu verstehen, welche Streams ihnen wirklich etwas bedeuten und warum – und nicht ihre Watchlist verlängern. Alles, was darauf einzahlt, hat Priorität. Der Rest? Ideen-Speicher.

Für „Mediapreneur“ ist es genauso klar: Wir wollen journalistischen Creator*innen helfen, aus ihrer Stimme heraus ein nachhaltiges Media-Business aufzubauen. Alles, was darauf einzahlt, kommt auf die Wochen-Liste. Alles andere? Darf warten.

Das Schöne daran, zu wissen, wo man hin will: Du brauchst keinen perfekten 12-Monats-Plan. Du musst nicht alle Antworten kennen. Aber wenn du deiner Mission folgst, spürst du die Richtung. Und jeder kleine Schritt auf der Wochen-Liste bringt dich ein Stück weiter dorthin.

Der entscheidende Shift: Von „Ich muss alles schaffen“ zu „Ich weiß, was ich ignoriere.“

Und innerhalb dessen, was auf deine Mission einzahlt, gilt das Pareto-Prinzip: Welche 2-3 Dinger bringen 80% der Wirkung?

Denn nicht alle Aufgaben und Ideen sind gleich wichtig. Die meisten sind nice-to-have. Aber ein paar wenige bringen dich echt weiter.

Beim Start von „Mediapreneur“ haben wir das konsequent angewandt: Statt ein Dutzend Marketing-Aktivitäten auf einmal abzufeuern, haben wir uns auf drei gezielte Maßnahmen konzentriert – Gastbeitrag, LinkedIn, persönlicher Blog. Minimaler Aufwand, maximale Wirkung: 100 Subs in ein paar Tagen (Opens in a new window).

Wie das bei mir konkret aussieht

Meine To-Do-Liste für Shelfd ist seit 11 Jahren voll. Meine Frau würde sagen: sie quillt geradezu über. Neulich empfahl sie mir sogar einfach mal wieder in einem leeren Asana-Board neu anzufangen…

Auch für mich gilt: Wenn ich eine Sache abhake, kommen zwei neue dazu.

Die vielen Möglichkeitsräume überfordern mich auch heute noch manchmal. Aber ich gehe anders mit ihnen um als 2015.

Jeden Montag frage ich mich: Was ist diese Woche relevant? Wonach steht mir aktuell der Sinn? Aber vor allem: Was zahlt auf meine Mission ein – und was hat den größten Impact?

Konkretes Beispiel aus letzter Woche:

Auf meiner To-Do-Liste standen ein Dutzend Dinge. Darunter…

  1. Ausgabe zwei vom neuen Shelfd Magazin gestalten (aktuell im Beta-Reading)

  2. Fortlaufend Leser:innen-Feedback einholen und verarbeiten

  3. Herausfinden, warum die erste Ausgabe nach dem System-Wechsel nur eine so geringe Zustellquote hatte (mäh)

  4. Endlich eine Social-Strategie ausarbeiten, wie die Inhalte aus dem Shelfd Newsletter übersetzt und aufbereitet werden können

  5. Fünf neue Pitch-Mails versenden für Werbepartner-Akquise

  6. Weitere Archiv-Inhalte aus der alten Seite in den neuen Blog überführen

  7. Für DIESEN Newsletter hier eine Idee entwickeln

  8. Das Coaching mit „Zwischen zwei und vier“ vorbereiten

  9. Feedback geben auf einen ersten Entwurf ihrer neuen Steady-About-Seite

  10. Für den REC Club einen neuen Live-Talk koordinieren

  11. Ausgiebig in die Analytics schauen und schlau auswerten

  12. LinkedIn-Content planen

Zwölf Sachen – alle wichtig. Alle würden helfen.

Ich habe genau sechs gemacht. Die drei größten davon:

  1. Ausgabe zwei vom neuen Shelfd Magazin gestalten – Das ist mein Kernprodukt. Ich will vor allem, dass das neue Konzept und unsere Workflows in der Redaktion sitzen, bevor ich mich hier wieder entspannen kann. Und gerade hatte ich so richtig große Lust darauf.

  2. Coaching mit Z2U4 – Ich liebe es Mediapreneuren zu helfen UND lerne selbst so viel von Melanie und Rosalie.

  3. Diesen Newsletter hier schreiben – Mediapreneur ist mein aktuelles Baby. Ich brenne dafür. Also sitze ich ein paar Abende in der Woche um 22 Uhr nochmal am Rechner, sobald das echte Kind eingeschlafen ist. Aus Lust und weil die Tage einfach zu kurz sind.

Die andere Hälfte habe ich ignoriert.

Warum?

Weil Social-Strategie wichtig ist, aber nicht dringend. Weil LinkedIn-Content noch zwei Tage warten kann. Weil Analytics auswerten sich produktiv anfühlt, aber gerade nichts verändert.

Und weil sie nicht auf meine Mission einzahlen – zumindest nicht diese Woche.

Jetzt sagst du vielleicht: Schön für dich, David. Aber Steuerbelege sortieren macht auch niemand aus Spaß – und trotzdem muss es irgendwann sein.

Stimmt. Dafür habe ich meinen „Azteken-Tag“! Zweimal im Monat, fest im Kalender geblockt: Alles, was im normalen Alltag hinten runterfällt oder buchstäblich Opfer erfordert, kommt an diesem Tag dran. In einem Rutsch. Nicht immer effizient – aber bis Abends ist es erledigt. Und dann ist es weg.

Das ist kein System, das ich empfehle. Das ist mein System. Weil es dazu passt, wie ich arbeite.

Mit Melanie und Rosalie habe ich nach dem Bleistift-Kommentar natürlich auch sofort umgeschalten. Vom Ideen-Modus in den Aufräum-Modus. Wir haben uns die nächsten wichtigen Schritte vor Augen geführt – die, die auf ihre Mission einzahlen und die ihnen gerade leicht fallen. Die, bei denen sie Energie spüren statt Überforderung.

Von allen Aufgaben haben wir uns zuerst der About-Seite ihrer Steady-Mitgliedschaft gewidmet (weil es hier gerade flowt). Gestern ging sie online. (Opens in a new window) Ist super geworden, oder?

Live-Talk

Übrigens: Morgen Abend (Donnerstag, 20:15 Uhr) sprechen wir live mit Florian Widmann darüber, wie er seinen Podcast „berlin:er:leben“ an über 200 Litfaßsäulen in Berlin gebracht hat. Wie geht sowas genau? Und ab wann lohnt es sich? Mit anschließendem Q&A.

Schalte dich über diesen Link mit dazu (Opens in a new window).

Was das für dich bedeutet

Wenn ich dir einen einzigen Gedanken mitgeben kann, dann diesen:

Trenne deinen Ideen-Speicher von deiner Wochen-Liste.

Das hat vor Jahren für mich alles verändert.

Meine Master-To-Do-Liste DARF voll sein. Sie ist mein Ideen-Speicher. Da sammle ich alles drin: große und kleine Aufgaben, Someday/Maybe-Ausbaustufen, coole Sachen, die ich irgendwo gesehen habe. Die Liste wird nie leer. Und das ist okay.

Aber dieser Speicher gehört weit weg. In ein eigenes Asana-Board. Die Ideen dürfen mich nicht schief von der Seite angucken.

Meine Wochen-Liste dagegen braucht Luft.

Das ist mein Arbeitsraum. Literally – als Whiteboard an der Wand meines Büros.

Hier stehen nur eine Handvoll Dinge, die diese Woche wirklich relevant sind – die auf meine Mission einzahlen. Und bewusst NICHT alles andere.

Dort laufe ich 30x am Tag vorbei und vergegenwärtige mir, worauf es grad ankommt.

Passend dazu räume ich auch meinen Ideen-Speicher einmal im Jahr komplett auf – meistens zwischen Weihnachten und Neujahr. Was ist noch relevant? Was hat sich erledigt? Was kann weg? So ein Archiv braucht Pflege und Schnitt, wie ein Garten.

Das ist der Unterschied zwischen „Ich verliere den Überblick“ und „Ich weiß, was ich ignoriere“.

PS

Als ich Melanie eingeladen habe, unseren Newsletter zu abonnieren, bevor diese Ausgabe rausging, hat sie dankend abgelehnt.

Ihre Begründung: Sie weiß, dass sie dann wieder etwas liest, bei dem sie denkt „DAS müssten wir auch noch machen“ – und das kann sie gerade nicht haben.

Touché! Sie hat verstanden, was es gerade zu ignorieren gilt. Voller Fokus auf Z2U4.

Die Ironie: Das hier ist garantiert die beste Ausgabe, die NICHTS zu ihrer – und deiner – To-Do-Liste hinzufügen will. Im Gegenteil.

Drei Fragen zur Selbstreflexion

Bevor du diese Mail schließt, nimm dir einen Moment:

  1. Wenn jemand fragt „Was machst du gerade?“, antwortest du dann mit deiner Mission – oder mit To-Dos?

  2. Wie unterscheidest du zwischen Ideen und Prioritäten?

  3. Wie oft sagst du „Das sollte ich auch mal machen“ – ohne zu entscheiden, ob du es WIRKLICH willst?

Schreib mir zurück – welche Fragen konntest du leicht beantworten? Oder wie dicht bist du davor, dir einen Bleistift in den Kopf zu rammen?

Ich lese jede Antwort. Und oft steckt darin der Anstoß für neue Themen – oder ein Gespräch, in dem sich genau diese Knoten lösen.

Frische Grüße
sendet dir
David

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