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So füttere ich meine Hunde
Ein Lernprozess mit wissenschaftlichem Hintergrund — von der Energie bis zum Glykogen-Fenster
Von Tanino G. Chiavaro
Ich züchte und trainiere Malinois. Paco, 34 Kilogramm, und Mala, 28 Kilogramm — beide täglich im Training: Schutzarbeit, Suchaufgaben, Gehorsamkeit, Unterordnung. Im Belgischen und Französischen Ring kommen die Disziplinen dieser anspruchsvollen Sportarten dazu. Und zwei Welpen, sechs Monate alt, ebenfalls täglich aktiv.
Ernährung ist für mich kein Lifestyle-Thema. Es ist eine Frage der Leistung, der Regeneration und der Verantwortung gegenüber diesen Hunden — ein Thema, bei dem ich lange gesucht, viel gelesen und auch Fehler gemacht habe, bevor ich zu einer Lösung gekommen bin, die ich wirklich erklären kann. Ich will hier ehrlich sein, nicht werbend: Ich sage, was ich mit Studien belegen kann, und ich benenne klar, wo die Wissenschaft aufhört und meine Schlussfolgerung beginnt.
Was ich füttere — und was es ist
Ich füttere industrielles Rohfutter: VOM, ein norwegisches Produkt, tiefgefroren geliefert. Rohes Fleisch aus einer Landwirtschaft, die gesetzlich auf Antibiotika im Tierfutter verzichtet, gemischt mit Innereien, Lachsöl und gezielt zugesetzten Vitaminen und Mineralien.
Das Wort «industriell» betone ich bewusst. Industrielles Rohfutter ist nicht das, was viele unter BARF verstehen. Traditionelles BARF heisst: Fleisch, Knochen, Innereien und Gemüse einzeln kaufen, die Ration selbst planen, die volle Verantwortung für eine ausgewogene Versorgung tragen. Wird das schlecht gemacht, entstehen echte Mängel — Calcium-Phosphor-Ungleichgewichte, fehlende Spurenelemente, Vitamin-D-Mangel. VOM ist fertig formuliert und durch Laboranalysen geprüft. Das behebt den grössten wissenschaftlichen Kritikpunkt am klassischen BARF: die Gefahr schlecht geplanter Eigenrezepturen. Was bleibt, ist das Beste aus beiden Welten — rohes Fleisch mit hoher Bioverfügbarkeit, kombiniert mit der Zuverlässigkeit eines vollständig formulierten Produkts.
Ein Wort über Trockenfutter — ehrlich
Ich will Trockenfutter nicht pauschal verteufeln, das wäre unehrlich. Es gibt Produkte, die ich respektiere — mit echtem Frischfleisch als Hauptzutat, ohne Getreide und Soja, mit hohem tierischem Proteinanteil. Aber die Zutatenlisten der meisten bekannten Marken zeigen Weizen, Mais, Sojamehl, Maisproteinmehl als zweite, dritte, vierte Zutat. Das sind günstige Füllstoffe, die den Proteinwert auf dem Etikett nach oben treiben — aber dieses Protein ist nicht tierischen Ursprungs.
Dazu kommt: Trockenfutter wird bei 120 bis 160 Grad extrudiert. Das ist nicht per se schlecht — die Extrusion kann die Verdaulichkeit sogar verbessern und macht Stärke überhaupt erst nutzbar. Die Hitze hat aber Kehrseiten: hitzeempfindliche Vitamine gehen verloren und müssen synthetisch ersetzt werden, und ein Teil der Aminosäuren, vor allem Lysin, kann über die Maillard-Reaktion schlechter verfügbar werden — wie stark, hängt erheblich vom Produkt ab. Ich sage bewusst nicht, die Hitze «zerstöre die Proteine»; das wäre übertrieben. Ich sage: rohes Fleisch liefert intaktes, hoch bioverfügbares Protein und umgeht diese hitzebedingten Verluste — das ist der Unterschied, der für mich zählt. Ich habe verschiedene Optionen getestet; industrielles Rohfutter war am Ende die überzeugendste Lösung für aktive Arbeitshunde.
Das Grundprinzip: Energie vor Protein
Der häufigste Fehler in der Sporthundefütterung ist zu viel Protein und zu wenig Fett. Protein ist teuer — nicht im Preis, sondern im Stoffwechsel: Der Körper muss es erst in Energie umwandeln, bevor er es nutzen kann. Fett dagegen ist direkter Treibstoff. Ein Sporthund, der vor einer langen Belastung mit Protein beladen wird, ist wie ein Auto, dem man Holz statt Benzin in den Tank füllt.
Die Schlittenhund-Forschung ist hier eindeutig: Hunde auf fettreichem Futter (30–40 % Fett in der Trockenmasse) zeigen bessere Ausdauer, stabilere Muskeln und schnellere Erholung als Hunde auf Hochprotein-Diäten. Der Ausdauerhund bezieht seine Energie über Stunden aus Fett — nicht aus Protein.
Was Schutzhund-Sport energetisch bedeutet
Professor Wakshlag von der Cornell University teilt Sporthunde nach ihrem Energiesystem ein. Der klassische Schlittenhund läuft stundenlang — sein Körper verbrennt primär Fett, das oxidative System dominiert. Der Sprinter — Agility, Flyball, die Schutzhund-Einzelübung — arbeitet 5 bis 120 Sekunden maximal intensiv. Sein Energieträger ist Glykogen, nicht Fett: das glykolytische System.


Paco und Mala fallen dazwischen: mittlere bis hohe Aktivität mit ausgeprägten Sprinter-Elementen. Die Sucharbeit ist aerob und kognitiv; der Angriff, der Sprint, die Schutzübung sind rein anaerob, rein glykolytisch. Genau da liegt die Herausforderung — und die Fachliteratur nennt für diesen «Intermediate-Athleten» ein Zielprofil von moderat Fett (~50 % der Energie), rund 20 % Kohlenhydraten und etwa 30 % Protein.

Das Glykogen-Problem
VOM Active Original hat 0 % Kohlenhydrate; in der Trockensubstanz liegt der Fettanteil bei 46 bis 51 Prozent. Ein ausgezeichnetes Profil für einen Ausdauerhund — aber für einen Hund, der täglich explosive Sprinter-Belastungen absolviert, halte ich zusätzliche Kohlenhydrate für sinnvoll, um die Glykogenspeicher nach der Belastung wieder aufzufüllen. Das ist kein Fehler von VOM; das Produkt ist für aktive Hunde konzipiert, nur nicht spezifisch für Sprinter. Das zu erkennen war mein eigener Lernprozess.
Den entscheidenden Hinweis gab mir Professor Reynolds. In seiner 1997 im American Journal of Veterinary Research publizierten Studie erhielten trainierte Schlittenhunde nach intensiver Belastung entweder innerhalb von 30 bis 60 Minuten Kohlenhydrate — oder nicht. Ergebnis: Die Gruppe ohne Supplement erreichte nur 50 Prozent des Ausgangs-Glykogenwertes; die Gruppe mit Supplement erholte sich vollständig vor der nächsten Einheit. Der Grund ist bekannt: Direkt nach intensivem Training sind die GLUT-4-Transporter in den Muskelzellen maximal aktiv und nehmen Glukose besonders effizient auf. Dieses Fenster dauert 30 bis 60 Minuten, danach sinkt die Effizienz stark.

Für Paco und Mala, die täglich drei bis vier intensive Einheiten absolvieren, ist das direkt relevant. Nach jeder Einheit bekommen beide eingeweichten Puffreis — Paco 50 Gramm, Mala 40 Gramm. Ich wähle Puffreis, weil die Stärke durch den Puffprozess bereits aufgeschlossen und leicht verfügbar ist: 0 % Fett, kein Gluten, in warmem Wasser fünf Minuten eingeweicht. Einfach, günstig, physiologisch begründet.
Puffreis ist mein Weg — aber nicht der einzige. Denselben Effekt erreicht man auch über ein hochwertiges Trockenfutter als Teil der Ration, etwa Purina Pro Plan Athletic als Kohlenhydrat- und Energiebaustein neben dem Rohfutter. In der Praxis ist das eine Mischfütterung — bei mir grob 70 Prozent Rohfutter als Basis, 30 Prozent gezielte Trofu-Ergänzung. Und hier die nötige Ehrlichkeit: Es gibt keine Studie, die genau dieses Verhältnis als Optimum beweist. Belegt sind das Nährstoff-Ziel des Athleten und das Timing der Kohlenhydrate — 70/30 ist meine praktische Umsetzung davon, kein Naturgesetz.
Kohlenhydrate — die richtige Menge
Wichtig ist die Dosis. Zu viele Kohlenhydrate sind ebenso falsch wie zu wenige: Erhalten Hunde mehr als etwa 30 bis 40 Prozent ihrer Energie aus Kohlenhydraten, kann es bei intensiver Belastung zu Muskelverkrampfungen («tying up»), Kotfressen und Unterzuckerung kommen — beschrieben in der Literatur und im NRC 2006. Reines BARF mit 0 % Kohlenhydraten ist für den Sprinter aber ebenfalls suboptimal. Der richtige Weg ist keine Grundsatzentscheidung, sondern die kleine, gezielte Kohlenhydratgabe im richtigen Moment: nach der Belastung, im offenen Fenster.

Der Misch-Mythos
Der häufigste Einwand lautet: Man dürfe rohes Fleisch und Trockenfutter nicht mischen, weil beide unterschiedlich schnell verdaut würden. Ich habe das ernst genommen und nachgeprüft — es hält der Wissenschaft nicht stand. Es gibt keine belastbaren Belege, dass die Kombination durch unterschiedliche Verdauungsraten oder pH-Werte schadet. Der Hundemagen bleibt bei Futter stark sauer (pH etwa 1–2), egal ob Trockenfutter oder Rohfleisch darin liegt; die oft behauptete «Neutralisierung» durch Trofu findet nicht statt.
Es bleibt genau eine berechtigte Einschränkung: rohe, ganze Knochen nicht zusammen mit einer grossen Trofu-Portion geben — das ist ein mechanisches Risiko, keine Frage der Verdauung; gemahlenes Rohfutter ist unproblematisch. Und jede Umstellung langsam über sieben bis zehn Tage, denn Magenverstimmungen kommen fast immer von der plötzlichen Umstellung, nicht von der Mischung. Dass Hochleistungs-Schlittenhunde seit Jahrzehnten mit einer Kombination aus fettreichem Fertigfutter und Fleisch gefahren werden, ist der beste Praxisbeweis: Es funktioniert.
Supplementierung — was die Studien sagen
Drei Ergänzungen haben bei Sporthunden eine gute Evidenzbasis: Fischöl (Omega-3, EPA und DHA) senkt Entzündungsmarker nach Ausdauerarbeit und unterstützt die Gelenke; Vitamin E schützt die Muskeln vor oxidativem Schaden; Elektrolyte gleichen bei harten Einsätzen die über Hecheln verlorenen Mineralien aus. Zusätzlich gebe ich Krillmehl — aber nur als Kur über acht Wochen, dann vier Wochen Pause, weil Krill von Natur aus Fluorid enthält. Krill liefert Astaxanthin und phospholipidgebundene Omega-3-Fettsäuren.
Was ich weglasse: zusätzliche Öle. Wer bereits dreimal pro Woche VOM Active Lachs füttert, doppelt mit Lachsöl nur. Leinöl liefert ALA, eine Vorstufe, die der Hund nur zu fünf bis fünfzehn Prozent in EPA und DHA umwandelt — ineffizient, wenn echter Lachs direkt verfügbar ist. Ebenfalls nicht auf Verdacht: Probiotika, prophylaktisches Glucosamin bei jungen Hunden, Kreatin. Ein optionaler getrockneter Gemüse-Obst-Mix (Karotte, Apfel, Süsskartoffel, Banane, Randen) liefert Ballaststoffe und Phytonährstoffe für den Darm — ein Muss ist er nicht, VOM ist vollständig formuliert.
Was ich erreichen will — und was ich nicht weiss
Ich füttere so, weil Paco und Mala nach einem intensiven Trainingstag am nächsten Morgen regeneriert, leistungsbereit und gesund sein sollen: Glykogen in den Muskeln, EPA und DHA in den Gelenken, echte Fleischqualität aus einer Haltung mit sehr geringem Antibiotikaeinsatz im Darm. Jede dieser Entscheidungen kann ich erklären — das ist meine Anforderung an mich selbst.
Was ich nicht weiss, sage ich offen: Ob mein Setup in einer kontrollierten Studie mit Malinois im Schutzhund-Sport besser abschneiden würde als ein anderes — das weiss ich nicht. Diese Studie existiert nicht. Die Grundlage kommt aus der Schlittenhund-Forschung, wo das grösste Budget für Sporthundernährung liegt. Die Übertragung auf Schutzhunde ist eine logische Schlussfolgerung aus den Daten — keine direkte Bestätigung. Das ist der Unterschied zwischen seriöser Aufklärung und Marketing, und er ist mir wichtig. Für Ergänzungen und Öle arbeite ich seit Jahren mit Futterbox.ch (Opens in a new window) zusammen; das sage ich aus Transparenz, nicht als Werbung.
Was ich dagegen sicher weiss, kommt aus der Praxis — über verschiedene Disziplinen und Generationen von Hunden gewachsen. Diese Erfahrung ersetzt keine Studie. Aber eine Studie ersetzt sie auch nicht.
QUELLEN & WEITERFÜHRENDE LITERATUR
Reynolds AJ, Fuhrer L, Dunlap HL, Finke M, Kallfelz FA (1994): Lipid metabolite responses to diet and training in sled dogs. Journal of Nutrition 124.
Reynolds AJ, Fuhrer L, Dunlap HL, Finke M, Kallfelz FA (1995): Effect of diet and training on muscle glycogen storage and utilization in sled dogs. Journal of Applied Physiology 79(5): 1601–1607.
Reynolds AJ, Carey DP, Reinhart GA, Swenson RA, Kallfelz FA (1997): Effect of postexercise carbohydrate supplementation on muscle glycogen repletion in trained sled dogs. American Journal of Veterinary Research 58(11): 1252–1256. [Kernstudie]
Wakshlag JJ, Snedden KA, Reynolds AJ (2004): Biochemical and metabolic changes due to exercise in sprint-racing sled dogs. Veterinary Therapeutics 5(1).
Wakshlag JJ et al. (2013): Energy expenditure of endurance sled dogs — Yukon Quest. British Journal of Nutrition (WALTHAM Symposium Proceedings).
Sticka KD, Reynolds AJ et al. (2018): Exercise increases glucose transporter-4 levels on peripheral blood mononuclear cells. Medicine & Science in Sports & Exercise 50(5).
National Research Council (2006): Nutrient Requirements of Dogs and Cats. National Academies Press, Washington DC.
Sagawa KM et al. (2009): In vivo pH measurement of the gastrointestinal tract in dogs fed raw meat or kibble diets. Journal of Pharmaceutical Sciences 98(6).
Tran QD, Hendriks WH, van der Poel AFB (2008): Effects of extrusion processing on nutrients in dry pet food. Journal of the Science of Food and Agriculture 88(9).
Dieser Artikel gibt persönliche Erfahrungen und wissenschaftlich belegte Überlegungen wieder. Er ersetzt keine individuelle tierernährungsmedizinische Beratung.