und was sich auch in 2026 nicht ändern wird
Ich war am 24. Dezember 2025 nochmal beim Pilates. In einem winzig kleinen Studio im Erdgeschoss eines Wohnhauses, die Matten zwanzig Zentimeter auseinander, auf der Matte neben mir: ein Clean Girl—eins von diesen erstaunlichen Wesen, die ich nie sein werde. Sie hat einen stromlinienförmigen Pilates Body. Sie hat einen glänzenden Pferdeschwanz, aus dem sich kein Haar löst. Sie hat diese Art von Haut, die gleichzeitig durchscheinend und strapazierfähig ist wie Silikon. Sie hat anderthalb Zentimeter Kunstnägel in exakt ihrer eigenen Hautfarbe. Sie kann immer alle Übungen flüssig durchziehen, selbst nach 20 Minuten Planks scheint sie nicht im Mindesten angestrengt, und sie trägt, das ist vielleicht das Detail, was mir am rätselhaftesten ist: Trainingsklamotten in reinstem Blütenweiß. Es ist Hot Pilates, 35 Grad. Und sie schwitzt nicht mal.
Neben ihr komme ich mir vor wie ein Wal in fleckigen Jogginghosen. Und das ist okay. Diese Pilates Girls sind dazu da, normale Leute demütig und bescheiden zu machen. Sie sind dazu da, einen daran zu erinnern, dass alles immer nur ein Streben sein kann, niemals ein Endpunkt.
Lena Dunham schreibt (Opens in a new window), wenn sie in den Spiegel blickt, dann sieht sie Miss Piggy, und dass sie endlich akzeptiert hat, dass sie niemals eine der folgenden Dinge sein wird: elegant, kultiviert, dezent, zurückhaltend. Ebenso werde ich niemals ein Pilates Girl sein. ich werde niemals auf überzeugende Art Weiß tragen. Ich werde niemals planken ohne Anstrengung. Manche Dinge über sich selbst muss man einfach akzeptieren.
Wenn man gewisse Dinge über sich selbst akzeptiert hat, dann kann man sich auf die Dinge konzentrieren, die schon jetzt so gut laufen, dass man sie als selbstverständlich abtut. Zum Beispiel die Tatsache, überhaupt beim Sport zu sein. An einem Feiertag. Das zweite Mal in dieser Woche. Vor zehn Jahren war das jedes Jahr auf der Liste für die guten Vorsätze—wie so vieles, was jetzt langweilig normal ist.
Immer, wenn man eine Liste mit guten Vorsätzen macht, denke ich, sollte man außerdem eine Liste mit Sachen machen, die man nicht machen muss, weil sie schon toll sind und bereits super laufen:
Was sich auch in 2026 nicht ändern wird, weil es bereits super läuft oder vielleicht einfach auch nicht so wichtig ist.
Ich werde wieder nicht putzen oder meine Küche renovieren.
Ich müsste eigentlich seit mindestens sechs Jahren meine Küche renovieren. Ich wohne in einer dieser Berliner Altbauwohnungen, die man nie richtig sauber kriegt, auch nicht, wenn man eine Person ist, die viel putzt (was ich nicht bin). Ich habe die Wohnung vor zehn Jahren von Miris Mann übernommen, dessen Studentenbude sie war, und weder er noch ich haben darin jemals irgendwas nennenswertes renoviert. Dementsprechend sieht die Küche aus. Es steht der grottenhässliche Spressspan-Spülschrank der Welt drin, dieses Ding, das in allen Berliner Wohnungen standardmäßig drin steht. Der Küchentisch ist noch aus meiner alten WG. Die Stühle sind billo Ikea Sessel, die meine Mutter mir zum Auszug vor 23 Jahren mitgegeben hat. Die Kammer ist vollgemüllt mit Zeug, über das ich keinen Überblick habe. Ich müsste renovieren, und alles, was da an schrecklichem Interior drin ist, durch schönes, erwachsenes Interior ersetzen. Aber ich mache es einfach nicht.
Auch dieses Jahr höchstwahrscheinlich wieder nicht. Auch wenn ich es gerne anders hätte, ist mir die Sache offenbar einfach nicht wichtig genug. Wenn ich eine Sache mache, dann mache ich unterdessen logischerweise irgendeine andere Sache nicht. Und was ich meistens nicht mache, wenn ich putze, ist schreiben. Und wenn ich die Wahl habe zwischen zwei Stunden putzen und zwei Stunden schreiben, dann wähle ich in 100 Prozent der Fälle schreiben. Und vielleicht ist das okay.
Ich werde wieder nicht mit meinem Freund zusammen ziehen.
Wenn wir ein Haus haben könnten wie Frieda Kahlo und Diego Rivera—zwei freistehende Gebäudeteile mit separaten Eingängen, eins rosa, eins blau, mit Ateliers im Dach, die über eine Brücke verbunden sind—vielleicht. Wenn es 2007 wäre, und man, wenn man sich trennt, einfach nur ein paar Wochen oder so suchen müsste und dann, als Selbstsändige! eine Wohnung in der Innenstadt für unter fünfzehn Euro/Quadatmeter finden könnte—vielleicht. Wenn ich irgendwelche Leute kennen würde, die ein paar gute Argumente für das Zusammenziehen in petto hätten, Gründe, die über Praktikabilität, Logistik oder Konformität hinaus gingen—vielleicht.
Bis diese Utopien wahr werden, werde ich ein paar Mal in der Woche bei mir zuhause aufwachen und mich wie ein glückliches Schweinchen in meinem süßen Alleinsein wälzen, stundenlang mit niemandem reden, stundenlang mein dreckiges Geschirr in der Spüle stehenlassen, stundenlang komplett unbeaufsichtigt, unbeobachtet, unabgelenkt sein.
Ich werde wieder keine Work-Life-Balance haben.
Es geht mir besser, seitdem ich die Idee von Work-Life-Balance verabschiedet habe. Es gibt keine Work-Life-Balance. Die einzigen Leute, die Work Life Balance haben, sind die Leute in Severance. Für normale Menschen ist alles, was passiert, einfach Life, auch Work. Und eine permanente Balance kann es in der Selbstständigkeit nicht geben, weil alles immer im Fluss ist.
Es wird immer so sein: Mal arbeite ich viel, dann habe ich keine Zeit für mein restliches Leben, mal arbeite ich weniger, und dann bin ich nervös, weil kein Geld reinkommt. Das Ziel ist nicht, dauerhafte Balance herzustellen, sondern so gut wie möglich mit beiden Zuständen zurecht zu kommen. In arbeitsreichen Zeiten nicht in Panik zu verfallen und daran zu denken, Pausen zu machen. In arbeitsarmen Zeiten nicht in Panik zu verfallen und die Zeit zu nutzen für die Dinge, für die man ansonsten keine Zeit hat (Papierkram, Aquise, pitchen, mal wieder die Webseite pflegen).
Ich werde wieder nicht bereuen, keine Kinder gemacht zu haben.
Es kursieren starke Takes, wenn es um freiwillige Kinderlosigkeit geht: Wenn man keine Kinder macht, so heißt es immer wieder, dann ist man egoistisch. Man weiß nicht, was wahre Liebe ist. Man ist keine wirkliche Erwachsene. Man ist nur mit den oberflächlichen, banalen Dingen des Lebens beschäftigt. Man ist auf einer quasi spätadoleszenten Entwicklungsstufe stehen geblieben. Und eines Tages, wenn man alt ist, wird man seine Entscheidung bitter bereuen, im Altersheim sitzen und niemand wird einen besuchen kommen oder sich um einen kümmern.
Ich glaube mittlerweile, dieser Bullshit hält sich so hartnäckig, weil es so gefährlich für die herrschende Ordnung wäre, wenn es sich herumspräche, wie geil es ist, keine Kinder zu haben. Ich empfinde nicht die geringste Reue, dass ich meine Gene nicht weitergeben werde, im Gegenteil, ich finde meine Unabhängigkeit von Jahr zu Jahr toller. Es scheint mir sehr unwahrscheinlich, dass ich eines Tages bereuen werden, denn: Wenn ich meine Abhängigkeit nicht bereue—eine Sache, die wirklich, wirklich scheiße war—warum sollte ich dann eines Tages aufwachen und etwas bereuen, das ich richtig super finde?
Ich werde wieder daran scheitern, die Ideale des Male Gaze und der Body Positivity Bewegung zu erfüllen.
Dass ich die medialen Ideale der ewigen Jugend und Fitness nicht erfüllen kann, ist schon länger klar. Seit ein paar Jahren scheitere ich zusätzlich daran, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Die Body Positivity Bewegung hat dazu geführt, dass man es als persönliches Scheitern begreift, wenn man das eigene Körperfett nicht lieben kann. Dass es ein moralisches Problem ist, wenn man Diäten macht oder sich botoxen lässt. Deswegen muss man lügen, und behaupten, man mache eine Ernährungsumstellung wegen der Darmgesundheit oder man botoxe wegen der Migräne.
Ich werde weiterhin nicht so tun, als sei mir der Male Gaze egal, weil ich spirituell auf einem höheren Level angekommen bin. Ich werde es stattdessen so machen wie meine Oma mütterlicherseits:
Meine Oma mütterlicherseits trug ihre Haare immer pechschwarz in stylischen Bob Cuts, und sie hat noch in ihren späten Siebzigern steif und fest behauptet, es sei alles Natur. Sie könne sich auch nicht erklären, wie ihre Haare immer so schwarz blieben, das sei doch einfach ein Geschenk oder?
Ich werde wieder nicht festangestellt arbeiten
Deutschland ist kein gutes Land zum Freelancen. Selbstständige werden wie Steuerzahler zweiter Klasse behandelt. Ich bekomme keine Sicherheit, keine nennenswerte Altersvorsorge, wenn ich krank bin, kann mich niemand vertreten, ich bekomme Krankengeld frühestens ab dem 43. Krankheitstag (wenn ich vorher Chemo brauche, Pech gehabt!), und in einer Stadt wie Berlin bekomme ich meistens nicht mal einen Besichtigungstermin für eine der wenigen unbezahlbaren Wohnungen. Freelancer spüren als erstes, wenn es mit der Wirtschaft bergab geht, sind aber gegen Arbeitslosigkeit nicht abgesichert. Egal wie viele Steuern und Sozialabgaben wir gezahlt haben: Das System fängt uns nicht auf. Und wenn ich einem Angestellten sage, dass ich mir Montag frei nehme, um ins SPA zu gehen, kommt meistens ein zickiges: Na, das muss ja toll sein!
Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, jemals nicht selbstständig zu sein. Die Freiheit, selbst zu entscheiden, was für mein Geschäft Sinn macht. Die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie, wann und wie lange ich arbeite, die Freiheit, meine eigenen AGBs zu schreiben, die Freiheit, mittags drei Stunden lang ins Kino zu gehen, falls ich Lust dazu habe—das liebe ich alles. Aber am wichtigsten ist es mir, keinen Boss zu haben.
Letztes Jahr hatte ich einen vollkommen durchgeknallten Kunden. Er fand es super normal, seine Freelancer nachts und am Wochenende anzurufen, hatte Tobsuchtsanfälle und forderte ständig Dinge, die nicht im Vertrag standen. Mit ihm am Telefon zu sein konnte sich anfühlen wie mit einem Kind zu verhandeln, das gerade einen Meltdown hat. Wenn so jemand mein Vorgesetzter wäre: nicht auszudenken.
Aber wenn so jemand mein Kunde ist, dann kann ich einfach Nein sagen. Ihn auf den Vertrag hinweisen, den ich vorher geschlossen habe. Seine Anrufe nach sechs ignorieren. Die Sache läuft nach meinen Konditionen. Und mein Nervensystem ist ruhig.
Ich werde wieder nicht anfangen zu trinken.
Daniel Schreiber hat uns mal in einem SodaKlub Interview (Opens in a new window) gesagt, die ersten zehn Jahre der Nüchternheit ist man baby sober. Diesen August beginnt mein zehntes nüchternes Jahr. Früher konnte ich mir ein Leben ohne Drink nicht vorstellen, heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, was ich an einem Alkoholrausch mal geil fand. Auch 2026 würde ich wieder mein ganzes Geld drauf setzen: Ich werde nie wieder trinken.
🖤