Das Ende der Vorbilder
Ich bin gerade in MĂĽnchen, auf dem zweien OAMN Sommerkongress, auf dem Mika und ich einen Workshop geben und einen Live Podcast machen. Hier kommen im Minutentakt Menschen auf uns zu, die uns sagen, wie wichtig unsere Arbeit fĂĽr sie war, und dass wir sie inspiriert haben. Sie sind aufgeregt und haben Fangirl-Momente und wollen Selfies mit uns machen. Das ist seltsam und schön zu gleichen Teilen. Schön, weil es kein besseres GefĂĽhl gibt, als etwas zu tun, was anderen Leuten wirklich etwas bringt. Seltsam, weil ich mich gerade letzte Woche so lost gefĂĽhlt habe, als hätte ich nicht die geringste Ahnung vom Arbeiten oder vom Leben.Â
Ich saß noch vor vier Tagen an meinem Schreibtisch, halb zwölf Mittags, dritter Kaffee, an einem Kapitel meines Buches, das noch aus nichts weiter besteht als einem chaotischen Sack voll unzusammenhängender Szenen und einem Gefühl für das Gefühl, das man beim Lesen haben, soll, da traf es mich plötzlich und unvermittelt wie eine nahende Panikattacke.
Ich habe absolut keine Ahnung, was ich hier tue.Â
Niemand kann mir sagen, wie ich das hier machen soll.Â
Ich weiĂź nichtmal, ob irgendjemand das jemals kaufen wird.Â
Es gibt keine Regeln.Â
Es ist alles vollkommen beliebig.Â
Was mache ich hier eigentlich um Gottes Willen?!
Lesungen Rausch und Klarheit
11/08 — Bad Aibling | Buchladen momo & frieda | 19:00
15/08 — Bucht der Träumer Festival, Frankfurt (Oder) | 12:00
21/08 — Zwickau | Alois Fußballkneipe | 19:00
25/09 — Alsdorf | Stadtbücherei | 19:30
13/11 — Lübeck | Aktionstag Suchtberatung | Hansemuseum
Und ich denke an Vorbilder. Denn gerade wäre es schön, eins zu haben. Eine Figur, die mir den Weg leuchten kann, an der ich mich orientieren kann, bei der ich mich bei Problemen fragen kann: Was würde Soundso tun?
Ich denke an meine Stilvorbilder, die ich ĂĽber die Jahre hatte. Und erkenne plötzlich, dass sie erstaunliche Ă„hnlichkeiten haben. Ein paar meiner frĂĽhen Idole:Â
Lydia Deetz
Lydia aus Beetlejuice war wahrscheinlich mein erstes Lifestyle Idol. Sie ist quintessentially goth: Sie ist bleich wie ein Feta, trägt nur schwarze Spitze und ist immer gestylt wie für die Beerdingung eines Landadligen im Jahr 1885. Sie hört Opern und schreibt dabei Abschiedsbriefe. Sie trägt Rot auf ihrer Hochzeit (nicht ihre Wahl, aber dennoch hat es mein Bild von Hochzeitskleidern für immer geprägt). Sie fotografiert mit einer alten Spiegelreflex Kamera. Sie sagt Dinge wie: »Mein ganzes Leben ist eine Dunkelkammer.« Sie ist maximal melodramatisch. Sie ist der Grund, weswegen ich mit fünzehn meinen Namen in Lydia änderte und wahrscheinlich ist sie auch Teil des Grundes, weswegen ich heute immer noch hauptsächlich Schwarz trage.
Marilyn Manson
Ungefähr zur gleichen Zeit, als ich Lydia wurde, fing ich an, weniger wie ein Kind auszusehen und machte die universell verstörende Erfahrung, dass mittelalte Männer plötzlich eine Deutungshoheit ĂĽber meinen Körper hatten, die vollkommen auĂźerhalb meiner Kontrolle lag. Meine Reaktion darauf war eine ausgewogene Mischung aus intensiver Neugier und intensivem Misstrauen. Ich fing praktisch sofort an, nach Rollenmodellen zu suchen, die mir das GefĂĽhl von Kontrolle ĂĽber mein Selbstbild zurĂĽckgeben konnten. Irgendwann im Laufe des Jahres 1998 (ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen), fand ich auf dem Cover des Rolling Stone ein Bild von einem metallisch-ätherischen Alienwesen, das sich sämtlichen Genderkategorien und auch allen ĂĽbrigen Kategorien entzog. Ich war sofort obsessed. Marilyn Manson, der gerade sein Glamrock-Album Mechanical Animals herausgebracht hatte wurde mein stilistischer Leitstern. Ich rasierte meine Haare ab, puderte mein Gesicht weiĂź, experimentierte mit Geisha-Makeup, rasierte meine Augenbrauen ab und trug grellrote Felljacken und Hundehalsbänder und Spitzenhandschuhe. Dadurch, dass ich mich erfolgreich dagegen wehrte, konventionell weiblich auszusehen, und stattdessen dafĂĽr entschied, seltsam und phantastisch auszusehen, holte ich mir ein StĂĽck der verlorenen Kontrolle zurĂĽck.Â
Manson war auch der erste männliche KĂĽnstler, von dem ich eine ganze Weile lang glaubte, ich hätte ein romantisches GefĂĽhle / einen Crush, bis ich irgendwann feststellte, dass die Idee eines Crushes bloĂź die gesellschaftlich konstruierte Version meines GefĂĽhls war. Ich wollte ihn nicht heiraten. Ich wollte er sein.Â