Wenn Journalistinnen innerhalb weniger Wochen zweimal Post von der Anwaltskanzlei Schertz Bergmann erhalten, dann ist eines klar: Die Recherche trifft offenbar einen wunden Punkt. Die Medienanwälte versuchen regelmäßig, für prominente und zahlungskräftige Mandanten Berichte abzuschwächen oder zu verhindern. Wir erhielten direkt ein Schreiben zu einem unserer ersten Newsletter. Darin ging es um ein geheim gehaltenes Gutachten, das der renommierte Energieexperte Felix Matthes für den Stahlriesen Thyssenkrupp verfasst hatte. Das Problem: Matthes leitet derzeit kommissarisch den Wasserstoffrat, während der Stahlkonzern milliardenschwere Subventionen für seine Wasserstoffprojekte kassiert. Ob Matthes für Thyssenkrupp lobbyiert hat, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass er bis heute nicht sagt, wie viel Geld er für das Gutachten bekam. Und ob er noch für andere Firmen arbeitete. Natürlich bleiben wir dran – trotz des Schertz-Briefes.
Einen zweiten Schertz-Brief erhielt Annika vor wenigen Tagen, dieses Mal ging es um Karl-Theodor zu Guttenberg – den CSU-Mann, der einst Verteidigungsminister war, über seine plagiierte Doktorarbeit stürzte und nun in Talkshows, Podcasts und BILD-Artikeln sein Comeback feiert. Mit vollem Namen heißt er übrigens Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester zu Guttenberg, wir nennen ihn hier einfachheitshalber KTG.
In unserem siebten Newsletter widmen wir uns der Verquickung von fossilen und libertären Netzwerken und deren Kampagnenmacher. Wir nehmen euch mit auf einen – zugegeben sehr weiten – Rechercherundflug von Deutschland in die USA bis nach Patagonien, weiter in die Vereinigten Arabischen Emirate, um am Ende bei der FDP (!) zu landen. Wir sind überzeugt: Rechts-konservative, rechtspopulistische und libertäre Netzwerke aufzudecken, ist wichtiger als je zuvor. Viele dieser Akteure arbeiten mit aller Kraft daran, Klimaschutz abzuschaffen, demokratische Regeln zu schwächen und Gesellschaften zu spalten. Wie wir heute sehen werden, hängen diese drei Ziele eng miteinander zusammen. Und dazu gehört auch, Journalistinnen zu diskreditieren, ihnen Angst zu machen, ihre Rechte einzuschränken.
Auch wenn dieser Newsletter etwas lang anmutet – denkt daran: Die Anwälte von reichen und einflussreichen Politikern oder Unternehmern lesen die Texte sehr genau, und immer bis zum Schluss – um etwas zu finden, womit sie Journalisten einschüchtern können.
Die Beiträge schreiben wir aber für euch.
KTG und Peter Thiel

Beginnen wir in Deutschland. Hier sind die libertären Netzwerke weitaus schwächer als in den USA. Aber manche angesehene Personen haben dennoch Kontakte in diese Szene. CORRECTIV hat vor wenigen Tagen Annikas Recherche zu Guttenberg, also KTG, veröffentlicht. Natürlich hatten Annika und ihr Team ihm zuvor eine ganze Reihe von Fragen per Mail geschickt, um seine Sicht der Dinge zu erfahren. Ohne Antwort. Sie schickten diese noch einmal. Wieder keine Antwort. Sie boten ihm ein Gespräch an. Schweigen. Aber wenige Stunden nach der Veröffentlichung des Artikels erhielt CORRECTIV eine Mail der Anwaltskanzlei Schertz Bergmann. Betreff: Löschungsaufforderung. Ein Versuch, die Geschichte verschwinden zu lassen. Allerdings erfolglos. Die Recherche ist natürlich weiterhin bei CORRECTIV zu lesen.
(Opens in a new window)Warum CORRECTIV zu KTG recherchiert? Aus der CDU/CSU hört man, er gelte als möglicher Nachfolger von Merz. Vor allem aber ist KTG ein Geschäftsmann, er sitzt aktuell in Dutzenden Firmen, Denkfabriken und Institutionen. „Immer wieder“, so schreibt Annika in ihrem Text, „kreuzen sich Guttenbergs Wege mit libertären US-Amerikanern.” Über Ultra-Libertäre, MAGA-Anhänger und deren Netzwerke wiederum schreiben wir bereits in mehreren Büchern, darunter in der „Klimaschmutzlobby“ oder der „Milliardenlobby“. Diese oft einflussreichen Netzwerke von Marktradikalen, Trump-Anhängern und Rechtspopulisten versuchen seit Jahrzehnten, Klima- und Umweltgesetze abzuschaffen.
Bei ihrer aktuellen Recherche fand Annika etwa Verbindungen von KTG zu Peter Thiel, dem Trump-Unterstützer und Gründer der umstrittenen Überwachungssoftware Palantir. Ein Milliardär, dem Der SPIEGEL (Opens in a new window) den Status eines „Superbösewichts” zuschreibt. In Annikas Recherche heißt es:
Guttenberg und Thiel kennen sich seit Jahren: Bei einer Charity-Gala im Jahr 2018 erhielt Thiel eine Auszeichnung – und verzichtete auf seine Dankesrede. Stattdessen führte er vor den Gästen einen inszenierten Dialog mit seinem, so wörtlich, „persönlichen Freund“ Guttenberg. Der Abend wurde ausgerichtet von der deutsch-amerikanischen Heritage Foundation, bei Wein und Bier und in einem der „schönsten Gebäude Washingtons“, so die Veranstalter.
KI-Datenzentren in Patagonien
Mittlerweile ist der Libertäre Peter Thiel übrigens nach Buenos Aires umgezogen. In Südamerika könnte der Mitgründer des Konzerns Palantir – eine Firma, die Software baut, mit der Regierungen, Geheimdienste und das Militär Daten sammeln und auswerten können – bald gigantische KI-Datenzentren bauen. Thiel gibt kaum Interviews, seine Strategie wird oft erst klar, wenn er investiert. Aufgrund einer längeren Geschäftsreise durch Paraguay, Chile und Brasilien im Mai und schließlich seiner Umsiedlung nach Argentinien vermuten viele, dass er nach Land und Ressourcen für sein KI-Unternehmen sucht. Eine Möglichkeit ist Patagonien, der dünn besiedelte Süden des Landes. Dort ist Thiel über die Firma Crusoe Energys Systems an der Öl- und Gasförderstätte Vaca Muerta beteiligt. Das trifft sich gut, denn die KI-Datenzentren benötigen viel und günstige Energie für den Betrieb der Server und die Kühlung. Auch die Wasserreserven der Region könnten für die KI-Firmen zum Kühlen nützlich sein. Der Vorteil für Thiel und Co: Es gibt in Argentinien derzeit nur eine schwache staatliche Regulierung für ausländische Firmen (mehr Infos hier (Opens in a new window)). Entsprechend schwach ist auch der Umweltschutz oder die Rechte der Anwohner.
(Opens in a new window)Mehrere Treffen zwischen Thiel und dem libertären argentinischen Präsidenten Javier Milei zeigen, dass er politisch freie Bahn hat: „Da hat sich ein Anarchokapitalist mit einem anderen Anarchokapitalisten getroffen, der die Dinge in die Tat umsetzt“, sagte Präsident Milei kürzlich in einem Interview. Der Argentinier steht Trump und der MAGA-Bewegung nahe. Experten vermuten, dass das südamerikanische Land zu einer Art globalem KI-Labor werden könnte. Dabei geht es nicht nur um mehr Erdgas-Fracking und unkontrollierten Wasserverbrauch, sondern auch um die Vision des Libertären Thiel, den Staat und die Demokratie durch KI zu ersetzen.
Selbst in der konservativen Zeitung „La Nacion” (Opens in a new window), eine Art FAZ Argentiniens, bekommt man es nun mit der Angst zu tun: „KI könnte das demokratische System nicht ergänzen, sondern sich viel mehr als dessen potenzieller Ersatz positionieren”, schreibt der Journalist Jorge Lotti. „Dies würde den Übergang von einer repräsentativen Demokratie zu einer algorithmischen Demokratie bedeuten – ein Szenario, in dem alle Entscheidungen virtuell getroffen würden.” Susanne hat mit Jorge Lotti gemailt. Alles sei noch in einem sehr frühen Stadium, sagt er, könne aber jederzeit recht schnell umgesetzt werden. Erste Gesetze seien derzeit in Arbeit.
Das brächte Libertäre wie Thiel näher an ihr Ziel: eine neue Welt, die von Konzernen statt von Regierungen kontrolliert wird, ergo die Abschaffung des von ihnen verhassten Staates. Mit im Boot: Öl- und Gaskonzerne, die vom neuen KI-Energiehunger profitieren.
KTG, PR-Agenturen und Ölmultis
Zurück zu KTG und seinem Netzwerk. Besonders bemerkenswert für Energie- und Klimainteressierte: KTG saß bis April 2026 in verschiedenen Räten von Edelman, einer US-PR-Agentur, die von Mayonnaise bis Biermarken viele Kunden betreut. Laut Clean Creatives (Opens in a new window), einer Non-Profit-Initiative, die sich an PR- und Werbefachleute richtet, berät Edelman aktuell unter anderem zehn Öl- und Gasriesen (Opens in a new window), darunter den Ölkonzern Adnoc der Emirate, Shell und Chevron. Auf unsere Anfrage, ob die Liste stimme und wie das mit den Firmeneigenen Klimazielen vereinbar sei, erklärt die PR-Agentur: „Wir kommentieren grundsätzlich keine aktuellen oder ehemaligen Kundenbeziehungen.” Dabei schreibt die Agentur auf ihrer Webseite: „We believe climate change is the biggest crisis we face as a society.“
Doch das ist offenbar eher Eigenwerbung der Werbeleute – oder schlicht Greenwashing. Eine besonders enge Beziehung hat die PR-Agentur offenbar zu den Emiraten. Sie war offizieller PR-Berater für den Uno-Klimagipfel COP28 in Dubai (wie auch für die COP30 in Brasilien) und fungiert laut der Liste von Clean Creatives immer noch als Berater für den staatlichen Ölkonzern Adnoc. Um dem autoritären Ölstaat zu einem grünen Image zu verhelfen, kümmerte sich Edelman auch um die sogenannte „Masdar-Initiative“. Dazu gehört etwa eine angeblich klimaneutrale Öko-Stadt mitten in der Wüste nahe Abu Dhabi. Susanne hat während des Klimagipfels 2023 (Opens in a new window) einen Abstecher nach Masdar City gemacht. Eine Führung durch das 20 Milliarden-teure Geisterdorf zeigte vor allem eines: Greenwashing lasst sich der Ölstaat ordentlich etwas kosten. Dort gab es tatsächlich viel PR (auch dank Edelman), aber nicht viel dahinter, wie sie in ihrer Reportage schrieb:
“Wie hoch ist der Anteil der erneuerbaren Energien am Energiemix der Stadt? Wilgen zuckt mit den Schultern, sein Kollege Chris Wan, Nachhaltigkeitschef von Masdar City, überlegt kurz und sagt dann: »So um die 37 Prozent.« Der Rest komme aus dem Stromnetz von Abu Dhabi. Was er nicht sagt: Dort wird Strom zu über 90 Prozent aus Erdgas erzeugt.”
Edelman arbeitete zudem auch für ExxonMobil. Bekanntestes Beispiel ist die Plattform „Exxchange“, bei der unter anderem Facebook-Anzeigen geschaltet wurden. Laut Clean Creatives zielte die Kampagne darauf, öffentlich Stimmung gegen Bidens Klimaagenda zu machen.
Stimmt die Liste der NGO Clean Creatives, denkt Edelman offenbar im Gegensatz zu anderen PR-Firmen, die bereits die Zusammenarbeit mit Öl- und Gaskonzernen beendet haben, nicht daran, sich zu ändern. Die Agentur werde noch lange mit der fossilen Brennstoffindustrie zusammenarbeiten”, zitiert die „New York Times” bereits vor fünf Jahren eine ehemalige Mitarbeiterin. Auch das offizielle Versprechen, keine Aufträge von Klimaleugnern anzunehmen, hält sie damals für „leeres Gerede“.
Und wie kommen wir nun zum Abschluss zur FDP? Ganz einfach: Edelmans Einfluss reicht sogar so weit, dass zwei Mitarbeiter des Unternehmens zwischen 2023 und 2025 als Mitarbeiter von Abgeordneten im Deutschen Bundestag arbeiteten, mindestens einer davon für die FPD.
Wir freuen uns, dass ihr bis hierhin durchgehalten habt – auch, wenn euch vielleicht der Kopf schwirrt.
War sonst noch was?
Bremser der Woche: Marine Le Pen hat in der Hitzewelle „Klimaanlagen“ für alle gefordert. Schuld daran, dass es zu wenige gebe, seien Ökos und Linke. Das ist an Heuchelei kaum mehr zu überbieten. Schließlich haben die französischen Rechten immer wieder die Erkenntnisse des Weltklimarates infrage gestellt, wie Annika in der ZEIT (Opens in a new window) schreibt. Auch Regeln für die Gebäudesanierung (was auch im Sommer kühlt) sowie grünere Städte und Entsiegelung hat Le Pens Truppe stets blockiert. Ähnlich argumentiert natürlich die AfD. Der „Klimawahn” führe durch „ideologische Baufehler“ zu mehr Hitzetoten. Die beste Entgegnung dazu hat unser Kollege Christian Stöcker im SPIEGEL geschrieben (Opens in a new window).
Empfehlung der Woche: Ein kleiner, kluger Band – passt in jede Strandtasche und ist passend zu unserem aktuellen Newsletter:

KI ist für den Philosophen Mühlhoff kein neutrales Werkzeug, sondern bedeutet vor allem: Macht. Wenige Tech-Konzerne sammeln Daten, steuern Verhalten und beeinflussen, was als „Wahrheit“ gilt. Ohne klare Regeln begünstigt das autoritäre Entwicklungen und kann zu einem neuen Faschismus führen. In Tech-Kreisen verbreitete Weltanschauungen knüpfen laut Mühlhoff an eugenisches, antiegalitäres Denken von faschistischen Ideologien des 20. Jahrhunderts an. Sehr lesenswert.
Bleibt heiter und stabil!
Eure Annika und Susanne