
(oder: Warum Bänke und Smartboards oft weniger lehren als ein Waldweg, ein Rascheln im Laub und ein offenes Ohr)
Wenn ich morgens meinen Rucksack schultere, die Tür hinter mir schließe und den Asphalt gegen Blätterrascheln und Vogelrufe tausche — dann steige ich nicht nur aus dem Alltag aus, sondern in etwas Größeres ein. Ich steige ein in Möglichkeitsräume. Räume, die alle Sinne wecken. Räume, die Lernen erlauben, ohne dass irgendwo ein Stundenplan im Wind klappert. Ich betrete Räume, in denen Menschen wieder spüren dürfen, dass Lernen nicht etwas ist, das „von oben“ kommt — sondern von innen wächst.
Doch zu erst: Wie ich „lehren“ verstehe – ein Bild, das älter ist als jede Schulbank
Bevor ich erzähle, warum ich lieber draußen lehre als im Klassenraum, möchte ich etwas Wichtiges erklären: Was für mich „Lehren“ überhaupt bedeutet.
Denn das Wort ist für viele schwer belastet:
Lehrer = Wissensvermittler, autoritär, allwissend.
Lehrer = vorne. Lernende = hinten, nichts wissend.
Lehren = erklären, korrigieren, bewerten, von oben herab.
Dieses Bild entspricht weder meiner Erfahrung wie gutes Lernen funktioniert noch dem, was viele Kulturen seit Jahrhunderten unter „Lehre“ verstehen – besonders nicht die nordamerikanischen indigenen Traditionen, auf deren Mentoring-Philosophie viele naturpädagogische Arbeitsweisen im Westen basieren. Dort ist Lehren kein von-oben-nach-unten-Prozess, sondern ein Gemeinschaftsprozess. Ein wechselseitiges Geschehen. Ein Miteinander von Mensch zu Mensch, Natur zu Mensch und Mensch zu Natur. Genau dieses Bild prägt auch meine Arbeit.
Mentor statt Wissensverteiler
In vielen indigenen Gemeinschaften Nordamerikas ist ein Lehrer (im Folgenden verwende ich die männliche Form des Begriffs. Dies dient lediglich der Vereinfachung. Selbstverständlich möchte ich alle Geschlechter in diesen Begriff einschließen und ansprechen!) kein Mensch, der vorne steht und Wissen „eingießt“. Er ist ein Mentor, ein Wegbegleiter, ein Mensch, der Lebenserfahrung teilt und Lernräume öffnet. Er vermittelt das, was die Gemeinschaft trägt: Werte, Beziehung, Verbindung. In der Tradition der Anishinaabe etwa gibt es die Sieben Großvaterlehren (Opens in a new window): Liebe, Respekt, Tapferkeit, Wahrheit, Ehrlichkeit, Demut und Weisheit. Diese Werte sind keine „Extrathemen“, sondern Grundlagen allen Lernens. Man lernt sie durch Erfahrung, durch Beobachtung, durch Beziehung – nicht durch Frontalunterricht.
Ganzheitliches Lehren
Ein Lehrer kennt das Leben seiner Schüler:innen. Er sieht nicht nur, was sie lernen, sondern wie sie leben, denken, fühlen. Er fragt nicht: „Wie gut kannst du etwas auswendig?“ Sondern: „Wie wächst du damit? Wie nutzt es deiner Gemeinschaft?“
Lernen als Beziehung – nicht als Abfrage
Lehren bedeutet dort: Geschichten hören und erzählen, Zusammen Lösungen finden, Konflikte im Miteinander klären, mit der Gemeinschaft wachsen und vor allem: In Verbindung mit der Natur sein – nicht getrennt von ihr. Das hat nichts mit Romantisierung zu tun. Es ist ein konkretes, praktisches Verständnis: Lernen ist dann echt, wenn es beziehungsorientiert, erfahrungsbasiert und in die Gemeinschaft und Natur eingebettet ist.
Harmonie mit der Natur
In vielen dieser Traditionen ist Natur kein „Gegenstand“ des Lernens, sondern Partnerin. Sie ist Lehrmeisterin. Sie ist Spiegel. Sie ist Teil des sozialen Gefüges. Diese Sichtweise fließt in meine Arbeit ein – nicht als kulturelle Aneignung, sondern als wertschätzende Inspiration: Lehren ist ein Zusammenspiel zwischen Menschen und Landschaft, zwischen Fragen und Antworten, zwischen Erfahrung und Bedeutung.
Wenn ich also sage, dass ich „lieber in der Natur lehre“, dann meine ich das in diesem Sinne: Lehren als Beziehung. Lehren als Miteinander. Lehren als gemeinsames Staunen. Lehren als Mentoring, nicht als Durchpauken.
Und genau deshalb führt mich mein Weg raus aus dem Klassenraum — und hinein in die Natur.

1. Weil Natur Räume eröffnet, wo starrer Unterricht scheitert
Klassenzimmer sind oft eng: Raum, Zeit, Inhalte — alles vorgegeben. Dort hängt das Wort Lernen wie ein großes Schild über jedem Stuhl, jeder Tafel, jedem Zentimeter. Viele Menschen, darunter auch Erwachsene, haben tief verinnerlicht: Lernen ist etwas, das man aushalten muss. Etwas, das bewertet, beobachtet, verglichen wird. Etwas, das man meistens falsch macht, bevor man es richtig macht.
Draußen ist das anders. In der Natur hat Lernen kein Logo. Kein „Jetzt muss ich funktionieren“-Unterton. Kein Gebäude, das diktiert, wie man sich zu verhalten hat, wo man hin darf, wo man ruhig sein muss, wo man sitzen muss.
Deshalb erlebe ich dort immer wieder das Gleiche: Menschen fangen „aus Versehen“ an zu lernen. Sie finden eine Spur. Eine Struktur auf einem Blatt. Einen Stein mit Muster. Und plötzlich ist die Neugier wieder da — leise, aber kraftvoll.
Genau diese Form des unbemerkten Lernens wurde in vielen Projekten des „Draußen-Lernen“ dokumentiert: Kinder und Erwachsene zeigen draußen deutlich höhere Lernfreude, intrinsische Motivation und emotionale Beteiligung. (Quelle: „Draußen lernen macht Schule (Opens in a new window)“, Fachportal Bildung für nachhaltige Entwicklung SH)