Ein Papier, das öfter verschwand als der Ausschussvorsitzende beim Tagesordnungspunkt
Ausgabe vom Mittwoch, 17. September 2025 - Teil 1
Vorspiel im Sitzungssaal
Altentreptow, Mittwoch. Es ist wieder einer dieser Tage, an denen die Stadt atmet wie ein alter Ofen: knarzend, hustend, voller heißer Luft. Im Rathaus rascheln die Blätter, und alle wissen, dass etwas Großes bevorsteht. Nein, kein Weltrekord, kein Durchbruch in der Stadtplanung, nicht einmal ein neuer Blumenkübel für den Marktplatz. Heute geht es wieder einmal um den Antrag. Wer jetzt gähnt, hat das Ritual noch nicht verstanden. Der Antrag ist hier keine schnöde Formalie, er ist das Herzstück unserer politischen Folklore. Er kommt nie zur Ruhe, wird nie beschlossen oder endgültig verworfen, sondern geistert wie ein rastloser Geist durch die Protokolle, um immer wieder aufzutauchen, sobald man denkt, man sei ihn los.
Schon beim Betreten des Saals wird klar: Es geht nicht um Inhalte, es geht um Haltung. Bransel, unser Dauer-Antragsteller, poliert seine Brille so nervös, als hinge die Zukunft der Demokratie vom Glanz der Gläser ab. Gisela Grabowski packt ihre Thermoskanne wie eine Waffe aus und setzt sich in Stellung. Manfred Muffke schwitzt schon, noch bevor er den Deckel seiner Mappe „Großprojekt“ öffnet. Meister Munter lehnt gelassen mit Schiebermütze und Notizheft an der Wand. Und Herr Kantig, neu im Spiel, sitzt kerzengerade, die Arme verschränkt, mit dem Blick eines Mannes, der jeden Moment in eine Schlägerei mit dem Papier selbst starten könnte.
(Opens in a new window)Der Antrag als Offenbarung
Wenn Bransel spricht, wird der Antrag zur Offenbarung. Er steht am Pult, die Stimme schwankt zwischen Predigt und Protokoll, und er hebt die Mappe so hoch, dass man fast glaubt, er wolle die zehn Gebote verlesen. „Meine Damen und Herren, wir stehen erneut am Scheideweg“, beginnt er. Ich könnte schwören, er hat diesen Satz schon bei der letzten Sitzung gesagt. Und bei der davor. Wahrscheinlich sogar beim Richtfest der neuen Halle, wo er feierlich erklärte, dass die Halle „der Magnet für Jugend und Zukunft“ sei, während die Jugendlichen draußen lieber TikTok-Videos drehten. Herr Kantig schnaubt laut, so dass alle Köpfe zu ihm drehen. „Scheideweg?“, murmelt er, „ich seh hier nur Einbahnstraßen.“ Gisela springt sofort auf, als sei sie durch einen unsichtbaren Stromschlag aus ihrer Thermoskanne getrieben worden. „Das ist eine Schande!“ ruft sie, „immer diese Respektlosigkeit! Wir haben doch eine Verantwortung gegenüber der Jugend!“ Manfred Muffke blättert hektisch in seiner Mappe, als wolle er beweisen, dass er irgendwo schon einmal notiert hat, was „Verantwortung“ konkret heißt. Nur Meister Munter bleibt ungerührt. Er schreibt eine kleine Skizze: Ein Antrag mit Engelsflügeln, der über dem Rathaus schwebt, während darunter Bürger mit hochgezogenen Augenbrauen stehen. Ich lache in mich hinein. Baron Tollensius, mein Hund, hebt den Kopf und gähnt. Er weiß längst: Der Antrag ist keine Lösung, er ist ein Glaubensbekenntnis.
Die Liturgie der Wiederholung
Der wahre Zauber der Anträge liegt in der Wiederholung. Bransel liest Passagen, die wir schon kennen. „Die Bürger erwarten Entscheidungen!“, donnert er. Gisela nickt so heftig, dass ihre Dauerwelle vibriert. Muffke wischt sich den Schweiß von der Stirn und versucht, den Anschein von Wichtigkeit zu wahren, indem er seine Mappe demonstrativ zuklappt. Herr Kantig ballt die Fäuste. „Entscheidungen? Ihr redet doch seit Monaten im Kreis!“, ruft er. Das Raunen im Saal ist spürbar. Jemand räuspert sich. Bransel verliert kurz den Faden, sucht hektisch in seinen Papieren und wiederholt einfach den selben Satz noch einmal, diesmal lauter. „Die Bürger erwarten Entscheidungen!“ Manchmal glaube ich, Bransel wäre der perfekte Chorleiter: Er braucht nur einen Satz, und alle singen mit. Gisela springt auf und wiederholt empört, dass es so nicht weitergehen könne. Muffke ruft etwas von „großer Verantwortung“. Frau Pusemuckel ist diesmal nicht da, aber ich schwöre, man spürt ihre Aura des Nicken-Müssens durch die Wände. Meister Munter notiert nur zwei Worte: „Deja-vu-Sitzung.“ Und Baron Tollensius dreht sich dreimal um sich selbst, legt sich wieder hin und schließt die Augen. Sein Urteil: uninteressant.
Herr Kantig im Ring
Herr Kantig allerdings ist keine Zierfigur. Er lehnt sich vor, schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch und sagt: „Ein Antrag, der nichts ändert, ist kein Antrag. Das ist ein Witz.“ Alle sind still. Man hört die Uhr ticken, man hört meinen Bauch knurren, man hört, wie Gisela entsetzt nach Luft schnappt. „Ein Witz? Ein Witz? Das hier ist ernsthafte Politik!“, zetert sie. Muffke wischt sich die Stirn und ruft: „Wir arbeiten hart!“ Bransel stammelt: „Aber… aber… die Jugend…“ Kantig lehnt sich zurück, verschränkt die Arme und sagt kühl: „Die Jugend lacht über euch.“ Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen man spürt, dass Wahrheit den Raum füllt. Niemand weiß, wie man darauf reagieren soll. Nur Meister Munter schreibt gelassen: „Herr Kantig: Wahrheit wie Ohrfeige.“ Ich beschließe, dass Kantig dringend öfter eingeladen werden sollte. Ein Mann, der es wagt, die Luft aus dem Antrag zu lassen, ist hier fast schon Revolutionär. Baron Tollensius hebt zustimmend eine Pfote.
Kaffee, Kichern und Katastrophen
Die Sitzung zieht sich, wie immer. Filterkaffee, der längst bitter schmeckt. Neonröhren, die summen, als wollten sie selbst das Wort ergreifen. Bransel blättert, Gisela zetert, Muffke schwitzt, Munter schreibt, Kantig knurrt. Ich kicher, leise erst, dann lauter. Ein paar Köpfe drehen sich. „Ungehörig“, zischt jemand. Aber wie soll man ernst bleiben, wenn zum dritten Mal in einer Stunde feierlich verkündet wird, „wir müssten endlich zu Entscheidungen kommen“, während alle genau wissen, dass die Entscheidung des Abends darin bestehen wird, einen weiteren Termin anzusetzen? Ich schaue zu Baron Tollensius, der inzwischen schnarcht. Der Hund ist klüger als die Versammlung. Er hat längst begriffen, dass der Antrag nicht lebt, er wiederholt sich nur. Vielleicht sollte man ihn gleich in die Kirchenordnung aufnehmen: „Und der Antrag sprach: Es werde Papier. Und es ward Papier.“
Kantigs Donnerwetter und Giselas Oper
Es war nur eine Frage der Zeit, bis Herr Kantig und Gisela Grabowski frontal aufeinanderprallen würden. Man konnte die Spannung schon riechen, noch bevor die beiden überhaupt den Mund aufmachten – ein Duftcocktail aus Kantigs Pfefferminzkaugummi und Giselas Thermoskannen-Aroma. Kantig, mit verschränkten Armen und dieser Art von Stirnfalte, die aussieht, als hätte man sie in Beton gegossen, knurrte plötzlich: „Wenn wir hier noch länger über den Antrag reden, haben wir bald einen Antrag auf Frührente für das ganze Gremium.“ Es war dieser trockene Satz, der wie eine Ohrfeige durch den Saal hallte. Gisela sprang auf, so abrupt, dass ihre pinke Jacke knisterte wie eine Bonbontüte, die man heimlich im Kino aufreißt. „Das ist eine Unverschämtheit!“, rief sie mit zitternder Stimme, die irgendwo zwischen Empörung und Opernfinale schwebte. „Wir kämpfen hier für die Jugend, für die Zukunft, für die Werte unserer Stadt!“ Manfred Muffke blätterte nervös in seiner Mappe, als suche er die Partitur zu Giselas Arie. Bransel starrte verzweifelt auf seine Unterlagen, als hoffe er, die Worte „Scheideweg“ und „sozialverträglich“ würden ihm zur Rettung springen. Meister Munter schrieb ungerührt ins Heft: Kantig gegen Grabowski – erster Satz an Kantig. Ich selbst konnte nicht mehr an mich halten und lachte laut auf. Ein paar Köpfe drehten sich, ein paar Stirnen runzelten sich. Baron Tollensius legte den Kopf schief, als wolle er sagen: „Na endlich, jetzt wird’s spannend.“
Muffkes Mappe als Waffe
Manfred Muffke ist einer dieser Menschen, die schwitzen, noch bevor sie überhaupt angefangen haben. Er trägt sein Hawaiihemd mit einer Mischung aus Stolz und Verzweiflung, und seine Mappe „Großprojekt“ ist sein Talisman. Wenn die Stimmung kippt, schlägt er sie auf wie ein Ritter sein Schwert. Heute war es wieder soweit. „Meine Damen und Herren!“, keuchte er, „wir müssen doch bedenken, dass…“ – er blätterte hektisch, während sich der Schweiß auf seiner Stirn sammelte wie Regen in einer Dachrinne. „…dass der Antrag auch wirtschaftliche Folgen haben wird!“ Der Saal raunte. Nicht, weil irgendwer verstand, was Muffke meinte, sondern weil er „wirtschaftlich“ gesagt hatte. Dieses Wort wirkt in Sitzungen wie Zauberei. Es ist ein Joker, den man zieht, wenn man keine Argumente mehr hat. Gisela nickte eifrig, als hätte Muffke soeben die Offenbarung verkündet. Bransel griff sofort nach dem Begriff und wiederholte ihn, diesmal mit mehr Pathos: „Ja, wirtschaftlich! Ganz genau! Wir müssen die Wirtschaft im Blick behalten!“ Kantig lachte nur trocken und brummte: „Die einzige Wirtschaft, die ich hier sehe, ist die in der Bahnhofstraße, und da kostet das Bier weniger als euer Papier.“ Ein kollektives Zucken ging durch die Reihen. Muffke klappte seine Mappe zu, als sei er gerade besiegt worden. Meister Munter schrieb: Muffkes Mappe – stumpfes Schwert. Baron Tollensius nieste laut. Ich schwöre, es klang wie ein Kommentar: „Gesundheit? Von Wirtschaft keine Spur.“
Die Sitzung als Theaterstück
Manchmal glaube ich, diese Sitzungen sind weniger politische Prozesse als vielmehr Theateraufführungen mit festgelegten Rollen. Bransel ist der Priester, der seine Gebete murmelt. Gisela die Operndiva, die keine Gelegenheit für Pathos auslässt. Muffke der Schweißtreibende, der ständig zwischen Statist und tragischer Figur schwankt. Meister Munter ist der Chronist, der lakonisch kommentiert. Herr Kantig ist der Quoten-Rebell, der mit trockenen Wahrheiten alles durcheinanderbringt. Und ich sitze im Publikum, als Kritikerin, die sich wundert, warum die Eintrittskarten immer teurer werden, obwohl das Stück Jahr für Jahr dasselbe ist. Baron Tollensius ist dabei die eigentliche Hauptfigur, auch wenn er nur schläft oder gähnt. Die Bürger, die ab und zu reinschauen, spielen die Rolle der Statisten, die die Lücken füllen, damit es nach Demokratie aussieht. Heute war die Handlung besonders durchschaubar: Antrag wird gestellt. Antrag wird diskutiert. Antrag wird dramatisiert. Antrag wird verschoben. Und zum Schluss klatschen alle höflich, als hätte man gerade Hamlet gesehen, obwohl man in Wahrheit bloß eine Stunde lang dabei war, wie ein Stapel Papier hin- und hergeschoben wurde. Ich schwöre, wenn man im Programmheft nachschlagen könnte, stünde dort: „Der Antrag, eine Tragikomödie in unendlichen Akten.“
Kantigs zweiter Auftritt
Wie jeder gute Theaterabend brauchte auch dieser eine zweite große Szene. Und Herr Kantig lieferte sie mit der Gelassenheit eines Mannes, der schon zu viele Stammtische hinter sich hat, um noch Ehrfurcht vor einem Antrag zu haben. „Ihr nennt das hier Politik?“, fragte er laut, während Bransel gerade die nächste Seite mit bedeutungsvoller Stimme vorlas. „Das ist Bürokratie-Yoga. Ihr verbiegt euch, bis keiner mehr versteht, was ihr überhaupt wollt.“ Ein leises Kichern ging durch die Reihen. Gisela fauchte, Muffke schwitzte, Bransel stotterte, Munter grinste, ich klatschte innerlich. Baron Tollensius hob eine Pfote, als wolle er zustimmen. Kantig fuhr fort: „Ein Antrag, der nie beschlossen wird, ist wie ein Bier, das man bestellt und nie eingeschenkt kriegt. Man redet drüber, man freut sich drauf, man prostet schon mal – und am Ende bleibt das Glas leer.“ Die Wirkung war enorm. Selbst die Ratsmitglieder, die sonst wie Felsbrocken im Fluss der Langeweile sitzen, mussten schmunzeln. Gisela tobte. „Das ist respektlos!“ rief sie. Kantig zuckte nur mit den Schultern. „Respekt gibt’s in der Wirtschaft – beim Wirt. Hier gibt’s nur Papier.“
Epilog mit Hundeblick
Als die Sitzung sich endlich in Richtung Ende quälte, hatte niemand das Gefühl, dass etwas beschlossen war. Aber alle taten so, als sei es ein Erfolg. Bransel sammelte seine Papiere, Gisela ihre Thermoskanne, Muffke seine Schweißtropfen, Munter seine Notizen. Kantig verließ den Saal mit dem zufriedenen Lächeln eines Mannes, der weiß, dass er zumindest die Wahrheit ausgesprochen hat. Ich selbst stand auf, atmete tief durch und dachte: Der Antrag lebt weiter, er bleibt unsterblich. Er wird wiederkommen, wie eine schlechte Fernsehserie, die man schon dreimal abgesetzt hat, die aber trotzdem immer wieder im Spätprogramm läuft. Baron Tollensius trottete hinaus, schnupperte an einem Laternenpfahl und hob das Bein. Kein Antrag, keine Sitzung, kein Protokoll. Nur eine klare Entscheidung, direkt und ohne Umschweife. Und ich dachte: Vielleicht sollte man ihn in den Rat wählen. Er würde weniger reden, mehr handeln – und vor allem: nicht beantragen, sondern tun.
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Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.
Altentreptow, Mittwoch, 17. September 2025
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