Auf Tour/Meister Timmy/Schümer Hörbuch/Macron und Merz Doku/ Rezepte

Am Morgen nach dem vorletzten Auftritt unserer „Was bisher geschah“-Tour ist die Rezeption des seltsamen, familiengeführten Hotels mit einer älteren Servicekraft besetzt, die, wie sie sagt, schnell für den Chef einspringt. Alles sei vorbereitet, wiederholt sie, dabei macht sie ein gutes Tempo: Sie legt das Kartenlesegerät hin, ruft die Summe auf und wünscht uns beinahe schon eine gute Heimreise. Simone, unserer Producerin, kommt der Betrag ungewöhnlich hoch vor. Sie lässt sich einen Ausdruck der Rechnung geben, und die geht nicht auf: Vier Reservierungen haben wir vorgenommen, vier Übernachtungen absolviert und zu viert gefrühstückt. Aber auf der Rechnung steht das alles für fünf Personen. Der Chef wird angerufen, die Rechnung blitzschnell korrigiert. Der Wirt erscheint mir wie einer, der penibel um jeden Euro streiten würde, wenn er sich im Recht wähnt. Nun löscht er ohne jede Debatte etwas über hundert Euro von unserer Rechnung. Eine gute Erklärung gibt es nicht, daher bleibt ein ungutes Gefühl: Da will man schon einem unabhängigen Hotel helfen, bucht nicht bei einer Kette, und nun das.
So ging es mir vor Jahren mit einem kleinen, netten Uhrmacher in der Nachbarschaft. Der Mann rief immer neue, irgendwie recht hohe Summen auf, aber die Uhr lief nicht. Sein Kollege in einem anderen Laden richtete es dann für einen Bruchteil des Geldes.
Als Kunde gibt man sich der Illusion hin, nur die digitale Welt sei gefährlich. Analoge Anbieter wüssten hingegen zu schätzen, dass man unabhängigen Unternehmern eine Chance gibt.
Im Netz sichere ich mich selbstverständlich ab. Ich bin nicht sooo leicht zu täuschen, aber doch einmal beim Füllerkauf auf chinesische Gauner hereingefallen, die sich als schwäbische Papeterie mit Rabatt wegen Umbaus ausgaben. Das war gut gemacht, aber PayPal hat mir den Betrag umstandslos zurückerstattet. Aber Auge in Auge mogeln? Unlängst ging es meiner Frau so, in einem französischen Gemüseladen, in dem wir seit Jahrzehnten einkaufen. Plötzlich standen zwei Kilo Spargel auf ihrer Rechnung, die sie gar nicht gekauft hatte. Einspruch, komische Storys zur Entlastung, schließlich der Schwur auf das Leben meiner Söhne! Na ja.
Umgekehrt klagen viele Einzelhändler über die geradezu leistungssportlich betriebene Klaupraxis in ihren Läden. Eine Dame aus einem Klamottenladen in unserer Straße berichtete fassungslos, wie einmal ein älterer, korrekt wirkender Mann zahlreiche Sonnenbrillen anprobierte, bevor er sich mit einer davon aus dem Staub machte. Und im Rewe meines Vertrauens, aka le rêve, müssen zeitweise die Rindersteaks besonders gesichert werden, weil Gauner mit Sporttaschen größere Mengen davon mitgehen lassen. Mit blanker Not lassen sich solche Stunts nicht erklären. Vielleicht aus Langeweile?
Eigenartigerweise hat mich die Erfahrung in dem kleinen Hotel auch versöhnt, nämlich mit meinem Instinkt, modern gesagt: Bauchgefühl. Es gibt beklemmende Orte und schief lächelnde Typen, denen ich von klein auf misstraue. In besagtem Hotel beschlich mich dieses Gefühl schon beim Einchecken: Die vielen Hinweisschilder und Ermahnungen, die Einrichtung, alles war wie aus der engen, alten Bundesrepublik meiner Kindheit. Damals waren wir viele Kinder, und in vielen Kiosken und Läden wurde beim Wechselgeld gemogelt. Es war immer noch wie bei Erich Kästners „Emil und die Detektive“: Kinder und ihr Geld waren leichte Beute. Meine Vernunft legte aber sogleich Einspruch ein: Die Zeiten haben sich doch geändert. Welcher Wirt sollte betrügen, wenn jeder ihn im Netz bewerten kann?
Aber manche Leute denken eben nicht über ihren nächsten Spielzug hinaus. Der amerikanische Präsident nicht und dieser Wirt eben auch nicht.
Roger Willemsen hätte sich gefreut: Ist es nicht toll, dass es sie noch gibt – verschlagene, böse Männer aus der deutschen Provinz im Trainingsanzug und in Adiletten mit Socken? Wahre Gemeinheit ist doch selten geworden.
Mein Kindheits-Ich hatte jedenfalls wieder Oberwasser: Ha! beziehungsweise: Siehste!

Auch in dieser Woche ist uns der erschöpfte Meeressäuger Timmy ein weiser Lehrmeister und Symbol des ganzen Landes. Ratloser als Schwarz-Rot in Zeiten von Trumps Iran-Krieg habe ich selten eine Bundesregierung erlebt.
Große Krisen verlangen nach großen politischen Konzepten, und in unserem Fall heißt die Lösung Europa. Stattdessen verliert sich Schwarz-Rot in Reformen des Steuerrechts und der Krankenkassen und erfindet den Tankrabatt.
Jeden Morgen kurz vor acht stauen sich in der Straße vor unserem Haus die dunkellackierten, neuwertigen Porsche Cayennes sowie andere dicke Verbrenner von BMW, Mercedes und Audi – ich schätze mal: im Gesamtwert des saarländischen Landeshaushalts. Am Steuer: viele Dienstwagenfahrer, Bankster auf dem Weg nach Frankfurt und rüstige Sportfreunde auf dem Weg zum Golfplatz. Ihnen greift die Gemeinschaft der deutschen Steuerzahler nun zwei Monate lang mit einer Blitzhilfe unter die Arme. In Frankreich gibt es auch Hilfen für bedürftige Vielfahrer, aber die sind an Einkommens- und Tätigkeitsnachweise geknüpft. Hier genießen auch jene verbilligten Sprit, die zu Hause einen Geldspeicher haben und so kleine Summen auf ihren Kontoauszügen gar nicht entdecken.
Immer noch keine Aussage des Kanzlers darüber, was die Krise bedeutet, was wir aus ihr lernen können. Emmanuel Macron bringt es auf den Punkt: Gegenwärtig stehen der amerikanische, der russische und der chinesische Präsident gleichzeitig gegen europäische Interessen. Welche Folgen zieht die europäische Politik daraus? Eurobonds? Ein intensiviertes Kerneuropa?
Die Antwort der Bundesregierung ist derzeit ein nach Maßgabe der Boulevardzeitung inszenierter Versuch, mit Schulden und Steuern eine Rückkehr in die siebziger und achtziger Jahre zu bewerkstelligen. So wie der leidende Wal mit Seilen und Pontons zum Atlantik geschleppt werden soll, wo er dann, so der Wal-Wunderglaube, fit wie Flipper in die Kameras winkt, so wollen Teile der Union die ganze Republik zu irgendwelchen guten Zeiten zurückbugsieren, als Autos und Atomkraft die Zukunft waren. Nichts davon wird klappen.
In den Parteien der Koalition gibt es genügend Menschen, die es besser wissen, aber alle warten ab. Niemand wagt sich aus der Deckung. Also liegt die größte Volkswirtschaft Europas abwartend auf der Sandbank. Wir sind Timmy.
Ein völlig unerwartet erhellender Moment der Tournee-Reise war ein Besuch im Paderborner Dom. Er ist gut in Form, ansprechend renoviert und nach wie vor ein wirklich beeindruckendes Bauwerk, in dem man mühelos Stunden verbringen kann. Ich spazierte so vor mich hin und entdeckte in der Brigidenkapelle eine Installation mit Farbfotografien aus der alten Bundesrepublik. Ich näherte mich in der Erwartung, über seltsame Frisuren und bunte Nickipullover lächeln zu können. Aber es war etwas anderes: Zu den Fotos hatten Betroffene sexueller Gewalt und geistlichen Missbrauchs durch Kirchenmänner ihre Geschichten und Gedanken aufgeschrieben. Der Künstler Christoph Brech realisierte dazu den Gedenkort „memory – AUFDECKEN + ERINNERN“. Das Erzbistum Paderborn stellt sich einer immensen Schuld durch eine Installation mitten im Dom.

Zu den ganz großen Vergnügen der letzten Jahre zählen für mich die historischen Romane von Dirk Schümer: „Die schwarze Rose“ und „Die schwarze Lilie“. Zeitmaschinen gibt es ja leider noch nicht, aber mit dieser Prosa rauscht man mitten hinein in ein turbulentes Mittelalter, in dem uns manches fremd, manches aber allzu vertraut vorkommt. Eine sehr gute Lehrstunde in mittelalterlicher Philosophie und Politik ist es übrigens auch noch – und sehr lustig.
Wer sich der Sache akustisch nähern möchte, kann jetzt auf die Hörbücher zurückgreifen, ganz einfach in ARD Sounds beziehungsweise in der ARD Audiothek.
https://www.swr.de/kultur/literatur/dirk-schuemer-die-schwarze-lilie-104.html (Opens in a new window)In der Frage der deutsch-französischen Kooperation bin ich zugegebenermaßen und ganz entgegen meinem sonstigen Naturell ein Ultra, denn es ist mir nie genug. Ich verstehe beispielsweise nicht, warum es in den großen öffentlich-rechtlichen Sendern nicht einmal pro Monat eine gemeinsame politische Talkrunde gibt, in der bekannte Moderatorinnen und Moderatoren Menschen aus beiden Ländern befragen, abwechselnd und live aus Berlin und Paris. „Wetten, dass..?“ aus Mallorca ging doch auch, irgendwie.
Na ja. In der großen Politik bin ich ähnlich ungeduldig. Unseren Nachfahren werden beide Länder vorkommen wie uns heute Bayern und NRW – verschieden und doch verbunden. Der Nationalstaat hingegen, der niemanden mehr schützt, obwohl er es behauptet, wirkt heute schon wie politische Folklore.
Jedenfalls hat mich die zweiteilige Doku von Manuel Saint-Paul beruhigt: Es geht doch einiges voran zwischen Kanzler und Président. Ich habe mich auch gefreut, Heiko Maas in der Rolle des Kommentators zu sehen.
https://www.arte.tv/de/videos/131632-001-A/macron-merz-hinter-den-kulissen-der-macht-1-2/ (Opens in a new window)Unser Freund Nigel Slater hat eine besonders schöne Einkaufstour vollendet und entdeckt in dieser Woche die grüne Soße – Gruß aus Hessen: Grie Soß hätte Goethe gesagt.
https://observer.co.uk/style/food/article/nigel-slaters-kitchen-diary-courgettes-pancetta-haricot-and-green-sauce (Opens in a new window)Alternativ ein Klassiker von Jean-François Piège:
https://youtu.be/M3Q1yURiJ64?si=ZSvCQeoWY-ihmqNu (Opens in a new window)Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
PS: In der kommenden Woche mache ich eine Pause, die nächste Ausgabe des siebten Tags kommt am 9.Mai