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Bisschen long time no read,

ich weiß. Das liegt daran, dass ich das Pausemachen und das Priorisieren übe und nur schreiben will, wenn ich was zu schreiben habe. Außerdem hat mich leider meine Angst gestört, und wenn sie das tut, dauert das meiste etwas länger. Please have Geduld mit mir and find attached Rezensionen von guten Büchern, Selbstgemachtes, eine Beobachtung und meine Kolumne, deren Titel auch ein Song sein könnte.

Sei unbedingt lieb zu dir und sehr gegrüßt!

Deine Rike

Gelesen: Unruhe von Sarah Hübner

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In Ruhe ist die Welt noch in Ordnung. Der Ort liegt weit draußen, es gibt viel Natur und überall baumeln die Seelen. Aber plötzlich herrscht Unruhe in Ruhe, weil mitten auf dem Marktplatz ein riesiges Loch klafft und alles durcheinanderbringt. Es wird abgesperrt, spekuliert, Angst gehabt, ruhig geblieben, wütend geworden - alles, was Leute so machen, wenn die Welt nicht mehr so ist, wie sie war. Die angeforderten Wissenschaftler*innen sagen, das Loch sei Zufall, aber irgendwer MUSS doch die Schuld haben und irgendwas MUSS doch helfen und schon wird abgeschwurbelt und losgehetzt - und dieses Buch ist die mit dem schönsten Bleistiftstrich gezeichnete Sozialstudie, die du dir kaufen kannst. Die Geschichte ist leicht, aber so klug erzählt und ich freue mich sehr, dass Unruhe der Debüt-Comic von Sarah Hübner war und da hoffentlich noch viel mehr kommt.

Unruhe von Sarah Hübner. Erschienen bei Jaja Verlag. 24 €.

Gelesen: Tatu und Patu und ihre verrückte Zugfahrt von Aino Havukainen und Sami Toivonen

Tatu und Patu haben wir gelesen, als mein Sohn klein war. Der ist jetzt 16 und hat sich über dieses Buch gefreut, obwohl er gar nicht mehr liest. Tatu und Patu sind zwei Brüder, die in verschiedenen Büchern verschiedene Sachen erleben, die aber immer genau richtig durchgeglüht sind. In diesem fahren sie das erste Mal allein mit dem Zug. Sie sind aufgeregt, freuen sich, haben Angst, spielen hektisch mit der Armlehne, lieben das Bordbistro und machen, was Kinder eben so im Zug machen. Es ist ein herrliches Chaos und die beiden sind so nahbar und liebenswert und irre, dass sich alle Kinder beim Lesen fahrplanmäßig abgeholt fühlen werden und mitlesende Erwachsene merken können, dass sie sich zum Thema Kinder im Zug durchaus mal ihren Stock aus dem Arsch ziehen sollten.

Ich empfehle dieses Buch für alle Zugfans und Familien, die Zug fahren und Zug fahrende Leute, die die Augen rollen, wenn Familien einsteigen.

Tatu & Patu und ihre verrückte Zugfahrt von Aino Havukainen und Sami Toivonen. Ab 4. Erschienen bei Thienemann. 15 €

Achtung Eigenlob

Ausgezeichnet: Hört mal! Stille Brülle-Post-Leporello

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Durch unsere Straße läuft regelmäßig ein Typ. Kapuzenpulli, langer Bart, strubbelig. Eine Weile hat er dabei immer gebrüllt und ich habe mich gefragt, was er brüllt und wie es wäre, wenn er, den Satz brüllend, durch die ganze Stadt läuft und alle etwas anderes verstehen. Wie Stille Post, nur mit Brüllen. Da habe ich dem Mann den Anfangssatz “Ihr könnt euch mal gehackt legen” in den Brüllmund geschrieben und alle in diesem laaaangen Leporello etwas anderes hören lassen. Der beste kunstanstifter Verlag hat das Manuskript gleich gut gefunden und wir alle haben sofort die schönsten Farben und Illustrationen von Nele Palmtag geliebt. Guck mal, wie toll das Buch ist (3sat findet das auch):

https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/kinderbuchtipp-hoert-mal-100.html (Opens in a new window)

Und als wäre das nicht schön genug, hat die Stiftung Buchkunst Hört mal! als eines 25 der schönsten deutschen Bücher prämiert. Jetzt darf ich diesen großartigen Aufkleber auf unser Buch machen und mich jeden Tag freuen - und ihr dürft es kaufen und verschenken und weiterbrülleposten.

Hört mal! Stille Brülle-Post-Leporello von Nele Palmtag und Rike Drust. Erschienen bei kunstanstifter. 20 €

Gestrickt: Unterhemd

Ein kleines Dilemma meiner Strickerei: Ich mag es schlicht. Das ist gut, weil diese Klamotten einfach zu stricken sind, aber das ist nach vielen Strickjahren auch ein bisschen langweilig, weil diese Klamotten einfach zu stricken sind. Zuletzt habe ich eine Anleitung für ein Unterhemd gefunden, die auch meine Tochter super fand - und so sieht es aus:

Hier war das Hemd noch gespannt, ob es wirklich so oft getragen werden würde wie es haben gewollt wurde.

Das fertige Top ist echt schön und wurde echt noch nicht ein einziges Mal getragen. Jetzt stricke ich eins für mich und brauche sehr lange, weil es eben sehr einfach zu stricken ist und es außerdem sehr viel zum Zusammen- und Vernähen gibt. Aber wenn es fertig ist, wird es super sein und ich werde es garantiert häufiger anziehen als meine Tochter ihres (bis jetzt: 0mal). Die Anleitung ist von Ravelry (Opens in a new window).

Gesehen und nicht gesehen: Verschiedene Arschlöcher

Vor Kurzem hatte ich ein MRT, bei dem alles gut war. In der Kabine fand ich folgendes Schild und wusste nicht, welche MRT-Klientel ich scheißer finde: Die, die ihren Müll liegen läßt oder die, die meint, dass sie die Welt mit Klugscheissen besser macht.

Ich wünsche allen, die Kaugummis liegen lassen und allen, die die Rechtschreibung von Menschen korrigieren, die zugewandt wichtige Arbeit machen, ausschließlich gute Befunde. Aber vielleicht ganz kurz ein bisschen Platzangst.

Kolumne

Drei Stangen Spargel und ein Cabriolet

Während der Spargelzeit war mein Mann auf dem Markt. Vor ihm kaufte eine Frau drei Stangen Spargel. Er berichtete uns beim Essen davon und wir fragten uns, warum wohl. Hatte sie wenig Appetit oder ein Magenband? Hatte sie schon neun Stangen und brauchte ein paar mehr, wobei die Gesamtspargelstangenanzahl durch drei teilbar bleiben sollte? War sie einsam? War sie eine, die beleidigte Hotelrezensionen schrieb und Informationszettel in MRT-Umkleidekabinen auf Rechtschreibfehler korrigierte? Was mit dieser Frau als Quatschgespräch begann, entwickelte sich mit weiteren Personen zu einem Familienspiel von ausschweifender Empathie. Dazu ein guter Spruch, den ich aus meiner Kindheit mitgebracht und mir sehr hinter die Ohren geschrieben habe. Er lautet: Du kannst den Leuten nur vor den Kopf gucken.

Kurz darauf wartete vor uns ein Typ in einem Cabriolet auf Grün. Ich hab ihm sofort vor den Kopf geguckt: Ein alter weißer Mann, im Kennzeichen GQ (Gentlemans Quarterly, sein Ernst?), schlimme Brille, selbstgefälliger Blick, uff, der findet sich bestimmt richtig geil – und ich ihn richtig scheiße. Dann reaktivierten wir unser Spiel und stellten uns vor, was bei ihm hinter dem Kopf sein könnte. GQ könnte ja auch für Gerda Quadflieg stehen, seine Oma, die ihm den Feminismus und Gute-Bratkartoffeln-Machen beigebracht hat. Vielleicht ist der Typ nur mit dem Auto unterwegs, um es einer Familie zu schenken, deren Wohnung abgebrannt ist. Vielleicht ist seine Frau krank und er pflegt sie und hatte nach vielen anstrengenden Tagen und Nächten endlich mal zehn Minuten für sich und da muss er ja nun wirklich kein Top stricken, nur weil ich das besser fände.

Apropos ich. Wer mir vor den Kopf guckt, hält mich meistens für eine gut gelaunte Frau, die schlagfertig das Leben am Kragen packt und alles aus ihm rauslebt, was geht. Die alles hinkriegt und immer viel schafft. Das stimmt sogar manchmal beim Reingucken. Aber es stimmt auch, dass ich schon immer eher ängstlich war. Wenn ich mir was ausgemalt habe, dann gern in dunklen Tönen, und als ich mal irgendein Buch aus dem Regal zog und mein damals Kleinkind-Sohn rief “Das hat ein schlimmes Ende”, fühlte ich mich sehr verwandt. Uns als dann mein Burnout kam, hat die Angst eine Flasche Sekt auf- und sich so richtig schön breitgemacht.

Seitdem ist es mal besser und mal schlechter, und gerade ist es schlechter. Das kann ich nur schwer schreiben, weil ich am liebsten Geschichten erzähle, wenn ich bis zu den Knien im Happy End stehe. Aber gerade ist es wackelig, ich schlafe schlecht, ich kann manchmal gar nicht essen (und nein, wegen Angst abzunehmen ist NICHT praktisch, auch wenn das wirklich mal jemand zu mir gesagt hat) und meine Gedanken, die ich eigentlich so mag, weil sie sich alles vorstellen können, können sich in diesen Phasen so viel Alles vorstellen, dass sie klingen wie eine 33er Schallplatte auf 45. Der Alltag wird anstrengender, wenn die Platte auf 45 läuft. Dann sehe ich vielleicht vorm Kopf aus wie immer, aber dahinter sind drei Stangen Spargel und ein Cabriolet.

Was ich damit sagen will: Du kannst den Leuten nur vor den Kopf gucken und wenn wir das alle häufiger mal gedanklich durchspielen, verteilen wir schon mal ganz schön viel Wohlwollen in der Welt – was sie für alle besser macht als geölte Schubladen. Und für die nächste Stufe der Wohlwollen-Rakete könnten wir versuchen, uns zu erzählen, wie es hinter unseren Köpfen aussieht, dann fühlen sich viele, z.B. ich, nicht mehr so allein.

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