und ich bin lesewise verzweifelt. Ich habe so viele Bücher angefangen und nicht fertig gelesen. Der Stich der Biene, Märtyrer und Good Girl zum Beispiel. Das erste, weil plötzlich die Satzzeichen fehlten, das zweite, weil es so verhackstückelt war, das dritte, weil Bücher, in denen junge Frauen unglücklich bis demütig in ältere Männer verliebt sind, mich immer wütender machen. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich gerade so eine unangenehme Mischung aus kaputt und hektisch bin. Hoffentlich geht es dir richtig gut. Mögest du gut auf dich aufpassen und deinen Personal Earth Day nie erreichen (siehe Kolumne).
Liebe Grüße
Rike
Gelesen: Die kleinen Königinnen von Clémentine Beauvais und Magali Le Huche
(Opens in a new window)Dass du gleich Bescheid weißt: Dieses Buch ist eins meiner Lieblingsbücher des Jahres und sollte feministische Standardliteratur für alle Mädchen ab 10 sein.
Es beginnt damit, dass ein Typ die “Wurst des Jahres” kürt, genauer genommen die Würste, denn er bestimmt einfach die drei “hässlichsten” Mädchen der Schule in den Kategorien Gold, Silber und Bronze. Mireille, Astrid und Hakima wird diese eklige Ehre zuteil, und sie finden das natürlich alle drei demütigend, ungerecht und scheisse. Aber sie tun sich zusammen und drehen die Machtverhältnisse lässigst um. Weil alle drei aus verschiedenen Gründen am Nationalfeiertag nach Paris wollen, um die Gartenparty im Pariser Élysée-Palast zu crashen, machen sie sich mit Fahrrad auf den Weg dorthin. Mit dabei haben sie einen Anhänger, aus dem sie an den einzelnen Stationen – knickknack – Würstchen verkaufen.
Bis sie in Paris ankommen, sind sie zu echten und Social Media Stars geworden – und wir haben einen wilden Roadmovie gelesen, in dem Themen wie Schönheit, Familie, Außenseiter*innentum, Liebe, Freundschaft und Social Media so echt und selbstbewusst vorkommen, wie ich sie meiner Tochter hinter die Ohren schreiben will. Es geht um Mireilles, Astrids und Hakimas spannenden, arschcoolen und trotzdem glaubwürdigen Umgang damit, dass irgendein Typ meint, bestimmen zu können, was Schönheit ist. Pustekuchen, sag ich mal, denn am Ende ist er so unwichtig, dass ich jetzt schon seinen Namen vergessen habe.
Der Comic basiert auf dem preisgekrönten Roman “Die Königinnen der Würstchen” von Clémentine Beauvais und wurde von Magali Le Huche zu diesem Meisterwerk gemacht. Ich sags zur Sicherheit nochmal: Feministische Standardliteratur für alle, besonders Mädchen ab 10. Kaufen, Schenken, Leihen, Empowern, let’s go.
Die kleinen Königinnen von Clémentine Beauvais und Magali Le Huche. Erschienen bei Reprodukt. 29 €.
Gelesen: Der Hahn erläutert unentwegt der Henne wie man Eier legt von Ella Carina Werner und Juliane Pieper
(Opens in a new window)Bei lustigen Tiergedichten sind mir bisher immer Heinz Erhardt oder andere Männer eingefallen - und ich beisse vor Freude in meine feministische Faust, dass ich ab jetzt zuerst an Ella Carina Werner und Juliane Pieper denken kann. Die von ersterer geschriebenen und von zweiterer illustrierten Gedichte handeln zum Beispiel von Rente, Menstruation, Mansplaining, Schönheitsidealen oder Sex, und obwohl diese Themen aus weiblicher Sicht meistens eher frustrierend sind, sind sie hier trotzdem zum Brüllen komisch. Diese kurze, trockene Gedichtform eignen sich perfekt für Botschaften ala “In der Küche zeigt die Schabe ihre hausfrauliche Gabe und kocht mit mütterlicher Güte Yumyum-Nudeln aus der Tüte”. Und auch sonst wird es garstig, zynisch, schräg, bumsig, und zwar so superst, dass ich verstehen kann, warum mir dieses Buch so häufig empfohlen wurde (Danke an alle für den Tipp).
Der Hahn erläutert unentwegt der Henne wie man Eier legt von Ella Carina Werner und Juliane Pieper. Erschienen bei Kunstmann. 22€
Gelesen: Als die Welt uns gehörte von Liz Kessler

“Mama, ich weiß gar nicht, wie es ist, im Krieg zu leben.” Diesen Satz meiner Tochter fand ich erstmal sehr gut, weil er sagt, dass wir hier gerade Frieden haben. Aber das war nicht immer so und ist sowieso nicht überall so. Deshalb habe ich ihr dieses Buch besorgt – und erstmal selbst gelesen. Weil der Tobak wichtig ist, aber auch ganz schön hart.
Es geht um Elsa, Leo und Max, die Anfang der 1930er in Wien Leos neunten Geburtstag feiern. Mit Leos Vater fahren sie das Riesenrad auf dem Prater, und der macht ein Foto von diesem Glücksmoment der drei Kinder. Ab diesem für das Buch zentralen Moment geht es nur noch runter. Zumindest für zwei der drei Kinder, denn sie sind jüdisch. Immer aus der Perspektive der Kinder erfahren wir, was passiert, hier die Kurzfassung:
Leos Vater wird ins Konzentrationslager deportiert. Leo und seine Mutter schaffen es, nach England zu fliehen. Das Foto hat er immer bei sich.
Elsa flüchtet mit ihrer Familie nach Prag, bis sie dort erst enteignet und dann nach Auschwitz deportiert wird. Sie näht das Foto in ihre Kleidung, weil sie für diesen unerlaubten Besitz getötet werden könnte.
In Auschwitz befindet sich auch Max, allerdings auf der Seite der Täter. Sein Vater ist ein hohes Nazi-Tier und nimmt seinen ideologisch umgedrehten Sohn mit zur “Arbeit”, wo er seinen ersten Juden erschießen soll. Max hat das Foto vor den Augen seines Vaters verbrannt, zusammen mit den Briefen, die Leo ihm geschrieben hat (ungelesen).
Jedes Jahr von 1936 bis 1944 wird aus Sicht der Kinder erzählt. Die politische Lage, die sich immer noch steigernden Abscheulichkeiten der Nazis, der Umgang der drei Familien damit, es ist alles kaum auszuhalten. Aber auch wenn dies ein Roman ist, wissen wir, dass es so und so ähnlich passiert und Teil unserer Geschichte ist, der sich nicht wiederholen darf. Bei aller Grausamkeit: Nicht lesen und nicht reden ist keine Option. Also bitte lesen und reden.
Als die Welt uns gehörte von Liz Kessler. Erschienen bei Fischer Sauerländer. 10 €
Gesehen: Extraordinary auf Disney+
In dieser Serie haben alle ab 18 eine Superkraft. Manche können ganz klassisch fliegen, sind superstark oder durch Wände gehen, aber es gibt auch die, die mit Anfassen für einen Orgasmus sorgen oder sich in Computer hacken können (leider ohne technisches Fachwissen). Meine Lieblingskraft, für die sich die Serie schon lohnt: In der Gegenwart einer Zahnärztin spielt sich für die Leute automatisch der passende Soundtrack ab.
https://youtube.com/shorts/EyvvfdefIUE?si=t5dJRiV1Y9ivGQ__ (Opens in a new window)Die Hauptfigur Jen hat als einzige keine Superkraft. Sie wohnt mit Carrie und Kash zusammen, jobbt in einem Verkleidungsladen, streitet sich mit Mutter und Schwester und spricht über Carrie, die Verstorbene channeln kann, mit ihrem verstorbenen Vater. Sie nimmt eine Katze von der Straße mit nach Hause, die ein Mensch ist (Superkraft), nennt sie Jizzlord und die beiden verlieben sich (es ist kompliziert).
Jen versucht, ihre Superkraft zu finden oder zu aktivieren, und da- und nebenbei passiert sehr viel Schräges und Lustiges. Ich habe die zwei Staffeln (bis auf zwei Geht-so-Folgen) sehr geliebt und der Cliffhanger am Ende der zweiten Staffel war so hart, dass ich gleich gegoogelt habe, wann die dritte kommt: Gar nicht. Abgesetzt. WHAT?!?!?!? Ist die Superkraft der Verantwortlichen, falsche Entscheidungen zu treffen? Ich bin fassungslos und denke immer noch jeden Tag einmal an die Serie und tröste mich mit dem Soundtrack, den ich an dieser Stelle auch gleich empfehlen möchte:
https://open.spotify.com/playlist/1iL8lkDrgGtmCREgdqrDkC?si=5dc9bbbd30e4466d (Opens in a new window)Gehandarbeitet: Glasfaserkabelblumenstülper.
Erinnerst du dich noch, dass früher Leute Klopapier im Auto hatten? So sonderbar. Und warum zur Hölle haben sie für das Klopapier Puppen gehäkelt, unter deren Rock das Klopapier versteckt, um die Puppen dann wiederum so auf der Hutablage zu drapieren, dass alle sie sehen konnten und alle wussten, was sich darunter verbirgt? Vielleicht, weil es schön ist, dachte ich mir und habe für die Glasfaserkabel, die gerade überall aus dem Boden gucken, kleine Blumen gehäkelt/gestrickt und sie drübergestülpt. Guck:

Basteltipp: Klarsteller
Bei uns wohnt jemand, dem ist egal, was sich unter der Ablage befindet, auf die er sein dreckiges Geschirr stellt (Tipp: es reimt sich auf SPÜLMASCHINE). Der Kühlschrank ist eine All-You-Can-Minibar und wenn nichts Verzehrfertiges drin ist, wird verächtlich geseufzt. Natürlich habe ich schon tausendmal gesagt, dass das hier kein Hotel ist und zur Abwechslung ein Schild gebastelt.

My Personal Earth Day ist spätestens Donnerstag
Wir befinden uns in einer Action-Filiale in Neumünster. Dass das kein Concept Store in Hamburg-Eppendorf ist, zeigt sich auf vielfältige Weise. Die Regale sind zerwühlter und vollgestopfter, die Artikel kosten weniger und die meisten Leute schlendern nicht mit einem Cappuccino für 5€ und einem Lächeln durch den Laden, sondern rempeln sich mit versteinerter Miene durch. Der Ton, auch untereinander, ist eher rau und die Stimmung aufgeladen. Meine Tochter raunt mir zu, dass sie bitte sofort raus möchte. Ich kann sie verstehen. Was ist denn bitte mit den Leuten los?
Ich glaube, die Leute sind einfach völlig im Arsch. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie richtig anstrengende Jobs haben, für die sie schlecht bezahlt und in denen sie, wie im restlichen Leben vielleicht auch, schlecht behandelt werden. Sie rackern sich einfach nur ab und rempeln sich durch. Es wirkt auf mich, als könnten sie nicht auch noch Energie für Empathie aufbringen, und ich kann das verstehen. Das versuche ich meiner Tochter so wenig stereotyp, aber dafür so solidarisch wie möglich zu erklären. Ich erzähle ihr vom Bäcker in unserer Strasse, der ganz furchtbar müde aussieht, weil er ständig arbeitet und mir gerade noch erzählt hat, dass er drei Kindern und am Monatsende kein Geld hat, das er zurücklegen kann.
An den Bäcker und die Menschen bei Action denke ich jede Woche, sobald ich total im Arsch bin. Und, ja, wie privilegiert kann man sein? Ich so: Hold my Stanley Cup. Mein Bezahljob ist toll und flexibel, aber den mache ich auch, um mir das Büchermachen zu finanzieren, was mehr zermürbt als glücklich macht, trotzdem kann ich nicht aufhören, dann denke ich mir noch andere Sachen aus wie diesen Newsletter oder Bällebad-Schilder, meistens ohne zu merken, dass meine Energie bisschen leer geht – und dann haben die Kinder ja auch noch Leben, die organisiert werden und Launen, die ausgehalten werden wollen. Plus halt der normale Alltag mit Einkaufen, Kochen, Wäsche und so.
Montags bin ich meist total motiviert. Ich klatsche in die Hände, kümmere mich und liebe die Häkchen meiner langen To-do-Liste. Ich koche liebevoll, räume nachsichtig auf, lerne ein beliebiges Schulfach (erst allein und dann mit dem Kind), denke mir beruflich und privat Strategien aus und so weiter, nur noch viel mehr. Und dann fühlen sich die Dinge, die ich am Wochenanfang machen WILL, immer mehr an wie zu viele Dinge, die ich machen MUSS. Diese schleichende Prozess führt dazu, dass ich bereits Dienstag eher praktisch koche, Mittwochs fast ein bisschen gleichgültig – und ab Donnerstag würde ich am liebsten bestellen.
Es gibt ja den Earth Day, den Tag, an dem wir die natürlichen Ressourcen der Erde verbraucht haben (dieses Jahr war er am 22. April, aber zum Glück ist Umweltpolitik ja wieder Privatvergnügen der Grünen). Wenn ich den Earth Day auf meine menschlichen Ressourcen übertrage, dann ist mein Earth Day jede Woche also spätestens Donnerstag. Dann kann ich eigentlich nicht mehr. Dann will ich weniger und muss mehr. Dann bin ich gestresst, reagiere gereizt, und will in Ruhe gelassen werden. Dann streite ich mich viel wahrscheinlicher mit meinem Mann, weil wir beide so viel müssen, und es reicht anscheinend immer noch nicht und dann finden wir blöd, dass der andere/die andere nicht sieht, was wir alles gemacht haben, weil es viel war und anstrengend, verdammt. Spätestens Donnerstags kostet es mich Kraft, mich nicht durchzurempeln, und dabei bin ich eine Frau, der die Privilegien zu den Ohren rauskommen.
Da stellt sich mir mit hängenden Schultern die Frage, wann wohl ca. der persönliche Earth Day der Menschen aus der Action-Filiale ist. Verdammt, so viele sind kaputt und erschöpft, rackern sich ab und haben noch nie gehört, dass es genug ist, dass es reicht. Aber das tut es. Ich will nicht die, denen es schlechter geht, mit liberalem Selbst-Schuld-Blick als Antibeispiel nehmen und die, denen es besser geht, als Motivation, noch krasser zu performen. Spätkapitalismus ist scheiße! Ich weiß, es ist komplizierter, aber wo ich schon die Keule schwinge, gleich noch drei große Fragen hinterher: Warum sind wenige so ekelhaft superreich? Warum leben viele Menschen in diesem Land unter der Armutsgrenze? Warum machen wir das mit?
Die Soziologin Eva Illouz sagt “Was mich als Europäerin beunruhigt, ist, dass das Modell der Solidarität, das wir durch den Wohlfahrtsstaat aufgebaut haben, vielleicht zu Ende geht oder zumindest eine schwere Krise durchläuft.” (Opens in a new window)
Ich bin auch beunruhigt. In dieser Welt kochen wir meistens müde unser eigenes Süppchen (oder bestellen es ab Donnerstag, wenn sie das Geld haben) und fangen irgendwann völlig fertig das Rempeln an, dabei sollten wir uns einhaken, uns gegenseitig unterstützen, wohlwollend miteinander sein und gemeinsam fragen, was der Scheiss soll.
Der Newsletter hat dir gefallen? Ich freue mich, wenn du mir einen ko-fi spendier (Opens in a new window)st. Den trinke ich dann ab 16 Uhr koffeinfrei. Oder du kaufst in meinem ko-fi-shop (Opens in a new window) ein, es gibt neue Sticker: