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Project-K-2025

Koreanisches Filmfestival, 13 Filme, let’s go

Harbin (Woo Min-ho)

Wir befinden uns im Jahr 1909 im von Japan besetzten Korea. Der koreanische Staat wurde quasi abgeschafft, nur eine bewaffnete Guerilla-Truppe leistet Widerstand. Min-ho Woos Kriegs-Epos zeigt den erbitterten Kampf der koreanischen Unabhängigkeits-Armee gegen die japanische Übermacht. Was mit einer blutigen offenen Feldschlacht beginnt, wandelt sich schnell zu einem Spionage-Thriller, in dem die verbliebenen Charaktere buchstäblich im Dunkeln agieren.

Der Film kommt mit vielen Schwächen. Die dunklen Räume, in denen jeder raucht und bedeutungsschwanger Monologe hält, sind da natürlich ein Style-Choice, das kann man mögen oder auch nicht. Bei der Erzählweise kann man hier weniger ein Auge zudrücken: Ein McGuffin nach dem anderen wird gejagt um die Story voranzutreiben und der Rache-Plot rund um den japanischen General wirkt forcierter als Luke Skywalker unter dem Training von Yoda. Aber was dem Film das Genick bricht, ist die Kriegstreiber-Ideologie.

Die japanische Besatzung war ohne Zweifel die Hölle für viele Koreaner. Der Film macht sich aber zu keiner Sekunde die Mühe, die Lebenssituation der koreanischen Zivilbevölkerung auch nur einmal zu erwähnen. Stattdessen wird permanent ein nationales Wir beschworen. Vor den Japanern litt man zwar unter den Adligen und den Aristokraten, aber zumindest waren diese noch Koreaner, heißt es stattdessen im Film. Außerdem müsse man für die gefallenen Kameraden weiterleben - das bedeutet selbstverständlich weiter zu töten und sterben. Ahn Jung-geun, der koreanische General ruft zu Anfang noch das internationale Kriegsrecht aus und lässt Gnade walten, wo sein Counterpart auf der japanischen Seite ein gewissenloses Monster ist. So sind schnell die Seiten zwischen “Wir” und “Die anderen” ausgemacht.

Die These ist von Anfang an klar: Für den Nationalstaat sind wir gerne bereit zu töten und zu sterben. In einer Welt, in der Wettrüsten wieder zur Normalität gehören, in der Angriffskriege als Spezialoperation bezeichnet werden, und in der bewaffnete Privatpersonen Regierungssitze stürmen, ist national-patriotischer Schmutz, wie Harbin, nicht nur ärgerlich sondern auch höchst gefährlich.

FAQ (Kim Da-min)

Kim Da-mins Spielfilmdebüt zeigt die Realität vieler junger Menschen in Südkorea. Obwohl Dong-Chun erst Grundschülerin ist, haben ihre Eltern schon jetzt alle Hände voll damit zu tun, sie für die optimale Universität später vorzubereiten. Hausaufgaben, Tutorien, extrakurrikulare Kurse - Dong-Chun ist mit Erwartungen und Tests überfordert, bis sie eines Tages eine Makgeolli-Flasche entdeckt, die ihr via Morsecode Anweisungen gibt.

Kim Da-min gelingt es, das kompetitive Bildungssystem in Südkorea zu entlarven. Südkorea hat mit einer Geburtenrate von 0,72 Kindern pro Frau die niedrigste Geburtenrate der Welt. Es ist also nicht verwunderlich, dass es quasi nur noch Einzelkinder gibt und die Eltern entsprechend alle Hebel in Bewegung setzen, dass eben dieses eine Kind alle Voraussetzungen hat, um erfolgreich ins (Berufs-)leben zu starten. Wie weit dieser Optimierungswahn geht, wird deutlich, als der Kinderarzt der Familie niedergeschlagen eröffnet, dass ihre Tochter ohne Intervention wahrscheinlich keine 1,50m groß werden wird. Das Dilemma, dass die Tochter jetzt um 22:30 schon ins Bett muss, um genügend Schlaf für ihr Wachstum zu bekommen, sie aber immer erst um 23:00 mit all ihren Hausaufgaben fertig wird, lässt sich natürlich nicht auflösen.

Neben all dieser Konformität, ist es der jugendliche Ungehorsam, der Dong-Chun aus ihrer Situation hilft. Der Makgeolli (Reiswein) bringt ihr bei, wie sie selbst Reiswein produzieren kann, mit Reis, Wasser und Hefe. Ein Getränk, das für sie eigentlich verboten ist. Außerdem muss sie ihr Smartphone hacken lassen, um sich von den Eltern verbotene Apps darauf installieren zu können. Am Ende eröffnet sich somit eine neue potentielle Zukunft für sie: Anstatt auf eine Eliteuniversität zu gehen, kann sie auch Reisweinbrauerin werden.

Am Ende ist FAQ ein Appell an alle jungen Eltern, die kindliche Neugier ihrer Zöglinge zu entdecken und zu fördern, anstatt stumpf vorgegebenen Karrierepfaden zu folgen. Jedoch muss man auch konstatieren, dass eine dritte Möglichkeit hier nicht in Betracht gezogen wurde: Anstatt sich entweder zwischen einer Karriere für das Kind zu entscheiden, die entweder den natürlichen Neigungen und der kindlichen Neugier entspricht, oder eben einer Karriere, die Prestige und Wohlstand verspricht, könnte man das Kind auch einfach mal Kind sein lassen und auf den Spielplatz schicken.

The Fin (Park Sye-young)

Do Omegas Dream of Electric Fish? Park Sye-youngs dystopische Zukunft zeigt ein vereintes Korea, das sich - ironischerweise - durch eine gigantische Mauer definiert. Die Mauer trennt die Omegas - mutierte Menschen - vom Rest der Menschheit. Diese versuchen, ihre Mutationen zu verstecken und unentdeckt zu bleiben, weil ihnen ansonsten Sklaverei und Tod drohen.

Der Film erinnert sehr stark an Blade Runner, sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Die Omegas sind im Endeffekt auch nur die Replicants aus Ridley Scotts Klassiker und auch die Lichtstimmung und das langsame, metaphorische Pacing erinnern stark an Rick Deckard, wie er in seinem Apartment kaum die Augen offen halten kann.

Ein Film, der sich nicht mit großen Erklärungen und Worldbuilding aufhält und gerade deswegen auf ganzer Linie überzeugt. Die moralischen Fragen, ob die neue Rekrutin richtig handelt oder nicht, werden ganz dem Zuschauer überlassen. Low-Budget zum Trotz ein toller Film, der auch visuell überzeugt.

Spring Night (Kang Mi-ja)

Ein Drama über die Beziehung zwischen einer Alkoholikerin und einem rheumakranken Obdachlosen. Beide suchen Trost, Verständnis und Halt im jeweils anderen, wo die Gesellschaft ihnen eben jenes verwehrt. Da beide weder öffentliche noch familiäre  Unterstützung bekommen, muss erst die Wohnung verkauft werden, um sich ein Zimmer mit der medizinischen Behandlung leisten zu können. Der Rat der Ärztin, sich mit der Alkoholsucht an die Familie zu wenden, wirkt fast wie Hohn..

Die interessanten Beobachtungen, wie wir gesellschaftlich mit Menschen, die Hilfe benötigen, umgehen, versinken leider in Melodramatik. Die enigmatischen Bilder vom Anfang weichen den sterilen Aufnahmen des Pflegeheims und allzu oft ergeht sich der Film in dem Elend der beiden ProtagonistInnen. Die Diagnose ist also richtig: die Familie alleine kann viele Probleme und Krankheiten nicht lösen, es bedarf politischer und gesellschaftlicher Unterstützung. Aber durch den allzu nahen Fokus auf das Leiden, verkommt der Film zum Elends-Porno wo wir als ZuschauerInnen anerkennend nicken und mitfühlen, nur um danach froh zu sein, dass uns dieses Schicksal nicht ereilt hat.

Informant (Kim Seok)

Wir hatten dieses Jahr schon Die Nackte Kanone 4 und die Ankündigung von Spaceballs 2. Es scheint eine Rückkehr zur Slapstick zu geben. Ebenso wie Die Nackte Kanone präsentiert sich auch Informant als unpolitisch: ein gemeinsamer Nenner, auf den sich alle einigen können (sollen). Eine Polizei, die stümperhaft agiert, aber am Ende dennoch über das Böse triumphiert. So haben wir Kritiker und Befürworter des Staates und des Status-Quo gleichermaßen vereint.

Anders als beim amerikanischen Vorbild, wird hier auch noch kurz die Polizeigewalt thematisiert. So wurde Polizist Nam-hyuk vor allem deswegen degradiert, weil er unverhältnismäßige Gewalt zur Festnahme der Verbrecher angewandt hatte. Diese Gewalt, hilft ihm später im Showdown dann auch nicht, wird er doch trotzdem übermannt.

Ansonsten gibts hier nicht viel zu sagen. Ein Gag-Feuerwerk, das nicht immer zündet, aber doch für einen gelungenen Kinoabend sorgt.

Time to Be Strong (Sun Namkoong)

Südkorea ist mittlerweile eine Exportnation für Popkultur, sowohl in Film, Serie als auch K-Pop. Vor allem K-Pop Stars wie Black Pink oder BTS sind längst auf der globalen Bühne zu Hause. Doch dass nicht nur auf, sondern auch hinter der Stage alles durchchoreographiert ist, ist vielen Fans nicht bewusst. Sun Namkoong lenkt unseren Blick auf die Schattenseiten der Kulturindustrie. Die Story folgt drei gescheiterten K-Pop Stars auf die Insel Jeju, wo sie versuchen, ihre Jugend nachzuholen.

In Dialogen und internen Monologen erfahren wir, wie die Maschinerie hinter dem Glanz die ProtagonistInnen zu Grunde richtete. Depressionen, Schuldenfalle, Suizid und Bulimie werden hier genauso thematisiert wie geplatzte Träume und menschenverachtender Druck vom Management. Dennoch gelingt der Film vor allem, weil er sich nicht in Selbstmitleid ergeht. Wir sehen eine zärtliche Dynamik zwischen den Charakteren und enigmatische Bilder in dem Ferienidyll, das wegen der kalten Jahreszeit menschenleer ist. So sind wir zwar konfrontiert mit der harten Realität der Kulturindustrie, aber wir sind nicht nur am permanenten Mitleiden. 

Hitman 2 (Choi Won-sub)

Choi Won-sub verbindet in seiner Actionkomödie das Geheimagentenleben mit dem eines Manga-Zeichners von Protagonist Jun. Auf der Metaebene verhandelt der Film auch noch das Dilemma einer Fortsetzung und ob diese jemals so erfolgreich sein kann, wie der erste Teil.

Die animierten Webtoon-Parts sind ganz charmant und der Druck, der auf dem Artist lastet, den Hype aufrechtzuerhalten, ist auch für eine Komödie angemessen repräsentiert. Das Problem des Films liegt vielmehr an den schlechten Gags und der banalen Action.

Mehr noch, ist die Ideologie hinter dem Rumgealber hoch problematisch. Der Film beginnt damit, dass die Küstenwache ein Flüchtlingsboot abfängt und alle illegalen Einwanderer dort einsperrt. Unter ihnen befindet sich auch ein chinesischer Terrorist, der es auf das Leben von Jun abgesehen hat. Die Kollegen Juns, der sich aus dem aktiven Dienst zurückgezogen hat, um sich ganz seinem Webtoon und seiner Familie zu widmen, sind stolz auf ihren Fang: “Wir müssen das ohne Jun regeln, damit er sein ziviles Leben leben kann”. Die Message ist klar: Der Staat hält die Grenzen dicht, damit keine Gefahr ins Land kommt und die Bürger ihrem zivilen Leben nachgehen können. Auch die anderen Erzfeinde Juns sind Terroristen aus Russland und Japan.

Der finale Gegner ist dann der mit einer Atombombe bewaffnete Nordkoreaner. Es ist klar, dass Südkorea ausschließlich durch die Nachbarländer bedroht wird, die es gilt auszuschalten, bevor die südkoreanische Zivilbevölkerung zum Opfer wird. So bleibt am Ende von dem Kassenschlager nur noch ein rechts-autoritäres Manifest übrig, das sich als unterhaltsames Popcorn-Kino tarnt.

A Normal Family (Hur Jin-ho)

Wie weit würdest du für dein Kind gehen? Diese (hoffentlich) hypothetische Überlegung stellt Hur Jin-ho in A Normal Family. Zwei Familien, verbunden durch die Väter, die Brüder sind, müssen nachdem deren Kinder einen Obdachlosen ins Koma geschlagen haben, ihre eigene Moral hinterfragen und sich darüber im klaren werden, was Recht und Unrecht ist, und wie den Kindern darüber hinaus am besten geholfen sei, damit diese wieder auf den rechten Weg finden.

Der Film stellt weniger die Frage der Moral dem Zuschauer, sondern es handelt sich vielmehr um eine Charakterstudie der vier Eltern. Detailliert werden die einzelnen Familienmitglieder mitsamt ihren Überzeugungen seziert und dekonstruiert. Jedes noch so flammend vorgetragene Plädoyer zerfällt in sich selbst. 

Hochspannend und interessanter Thriller, über scheinbar unumstößliche moralische Positionen, die sich dann doch von jetzt auf gleich ins Gegenteil umkehren können. Einzig die beiden Kinder hätten ein bisschen nuancierter und weniger plakativ sein dürfen, ansonsten ein großartiger Film.

The Land of the Morning Calm (Park Ri-woong)

Frustriert vom Leben im kleinen Fischerdorf, täuscht der junge Fischer Yong-su seinen Tod vor, um seiner vietnamesischen Frau das Geld für seine Lebensversicherung zukommen zu lassen. Was vordergründig ein Con-Artist Film sein mag, entpuppt sich schnell als Drama über das harte Leben auf dem Land - Altersarmut, Landflucht, Rassismus ist alles drin.

Besonders eindrücklich wird die Dynamik im Dorf durch den ehemaligen Dörfler, der vor drei Jahren sein Glück in Seoul versucht hatte und nun - in der Großstadt gescheitert - ist er wieder zurück. Doch willkommen ist er nicht mehr, so muss er als Tagelöhner sein freudloses Dasein fristen. “Hier gibt es kein Leben, nur den Tod. Das Dorf ist schon tot, ihr wollt es nur nicht einsehen”, klagt er.

Ungeschönt und eindrücklich zeigt Park Ri-woong, dass das idealisierte Landleben eigentlich hart und trostlos ist. Einzig mit ein paar Nebenhandlungssträngen verrennt er sich ein wenig. So wirkt die Hintergrundgeschichte von Yeong-guk merkwürdig deplaziert und aufgepfropft. Ohne das persönliche Trauma wäre das Dorfleben umso mehr betont worden und der Film wäre stringenter. Nichtsdestotrotz ein schöner Film.

Decision to Leave (Park Chan-wook)

Park Chan-wook ist wahrlich ein Meister seines Fachs. Seine Interpretation von Hitchcocks Klassiker Vertigo steht der Vorlage in nichts nach. Im Grunde geht es um die Obsession des Polizisten Jang Hae-joon mit der des Mordes verdächtigen Chinesin Song Seo-rae. Ähnlich wie im Vorbild, besteht Decision to Leave auch aus zwei Teilen, doch wo Scottie mit zwei verschiedenen Frauen konfrontiert wird, kehrt sich die Obsession von Hae-joon mit Seo-rae um.

Decision to Leave spielt mit der Vertikalen. Alles beginnt mit dem Sturz von einem Berg. So wird auch Konfuzius zitiert: “Der weise Mann mag das Wasser, der gütige Mann die Berge. Ich bin nicht gütig, also mag ich das Wasser”. Wir sehen Hae-joon, wie er aus seinem Auto Seo-rae hoch oben in ihrem Appartement beschattet, die toten Augen des Opfers, wie sie nach oben blicken; es geht um sinnbildliche sowie wort-wörtliche Höhenunterschiede. Die erste Hälfte des Films steht ganz im Zeichen des Berges.

In der zweiten Hälfte dreht sich dann alles ums Wasser, wir befinden uns also in den negativen Höhenmetern. Anders als der Berg, ist das Wasser unbeständig und verbirgt, was sich in ihm befindet. Jetzt ist es nicht mehr Hae-joon, der Seo-rae beschattet und von ihr besessen ist, sondern haben sich die Verhältnisse ins Gegenteil verkehrt. Seo-rae ist geradezu besessen von dem Polizisten und diktiert kleinlich jedes Detail, das ihr an ihm auffällt, in ihr Tagebuch.

“Als du mir sagtest, dass du mich liebst, ist deine Liebe in diesem Moment erloschen. Als deine Liebe für mich erlosch, ist meine Liebe für dich entflammt”, sagt Seo-rae. Der Berg und die See werden immer gegensätzlich sein, genauso wie die Liebe, die nur einseitig bestehen kann. Diese Liebe kann also nur in Obsession enden - eine Obsession, die lieber in der utopischen Fiktion bleibt, anstatt sich einer mondänen Realität zu unterwerfen.

Yadang: The Snitch (Hwang Byeong-gug)

Noch eine Actionkomödie, noch ein Kassenerfolg. Man möchte meinen, ein Muster zu erkennen. Auf jeden Fall interessant, die Diskrepanz zum deutschen Publikum zu beobachten. Ich kann mich jedenfalls schwerlich an eine  erfolgreiche deutsche Cop-Action-Komödie erinnern. Die Story ist auch hier recht schnell erzählt: ein unerfolgreicher Staatsanwalt tut sich mit einem inhaftierten Drogenhändler zusammen. Was Anfangs als symbiotisches Duo erscheint, entpuppt sich schnell als parasitär.

Der Rest ist soweit bekannt vom typischen koreanischen Polizeifilm: korrupte Bürokraten, machthungrige Politiker und bodenständige, integre Straßenpolizisten. Gegen ein bisschen Klassenkampf ist grundsätzlich nie etwas einzuwenden, das Problem des Films liegt vielmehr in der Tonalität begründet. Zwischen extremen Klamauk und markerschütternder Brutalität springt der Film so schnell hin und her, dass man gar nicht weiß, wie einem geschieht. Und die Drogen-Party-Szenen sind an unfreiwilliger Komik auch kaum zu überbieten. Da hätte mehr Feinschliff Wunder bewirkt.

Somebody (Kim Yeo-jeong, Lee Jeong-chan)

Wir haben wenig Kinder, aber dafür umso mehr Erziehungsratgeber. Spätestens seit Rousseaus Emile in der Mitte des 18. beschäftigen wir uns mit der Frage, wie man am besten Kinder erzieht. In einer Gesellschaft, in der Eltern nur noch ein Kind haben, ist es umso wichtiger, dass dieses zu einem anständigen Menschen heranwächst. Was aber, wenn das Kind misrät? Schnell sind wir dabei, die Eltern abschätzig zu betrachten. Doch schon John Carpenter hat bei Halloween die Frage aufgeworfen, ob es nicht sein kann, dass manche Menschen einfach böse sind.

Auch Somebody dreht sich um diese Überlegung. Die kleine So-hyun quält die anderen Kinder im Kindergarten, tötet Tiere und manipuliert ihre Mutter. All die Bemühungen der Mutter, ihre Tochter doch noch auf den rechten Pfad zu führen, laufen ins Leere. Nach dem versuchten Doppelselbstmord der verzweifelten Mutter, springt der Film 20 Jahre in die Zukunft, wo wir So-hyun wieder treffen.

Ob traditionelle Kernfamilie oder moderne Patchwork-Familie: So-hyun zerstört alles in ihrem Weg. Sie äußert immer Fragen, die eigentlich immer nur so knapp über der Linie sind. “Wieso ist es in Ordnung Hühner zu töten, aber nicht den eigenen Hund?" "Wieso schimpft Mama mit mir, wenn sie doch sagt, ich sei ihr liebster Schatz?” So fragen auch wir uns, ob man dem Kind (und später der jungen Erwachsenen) nicht anders begegnen könne, damit sie doch noch zu einem normalen Menschen heranwächst. Doch im Epilog wird diesen mitleidigen Entschuldigungsversuchen eine Absage erteilt: “Ich mag es, wenn Menschen leiden,” erklärt So-hyun kalt ihrer toten Mutter.

Diese Absolution der überforderten Mutter ist das klare Highlight des Films. Zu oft haben wir jetzt das Narrativ gesehen, dass das Glück der Frau in der Mutterschaft liegt. Hier ist das Gegenteil der Fall und es ist wichtig, diese Stimmen auch zu hören. Leider gibt es abseits von dieser Ebene keine weitere. Die erste Hälfte des Films funktioniert noch sehr gut. So sehen wir, wie die Mutter in die Verzweiflung getrieben wird, doch die zweite Hälfte wird dann schnell zu einer vorhersehbaren Mysterygeschichte die dann doch eher langweilt. Nichtsdestotrotz, allein für die feministische Stimme lohnt sich der Film allemal.

The Burglars (Kim Tae-hwi)

Ein Vagabund steigt in Häuser und klaut dort ein wenig Geld und ein Familienfoto. Bei einem Einbruch ist die Witwe Eun-ja anwesend und verjagt ihn. Kurze Zeit später begleitet sie ihn bei seinen Raubzügen. Das klingt sehr nach Kim Ki-duks Klassiker Bin-jip. Was The Burglars von Bin-jip allerdings unterscheidet, ist das Setting. Wir befinden uns nicht in Seoul, sondern in einem kleinen Dorf und die ProtagonistInnen sind ungefähr dreimal so alt wie ihre Pendants aus Kim Ki-duks Film.

Auch wird viel mehr geredet. Wo Tae-suk und Sun-hwa stumm blieben und somit mehr Raum für Interpretation und das Schauspiel in den Gesichtern gelassen haben, sind ihre älteren Doppelgänger Pal-bok und Eun-ja viel gesprächiger. In langweiligen Dialogen wird dem Zuschauer explizit erklärt, warum wer was macht. So nimmt sich der Film leider handwerklich selbst den Wind aus den Segeln.

Dabei bieten die Charaktere interessante Einsichten. Pal-bok stiehlt Familienfotos und macht Eun-ja einen Heiratsantrag. Trotz der eigenen Aussage, dass er seinen Van einer festen Wohnung vorziehen würde, ist klar, dass hier die Sehnsucht nach einer Bürgerlichkeit herrscht. Als Eun-ja seinen Vorschlag, sich niederzulassen und eine Wohnung zu suchen, ablehnt, ergreift er die Flucht.

Eun-ja selbst sehnt sich nach einem Partner, der sie ernst nimmt, aber auch nicht erdrückt. Die Vorstellung, sich noch einmal auf eine feste Beziehung mit all ihren Verpflichtungen einzulassen, schreckt sie ab. Wahrscheinlich hat sie in ihrer Ehe zu viel Selbstständigkeit aufgeben müssen. Aber das Alleinsein ist auch keine Option. Ohne Pal-bok steigt sie dann doch nicht in den Zug, sondern kehrt zurück in ihr Dorf.

Am Ende bleibt ein Film, der die Leben zweier Menschen beleuchtet, wie sie nun einmal verlaufen sind. Es geht um eine unerfüllte Bürgerlichkeit und das Gefühl von Handlungsmacht. Schade nur, dass der Film anfänglich seinen eigenen Charakteren nicht vertraut und sie dümmlich jeden Gedanken ausplappern lässt.

Fazit

Es war wieder ein sehr schönes Festival, auch wenn man konstatieren muss, dass die Blockbuster die eindeutigen Low-Lights waren. Für nächstes Jahr würde ich mir dann doch mehr Raum für die kleinen Stimmen wünschen. Hochwertig produzierte Actionspektakel kann ich wahrlich auch auf Netflix schauen.


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