
Gestern ging ich über den Markusplatz - oder besser, über das, was von ihm übrig blieb, nachdem die gigantischen Gerüste für die Bühne, für die Licht- und Tonanlage und die unzähligen Sitzreihen für das Konzert von Patti Smith hier aufgebaut wurden.


Ich meine: nichts gegen Patti Smith. Nichts gegen Konzerte auf dem Markusplatz. Aber warum dürfen wir Venezianer den Markusplatz nicht mehr benutzen? Etwa, um auf ihm auf und ab zu gehen, zu reden, uns mit Freunden zu treffen, zwei Schritte auf ihm zu machen, stehenzubleiben, kurz, um das zu machen, was man in Venedig einst listón nannte. Andare al listón wird vom Treccani, dem italienischen Duden, so definiert: “breiter, mit Marmor gepflasterter Streifen auf dem Markusplatz, auf dem seit dem 18. Jahrhundert die Promenade stattfindet; im weiteren Sinne die Promenade selbst: l’ora del liston; andare al liston.”
Leser von Reskis Republik wissen (Opens in a new window), dass es aber genau die Venezianer sind, die sich auf dem Markusplatz nicht treffen dürfen. Ihnen ist es seit 2009 verboten, sich auf dem Markusplatz zu versammeln oder dort Veranstaltungen abzuhalten - Ausnahmen gelten nur für Veranstaltungen kommerzieller Natur, wie Konzerte, Modenschauen, Werbeveranstaltungen für Aperol Spritz etc.
Das Verbot besteht seit 2009 aufgrund einer Verordnung des Innenministeriums, die mit wenigen Ausnahmen Demonstrationen auf der Piazza San Marco verbietet: Diese Verordnung wurde vom “Komitee für die Rückgabe der Piazza San Marco an die Stadt Venedig” (Opens in a new window) und mehreren Juristen als verfassungswidrig eingestuft (die Verfassung sieht lediglich vor, dass Demonstrationen angekündigt werden müssen, nicht aber, dass sie genehmigt werden müssen. Die Versammlungsfreiheit darf nur aufgrund nachgewiesener Gründe der öffentlichen Sicherheit eingeschränkt werden.)
Ich erinnere mich noch daran, wie wir Venezianer uns im März 2020 kurz nach dem Ausbruch der Pandemie, nachdem die Touristen Venedig fluchtartig verlassen hatten, auf dem Markusplatz zum Aperitif getroffen haben. “Seit Jahrzehnten habe ich keine Venezianer mehr gesehen, die auf der Piazza San Marco einen Aperitif trinken. Wir erobern unsere Stadt zurück!”, schrieb ich auf Facebook (Opens in a new window). Und wurde dafür böse, böse kritisiert. (Hier das Beweisbild. Ich bin die vorne im Bild mit Hut)

Was Sicherheitsbedenken und mögliche Schäden bei Veranstaltungen betrifft, sei an das dreitägige Konzert der Sängerin Laura Pausini im Sommer 2023 auf der Piazza erinnert. Da vibrierte der Marmor und die riesige Stadionbühne verursachte auf dem Markusplatz einen Schaden von 20 000 Euro.
Und wer jemals auf die irre Idee gekommen ist, sich zum vom Stadtmarketing beworbenen “Kuss des Jahreswechsels” (Opens in a new window) auf der Piazza San Marco einzufinden, sollte sich fragen, was hier bei einer Massenpanik passieren würde. Venezianer kamen nie auf die Idee, sich dem Stadtmarketing zu beugen, zumal der beworbene Kuss sie doch sehr an das Grauen des Konzerts von Pink Floyd im Jahr 1989 erinnert:

Von all diesen Widersprüchen rund um die Piazza San Marco handelt dieser kurze Film - jetzt hier auch mit englischen Untertiteln:
https://www.youtube.com/watch?v=KMivw5RJWFA (Opens in a new window)“Wir dachten erst, dass die Entscheidung des Innenministers 2009 mit der Terrorismusbekämpfung zu tun haben könnte, aber das Verbot ist immer noch da, ohne dass es ein Gesetz gibt, nur eine Verordnung“, erklärte der Architekt und Aktivist Giovanni Leone. „Aber kommerzielle Veranstaltungen, Konzerte und andere Events haben seitdem trotzdem stattgefunden, sogar mit enorm viel Publikum. Der Platz wurde zum Mietobjekt: Wenn es Geld gibt, gibt es auch eine Genehmigung.“
Im Jahr 2019 wurden die Demonstranten der großen Demo gegen die Kreuzfahrtschiffe mit allen Mitteln daran gehindert, sich friedlich auf dem Platz zu versammeln. Das war der Moment, als den Venezianern klar wurde: Wir haben es mit einer Enteignung zu tun. Gegen diese “Enteignung” und “Entvenezianisierung” der Piazza San Marco hat das Komitee protestiert und im Jahr 2019 beim Präfekten - nein, keine politische Demonstration, keine Massenkundgebung gegen Kreuzfahrtschiffe, keinen Protestmarsch gegen Airbnb, sondern einen Spaziergang auf dem Markusplatz angekündigt. Also besagten venezianischen listón auf dem Markusplatz zu praktizieren, einfach nur auf dem Markusplatz zu promenieren, wie es immer schon Tradition war in Venedig. Und was passierte? Der Spaziergang wurde verboten. Gegen dieses Verbot legte das Komitee Einspruch beim obersten Verwaltungsgericht des Veneto ein: Die italienische Verfassung garantiert Versammlung- und Demonstrationsfreiheit. Und wie in Italien üblich, zog sich die Sache hin.
Weil es der Innenminister war, der 2009 das Verbot erteilt hatte, sei nicht das Verwaltungsgericht des Veneto, sondern das Verwaltungsgericht in Rom für die Piazza San Marco verantwortlich. Dort blieb der Fall erst mal sechs Jahre lang liegen. Und wie erst jetzt bekannt wurde, wies das Gericht im Mai dieses Jahres die Klage als unzulässig ab, weil sie durch die Ereignisse überholt sei: Nach so vielen Jahren hätte die Klage „keinen wesentlichen Vorteil für den Kläger bringen können“.
Als letzte Woche ein paar Dutzend Aktivisten von Extinction Rebellion auf dem Markusplatz gegen die allgegenwärtige und total überbewertete Hochzeit von Bezos protestiert haben, wurden sie weggeschleppt, identifiziert und laut Presseberichten wegen „unbefugter Versammlung” angezeigt. Dazu ist zu sagen, dass sie, selbst wenn sie die “Versammlung” offiziell beim Präfekten angekündigt hätten, keine Genehmigung bekommen hätten. Die Ablehnung der Versammlung durch die Sicherheitsbehörden kommt normalerweise kurz vor der Veranstaltung, so dass meistens keine Zeit bleibt, um Recht zu bekommen (auch nicht im Eilverfahren). Aber das eigentliche Hindernis für Demonstrationen auf der Piazza San Marco ist nicht die punktuelle Ablehnung, sondern das allgemeine Verbot, das gestern den Spaziergang der Venezianer, heute den Protest von XR und morgen wer weiß welche andere legitime Form des friedlichen und unbewaffneten Protests verhindert hat - stellte (Opens in a new window) der Verfassungsrechtler Giacomo Menegus fest.
Wir Venezianer kämpfen also weiter für unseren Platz. Gegen die Entscheidung des Verfassungsgerichts wird Berufung eingelegt. Und wir werden uns demnächst auf dem Markusplatz treffen: Geplant ist, auf der Piazza San Marco ein großes Fest für die Venezianer zu organisieren, das Bürgerinitiativen und Einwohnern offensteht und dazu beitragen soll, uns den Markusplatz zurück zu erobern.
Jetzt könnten Sie sagen: Gerade geht die Welt unter und die Venezianer haben keine andere Sorgen als den Markusplatz? Aber hier schlägt nun mal das Herz der Venezianer. Und Demokratie fängt unten an. Auf dem Platz.
Apropos Demokratie: Ich habe in Reskis Republik ja auf den erfolgreichen Podcast (Opens in a new window) über Peter Thiel aufmerksam gemacht. Jetzt hat Jürgen Kaube in der Frankfurter Allgemeinen (Opens in a new window) mal schön die Luft aus Peter Thiel gelassen, dem „amerikanischen Milliardär, libertären Rechtsaußen, Unterstützer der Wahlkämpfe von Donald Trump und J. D. Vance - der durch Paypal und Facebook reich geworden ist, in Verjüngungskuren durch Frischblut investiert (Ambrosia), in andere Langlebigkeitsprojekte (Methuselah Foundation) und in Firmen, die militärisch und polizeilich nutzbare Software entwickeln (Palantir).“
Kaube hat Wolfgang Palaver getroffen - den im Podcast zitierten emeritierten Professor und katholischen Sozialethiker, zu dem Thiel immer wieder das Gespräch sucht.
Besonders gefallen hat mir die Feststellung, dass Thiel vielen zum Geheimnis werde, weil der Milliardär als Hobby Intellektualität hat: „Im Gespräch widerspricht er gern, und zwar vor allem, um widersprochen zu haben, als Geist, der gern verneint.“ Schön auch diese Beobachtung: „Zugleich wirkt sein (Thiels) philosophisches Interesse ein wenig wie die Begeisterung von Jungs, die Autoquartett spielen, ohne eine Fahrerlaubnis zu haben, nur dass auf den Spielkarten hier philosophische Namen stehen.“
Kaube vermutet, dass sich hinter Thiels geschichtsphilosophischen Einlassungen, politischen Thesen und theologischen Spekulationen nichts als private Marotten verbergen: „Freundlicher formuliert: wachgehaltene Erinnerungen an die eigene Jugend auf dem Campus und einen Lehrer, der ihn beeindruckte. Er hat sie in sein Leben als Geschäftsmann und Finanzier der autoritären Rechten vielleicht mitgenommen, weil es ihm sonst allzu trostlos erschiene, nur ein Investor zu sein, nur reich. Sie vergolden ihm sein Handeln. Aber in der Fassung, die er ihnen gibt, sind sie eben dies: eine Verzierung.“
Immer wieder erreichen mich Briefe von Venedigliebhabern, die jetzt meinen, dass sie Venedig jetzt nicht mehr besuchen dürfen. Nun habe ich weder in meinem Venedigbuch, noch in Reskis Republik die Besucher Venedigs für den Niedergang der Stadt verantwortlich gemacht - viel mehr habe ich die politisch Verantwortlichen benannt. Wer also Venedig nicht als Kreuzfahrttourist besucht und keine Airbnb-Wohnung mietet, muss kein schlechtes Gewissen haben, ganz im Gegenteil.
Noch eine Bemerkung in eigener Sache: Im November erscheint in Italien die Übersetzung von „All’italiana. Wie ich versuchte, Italienerin zu werden“ - bei Zolfo (Opens in a new window), dem Verlag, der auch mein Venedigbuch veröffentlicht hat. Hurra, hurra, hurra!
In diesem Sinne grüßt Sie herzlichst aus Venedig, Ihre Petra Reski
Wenn Ihnen mein Newsletter gefällt, freue ich mich sehr über Weiterempfehlungen (Opens in a new window) - und natürlich über neue Ehrenvenezianer!
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