Es gibt nichts, was mich in diesen Zeiten mehr begeistert, als der Delfin. Gestern großer Auftrieb im Markusbecken, weil der Delfin, wie die venezianische Hafenbehörde in ihrem amtlichen Duktus bekannt gab, zurück ins Meer “begleitet” werden sollte: “Am 15. November 2025, von 9:00 bis 12:00 Uhr und in jedem Fall bis zum erforderlichen Ende, wird der Delfin „Mimmo” vom Markusbecken zur Hafenmündung des Lido di Venezia, d. h. in die Nähe der nördlichen Lagune, gebracht. Dabei kommen Schiffe der Küstenwache, der Finanzpolizei, der Feuerwehr, der örtlichen Polizei, des Zivilschutzes und der freiwilligen Küstenwache im Einsatz sein werden, die alle an ihren blauen oder gelben Warnlichtern zu erkennen sind.”
https://www.youtube.com/watch?v=QA5Cv4zVl54 (Opens in a new window)Laut CERT (Opens in a new window), dem Rettungsteam für Meerestiere der Universität Padua, weise der Delfin zwar einige oberflächliche Verletzungen auf, erfreue sich aber guter Gesundheit und Ernährung. Er sei Richtung Lagune Süd bewegt worden, wo er vor ein paar Wochen zum ersten Mal gesehen wurde, vor allem in der Gegend von Chioggia. Sollte der Delfin in das Markusbecken zurückkehren, seien die Forscher des CERT bereit, “feste akustische Abschreckungsvorrichtungen zu installieren, um eine dauerhafte Barriere zu schaffen und das Säugetier zu schützen.”
Wobei “Mimmo” einer Mehrheit von Venezianern zufolge gar nicht “Mimmo” heißt, sondern auf den venezianischen Namen “Nane” hört:

Mimmo/Nane teile das Schicksal der Venezianer, heißt es in Venedig, handele es sich bei dieser Aktion doch um nichts anderes als um eine Abschiebung: Da der Delfin das Tempo der Motorbooote wirksamer als jede Geschwindigkeitskontrolle verlangsamte, habe man sich dafür entschieden, nicht das Tier, sondern den Wellengang zu schützen und versucht, den Delfin zum Weggehen zu zwingen. Da er nicht wie die anderen Venezianer aufs Festland abgeschoben werden kann, wurde er in die Adria verbannt.

Kurz danach wurde der Delfin jedoch bereits wieder im Markusbecken gesichtet (Opens in a new window), woraus wir schließen, dass Mimmo/Nane sich dagegen wehrt, aus Venedig verschleppt zu werden: Hochachtung für den Widerstand des Venezianers Nane Dolfin (Opens in a new window)! Nichts anderes haben wir von einem echten venezianischen Patrizier (Opens in a new window) erwartet!
Apropos venezianische Patrizier: Sowohl Bürgermeister Brugnaro als auch “Kulturminister” Giuli haben - nach der am Montag stattgefunden Demo gegen die Ernennung der Meloni-Freundin Beatrice Venezi (Opens in a new window), hier ein paar Impressionen -

die Ernennung von Venezi zur Musikdirektorin der Fenice als unwiderruflich bestätigt. Kulturminister Giuli verstieg sich sogar zu der Behauptung,

dass die Venezianer Venezi bald lieben, ja, sie zur “Prinzessin von Venedig” erklären würden. Aus Sicht der Venezianer hätte sich der Kulturminister kaum einen unpassenderen Vergleich ausdenken können: Venedig war eine Republik, folglich gab es hier weder Könige, noch Prinzessinnen - die Venezianer haben sich nicht mal der Kirche unterworfen. Erst recht nicht einer unfähigen Dirigentin.
Aber weil das Meloni-Italien versucht, das Berlusconi-Italien noch an Beschränktheit zu übertreffen, haben wir mit Giuseppe Valditara (Opens in a new window) einen Schulminister, der sich berufen fühlt, gegen die Politisierung an italienischen Schulen vorzugehen. Valditara ist Minister für Unterricht und Leistung: der Zusatz “Leistung” wurde von der, was die Namensgebung von Ministerien betrifft, sehr phantasievollen Regierung Meloni hinzugefügt, die auch dafür sorgte, das Landwirtschaftsministerium in Ministerium für “Landwirtschaft und Ernährungssouveränität” umzubenennen und ein “Ministerium für Unternehmen und Made in Italy” zu schaffen.
Geht es nach Valditara, soll es den Sexualkundeunterricht (Opens in a new window) bald nur noch nach Einwilligung der Eltern geben. Und um der in den Augen der Meloni-Regierung grassierenden “Politisierung” an italienischen Schulen entgegenzuwirken, verfasste der Minister zuletzt ein Rundschreiben, das die Schulen ausdrücklich zu “Pluralismus” in Bezug auf aktuelle Themen aufrief, die darin bestehe, stets auch Raum für die Gegenrede zu garantieren.
Und weil dieser Pluralismus in einer Diskussion über die Mafia nicht garantiert sei, wurde an einem venezianischen Gymnasium eine für den 3. Dezember geplante Podiumsdiskussion abgesagt, an dem der Journalist Walter Molino von Report, Autor mehrerer Reportagen über die Mafia im Veneto, und die Staatsanwältin Federica Baccaglini, die erfolgreich gegen die Mafia von Eraclea Mare (Opens in a new window) vorging, hätten teilnehmen sollen. Beide wollten darüber sprechen, wie Antimafia-Ermittlungen ablaufen, und welche Risiken dabei für Staatsanwälte und Journalisten bestehen.

Was die Gegenrede betrifft: Nichts wäre einfacher gewesen, in einer Diskussion über Mafia nicht nur dem Contra, sondern auch dem Pro eine Stimme zu geben, blöd nur, dass Totò Riina schon tot ist und viele Bosse aus dem Veneto bereits hinter Gittern sitzen. Aber für die Gegenrede hätte es vielleicht auch gereicht, ein paar einschlägig erfahrene Protagonisten aus dem Parlament einzuladen, da hätte man die Qual der Wahl gehabt. Der ehemalige Senator Marcello Dell’Utri, rechte Hand von Berlusconi und wegen Unterstützung der Mafia zu sieben Jahren Haft verurteilt, hätte sich auch über eine Einladung gefreut. Sie alle hätten wunderbar erklären können, dass die Mafia keine Bedrohung, sondern ein wertvolles italienisches Kulturgut ist, ein Made-in-Italy-Produkt, das erfolgreich in die ganze Welt exportiert werden konnte.
Vielleicht ging es dem Direktor des Gymnasiums „GB Benedetti” in Venedig aber auch um etwas ganz anderes. Am 8. Dezember beginnt (endlich) der Prozess gegen unseren Bürgermeister. Dass es überhaupt dazu kam, dazu hat die Investigativsendung Report mit ihrer - tadellosen - Berichterstattung beigetragen. Weshalb Walter Molino - Autor mehrerer Investigativsendungen über unseren Bürgermeister - von Brugnaro in einer Pressekonferenz als Abschaum Italiens bezeichnet (Opens in a new window) wurde. Und die Staatsanwältin Federica Baccaglini hat im Rahmen der Korruptionsermittlungen „Palude” (Opens in a new window) rund um unseren Bürgermeister bereits das Schuldgeständnis des ehemaligen Stadtrats Renato Boraso erreicht.
Laut Anklage bereichert sich Brugnaro mit dem Eigentum der Stadt, gibt vor, sein Unternehmen von einem Blind Trust, einem Treuhandfonds, verwalten zu lassen, macht als Bürgermeister indes private Geschäfte, versucht durch den Verkauf von zwei venezianischen Palazzi zu bestechen, und hat seinem korrupten Stadtrat Tipps gegeben, wie man geschickter besticht und eine schwarze Liste seiner Kritiker erstellt, die „von Haus zu Haus“ verfolgt werden sollen – also nichts weiter als die üblichen Kleinigkeiten, die einen in Italien eigentlich für das Amt des Ministerpräsidenten prädestinieren sollten.
Jetzt versuchte der Schuldirektor noch zu retten, was nicht mehr zu retten war. Er teilte mit, dass das Treffen nicht abgesagt sei, sondern lediglich „ausgesetzt” und neu angesetzt würde - um laufende gerichtliche Verfahren nicht zu beeinträchtigen, da der Schulleiter „Material” erhalten habe, das ihm nicht bekannt war. Gerne wüssten wir, um welches “Material” es sich dabei handelt.
Vielleicht besteht das “Material” einfach nur daran, sich daran erinnert zu haben, dass am 23. und 24. November im Veneto Regionalwahlen stattfinden und am 8. Dezember der Prozess gegen Brugnaro beginnt. Und dass im Frühjahr 2026 in Venedig ein neuer Bürgermeister gewählt wird.
Mein Buch “Diventare italiana” (Opens in a new window) ist ja jetzt in Italien erschienen, in dem kleinen Verlag Zolfo. Daraufhin hat die venezianische Tageszeitung “La Nuova di Venezia”, ein ganzseitiges (!) Interview mit mir geführt - das tatsächlich auf der Titelseite angekündigt und in allen Ausgaben in Nordostitalien erschien.
https://www.ilnordest.it/dossier/cambio-di-passo/petra-reski-venezia-italia-donne-intervista-cosa-ha-detto-u97skvu9 (Opens in a new window)Glücklicherweise war das Interview auf der Titelseite nicht mit dieser, ähem, künstlerischen Interpretation, sondern mit meinem Portraitfoto angekündigt, sonst hätte mich Brugnaro möglicherweise gar nicht erkannt. Ich lege nämlich Wert darauf, meinen Platz auf seiner schwarzen Liste weiterhin zu verteidigen!
In diesem Sinne grüßt Sie herzlichst Ihre Petra Reski
Wenn Ihnen mein Newsletter gefällt, freue ich mich sehr über Weiterempfehlungen (Opens in a new window) - und natürlich über neue Ehrenvenezianer!
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