Nach monatelangem Schweigen hat sich die Dirigentin Beatrice Venezi zu Wort gemeldet und sich sogleich direkt ins Knie geschossen: In der Fenice herrsche Anarchie, sagte sie, das Opernhaus sei allein in der Hand der Gewerkschaften - was natürlich auch bedeutet, dass ihr zufolge weder der Intendant, noch der Bürgermeister - der sich immerhin an der Spitze der Fenice-Stiftung befindet - das Opernhaus im Griff hätten. Was - möglicherweise - auch beim Bürgermeister nicht so gut ankam, der verlauten ließ: „Ich hoffe, dass ich die Liebe erblühen lassen kann, aber es ist nicht gesagt, dass wir es schaffen.“
https://www.derstandard.at/story/3000000305026/anarchische-zustaende-in-venedigs-opernhaus-la-fenice (Opens in a new window)Venezi pfeift auf die Liebe des Orchesters und schließt in ihrer galligen Kritik sogar die Solidaritäts-Anstecknadeln (Opens in a new window) ein, die nun weggehen wie heiße Semmeln. Wer sie bestellen will (Opens in a new window), kann das tun, indem er eine Mail an rsu@teatrolafenice.org (Opens in a new window) schreibt und im Betreff das Wort „Anstecknadeln” (spille) angibt. Außerdem angeben: Gewünschte Stückzahl + Lieferadresse + Name, unter dem die Zahlung über PayPal erfolgt.
Es war mein Freund, der Bühnenbildner und Regisseur Ezio Toffolutti (Opens in a new window), der mich schon vor Monaten auf das schauerliche, mit KI produzierte Video (Opens in a new window) aufmerksam gemacht hat, das für die Casanova-Ausstellung in der Fondazione Cini auf San Giorgio werben soll.
https://youtu.be/ufpZUG4UMfM (Opens in a new window)Mich nerven KI-Videos schon lange - mit denen die Socials ja überflutet werden. Ich finde es nicht sonderlich horizonterweiternd, wenn Gemälde in Bewegung gesetzt und wie dümmliche Trickfilme daherkommen, in denen Schiffe bei geblähten Segen in die entgegengesetzte Richtung des Windes segeln und Anlegepfähle sich wie Gummi biegen. Und damit kommen wir zum zweiten Knieschuss: Das Beste an dem Video ist die Korrektur von Bellottos Gemälde “Der Gartenpalais Liechtenstein (Opens in a new window), das im Original so aussieht:

Und im Video bei Minute 10’45 nun so aussieht:

Der kleine schwarze Page hat sich in einen kleinen, weißen Jungen verwandelt.
Auf die Nachfrage des Gazzettino (Opens in a new window), ob es hier darum gehe, Bellottos Bild politisch korrekt darzustellen, versucht sich die Fondazione Cini (Opens in a new window) hinter der künstlichen Intelligenz zu verstecken, wenngleich für dieses Video-Potpourri eine Autorin namentlich zeichnet: die Filmemacherin Sara Francesca Tirelli - die in ihrer Bio (Opens in a new window) ebenso schwurbelt wie der Katalogtext zu dem Video:
“Die Magie der Freiheit nutzt 3D-Modellierung und künstliche Intelligenz, um aus dem historischen Dokument Aktion und Bewegung zu machen. Künstliche Intelligenz wird experimentell eingesetzt, wobei das Unvorhergesehene als notwendiges Element begrüßt wird und die Bildbearbeitung als Mittel oder besser gesagt als Ausdrucksstil hervorgehoben wird. Es ist der kreative Prozess, der die Authentizität offenbart, und nichts täuscht den Betrachter, sondern offenbart sich selbst und macht sich im Prozess erkennbar. Fragmentierung, Verzerrung und digitale Neuzusammensetzung werden Teil eines künstlerischen Prozesses, der das Dokument verwandelt.”
Liest wie eine Resolution am Ende des Gruppenseminars Kunst. “Das Unvorhergesehene wird als notwendiges Element begrüßt” - echt jetzt? Ist es Authentizität, wenn die Aussage eines Bildes verfälscht wird?
Man mag es für verwerflich halten, dass minderjährige Schwarze im 18. Jahrhundert als Diener adeliger weißer Herren eingesetzt wurden, sorry, aber die Vergangenheit ist kein Ponyhof und lässt sich nicht nachträglich korrigieren.
Doch auch wenn diese Ausstellung überflüssig ist (Video-Installationen, in denen Casanova-Klischees wiedergekäut und die Besucher durch ein venezianisches Pappmaché-Labyrinth geführt werden): Der Ausflug auf San Giorgio lohnt sich allemal.

Gerade war ja Merz in Rom und da konnten sich die Meloni-Freunde in der deutschen Presse vor Begeisterung wieder mal kaum einkriegen, so viel Meloni-Fandom gibt es nicht mal in den italienischen Zeitungen. Allen voran natürlich der Rom-Korrespondent der SZ, der unter der Überschrift “Zur Not auch charmant” (Opens in a new window) Rad schlägt vor lauter Begeisterung: “Trump einfangen, Stabilität verkaufen, Machos ausbremsen: Warum die italienische Ministerpräsidentin und Rechts-außen-Populistin Giorgia Meloni so erfolgreich agiert.”
Und die FAZ kommt gleich danach, unter der Überschrift “Mehr als nur ein Türöffner zu Trump” lesen wir: Meloni stehe für eine wertegebundene Politik, die in Deutschland von vielen geteilt werde. So heiße es in einer Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung: „Ihr viel zitierter Satz ‚Ich bin Giorgia, ich bin Italienerin, ich bin Mutter, ich bin Christin‘ bringt eine Haltung zum Ausdruck, die in vielen europäischen Debatten bewusst ausgeblendet wird – die jedoch zum Kern konservativen Denkens gehört.“ Dieses bestehe aus einer christlich-jüdischen und nationalen Identität, Familienorientierung und der Würde des Menschen als Ausgangspunkt politischen Handelns. Daher sehe Merz in Meloni mehr als eine „Türöffnerin“ Europas zu Trump. (Wobei sich das Wort “Türöffnerin” eigentlich verbietet bei einer, die als Ministerpräsident angesprochen werden will.)
„Wir haben feststellen können, dass sich Deutschland und Italien so nahe stehen, wie selten in unserer Geschichte“, sagte Merz. Ähem. Vielleicht nicht unbedingt eine gute Idee, daran zu erinnern, wie nah (Opens in a new window) sich Deutschland und Italien in der Geschichte schon mal standen. Klar, wen interessieren schon Kleinigkeiten, etwa, wie Meloni by the way die Verfassung ändern (Opens in a new window) will und das Presserecht zunehmend einschränkt? Wen interessiert, was sie bei sich zu Hause macht, wenn man sich einig ist, wie man Migranten am besten abschieben und Klimaziele umgehen kann?
Dazu noch das absolut sehenswerte Instagram-Reel der Pressekonferenz Meloni-Merz (Opens in a new window). Auf die Frage eines Journalisten, ob man sich noch auf Donald Trump verlassen könne, er nicht viel mehr zu einem Sicherheitsproblem geworden sei und ob sie auch meinten, dass man ihm den Nobelpreis geben sollte, weil das ja bekanntlich das Einzige sei, was ihn interessiere, antwortet Meloni in ihrem üblichen Stakkato - und diese Antwort ist ein Lehrbeispiel für ihre politische Rhetorik:
Ja, sagt sie, diese gleichen Vermutungen habe man ja auch bei Joe Biden angestellt (damit geht sie, gar nicht erst auf den orangenen Mann und die Gefahr ein, die unzweifelhaft von ihm ausgeht, sondern tut so, als gäbe es gar keinen Unterschied zwischen Biden oder Trump, zumal sie suggeriert, dass diese Vermutungen - natürlich - immer von der ihr verhassten Presse ausgehen.) Nein, mit einer solchen Frage könne man sich nicht ernsthaft der internationalen Politik stellen (Du Vollpfosten! Wir opfern uns auf für etwas, wovon du keine Ahnung hast, sei froh, dass du hier überhaupt eine Frage stellen darfst!) Und ja, ähnliche Vermutungen seien sogar ihr gegenüber (Ich bin ein Opfer der kommunistisch verseuchten Presse, ein Underdog, der von den Eliten kleingehalten werden soll!) angestellt worden, als sie mal fünf Tage lang wegen Krankheit abwesend gewesen sei. Und ja, man müsse sich (Du Vollidiot hast wohl immer noch nicht kapiert, wer hier die Regeln diktiert!) eben damit abfinden, in einer Demokratie (!!) zu leben, in der die Anführer von den Bürgern gewählt würden, AnFührer, mit denen sie (Anführer wie Merz und ich) sich austauschten. Und ja, wenn es nach ihr ginge, solle Trump unbedingt eines Tages den Nobelpreis bekommen, wenn das einen dauerhaften und gerechten Frieden für die Ukraine bedeute.
Darauf Merz mit Dackelblick: Ich hätte keine bessere Antwort als Giorgia Meloni geben können.
Aus Venedig grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski
Wenn Ihnen mein Newsletter gefällt, freue ich mich sehr über Weiterempfehlungen (Opens in a new window), Anregungen und natürlich über neue Ehrenvenezianer!
Insofern Sie keine Aversion gegen Social Media haben sollten, finden Sie mich auch auf Twitter (Opens in a new window), auf Facebook (Opens in a new window), Linkedin (Opens in a new window) und auf Instagram (Opens in a new window).
Den Kontakt für Lesungen und Vorträge finden Sie hier (Opens in a new window).