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No 12 | Resilienz-Adventskalender für belastende Zeiten

Liebe Leserinnen und Leser,

heute geht es am Tag 12 um den Umgang mit die Gestaltung von gesellschaftlichen Debatten.

Gesellschaftliche Debatten werden schnell laut, emotional oder verletzend - insbesondere auf Social Media. Konstruktive Lösungen werden so erschwert, viele Menschen ziehen sich aus Diskussionen zurück.

Gestalte gesellschaftliche Debatten

Laut der Erhebung „Lauter Hass – leiser Rückzug“ (Opens in a new window) äußerten mehr als die Hälfte der Befragten aus Angst im Netz seltener ihre eigene politische Meinung (57 %), beteiligten sich seltener an Diskussionen (55 %) und formulierten Beiträge bewusst vorsichtiger (53 %). Die Folgen: Viele Positionen sind weniger sichtbar, der Preis, die eigene Meinung zu sagen, wird höher.

In der Sozialpsychologie beschreit der Begriff Group Think die Tendenz, dass Menschen in bestimmten Konstellationen dazu neigen, ihre eigene Meinung zu unterdrücken und sich aus Harmoniestreben der Gruppenmeinung anzupassen. Das passiert vor allem, wenn die Gruppe verschiedene Merkmale (Opens in a new window)hat:

  1. Illusion der Unverwundbarkeit,

  2. eine nicht in Zweifel zu ziehende Gruppenmoral

  3. kollektive Rechtfertigung der Entscheidungen

  4. stereotype Wahrnehmung der Gegner bzw. der gegnerischen Position

  5. hoher Konformitätsdruck innerhalb der Gruppe

  6. Selbstzensur innerhalb der Gruppe,

  7. Illusion vollständiger Einigkeit

Diese Faktoren führen dazu, dass wir vielleicht nicht mehr kritisch nachdenken, ob die Aussage, die wir da lesen, wirklich sinnvoll ist. Oder wir wissen sogar, dass wir mit der Meinung nicht übereinstimmen und trauen uns aber nicht, das offen zu sagen. Schließlich findet man unter dem Instagram-Post sonst nur zustimmende Antworten.

“Es gibt viele Faktoren, die Populismus begünstigen. Was wir aber sehen, ist, dass starke populistische Kräfte auch die Tonalitäten der demokratischen Kräfte verändern. Populismus ist der Trigger, der andere dazu verleitet, die Debatten unnötig zuzuspitzen, obwohl komplexe Themen eine differenziertere Kommunikation erfordern. Zudem machen die Algorithmen in sozialen Netzwerken Populisten das Spiel leicht, da sie auf Emotionalisierung und Skandalisierung setzen, was populistische Botschaften verstärkt.

Julia Reuschenbach (Opens in a new window)

Insbesondere in Zeiten mit komplexen Herausforderungen ist es wichtig, Debatten so zu führen, dass sie zu einer Verbesserung beitragen und nicht Ressentiments weiter schüren. Über Emotionalisierung wird Reichweite generiert, die Art, wie wir miteinander streiten, wird so nicht unbedingt besser.

Eine demokratische Gesellschaft braucht plurale Meinungen und Perspektiven. Dafür braucht es politische Rahmenbedingungen und Verantwortlichkeiten zum Beispiel der Social Media-Plattformen. Aber da hört es nicht auf: Wir alle haben eine Verantwortung für die Art und Weise, wie wir miteinander diskutieren.

🦖 Deine Übung für Heute

Nimm Dir einen Moment Zeit, komme zur Ruhe. Mach Dir vielleicht eine Tasse Tee oder dein Lieblingssnack - und mache folgende Übung:

Wähle ein harmloses Thema und trage zwei extreme Positionen dazu auf einem Strahl ein.

🖊️ Markiere anschließend, wo du selbst stehst und welchen Bereich an abweichenden Meinungen du noch tolerieren kannst.

Überlege dann, bei welchen Themen dieser Toleranzbereich größer oder kleiner wäre und warum das so ist.

Mehr zum Thema

Gruppendenken entsteht übrigens wirklich schnell. Der Psychologe Henri Tajfel hat in dem Kontext den Begriff der minimalen Gruppe geprägt. Bei In-Mind (Opens in a new window) gibt es einen Artikel, der erklärt, wie Gruppenzugehörigkeit überhaupt entsteht.

Ich wünsche weiterhin viel Spaß mit dem Kalender,

Deine

Pia Lamberty

Hintergrundinfos
Hintergrund: Was ist ein Resilienz-Adventskalender für belastende Zeiten?

Die Welt ist im Wandel – und das in einer Geschwindigkeit, die viele Menschen überfordert. Gewohnte Sicherheiten brechen weg, die psychischen Belastungen nehmen zu. Verschiedene Studien zeigen, dass globale Krisen erhebliche psychische Auswirkungen haben und viele an ihre Belastungsgrenze bringen.

Viele Menschen fühlen sich aufgrund der Krisenpermanenz und zunehmenden Bedrohungslage machtlos – doch sie sind es nicht. Menschen können die Welt verändern und haben mehr Einflussmöglichkeiten als ihnen bewusst wird. Um sich zu engagieren, benötigt es aber mentale Kapazitäten und Skills, um mit Stress umzugehen. Denn: Wer keine Ressourcen übrig hat, wird sich wahrscheinlich weniger einbringen können.

Anleitung: Wie funktioniert der Adventskalender?

Dieser Adventskalender hat 24 kleine Übungen, damit Du deine Resilienz jeden Tag ein bisschen stärken kannst. Jeden Tag geht es um ein anderes Thema, um besser durch turbulente Zeiten zu navigieren.

Du kannst die Ergebnisse deiner Übungen gerne aufschreiben und immer wieder mal anschauen. Das funktioniert in der Notizen-App in deinem Handy. Oder du bastelst dir ein kleines Resilienz-Tagebuch. Jede Übung dauert nicht mehr als 15 Minuten.

Es ist auch nicht schlimm, wenn Du nicht alles schaffst oder Du Übungen nicht magst. Das Ganze soll dich stärken und kein weiterer Stresspunkt werden.

Wenn Du aktuell in Psychotherapie bist, besprich vorher mit deinem bzw. deiner Therapeut*in, ob Du aktuell solche Übungen machen solltest.

Ist Resilienz nicht nur so ein komischer Internet-Trend?

Jein. Der Begriff wird gerade auf Social Media oder bei manchen Feel-Good-Seiten ganz schön überstrapaziert und oft sehr individualistisch betrachtet. Trotzdem beschreibt er eine reale Fähigkeit: gut mit Belastungen umgehen zu können. Und diese Kompetenz brauchen wir leider gerade recht häufig. Resilienz hat natürlich auch seine Grenzen. Es ist keine Superkraft, die plötzlich alles gut macht. Dennoch ist es wichtig, um belastende Phasen besser zu überstehen.

Falls Du mich noch nicht kennst:

Ich bin Dr. Pia Lamberty und Psychologin. Mein Studium der Psychologie habe ich an der FernUniversität Hagen und der Universität Köln (Schwerpunkt Social Cognition und Medienpsychologie) absolviert. An verschiedenen Universitäten – in Köln, Mainz, Brüssel und Beer Sheva – habe ich mich intensiv mit Verschwörungsglauben beschäftigt. Darüber hinaus habe ich auch zu Erinnerungskultur, Antisemitismus und allgemeinen Vorurteilen geforscht. Wer sich für meine Forschung interessiert, kann gerne bei Google Scholar (Opens in a new window) vorbei schauen.

Im Jahr 2020 habe ich gemeinsam mit Katharina Nocun mein erstes Buch veröffentlich - “Fake Facts - Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen” -, das in der Coronapandemie zum Bestellter wurde. Ein Jahr später, 2021, erschien dann “True Facts - Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft” und 2023 der nächste Besteller: “Gefährlicher Glaube - Die radikale Welt der Esoterik”. Im Jahr 2021 habe ich mit anderen dann CeMAS (Opens in a new window)- Center für Monitoring, Analayse und Strategie gegründet und war dort bis Oktober 2025 aktiv.

Promoviert habe ich an der Sozial- und Rechtspsychologie der Universität Mainz - zur Rolle von Verschwörungserzählungen im Kontext von Gesundheitsthemen. Daneben habe ich mich durch die Deutsche Psychologenakademie zur Notfallpsychologin (Opens in a new window)weiterbilden lassen.

Mehr über mich findest Du auf meiner neuen Homepage.

Topic ResilienzAdventskalender

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