Liebe Leserinnen und Leser,
wir sind schon bei Tag 15 und heute dreht sich alles um das Thema Problemlösekompetenz.
Wenn wir uns mit der Gegenwart auseinandersetzen, kann man durch die Anzahl der Probleme schnell überwältigt werden: Die Klimakrise ist ein immer dringlicheres Problem, die Anzahl (Opens in a new window) an Kriegen und gewalttätigen Konflikten ist gestiegen, Rechtsextreme und autoritäre Gruppen bauen ihre Macht global aus, Demokratien stehen immer mehr unter Druck (Opens in a new window). Gerade aber weil das so ist, braucht es Problemlösefähigkeiten, um all diesen Entwicklungen etwas entgegensetzen zu können.
Ein Beispiel dafür ist der Historiker Timothy Snyder. Er hat 2017 sein Buch "Über Tyrannei - 20 Lektionen für den Widerstand” (Opens in a new window) veröffentlicht. Snyder analysiert in dem Buch verschiedene autoritäre Regime, um so Umgangsmöglichkeiten abzuleiten. Seine erste Lektion ist beispielsweise “Folge nicht im vorauseilenden Gehorsam”, denn autoritäre Systeme profitieren davon, wenn Menschen sich freiwillig anpassen, bevor sie dazu gezwungen werden.
Trainiere deine Problemlösekompetenz
Vielleicht kennst Du das auch: Oft verharren wir in der Problembeschreibung. Wir ärgern uns, über das, was passiert oder regen uns über gesellschaftliche Entwicklungen auf. Wut kann ein wichtiger Motor für Veränderungen sein. Sie zeigt uns auf, wo Grenzen verletzt wurden und Ungerechtigkeit besteht. Wut kann aber auch dazu führen, dass wir keinen Raum mehr haben, uns konstruktiv zu überlegen, wie wir gesellschaftliche Probleme angehen können. Auf Social Media zeigt sich das oft sehr deutlich: Negative Posts (Opens in a new window)erlangen meist deutlich größere Reichweite als solche, die einen sachlichen Beitrag zu Debatten leisten. Negative Online-Artikel (Opens in a new window) werden auch mehr in den sozialen Netzwerken geteilt.
In gesellschaftlichen Kontexten entstehen Probleme selten isoliert: Sie sind eingebettet in soziale Normen, Machtverhältnisse, Kommunikationsstrukturen und geteilte Bedeutungen. Sozialpsychologisch betrachtet beginnt Problemlösen daher bereits bei der Frage, was überhaupt als Problem gilt. Diese Bewertung ist sozial geprägt.
https://app.23degrees.io/embed/ROpbIHscdpnXOF8Z-bar-horizontal-wichtigste-probleme-neu (Opens in a new window)Medien, Gruppenmeinungen und kulturelle Werte beeinflussen, ob ein Zustand als akzeptabel, negativ oder veränderbar wahrgenommen wird. So können etwa soziale Ungleichheiten lange unsichtbar bleiben, wenn sie als „normal“ gelten, während andere Themen schnell Aufmerksamkeit erhalten. Nicht alle Gruppen haben die gleichen Möglichkeiten, Probleme zu benennen oder Lösungen durchzusetzen. Sozialpsychologisch relevant ist hier, wessen Stimmen gehört werden und wessen Erfahrungen als legitim gelten.
Gerade weil die Welt so viele Herausforderungen hat, ist es wichtig, nicht nur in der Problembeschreibung zu verharren, sondern zu sehen, wo Lösungsmöglichkeiten liegen. Unsere Problemlösekompetenz ist deswegen nicht nur eine persönliche Fähigkeit – sie ist auch eine gesellschaftliche Schlüsselkompetenz. Das Sichtbarmachen von Problemen ist wichtig. Doch wenn wir dort stehen bleiben, entsteht leicht das Gefühl von Stillstand oder Ohnmacht.
Wenn wir beginnen zu überlegen, wie eine Lösung aussehen könnte, verändern wir dadurch unsere Perspektive und fühlen uns weniger ohnmächtig. Gruppen können Problemlösen erleichtern, weil sie Wissen, Perspektiven und Ressourcen bündeln. Unterschiedliche Erfahrungen erhöhen die Chance, kreative und tragfähige Lösungen zu finden. Gleichzeitig bergen Gruppen Risiken: Konformitätsdruck, Hierarchien oder das sogenannte „Groupthink“ können dazu führen, dass kritische Stimmen verstummen und schlechte Entscheidungen stabilisiert werden.
🦖 Deine Übung für Heute
Nimm Dir einen Moment Zeit, komme zur Ruhe. Mach Dir vielleicht eine Tasse Tee oder dein Lieblingssnack - und mache folgende Übung:
Überlege Dir ein gesellschaftliches Problem (z. B. Müll in der Stadt, Einsamkeit im Alter, Verkehrsstau).
🖊️ Sammle völlig wertfrei alle Ideen, die dir zur Lösung einfallen. Schreib alles auf, was dir einfällt.
Am Ende kannst Du dir deine Ideen anschauen und bewerten, welche Du davon für sinnvoll hältst. Vielleicht ist ja sogar etwas dabei, was Du selbst umsetzen kannst.
Bei der OpenVHB kann man verschiedene Kurse kostenlos absolvieren. Die OpenVHB ist ein Angebot von verschiedenen Hochschulen aus Bayern. Beim Kurs “Grundlagen der Sozialpsychologie für Alltag, Beruf und Gesellschaft” (Opens in a new window)lernt man mehr darüber, wie wir Menschen in Gruppen agieren.
Ich wünsche Dir viel Spaß mit dem Kalender,
Pia Lamberty
Hintergrund: Was ist ein Resilienz-Adventskalender für belastende Zeiten?
Die Welt ist im Wandel – und das in einer Geschwindigkeit, die viele Menschen überfordert. Gewohnte Sicherheiten brechen weg, die psychischen Belastungen nehmen zu. Verschiedene Studien zeigen, dass globale Krisen erhebliche psychische Auswirkungen haben und viele an ihre Belastungsgrenze bringen.
Viele Menschen fühlen sich aufgrund der Krisenpermanenz und zunehmenden Bedrohungslage machtlos – doch sie sind es nicht. Menschen können die Welt verändern und haben mehr Einflussmöglichkeiten als ihnen bewusst wird. Um sich zu engagieren, benötigt es aber mentale Kapazitäten und Skills, um mit Stress umzugehen. Denn: Wer keine Ressourcen übrig hat, wird sich wahrscheinlich weniger einbringen können.
Anleitung: Wie funktioniert der Adventskalender?
Dieser Adventskalender hat 24 kleine Übungen, damit Du deine Resilienz jeden Tag ein bisschen stärken kannst. Jeden Tag geht es um ein anderes Thema, um besser durch turbulente Zeiten zu navigieren.
Du kannst die Ergebnisse deiner Übungen gerne aufschreiben und immer wieder mal anschauen. Das funktioniert in der Notizen-App in deinem Handy. Oder du bastelst dir ein kleines Resilienz-Tagebuch. Jede Übung dauert nicht mehr als 15 Minuten.
Es ist auch nicht schlimm, wenn Du nicht alles schaffst oder Du Übungen nicht magst. Das Ganze soll dich stärken und kein weiterer Stresspunkt werden.
Wenn Du aktuell in Psychotherapie bist, besprich vorher mit deinem bzw. deiner Therapeut*in, ob Du aktuell solche Übungen machen solltest.
Ist Resilienz nicht nur so ein komischer Internet-Trend?
Jein. Der Begriff wird gerade auf Social Media oder bei manchen Feel-Good-Seiten ganz schön überstrapaziert und oft sehr individualistisch betrachtet. Trotzdem beschreibt er eine reale Fähigkeit: gut mit Belastungen umgehen zu können. Und diese Kompetenz brauchen wir leider gerade recht häufig. Resilienz hat natürlich auch seine Grenzen. Es ist keine Superkraft, die plötzlich alles gut macht. Dennoch ist es wichtig, um belastende Phasen besser zu überstehen.
Falls Du mich noch nicht kennst:
Ich bin Dr. Pia Lamberty und Psychologin. Mein Studium der Psychologie habe ich an der FernUniversität Hagen und der Universität Köln (Schwerpunkt Social Cognition und Medienpsychologie) absolviert. An verschiedenen Universitäten – in Köln, Mainz, Brüssel und Beer Sheva – habe ich mich intensiv mit Verschwörungsglauben beschäftigt. Darüber hinaus habe ich auch zu Erinnerungskultur, Antisemitismus und allgemeinen Vorurteilen geforscht. Wer sich für meine Forschung interessiert, kann gerne bei Google Scholar (Opens in a new window) vorbei schauen.
Im Jahr 2020 habe ich gemeinsam mit Katharina Nocun mein erstes Buch veröffentlich - “Fake Facts - Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen” -, das in der Coronapandemie zum Bestellter wurde. Ein Jahr später, 2021, erschien dann “True Facts - Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft” und 2023 der nächste Besteller: “Gefährlicher Glaube - Die radikale Welt der Esoterik”. Im Jahr 2021 habe ich mit anderen dann CeMAS (Opens in a new window)- Center für Monitoring, Analayse und Strategie gegründet und war dort bis Oktober 2025 aktiv.
Promoviert habe ich an der Sozial- und Rechtspsychologie der Universität Mainz - zur Rolle von Verschwörungserzählungen im Kontext von Gesundheitsthemen. Daneben habe ich mich durch die Deutsche Psychologenakademie zur Notfallpsychologin (Opens in a new window)weiterbilden lassen.
Mehr über mich findest Du auf meiner neuen Homepage.