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Eine ganz andere Geschichte

 

Laut der alten Karte trug das Inselchen nur eine kleine Chora auf seiner höchsten Erhebung und zwei Dörfer unten am Wasser. Was das Eiland für mich interessant machte, war die Bucht. Sie versprach Ruhe und die war erforderlich an Bord. Der kurze Riss in der Sprayhood sollte genäht werden, damit er nicht größer würde. Offensichtlich befand ich mich allein auf meiner Ketsch LOREA. Seit über drei Jahren lebte ich auf dem dreizehn Meter langen Schiff, genug, um sehr mit ihm vertraut zu werden. Hatte längst aufgehört, die Meilen zu zählen.

Mit ein paar Gewitterböen segelte ich auf die Einfahrt zu. Angesichts der dunklen Wolken hatte ich die Genua schon etwas kleiner gedreht und das erste Reff in das Großsegel gebunden. Die Bucht gab Raum genug, um hineinzusegeln und drinnen in der vergleichsweisen Windstille die Segel zu bergen. Die weißen Kronen auf den dunklen Wellen vor der Einfahrt verrieten, dass der Wind dort erheblich stärker auf das Wasser fiel als hier draußen. Klar, die Felsen drängten ihn zusammen, was die Böen beschleunigte. Kapeffekt.

In rauschender Fahrt lief die LOREA auf dieses Geschäume zu. Der Autopilot hielt eisern Kurs. Mit aller Kraft holte ich die Genua mit der Winsch noch einen Meter ein. Das war nicht zu früh. Jetzt fielen die ersten starken Böen in die drei Segel: Genua, Groß und Besan. Das Boot legte sich weiter nach Lee und das Rauschen der Bugseen wurde deutlich lauter. In Lee, noch ein paar Kabel voraus ragte dunkel der Fels gut zehn, fünfzehn Meter hoch aus dem Wasser. Oben thronte zwischen Gebüsch ein weiß gestrichenes Türmchen. Die südliche Markierung der Einfahrt.

Ihr gegenüber stieg die grauschwarze Felswand mindestens doppelt so hoch aus der schäumenden See in den finster bewölkten Himmel. Genau auf diese Wand musste ich zuhalten, um von dem Leefelsen so weit wie irgend möglich frei zu bleiben. Wieviel mögen dort wohl schon zerschellt sein? Ich gab dem Autopilot noch einen Grad nach steuerbord. Dort drüben zerplatzten die Wellen an der Klippe und weiße Gischt spritzte einige Meter hoch.

Wir waren mittendrin im Getöse vor der Einfahrt in die stille Bucht. LOREA schoss mit hoher Fahrt durch die Seen, so mancher Kamm donnerte gegen die luvwärtige Bordwand und schickte seinen Meeresschaum über das Deck.

Plötzlich war es vorbei. Der Wind war weg. Im Schutz der Felswand lief das Boot ins ruhige Wasser. Die Genua fiel zusammen. Ich startete den Motor, kurbelte das Vorsegel vollständig weg und holte die Schoten für Groß und Besan dicht. Wie ein stiller See lag die Bucht zwischen den Hügeln. An backbord, jenseits der Einfahrt waren dunkle Klippen auszumachen vor dem schmalen steinigen Uferstreifen. Nur zwei, drei Handbreit ragten die Felsen aus dem Wasser.

Vorne, weit vor dem Bug lag ein Schiff. Eine weiße, ältere Motorjacht schwoite souverän am Anker, mindestens zehn Meter lang. Elegant in ihrem schiffigen Stil. Ihr Bug wies im leicht gekräuselten Wasser zum Ufer hinüber. Also musste ein Luftstrom von dort vom Berg herunterfallen. Der Fels wich dort zurück und machte einem Uferstreifen Platz mit Strand, Wald und einem halben Dutzend niedriger Häuser. Da lag noch ein zweites Schiff. Ein kleineres Motorboot festgemacht an einer vorspringenden Pier, offenbar aus Stein gemauert. Klar, ist ja auch ein idealer Hafen, ging mir durch den Kopf. Man könnte doch auf der gegenüberliegenden Seite…

Erst mal die Segel bergen. Boot in den Wind stellen, Großsegel und Besan herunterholen. Die Fender raushängen und Vor- und Heckleinen klarlegen. Das Echo zeigt noch acht Meter Tiefe an. Ich steuere die Pier so an, dass ich mit der Steuerbordseite anlegen kann und der Bug vom Ufer weg zeigt. Mein Prinzip. Aus dieser Position kann ich am einfachsten wieder ablegen. Ich muss also das Schiff direkt vor der Pier heftig nach backbord drehen. Tiefe drei Meter. Am Ufer ist niemand zu sehen. An einem der niedrigen weiß gestrichenen Häuser steht eine Tür offen. Vor dem Fenster daneben stehen ein Holztisch und zwei schlichte hölzerne Stühle.  

Das Boot folgt dem Ruder und dreht fast auf der Stelle. Maschine kurz achteraus und einmal kurz voraus. Die Steuerbordseite legt sich sanft in die Fender und an die steinerne Wand. Auskuppeln. Mit der Vorleine an Land springen, sie um einen simplen steinernen Poller legen und an Bord festmachen, die Heckleine holen und ebenso festmachen. Maschine abstellen. Fertig.

Die silbern glitzernde Fläche der Bucht dehnt sich weit zum gegenüberliegenden Ufer, wo sich an den dunklen Klippen kleine Wellen brechen. Sieht friedlich aus, woran auch die dunklen Wolken nichts ändern. An das dumpfe Donnergrollen habe ich mich schon gewöhnt. Was soll hier drinnen schon Großes passieren? Die Motorjacht liegt still an ihrem Anker. Kein Leben darauf wahrzunehmen. Auch das kleine blaue Motorboot scheint verlassen zu sein. Man könnte sich eine Dose Bier genehmigen nach der langen Fahrt. Über dem offenen Hauseigang an Land hängt ein Schild mit blauer Schrift. Griechisch.

Im Cockpit hockend schenk ich das Bier ein. Die blaue Schrift. Ich entziffere: SYNERGEIO. Das heißt doch? In der Umgebung ist nichts zu sehen, was auf irgendeine Reparatur schließen ließe. Kein Material, kein Fahrzeug. Was soll hier eine Werkstatt?

Über dem dunkelgrünen Bergrücken zuckt ein Blitz aus den Wolken. Eine Bö fällt vom Hang herab und wirbelt kleine Wellen aus der Silberfläche. Das Bimini sollte über das Cockpit gespannt werden. Aber es hat ja diesen kleinen Riss. Vielleicht haben sie in der Synergeio was, um den zu flicken? Das halboffene Steuerhaus meines Boote schützt das halbe Cockpit. Ich stell das Bierglas ab und hole das aufgerollte Bimini aus dem Stauraum unter der Cockpitbank. Man könnte ja mal fragen.

Ich packe Geldbörse und Telefon in die Hosentaschen und klemme mir die Biminirolle unter den Arm. Ein Schritt aus dem Cockpit und noch einer und ich bin an Land, stehe auf den Steinquadern, aus denen vermutlich vor Jahrhunderten diese Pier gemauert worden war. Der Niedergang im Steuerhaus bleibt offen. Dort kommt kein Regen hin und ich werde das Schiff nicht aus den Augen lassen. Nicht über die hundert Meter zu den Häusern hinüber. Wieder zuckt ein Blitz, diesmal folgt der Donner nur ein paar Sekunden darauf. Dicke Wassertropfen platschen mit einem Mal auf den Boden. Nur noch ein paar Schritte zu dem Haus.

Topic Albtraum Tornado

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