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Und nun, liebe Freunde, Freundinnen, liebe Menschen

Gibt es einen kleinen Auszug aus dem schönen neuen Buch von mir-Moment, ich zeige das:

https://www.kiwi-verlag.de/buch/sibylle-berg-pnr-la-bella-vita-9783462003802 (Opens in a new window)

Es macht sehr gute Laune, es ist das erste gute Launebuch, das ich jemals geschrieben habe. Es handelt davon, wie wir leben könnten , wenn wir keine Angst mehr haben müssten. Davor , die Miete nicht zahlen zu können, oder keine Wohnung zu finden, oder den Job zu verlieren, oder keinen zu bekommen, oder verlassen zu werden. Oder einsam zu sein, oder in einem Krieg zu sterben, oder dass alles so weiter geht wie jetzt.

Ich habe laufend neue Termine. Die nächsten sind hier

https://www.tomprodukt.de/tourplan/#sibylle-berg (Opens in a new window)

und jetzt: Gute Nacht!

22. Jeder Mensch hat das Recht auf einen erholsamen Schlaf.

Das Gehirn macht den Anfang. Vor dem Körper beginnt es zu arbeiten, als wäre es betrunken:

Habe ich noch Milch im Kühlschrank? Gibt es eigentlich noch Milch, wurde die nicht – abgeschafft?

Habe ich einen Kühlschrank? Würden Körperteile im Kühlschrank mich erstaunen?

Gibt es gleich Kaffee? Verlangt die Welt nach meiner Anwesenheit?

Die Antwort könnte mich verunsichern.

Millionen stehen nicht auf, sie sind entweder krank oder verschieden oder haben keine Lust, sich zu bewegen, weil es großartig ist, nur an die Decke zu sehen. Und was passiert? Öffnet sich der Boden und verschlingt alles, was auf ihm errichtet ist? Fallen die Menschen weinend auf die Knie und flehen dich, liegender Mensch, an, dein Leben aktiv zu gestalten?

Gedanken am Morgen.

Nichts, was in philosophischen Aphorismen-Sammelbänden Bestand haben wird.

Ich drehe mich auf den Rücken.

Welch eine Freude – der Rücken funktioniert, da wackeln die Füße, die Hände. Man sollte nie davon ausgehen, dass all diese Teile und Organe nach der Nachtruhe noch komplett vorhanden sind. Ratten könnten Dinge vom Menschen abessen, eine Selbstentzündung könnte stattfinden oder Löschkalk könnte aus der Decke rieseln.

Ich denke oft über schlafende Menschen nach.

Ein Grund, warum mir andere Denker den Fields-Preis für die Lösung der probabilistischen Theorie von Phasenübergängen weggeschnappt haben, ist meine Sucht nach Banalitäten.

Wenn ich damit fertig bin, denke ich an früher, weil der größte Teil meines Lebens in diesem Früher stattgefunden hat, es mich geprägt hat oder sozialisiert, wie man sagt. Das Vergangene ist mir gegenwärtiger als die Gegenwart, die ich bestaune wie ein gelungenes Kunstwerk.

Früher also, liebe Folgegenerationen, standen Schlafmittel auf Platz zwei der weltweiten Lieblingsmedikamente – direkt hinter Potenzmitteln.

Dicht gefolgt von Herz-Kreislauf-Mitteln, Psychopharmaka, Ritalin – alles, um die panische Masse am Laufen zu halten, zum Durchhalten zu pimpen. Bis zum nächsten Krieg an irgendeiner Front. »Hurra, ein neuer Tag«, sagten die Psychopharmaka zu den Rezeptoren.

Dann schnell einen Kaffee im Stehen – bloß nicht setzen, denn dann kommt die Traurigkeit – vielleicht beim Blick aus dem Fenster, falls es eines gab. Und draußen war nichts Schönes, nur Dunkelheit. Dann hätten sie weinen müssen. Sich weinen sehen.

Am Tisch. In Kleidung, die von noch ärmeren Schweinen in stickigen Hallen zusammengeleimt worden war. Dann raus in die Kälte – wenn es kalt war, ging’s. Gefährlich wurde es, wenn Vögel zu hören waren, wenn ein warmer Tag erwachte – den sie später vermissen würden, unter künstlichem Licht. Sie trugen Papiere bei sich, um irgendetwas zu dokumentieren – im Zweifel: sich selbst. Nur Papier bewies ihre Existenz. Ohne Zettel war der Mensch nicht vorhanden. Alle liebten die Bürokratie. Es musste Ordnung herrschen – und die ging vom Staat aus. Nicht von ihnen selbst. Auch nicht von den Polizisten, die auf prächtigen Hengsten durch die Stadt ritten, um Rentner vom Boulespiel auf Privatbesitz zu vertreiben.

Dann was essen. Die Jagd nach Nahrung: Finger in Dosen, Gespräche mit ernsten Gesichtern. »Der Weg ist das Ziel«, sagten sie. Oder: »Man muss sich selbst lieben.« All diese weltatmenden Verrichtungen – nur, um am Ende in Betten zu liegen.

Irgendwann hatte ein Musiker gesagt:

»Man kann sich jeden Tag neu erfinden.«

Der Musiker – inzwischen vergessen – hatte sich vermutlich als Kassiererin neu erfunden. Oder als Rentner. Er machte ein wichtiges, humorloses Gesicht, schaute in den Himmel –

den er vermutlich als Bügelbrett neu erfand.

Selbst wenn ich mich jetzt als cremeweiße, sexy Pianistin definieren möchte – es funktioniert nicht. Vielleicht war das alles eher inhaltlich gemeint.

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