von Virginie Despentes, gelesen (und in weiten Teilen gecopied und gepasted) von Mia
Auf Empfehlung einer Hörerin habe ich mir das Buch in der Bibliothek (wo ich immer noch begeistert hingehe) ausgeliehen und auf meinem Ostertrip durchgelesen.
»Nicht trinken heißt, andere Leute pausenlos zu enttäuschen. Die herzliche Umarmung zu verweigern, die sie anbieten. Im Moment des Kusses den Kopf wegzudrehen. Es bedeutet eine Zurückweisung.«
Sätze wie dieser haben mich früh vermuten lassen, dass dass sich da eine wirklich gut auskennt, dass die Autorin nicht nur besonders gründlich recherchiert hat, sondern aus Erfahrung spricht.
Auch die Schilderungen von Selbsthilfegruppen, auf die die beiden Protagonist:innen im Verlauf der Geschichte zu gehen beginnen, klingen innen wie außen sehr vertraut, das Mitgefühl, die Identifikation, die Ehrlichkeit ist sehr genau beobachtet, viel genauer, als hätte die Autorin einfach nur gründlich recherchiert.
Und tatsächlich: Despentes ist sober, schon seit sie Anfang dreißig ist.
Nachdem sie als junge Frau vergewaltigt wurde und danach durch Prostitution und kreative Arbeit ihr Narrativ repariert hat, versuchte sie eine Weile, sich dem System anzupassen und wie sie sagt, eine gute, weibliche Frau zu sein: »Aber Weiblichkeit ist ja nichts anderes als die Kunst der Servilität. Verführerisch sein, aber unauffällig. Häuslich. Niedlich. Weiblich. Und ich wurde wütend, wütender als je zuvor. Da wusste ich, das funktioniert so nicht, du musst etwas Grundlegendes ändern.«
Sie hörte zu dieser Zeit auf zu trinken und Beziehungen mit Männern zu haben; offenbar waren diese Aspekte ihres Lebens miteinander verbunden und erhielten einander: Das Trinken und die Heteronormativität. Indem sie das eine aufgab, musste auch das andere gehen. Man spürt ihre Geschichte und ihr Wissen um die Nüchternheit deutlich im Text.
Die Story geht so: Rebecca ist ein mittelalter Filmstar und definitiv immer noch ein Cool Girl. Sie sagt von sich selbst, dass mit ihr bis vor kurzem nicht gut über Feminismus zu reden war, weil sie hauptsächlich vom System profitiert hat. Das ändert sich aber gerade, denn sie kriegt (wegen ihres Alterns) keine guten Rollen mehr, mittelalte weiße Männer fangen an, sie auf Instagram (wegen ihres Alterns) zu beleidigen und die Drogen wirken auch nicht mehr richtig. »Die Party ist vorbei«, schreibt sie.
Oskar ist ein bekannter Autor und mittelalter weißer Mann, der gerade seinen eigenen #Metoo Skandal erlebt, nachdem er seine Pressereferentin gestalkt hat, die das jetzt in ihrem Blog öffentlich macht. Oskar disst Rebecca auf Social Media, woraufhin sie beginnen, sich gegenseitig lange Mails zu schreiben und sich gegenseitig ihr Leid zu klagen. (Das alles ist ein wenig konstruiert und unglaubwürdig, aber es ermöglicht Despentes natürlich, die gegensätzlichen Haltungen der beiden besonders plakativ zu zeigen.)
Oskar hat Sorge, im Suff etwas zu tun, was seinen ohnehin schon beschädigten Ruf noch weiter ruiniert. Er beschließt, deswegen vorerst nüchtern zu werden und geht zu NA, was ihm unerwartet gefällt:
»Diejenigen, die schon lange dabei sind, haben mir geraten, in den ersten drei Monaten täglich hinzugehen. »Nie im Leben«, habe ich damals gedacht. Was gut ist an dem Verein, es gibt nur schwere Fälle. Das Programm richtet sich an Leute, die bei jedem Rat, den sie erhalten, denken: »nie im Leben«. Fazit: Ich gehe täglich zu einem Meeting. Es hat was von einer Kneipe auf dem Land. Keiner erwartet mich, ich komme, wann ich will, man weiß nie, wer da ist, es gibt bekannte Gesichter, nervige Typen, die viel quasseln, und andere, die du magst, aber plötzlich ändert sich das, wer dir gefallen hat, geht dir auf die Nerven, und Leute, die du blöd fandst, sagen etwas, was dich berührt, und schon ändert sich dein Blick.«
Die Meetings entfalten ihre Wirkung. Oskar fängt an, sich tatsächlich mit seinen eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen, mit seiner fast erwachsenen Tochter und seiner Schwester zu reden, er erkennt, dass er schüchtern ist, beginnt, seine eigenen Fehler zu verstehen, insbesondere die mit der sexualisierten Gewalt, versteht die Sichtweise der anderen und findet bei NA Frieden und männliche Gemeinschaft:
»Das ist der absolute Gegenpol zu Instagram. Ein Ort, an dem sich Männer und Frauen versammeln, um über ihre Schwächen, ihre Ohnmacht, ihre Sorgen zu reden – und sie versprechen, sich gegenseitig zu helfen, ohne andere dominieren zu wollen, was sie auch nicht tun. Es gibt auf dieser Welt eine männliche Solidarität, aber sie hat immer einen Preis. Du musst zeigen, dass du ein echter Kerl bist, dich durchsetzen kannst, deine Ziele erreichst. Du bist ein harter Hund, ein Hurenbock, du verdienst ordentlich Kohle, du fährst einen tollen Schlitten, du hast eine schöne Frau. Es gibt eine männliche Solidarität - aber keine Gemeinschaft. Bei den NA nehme ich täglich an einem Meeting teil, ich zeige täglich meine Schwäche und sehe niemanden hämisch grinsen.«
Rebecca nimmt ebenfalls jede Menge Drogen, ihre Haltung dazu ist aber zunächst entschieden anti: »Allein bei dem Wort Wiedereingliederung möchte ich aus dem Fenster springen.«
Sie romantisiert den Rausch – ganz das Cool Girl das sie ist – ein bisschen mehr als Oskar. Sie hat keinen Bock auf Nüchternheit und glaubt nicht, dass sie das braucht. Schließlich ist sie mit Heroin und Crack bisher ganz wunderbar klargekommen, behauptet sie. Als Pro Droge Argument nutzt sie das gute, alte Argumentationsmuster – Drogen als Rebellion gegen die Leistungsgesellschaft:
»Ich hindere mich daran, eine gute Angestellte gute Ehefrau gute Erwachsene zu sein, pünktlich, höflich, treu. Zuverlässig für das System. Ich bin mangelhaft. Ich bin schwer auszubeuten. Ich bin ein schlechter Soldat. Gute Soldaten nehmen die Drogen, die man ihnen verschreibt. (...) Wenn man von den legalen Drogen der Psychiatrie abhängig ist, wenn man die Drogen nimmt, die der Arzt empfiehlt, ist man eine gute Arbeitskraft. Ein nützliches Glied der Wirtschaft. Das ist der tiefere Sinn, wenn du dich wegballerst. Du verweigerst dich deinem Land. Du verweigerst dich deiner Sprache. Du verweigerst dich der Rolle einer ehrbaren Frau. Du verweigerst dich der Fabrik, in der deine Mutter geschuftet hat. Du verweigerst dich dem Schützengraben, in dem dein Urgroßvater anonym gefallen ist.«
Wir wissen alle, was das für ein Quatsch ist. Rebecca hat jahrzehntelang alles gemacht, was man von einem weiblichen Filmstar erwartet (gut aussehen, sexy sein, auf die Kacke hauen) und sie hat natürlich, wie sie selbst weiß, vom patriarchalen System profitiert. Das kann man als Schauspielerin nur, solange man jung ist und so wendet sie sich doch mit Anfang 50 dem Feminismus und der Nüchternheit zu. Sie versucht es auch mal mit NA. Teilweise, weil Oskar es vormacht, teilweise, weil die Pandemie und der Lockdown kommt und das Drogennehmen immer weniger Rausch verspricht. Sie wundert sich über ihre eigene Nüchternheitsanwandlungen:
»Ich frage mich, bis wohin ich den Schwachsinn mitmachen werde. Inzwischen bin ich schon Feministin geworden. Dann habe ich mich den kleinen Leuten nahe gefühlt, die im Lockdown schuften müssen. Und jetzt höre ich Menschen zu, die mir erzählen, wie sie es anstellen, clean zu bleiben. Wenn das so weitergeht, kaufe ich mir in sechs Monaten Turnschuhe und fange an zu joggen. Beängstigend, mein Publikum wird enttäuscht sein von mir. Aber ich bin nicht dazu da, die Leute zu unterhalten. Ich will überleben. Und ich weiß nicht, ob ich es hinkriege. Das, was ihr macht. Das ängstigt mich am meisten, glaube ich. Dass ich es nicht schaffen könnte.«
Beide, Rebecca und Oskar, kommen dem Rückfall ziemlich nah. Rebecca, weil sie den Rausch und den Kontrollverlust vermisst:
»Ich möchte hinschmeißen. Ich möchte ausscheren, ich möchte unzuverlässig sein. Ich langweile mich allein, ich komme mir vor wie ein gut getrimmter Rasen in einem kleinen bürgerlichen Provinzvorgarten. Ich möchte die Uhren zerstören. Rechtschaffenheit macht mich müde. Lieber verrecken als Yoga machen, definitiv.«
Aber sie findet auch etwas Universelles und interessantes in den Meetings, das sich gut mit dem kapitalistischen System selbst vergleichen lässt:
Wenn du Crack durch »Rendite für Aktionäre« ersetzt, passt es auch. Jeder weiß, dass diese Art von Ökonomie in die Katastrophe führt. Und man kann sich vorstellen, dass die Leute an den Schalthebeln dasselbe antworten wie unverbesserliche Junkies: »Ich mache keinen Entzug, lieber krepier ich.«
Rebecca und Oskar, alter weißer Mann und alte weiße Frau, überdenken langsam ihre Haltung, kommen sich selbst auf die Schliche, werden weich, liebevoll, verständnisvoll, fühlen ihre Gefühle – verändern sich. Kurz gesagt, sie werden nüchtern – das alte Lied von Neugeburt und Hoffnung.
Die Schilderung des Nüchternwerdens und die Rolle von Alkohol und anderen Drogen im Zusammenhang mit Gewalt wird in den Kritiken kaum besprochen. Bei den Rezensionen über das Buch standen eher die anderen gesellschaftspolitschen Themen im Vordergrund, Gender, Sex, Macht. Alle fanden es gut, wie versöhnlich das Buch ist, dass es verschiedene Perspektiven nachvollziehbar und glaubhaft mitdenkt, dass man Oskars Verhalten verstehen kann (Arbeiterkind, immer hässlich und unmännlich gewesen, patriarchal geprägt; bemitleidenswert eben) – selbst die Konservativen mochten es. Ich bin nicht sicher, ob ich das als Erfolg verbuchen würde, aber gut.
Wäre die Schilderung der Nüchternheit nicht so gut gewesen, hätte ich das Buch nicht zuende gelesen. Nicht weil es nicht toll wäre, sondern weil ich aktuell keine toxische Männlichkeit ertrage. Ich weiß genug über Femizide und strukturelle Ungerechtigkeiten, ich höre mir genug dumme Sprüche von heterosexuellen Männern an, um permanent schlecht drauf zu sein und meide deswegen gerade jeden weiteren Input zum Thema Realität.
Doch auch hier ist Nüchternheit mal weder die Antwort: Despentes zeigt virtuos, was für ein wichtiger Baustein der Suff für den Fortbestand des toxischen Patriarchats ist, wie elementar es ist, dass sich alle zudröhnen, um sich selbst abzustumpfen und wie die Nüchternheit der beiden Protagonist:innen alle Veränderungen im Denken, Fühlen und Handeln überhaupt erst möglich macht, wie die Nüchternheit, ohne, dass es je explizit gesagt wird, das Fundament für die Weiterentwicklung ist; Nur ein nüchterner Geist ist ein beweglicher Geist.
Das hat den Text am Ende doch erträglich für mich gemacht: Allein das Wissen um die Möglichkeit der Transformation gibt (ein kleines bisschen) Hoffnung.