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SodaKlub Weekly

Mia, Sylt

Weil beide Onkels oben sind, fahre ich auch hoch (auf die Insel, wie der erste Onkel sie immer nur nennt). Es scheint mir sinnvoll, hier das Familienkapitel zuende zu schreiben. Der erste Onkel wohnt in der Gartenhütte, der zweite im Keller, ich bekomme das kleine Apartment im Dach und fühle mich wie Aristokratie, wenn ich morgens aufwache. Käuzchen rufen, der Himmel ist klar, ich gehe morgens Laufen in den Dünen, und obwohl ich ja gar nicht reich bin, kriege ich ein bisschen Klassenschuld.

Meine Tante sucht Familienfotos raus und ich bin völlig schockiert darüber, wie gutaussehend mein Uropa war. Und wie niedlich Mathilde, als sie noch ein Mädchen war, bevor der Alkohol sie fünf Jahrzehnte lang restlos ausplünderte. Die einzigen Bilder, auf denen sie keine Kippe in der Hand hat, sind die, auf denen sie mit mir posiert.

Es gibt hier drei Arten von Typen auf Bumble:

Typ 1 — Wirkt nicht in der Lage zu grammatikalisch korrekten Sätzen, gleicht das aber mit Welpen-Selfies aus. Schreibt im Profiltext, er wünscht sich eine treue, ehrliche, liebe Frau.

Typ 2 — Der Porsche fahrende, Golf spielende Wannabe-Sugardaddy, dessen ledrige Haut vom übermäßigen Konsum von zuviel teurem Wein und rotem Fleisch zeugt (du kannst beim Anschauen seines Profilbildes förmlich hören, wie er dir mit Gerhard Schröderigem Timbre die Welt erklärt und spüren, wie er, in lähmender Angst vor seinem eigenen Tod, nach dem Lebenswillen junger Frauen trachtet).

Typ 3 — Der Nachwuchs von Typ 2: Die nächste Generation FDP Wähler. Mit Bvlgari Fellkragen Jacke, glänzenden Dreihunder Euro Sneakern, nackten Knöcheln und gebleckten Zähnen. Alles ist eine Performance. Wenn du arm bist, ist das deine eigene Schuld. Sex mit so einem fühlt sich an wie Sex mit einem Brett.

Aber Bumble ist hier sowieso schnell durchgespielt und ich konzentriere mich wieder auf das Schreiben. Ich hatte noch keine einzige Schreibblockade in my life, worüber ich sehr dankbar bin, ich setze mich einfach hin und los gehts. Es ist zwar nicht immer alles von makelloser Qualität, aber darum geht es ja auch nicht, es geht um den Flow. Schreiben im Dachzimmer, Schreiben im Bett, schreiben im Wintergarten, schreiben im Strandkorb. Zwischendurch habe ich immer das Bedürfnis, aufzuspringen und herumzulaufen, aber hier kriege ich dann eine Gartenschere in die Hand und darf die Hortensie beschneiden – eine Tätigkeit, die das Schreiben perfekt ergänzt. Hinterher gehe ich zurück in den Text und ersetze die Hälfte der Kommas durch Punkte.

Ich im Garten, ca. 1990

Mika

Nachdem ich mir nun mühsam Informationen über die Geschichte der Sucht zusammengesucht habe, kommt jemand mit einem Buch raus, das sich genau dem widmet! Finde ich fantastisch. Es sieht auch noch gut aus und wird deshalb mein unbedingter Begleiter für die nächsten Tage (naja, wahrscheinlich Wochen). Rezension dazu an dieser Stelle kommt bestimmt. Wer bis dahin ein Zeit-Abo hat, kann hier ein Interview mit dem Autor (Opens in a new window) Carl Erik Fisher lesen (Paywall) oder hier einen Text im Guardian (Opens in a new window) von ihm.

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Wir waren zugast im MDR Podcast Sputnik: Deine Meinung (Opens in a new window) und haben dort über das Nicht-Trinken gesprochen, über Rausch, über Sobriety und Gefühle (ihr kennt uns ja). Der Moderator, Marvin, war ehrlich interessiert, was natürlich immer cool ist, und uns mal wieder gezeigt hat: Es gibt noch immer ganz schön viel Gesprächsbedarf.

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