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Mia

Weil ich gerade viel Arbeit habe, und deswegen diese Woche in meinem Leben nichts passiert ist, das ich resümieren könnte, ich von der Außenwelt nichts mitbekommen habe, das ich kommentieren könnte und ich nichts gelesen habe, das ich rezensieren könnte, bekommt ihr einfach stattdessen eine Auszug aus dem Buch, an dem ich arbeite. Ich habe letzte Woche begonnen, meine Teeniezeit in Berlin zu beschreiben und mich somit dem einzigen Kapitel in meinem Leben gewidmet, in dem Alkohol noch keine Beduetung für mich hatte.  

Viel Spaß mit dem Text. 

2001

Ein Jahr nach meiner nur wenige Wochen dauernden Liaison mit dem Punk lernte ich bei einer Gruftiparty im Kato Jascha kennen, einen schönen, elfenhaften ostdeutschen Jungen vom Dorf, der gerade siebzehn geworden war und ähnliche Freiheiten genoss wie ich. Jeden Freitag kam er mit seiner älteren Schwester Jana, die sich richtige Gruftiklamotten leisten konnte, zum Black Friday ins Kato. Sein Idol war ebenfalls Manson, und er hatte sich stilistisch großzügig an ihm bedient. Als wir uns das erste Mal sahen, rauchend vor der Tür, war es, als ob Cupid höchstpersönlich über uns erschien und zwei Pfeile direkt in unsere Herzen schoss. Ich trug mein rotes Lieblingskleid aus der Garage, das ein Zigarettenbrandloch hatte, weswegen ich immer meine Hand auf Hüfthöhe halten musste, um es zu kaschieren. Jascha trug ein aufwändiges Goth-Makeup, inklusive schwarzem Lippenstift. Dazu einen schwarzen Minirock, zerschnittene Nylons als Armbekleidung, und eine weiße Kontaktlinse. Wir starrten einander stundenlang durch den Raum hinweg an und dann schrieb ich ihm meine Telefonnummer auf einen roten Zettel und steckte sie ihm im Vorübergehen zu, weil ich zu schüchtern war, ihn einfach anzusprechen.

Wir kamen, wie so oft bei schicksalhaften Begegnungen, sofort zusammen, und verbrachten fortan jede freie Minute miteinander. Er holte mich täglich von der Schule ab, immer in voller Grufti Montur, immer mit einer einzelnen Blume in der Hand. Wir machten rum und hörten Depeche Mode und Nick Cave. Wir schrieben einander Briefe, obwohl wir in der gleichen Stadt lebten – er in Friedrichshain, ich in Moabit. Wir aßen Fruit Loops und schauten MTV und selbstaufgenommene VHS Videos von Natural Born Killers, Sleepy Hollow und Im Auftrag des Teufels. Wir verbrauchten zu zweit irrsinnige Mengen an süßlich stinkendem Haarlack. Wir brachen nachts auf dem Friedhof ein, wofür wir die alten Cockerspaniel Jessie, Jaschas Familienhündin, in halsbrecherischen Manövern über die Friedhofsmauer bugsierten, und wir jobbten als Renovierungshelfer bei Jaschas Mutters Boyfriend Bernd, der eine Handwerkerfirma hatte und uns für ein paar Euro die Stunde Tapeten abziehen ließ, wobei wir uns alle zwanzig Minuten ins Klo einschlossen, um rumzumachen. Wir hatten Sex in unseren Kinderzimmern und versuchten, leise zu sein, weil unsere Mütter im Nebenzimmer Wäsche aufhängten.

Während ich bei meinem ersten Mal mit dem Punk noch stark und souverän bleiben konnte, weil ich nicht verliebt war und mich auf die Coolheit des Erlebnisses selbst konzentrieren konnte, war der Sex mit Jascha mein erster echter Sex, denn ich war so verknallt, dass ich kaum geradeaus gucken konnte. Unser Sex war ein warmer, goldener Meteoritenschauer mit Pfirsichgeschmack, unsere Liebe fühlte sich so schicksalhaft an, dass wir sie in einem Zustand der Ehrfurcht erlebten.

Wir waren anderthalb Jahre lang unzertrennlich. Wir knutschten, stritten, machten rum. Meine Trinkgewohnheiten bleiben auf einem unverändert niedrigen Level, aber ich kiffte auch immer weniger. Jascha vertrug das Kiffen nicht. Er hatte eine ohnehin schon schwer zu zähmende Phantasie und das Kiffen machte es für ihn schwerer, seine Träume und die Realität auseinanderzuhalten. Abgesehen von den Koffeintabletten, mit denen er sich in der Schule dopte, war er meistens klar.

Während ich später noch lange Zeit der Meinung war, dass die Beziehung mit Jascha nicht richtig »zählte«, ich sie als Teenieromanze abtat und alles, was folgte, als erwachsener und reifer einstufte, glaube ich heute, dass ich verfluchtes Glück mit meinen ersten Sex- und Romantikerfahrungen hatte, weil sie mir zeigten, dass Liebe ohne Schmerz und Sex ohne Betäubung nicht nur möglich sind, sondern besser. Die kindliche Unschuld ungetrübter Liebe sollte ich nach Jascha jahrelang vergessen, während ich manisch durch meine Zwanziger mäanderte, das Leiden in Leidenschaft lebte, Schmerz mit Wahrhaftigkeit gleichsetzte und all meine Gefühle zu einem schrillen Soundtheater hochpitchte. In meinen Zwanzigern übernahm ich jede Menge romantizistische Ideen von Liebe: Ich war überzeugt davon, dass man mit Männern, mit denen man zusammen ist, nicht gleichzeitig befreundet sein kann, dass Zärtlichkeit gleichbedeutend mit Unsexyness ist und dass Beziehungen scheitern, weil man sich zu nah kommt. Doch nachdem ich nüchtern wurde, und während ich mich das erste Mal nüchtern verliebte, erinnerte ich mich an meine erste Liebe und an die Erfahrung unverdorbener Liebesgefühle, die ich mit Jascha erlebt hatte, und entdeckte, dass sie noch immer in mir waren, intakt.

Die Kindlichkeit und Unbeschwertheit meiner ersten Erfahrungen ähnelten sehr dem, was ich später in der Nüchternheit erlebte. Sex, der roh und seltsam im hellen Nachmittagslicht beginnt und mich dann in goldene Elektrizität auflöst, Sex, bei dem man merkt, dass man ein Tier ist – und zwar nicht auf die performative Art, die aus Pornografie zitiert, und mit der ich früher manchmal Leidenschaft spielte, wenn es keine gab, sondern in einem ursprünglichen und ungezähmten Sinn. Ich kenne viele, die ihren ersten Sex und ihre ersten Beziehungen weitgehend betrunken erlebten, und ich bin froh, dass ich diese kleine Kiste mit reinen und kindlichen Erinnerungen unter meinem Bett habe, die frei sind von der ganzen posenhaften, betrunkenen Show, die ich in meinen Zwanzigern für erwachsen und erstrebenswert hielt.

Mika liest*: Stolen Focus von Johann Hari

*(ähem, hört)

Dass Johann Hari ein fantastischer Autor und Journalist ist, hat er bereits in seinem Erstlingswerk Chasing the Scream – The Search for the Truth about Addiction unter Beweis gestellt. Es war die Grundlage für seinen bekannten TedTalk (Opens in a new window), in dem er die These vertritt, dass das Gegenteil von Sucht nicht die Abstinenz ist, sondern Verbindung ('The opposite of addiction isn't sobriety – it's connection'). Wir wissen natürlich alle, dass sich Sucht nicht so leicht auf einen Satz herunterbrechen lässt, aber ich erinnere mich noch gut, wie sein Vortrag (und anschließend sein Buch) für mich dadurch eine neue Perspektive auf Abhängigkeit eröffnet hat.

Im Januar hat er nun sein drittes Buch (Opens in a new window) veröffentlicht: Stolen Focus – Why we can’t pay attention und widmet sich damit zufällig einem weiteren meiner Lebensthemen: Zerfasernde Gedanken, eine anstrengende Beziehung zu dem leeren Dopamin der digitalen Welt und der nagenden Frage: Warum scheine ich mich oft auf genau die Dinge nicht konzentrieren zu können, die mir am wichtigsten sind?

Ich glaube, viele von uns haben mit genau diesen Fragen zu kämpfen – ich verspüre zum Beispiel ein nagendes schlechtes Gewissen, dass ich ausgerechnet ein Buch über die Frage, wieso wir uns schlecht konzentrieren können, höre und nicht lese. Allein bin ich damit aber sicher nicht. Hari beschreibt seine drei Jahre währende Recherche dieser sehr jetztzeitlichen Probleme, spricht mit Expert*innen auf der ganzen Welt, wägt Studien und verbindet all das mit seiner persönlichen Suche nach Antworten. Ich liebe Hari, weil er es wie nur wenige andere schafft, unsere individuellen Probleme mit den gesamtgesellschaftlich wirkenden Kräften in Zusammenhang zu setzen. Er zeigt die Profitstrategien der Tech-Giganten auf, erklärt die Mechanismen psychologischer Manipulation und durchleuchtet unsere Kultur von konstanter Verfügbarkeit (auch, und ganz besonders, für unsere Arbeitgeber). Während des Hörens verspüre ich abwechselnd den Drang in den Wald zu ziehen und die Revolution anzuzetteln.

Das Kapitel über ADHS liegt noch vor mir und ich habe schon ein bisschen Angst, dass es enervierend sein könnte – andererseits: Ich bin sicher, er wird für jede Meinung eine gut recherchierte Begründung haben.

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