Skip to main content

Zu Besuch in der Zukunft

Willkommen im Newsletter der Superredaktion – die regelmäßige Ration konstruktive Perspektiven, positive Botschaften und konkrete Anpackmaterialien für Menschen mit Lust auf Zukunft.

Heute: Wir haben unseren Korrespondenten, den Bestseller-Autoren und ranghohen Energiewende-Nerd Jan Hegenberg (Opens in a new window), auf eine Straßenkreuzung nach China geschickt. Oder vielleicht ist er auch aus eigenem Interesse hingefahren und wir haben uns an ihn drangehängt, wer weiß. Jedenfalls folgt gleich sein Erlebnisbericht – ein Gastbeitrag, über den wir uns wie immer sehr freuen. Wir unterbrechen die Sendung vorher nur noch kurz für die traditionellen Drei Guten Nachrichten, und, der Form halber, für ein Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

  • Froher werden. Die guten Nachrichten.

    • Dämme-Dämmerung

    • Auf Sonne gebaut

    • Eine neue Supermacht

  • Zu Besuch in der Zukunft. Das Thema des Monats.

    • Die Kreuzung der Wahrheit

    • Warum eigentlich?

    • Im Zug

    • Auf dem Weg ins Industriemuseum?

  • Lösung sein. Handreichungen fürs Selbermachen.

  • Freunde treffen. Die Empfehlungen des Monats.

Froher werden.
Die guten Nachrichten

Dämme-Dämmerung

2025 war ein Rekordjahr, das zweite in Folge: 603 Dämme, Wehre und Sohlschwellen (Opens in a new window), ja, Sohlschwellen, weißt du etwa nicht, was eine Sohlschwelle ist, na gut, wir auch nicht – jedenfalls, 603 von allen diesen Dingen sind im letzten Jahr aus Europas Flüssen entfernt worden, mehr als je zuvor. 3.740 Kilometer Fluss wurden damit wieder durchgängig.

Klingt vielleicht erstmal wie romantische Öko-Folklore, aber: Das sind Bauwerke, die niemand mehr nutzt und die tausendfach Flüsse zerschneiden. Sie abzubauen, kostet nicht viel Geld und hat einen unverhältnismäßig großen ökologischen Effekt: Dammrückbau gilt inzwischen auch auf EU-Ebene als Schlüsselstrategie, um Konnektivität, Sediment‑ und Nährstoffdynamik sowie Wanderwege etwa für Lachse und Forellen wiederherzustellen und gleichzeitig Klimaresilienz (Hochwasserschutz, Wasserrückhalt, Nahrungssicherheit) zu stärken. Die Natur braucht dabei erstaunlich wenig Hilfe: Nimmt man ihr die Hindernisse weg, kommt sie meistens von selbst zurück, und das oft erstaunlich schnell. 

Auf Sonne gebaut

Indien könnte das erste große Schwellenland werden, das seine Industrialisierung überwiegend mit Solarenergie betreibt (Opens in a new window) – statt auf dem fossilen Umweg, den Europa, die USA und China vor ihm gegangen sind. Als Chinas Wirtschaft an dem Punkt war, an dem Indien heute ist, hat es mehr als doppelt so viel Kohle verbrannt wie Indien heute, und die Kurve der Nutzung von Kohle für die Stromherstellung zeigt dort wegen des rasend schnellen Solarausbaus zunehmend nach unten. Das ist von planetarer Wichtigkeit: Der Stromverbrauch pro Kopf in Indien ist derzeit nur ein Drittel so groß wie der weltweite Durchschnitt. Indien hat als bevölkerungsreichstes Land der Erde sehr viele Köpfe. Und von denen wird ein jeder sehr viel mehr Strom verbrauchen müssen, wenn allen Menschen dort ein Leben in Würde und Wohlstand möglich werden soll. Schließt Kohle diese Lücke, wäre das verheerend für die Erde. Schließt sie die Sonne, haben wir einen großen Schritt Richtung Weltrettung gemacht.

Eine neue Supermacht

Wir müssten es alle von den Dächern singen: In der kolumbianischen Küstenstadt Santa Marta ist im April ein Drittel der Wirtschaftskraft des Planeten zusammengekommen, um den Ausstieg aus den Fossilen zu planen. Der Guardian spricht (Opens in a new window) von einer “neuen Supermacht”, die sich dort getroffen hat – erstmals nicht, um darum zu ringen, ob man denn nun wirklich aussteigen möchte, sondern um ganz konkret zu besprechen, wie man es machen wird. 57 Länder, die mehr wollen als nur immer wieder auf den UN-Klimakonferenzen “die Petrostaaten um die Erlaubnis anbetteln, die Zukunft der Menschheit zu bewahren” (Al Gore (Opens in a new window)) und dann blockiert zu werden.

Es muss sich für die teilnehmenden Länder wie ein großer Befreiungsschlag angefühlt haben; “erfrischend”, “sehr erfolgreich” und “bahnbrechend” soll (Opens in a new window) es gewesen sein. Diese sogenannte TAFF-Konferenz ("transitioning away from fossil fuels”) und wie es mit ihr weitergeht ist ein großes Ding, sie wird in absehbarer Zeit einen eigenen Newsletter bekommen, aber wir wollen sie hier nicht unerwähnt lassen – zumal sie an zu vielen Stellen unerwähnt geblieben ist.

Und damit übergeben wir das Wort an: Jan Hegenberg.

Zu Besuch in der Zukunft
Das Thema des Monats

Es dürfte unstrittig sein, dass manche Reiseziele gemessen am Aufwand, überhaupt mal dorthin zu gelangen, doch eher enttäuschend ausfallen, wenn man dort ankommt. Viele Mitreisende im Touristenbus, mit dem ich es eines Tages zur kleinen Meerjungfrau in Dänemark geschafft hatte, machten gemeinsam mit mir eine solche Erfahrung: Die Bronze-Statue findet sich an einem eher abgelegenen Abschnitt des Kopenhagener Hafenbeckens und macht ihrem Namen mit etwas über einem Meter Höhe alle Ehre. Der Mehrwert, unter großer Mühe die eigenen 80 kg Biomasse dorthin bugsiert zu haben, war überschaubar. 

Meine Sorge, dass sich diese Enttäuschung großer Erwartungen beim Besuch von chinesischen Tech-Metropolen wiederholen könnte, war unbegründet. 

Immer wieder hatte ich auf Instagram dieses eine Reel (Opens in a new window) in den Feed gespült bekommen, in dem faszinierte (mutmaßliche) Europäer die unfassbare Geräuschkulisse an einer Kreuzung in Shenzhen einzufangen versucht hatten: Trotz einer Vielzahl motorisierter Fahrzeuge erinnerte sie eher an eine Bibliothek als an das Nachtleben einer Großstadt.

Screenshot eines Insta-Reels, das eine Straßenkreuzung in Shenzhen zeigt. (Opens in a new window)
Kommunistische Propaganda?

War ich auf Propaganda der Kommunistischen Partei reingefallen? Gab es einfach eine besonders leise Kreuzung und der Rest der Stadt ging im gleichen nervtötenden Lärm unter wie seine westlichen Gegenstücke? Kam das ganze am Ende gar von ein paar Funktionären, die einfach die Tonspur manipuliert hatten? Im Zeitalter von KI-generierter LEGO-Propaganda (Opens in a new window) aus dem Iran ist ein virales Stadtakustik-Fake kein allzu abwegiger Gedanke.

Die Kreuzung der Wahrheit

Direkt am ersten Morgen in China wurde mir dann folgende unwirkliche Erfahrung zuteil: 

Ich stand während der Rush Hour im Zentrum von Shenzhen, Chinas am schnellsten wachsender Tech-Metropole, zwischen glitzernden LED-Hochhausfassaden. Die Ampel sprang auf Grün. 

Die Stille war gespenstisch. 

Ich war in der Zukunft zu Besuch. Es war kein Fake. Im Gegenteil, das Ganze war in Persona noch viel überwältigender, als das Reel hatte erahnen lassen. Und das Phänomen ist weder auf eine einzelne PR-Kreuzung noch auf eine bestimmte Zeit oder Stadt beschränkt. 

(Allein für diesen Moment, so eindrucksvoll er auch war, hätte ich natürlich nicht 4 Tonnen CO2 in Flugemissionen in Kauf genommen. Ich war nach China gereist, um führende Batteriehersteller und andere Protagonisten der Energiewende zu besuchen, als Grundlage für ein Buch.)

Anfang der 80er Jahre wohnten in der Stadt etwa so viele Menschen wie in Bielefeld (um die 300.000). Heute ist Shenzhen mit 17,5 Millionen Menschen dank ihres Status als Sonderwirtschaftszone und der damit verbundenen Ansiedlung zahlreicher Tech-Firmen die drittgrößte Stadt Chinas, mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen des Landes.

Wenn hier eine Ampel auf Grün springt, erwartet mein in Jahrzehnten deutsch konditioniertes Gehör das typisch anschwellende Grollen dutzender Motoren in Autos, Bussen und vor allem von den vielen Zweirädern. Aber all diese Gefährte sind hier bereits zu einem sehr großen Teil elektrisch.

Besonders E-Roller sind sehr beliebt, also keine Scooter, sondern das Pendant einer Vespa. Vor so mancher großen U-Bahn-Station fühlt man sich an große Bahnhöfe in den Niederlanden erinnert, nur dass hier viele hunderte E-Roller anstatt Fahrrädern abgestellt sind. Klassische Verbrenner-Roller schienen tatsächlich komplett verboten zu sein, sie kommen einfach nicht vor.

Viele E-Roller parken vor einem Bahnhof.
E-Roller-Holland.

Zwei Räder verursachen weniger Abrollgeräusche als vier, zumal wenn sie so klein sind wie bei den Rollern, so dass Szenen großstädtischer Geschäftigkeit mit Dutzenden dieser auch bei Lieferdiensten sehr beliebten Gefährte in vollkommener Stille stattfinden, solange niemand hupt.

Aufkommendes Gefühl von Heimweh nach dem klassischen Zweitaktergeräusch eines Mofas: Null. Verlangen, auch europäische Straßencafés bei dieser himmlischen Stille genießen zu können: Hundert.

Auch Straßenreinigung, Müllabfuhr, Wartungsfahrzeuge, Lieferwagen surren überwiegend elektrisch über die Kreuzungen der Stadt. Selbst die kleinen, rustikal wirkenden dreirädrigen Transportfahrzeuge, mit denen nicht gerade reich aussehende Chinesinnen Obst und Gemüse zum Wochenmarkt fahren, scheint jemand umgerüstet zu haben: Rein äußerlich scheinen sie aus der Zeit vor dem Mauerfall zu stammen, aber innen summt ein Elektromotor.

Eine elektrifzierter dreirädriger Mülltransporter
Sieht aus, als müsste es laut sein. Ist leise.

Warum eigentlich?

Dass so viele Chinesen den Benzin- gegen einen Elektromotor eintauschen, hat natürlich wenig damit zu tun, dass sie alle Fridays for Future auf Instagram folgen (ist da sowieso blockiert). 

Für den Umstieg hin zum Elektromotor spielten Lärm oder Klimaschutz zunächst keine große Rolle, es war primär die schlechte Luftqualität, die eine Umstellung immer dringlicher machte. 

Die angenehme Stille ist also ein netter Nebeneffekt. Genauso die Unabhängigkeit der Bevölkerung von Benzinpreisen: Der Strom für 100 Kilometer Fahrt mit einem E-Roller kostet etwa einen Euro, das ist auch mit chinesischen Löhnen kein großer Posten (ein einfaches Abendessen kostete in den boomenden Städten etwa 3 Euro).

Elektrisch fahren ist also nicht nur reizvoll, weil es sauber ist und dazu beiträgt, dass man durch die Luft in chinesischen Großstädten wieder durchgucken (Opens in a new window) kann, sondern auch, weil es unschlagbar preiswert ist. Das Benzin war zur Zeit meines Besuchs (März 2026) aus deutscher Sicht mit etwa einem Euro pro Liter vergleichsweise günstig. Wer aber wer sein E-Auto laden will, zahlt dafür selbst mitten im reichen Shanghai nur etwa 20 Cent/kWh, in ländlichen Gebieten eher 7 bis 8 Cent/kWh. Die Ladekosten liegen damit bei 1,20 € bis 3 € auf 100 km, verglichen mit 6 bis 7 Euro für einen Benziner, und das sogar noch vor dem inzwischen weltweit  einschlagenden Straße-von-Hormus-Bonus. Elektrisch rechnet sich, das hat auch ein Erstklässler schnell durchschaut.

Aber natürlich dürfen wir neben all diesen sehr pragmatischen Erwägungen hoffen, dass auch die Chinesen ihre Kinder lieb haben: Beim Mittagessen mit dem CEO eines Wechselrichter-Herstellers für Solaranlagen mit guten internationalen Kontakten habe ich ihn gefragt, ob er des Vorwurfs überdrüssig sei, China sei der Klimawandel egal. Seine Antwort war erst ein Augenrollen gefolgt von (sinngemäß): Ich mache mir genauso Sorgen um die Zukunft meiner Kinder wie Eltern in Europa und vermutlich mehr als Eltern in Amerika. Seine Sorge sei aber nicht, dass wir als Menschheit das technisch oder ökonomisch nicht schaffen, sondern dass es an Kooperation mangelt. Dass bestimmte Länder mit sehr viel Einfluss und Finanzkraft ihrer Verantwortung nicht gerecht werden und stattdessen mit dem Finger auf andere Länder zeigen, die einen Rückstand haben. Deswegen ermutige er seine Kinder dazu, Erfahrungen im Ausland zu sammeln, in der Hoffnung, die nächste Generation begreife das als gemeinsame Aufgabe.

Im Zug

Aber genug der Sentimentalität! Zurück zu kalten, harten, technologischen Fragen. Und Krach. 

Die Geräuschkulisse in chinesischen Hochgeschwindigkeitszügen steigt mit der Zahl der Passagiere exponentiell. Ohne Noise-Cancelling-Kopfhörer muss man sich mitunter eine Menge Tonspuren lustiger Kurzvideos der chinesischen Tiktok-Variante anhören. Aber: Die Züge sind extrem pünktlich. Meine Verspätungsrate bei sechs Zugreisen lag bei, ich rechne kurz, null Prozent.

Man ist dann im Vergleich schnell versucht, sich über Signalstörungen, Zugtrennungen und die Deutsche Bahn ganz allgemein zu ärgern, aber um der deutschen Bahn gegenüber fair zu bleiben: Mit diesen Möglichkeiten wären deutsche Züge auch viel pünktlicher.

Das fängt schon mit dem schieren Personalaufwand an: Einfach zum Bahnsteig gehen, an dem euer Zug abfährt? Nein nein nein, das könnt ihr vergessen: Auf den Zug wartet man in der Bahnhofshalle, die eher wie ein Flughafen mit Gates organisiert ist. Fünfzehn Minuten vor Ankunft eures Zuges wird der Bahnsteig freigegeben, und schon dann werden alle Tickets kontrolliert. Auf dem Bahnsteig selbst steht wieder Personal und bugsiert euch an die Stelle, an der euer Wagon halten wird, und auch im Wagon selbst werdet ihr begrüßt und bekommt den Weg gezeigt. Keine Fahrt verzögert sich, weil Gudrun für ihren Mann die Tür blockiert, der mal wieder zu spät vom Hotel aufgebrochen ist und jetzt mit rotem Kopf über den Bahnsteig stolpert.

Bahnhofshalle
Ordnung.

Die Züge fahren so gut wie immer auf aufgeständerten Strecken in 30 Meter Höhe, wie es auch für den deutschen Transrapid geplant war. Für unbefugte Personen im Gleis also eine ziemliche Herausforderung, da haben es selbst sehr ambitionierte Unbefugte schwer. Die Pfeiler werden seriell gefertigt; sie sind daher schnell zu bauen, dass es das Land in weniger als 20 Jahren von 0 auf 40.000 km Hochgeschwindigkeitstrasse geschafft hat – mehr als alle anderen Länder der Welt zusammen.

Auf diesen Strecken sind weder S-Bahnen noch Güterzüge unterwegs, anders wären die hohen Taktfrequenzen auch nicht einzuhalten, und so ziehen sich aus manchem großen Bahnhof gleich mehrere Brücken in mehrere Himmelsrichtungen davon, jeweils eine für die Anbindung an eine andere Stadt. Es wird nicht gebaut, was jetzt nötig ist, sondern was zukünftig vermutlich nötig wird.

Riesige Betonpfeiler in der Landschaft, aus dem Zugfenster fotografiert.
Für den Fall, dass hier nochmal ne Highspeedstrecke hin soll, gibt es schon mal Betonpfeiler.

Mit solchen Überkapazitäten läuft ein Zugnetz natürlich anders als mit einem einzelnen stark belasteten Gleis von Hamburg nach Rendsburg.

Das klingt in deutschen Ohren erst mal paradiesisch, ist aber nur möglich, weil es keinen Rechtsanspruch gibt, wenn einer der gewaltigen Stahlbeton-Pfeiler im Vorgarten einer Rentnerin verankert werden soll. Bei der Fahrt durch die Außenbezirke großer Städte sieht man, was es bedeutet, wenn so ein Projekt Priorität genießt. Rücksicht auf Anwohner kann man hier komplett vergessen, die Strecken laufen direkt neben Wohnhäusern entlang, an Sportplätzen, durch kleinteilige Agrarflächen und so weiter – so wie Autobahnbrücken, Hochbahnen und sonstige Infrastruktur auch.

Gerade die lauten Stimmen, die sich beklagen, dass Infrastrukturprojekte in Deutschland ja viel länger dauern, müssen sich fragen, ob das nicht vielleicht auch Vorteile hat. Die Vorstellung, mit 350 km/h von Frankfurt nach München oder direkt nach Barcelona zu schweben, darf ruhig unser Ziel sein, aber vielleicht nicht, indem wir überall auf der Strecke Hochbrücken mitten durch Stadtteile fräsen.

Solange man im Zug sitzt, ist das allerdings ziemlich charmant, denn auf der Strecke von Wenzhou nach Shanghai – knapp 500 Kilometer –  ist man mit dieser Geschwindigkeit sowohl schneller, als auch günstiger, als auch spontaner unterwegs als im Flugzeug. Da kannst du im Zweifel Klimaschutz noch so sehr hassen, du wirst trotzdem den Zug nehmen.

Zurück im reichen, lauten Deutschland kommt man dann schon ins Grübeln. Natürlich haben Staaten mit einer so niedrigen Lohnstruktur und einem so mächtigen Staatsapparat andere Möglichkeiten als eine liberale Demokratie. Würden wir so viel Personal das Einsteigen in einen ICE überwachen lassen, wären unsere Fahrkarten vermutlich nicht gerade günstiger. 

Und ein Staat, der mir jederzeit einfach eine ICE-Trasse in den Vorgarten stellen kann, ist vielleicht auch nicht unbedingt erstrebenswert.

Aber eine Strategie, mit der Bahnfahren bezahlbar, zuverlässig und eine richtig gute Alternative zum Flugzeug und zum Auto wird, ist auch mit deutschen Löhnen machbar (Opens in a new window). Wenn man denn will. Und dass bei uns immer noch 3 von 4 neu verkauften Autos fossiles Zeug verbrennen, hat nichts mit Machbarkeit zu tun, sondern mit Lobbyarbeit und dem Ausbremsen sauberer Technologien.

Auf ins Industriemuseum?

Wir können gerade in Echtzeit beobachten (Opens in a new window), wie aufstrebende Länder ohne eigene fossile Autoindustrie sich bei hohen Ölpreisen immer häufiger für die elektrischen Lösungen entscheiden. Bald stellen sie ihre eigenen Videos von lautlosen Kreuzungen ins Netz – aus Hanoi, Jakarta oder Mumbai.

Und kommen Menschen von dort dann zu uns zu Besuch, werden sie staunende Blicke tauschen: Das ist Deutschland? Hochburg der Ingenieurskunst? Wie leben die denn hier? Zurück zu Hause werden sie erzählen: Da ist alles voller Krach und Abgase, wie in den alten Filmen, und niemanden stört es! Und alle so hä?

China ist auf dem Weg, der erste echte Elektrostat zu werden. Wir sehen dort die ersten Ausläufer einer anderen möglichen Zukunft. Wir ahnen, wie das Leben in einer Welt aussehen könnte, in der wir den ganzen fossilen Mist hinter uns lassen. Für mich war das alles in der Theorie nicht neu, aber es ist einfach ein ganz anderes Ding, diese Zukunft aus nächster Nähe zu erleben.

Das Land hat 2024 über 900 Milliarden Dollar in saubere Energien investiert. Das ist fast so viel wie der gesamte Planet im selben Zeitraum in die Versorgung mit fossilen Brennstoffen investiert hat. Was es dafür bekommt: 

Das ist das gewaltige Hintergrundrauschen der Abwesenheit von Lärm, die man auf jeder Kreuzung in Shenzhen leise und deutlich hören kann.

Währenddessen in Deutschland: 

Ein Cover des Manager-Magazins zeigt Wirtschaftsministerin Reiche, Öl fließt das Bild herunter wie Blut.
Ja, wir haben auch erst gedacht, das kann nicht echt sein.

Wir haben echte Chancen auf einen faszinierenden Kuriositätenstatus. Hat natürlich einen gewissen musealen Reiz. 

Oder, Alternativvorschlag: Wir kriegen die Kurve, hören mit dem irrationalen Festhalten an schmutziger Technologie von gestern und dem Fingerzeigen auf andere auf und machen vor, wie man auch ohne Diktatur Zukunft machen kann. 

Wir haben schon einmal die Welt mit einer bahnbrechenden Technologie auf den Kopf gestellt, aber die ist inzwischen weit über 100 Jahre alt und bricht schon sehr lange keine Bahn mehr. Die Herren Daimler, Benz und Diesel wären heute die ersten, die sagen würden:  

Es ist Zeit für was Neues.

Jan Hegenberg

Lösung sein.
Handreichungen fürs Selbermachen

Das Bild (Opens in a new window) der lautlosen Kreuzung in Shenzhen ist viral gegangen, weil es umittelbar erfahrbar macht, was eine konsequent umgesetzte Energiewende für den Alltag bedeuten kann. Aber was heißt “viral gegangen”? Hast du es gekannt? Vermutlich nicht. Hunderttausende haben es gesehen, aber die allermeisten von ihnen werden Strom-Nerds gewesen sein (sorry, Jan!). 

Wenn du eine Plattform hast: Teil es, erzähl davon - nicht als China-Begeisterung, sondern als kognitiver Kontrast: Was woanders normal ist, wirkt hier wie science fiction. Die Wahrnehmungslücke, die wir haben, ist riesig. Die meisten Menschen in Deutschland wissen nicht, was in China gerade passiert und was das mit der Welt macht, und das hat politische Konsequenzen und macht es den falschen Kräften leichter, uns Unsinn und Halbwahrheiten zu erzählen. Diese Lücke zu verkleinern ist ein großer Hebel, dabei kannst du helfen.

Und natürlich kannst du Jan unterstützen, indem du sein Buch Klima Bullshit Bingo (Opens in a new window) kaufst. Das übrigens wirklich gut ist, weil es zwei seltene Eigenschaften vereint: Es ist wasserdicht recherchiert und lustig, du bist damit argumentativ für jeden Stammtisch bestens gerüstet.

Freunde treffen.
Die Empfehlungen des Monats

Fun Facts, nie falsch

Logo von Fun Facts (Opens in a new window)

Wir müssen schon wieder Fun Facts empfehlen, und zwar gleich zwei Folgen: In dieser hier (Opens in a new window) erzählt die Neurowissenschaftlerin Maren Urner all das über Timmy den Wal, was uns in der allgegenwärtigen Berichterstattung gefehlt hat. Sie macht damit aus einem Hype, für den sich jetzt schon niemand mehr interessiert, eine überaus relevante Geschichte über die universellen Fallstricke menschlichen Denkens. Und in dieser hier (Opens in a new window) spricht Marc-Uwe Kling über Strompreise und wer sie wirklich teurer macht – das ist notwendiges Wissen, höchst unterhaltsam verpackt.

“Plantfluencing”

Ein Name wie ein Gedicht: Robingia Schnögelrögel. Auf seinem Gärtnerei-Insta-Kanal (Opens in a new window) koddert über Pflanzen, so dass es a) lustig ist und b) kenntnisreich und c) das Thema Artenvielfalt, das echt nicht so einfach gut zu erzählen ist, auf ein schnelles, unterhaltsames, lehrreiches Format einkocht. Der “Plantfluencer” (Selbstbezeichung) kommt damit so gut an, dass er dafür sowohl mit dem Grimme Online Award als auch mit dem Medienpreis der Deutschen Umwelthilfe ausgezeichnet wurde – und zwar am selben Tag! Besondere Empfehlung: Die Reihe Pflanzen, die ich hasse, in der er Pflanzen beschimpft, aber nie ohne guten Grund. 

Wholesome!

Und wo wir schonmal beim Gärtnern sind: This is a Gardening Show (Opens in a new window) mit Zach Galifianakis ist ein Doku-Format auf Netflix. Lustig ist das auch, aber geschimpft wird hier nicht, im Gegenteil, es geht maximal gemütlich zu, das richtige Wort dafür gibt es nur auf Englisch: Wholesome.

Galifianakis spricht mit Kindern über Äpfel und Tomaten, besucht exzentrische Garten- und Landwirtschaftmenschen, ist schrullig und staunt viel und wir staunen mit. Das Ganze ist wundervoll gefilmt und musikalisch untermalt und macht große Lust, mit den eigenen Händen in der Erde zu wühlen und besser zu verstehen, wie wir uns ernähren und was das mit der Welt macht. Und ja, die Serie suggeriert ein bisschen, dass alles besser wäre, wenn wir alle zurück aufs Land gingen und unser Essen selber anbauten – leider eine nicht ganz ungefährliche Fehlannahme (Opens in a new window), denn auch wenn das Bauchgefühl und die Romantik etwas ganz anderes sagen, am nachhaltigsten lebt es sich in einer großen Stadt.

Aber es überwiegt doch das wohltuende Entschleunigen, Innehalten und Lernen über all die sprießenden Wunderwerke um uns herum.

Klartext

Cover "Kurzschluss" von Claudia Kemfert

Claudia Kemfert leitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin die Abteilung für Energie, Verkehr und Umwelt. Außerdem ist sie seit Jahren als prominente öffentliche Stimme aus dem deutschen Wissenschaftsbetrieb ein Dorn im Fuß der Fossilen, ungeachtet zahlloser Anfeindungen aus den graumelierten Reihen der Männer, die die Welt verbrennen. In ihrem Buch "Kurzschluss (Opens in a new window)" rechnet sie ab: mit politischen Entscheidungen, die uns teuer zu stehen kommen, mit dem zweckentfremdeten Begriff der "Technologieoffenheit" als Blockadestrategie, und mit dem hartnäckigen Mythos der Dunkelflaute. Wer genauer wissen will, wie die politische Dimension der deutschen Energiepolitik aussieht, inklusive orchestrierter Desinformationskampagnen mit allem, was dazugehört, lese hier nach.

Dieser Newsletter ist nur durch eure finanzielle Unterstützung möglich! Daher ein großes Dankeschön an alle, die uns unterstützen.

Wenn du noch nicht dabei bist, freuen wir uns sehr über Spenden (und können auch mit Spendenbescheinigungen dienen wenn gewünscht).

Global Eco Transition gGmbH | IBAN: DE62 4306 0967 1230 6808 00 | BIC: GENODEM1GLS | Verwendungszweck: ”Spende Superredaktion”

Wichtig: Spenden kommen bei uns nur an, wenn der Verwendungszweck richtig angegeben wird.

Du willst deine Reichweite nutzen, um auf Klimathemen aufmerksam zu machen? Wir helfen dir dabei! Schreib uns gerne eine Mail an info@superredaktion.de (Opens in a new window)wir sind freundlich, wissen Sachen und kosten dich nichts.

Du kennst Menschen, denen dieser Newsletter auch helfen könnte? Dann teile ihn gerne!