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STERBEN IST NICHTS FÜR ANFÄNGER

FILM-KRITIK (Opens in a new window)

Stell dir vor, du klaust die Asche von deinem (Ex-)Freund und stirbst, wenn du dabei bist, sie gemeinsam mit Freund*innen wegzuschaffen. So passiert es Resi (Sahra Mahita) und Sophie (Nhung Hong), Phillip (David Ali Rashed) und Mel (Beritan Balci), als sie die Asche von Michi (Julian Gutmann) seinen Wünschen entsprechend verstreuen wollen. Bevor sie dazu kommen, haben sie einen Autounfall und – nun, sterben und landen schließlich in der titelgebenden Zweigstelle Süddeutschland III/2.

Angekommen im Jenseits: Sophie (Nhung Hong), Phillip (David Ali Rashed), Resi (Sahra Mahita) und Mel (Beritan Balci) // © WennDann Film GmbH / Luis Zeno Kuhn
Angekommen im Jenseits: Sophie (Nhung Hong), Phillip (David Ali Rashed), Resi (Sahra Mahita) und Mel (Beritan Balci) // © WennDann Film GmbH / Luis Zeno Kuhn

In dieser ur-bayerischen Jenseits-Behörde wird über ihr weiteres Schicksal entscheiden. Elysium, Fegefeuer oder Wiedergeburt – alles scheint, entsprechend dem individuellen Glauben, möglich. Allein scheint, dass der Glaube in der Gruppe dieser trägen Gen-Z-ler fehlt oder verloren gegangen ist. (Exemplarisch dafür steht Resi, die, statt sich von Michi zu trennen, aus Mitleid mit ihm zusammenblieb und etwa so viele eigene Überzeugungen hat, wie Markus Söder.) So stellt sich nicht nur den Verwaltungsdamen Rita (Luise Kinseher) und Silvia (Johanna Bittenbinder) die große Frage: Was zum Teufel passiert mit jemandem, der zu Lebzeiten an NICHTS geglaubt hat?

Silvia (Johanna Bittenbinder) und Rita (Luise Kinseher) // © WennDann Film GmbH / Luis Zeno Kuhn
Silvia (Johanna Bittenbinder) und Rita (Luise Kinseher) // © WennDann Film GmbH / Luis Zeno Kuhn

Zunächst einmal ist es eine feine Sache, dass Julius Grimm mit seinem, gemeinsam mit Fabian Krebs geschriebenen, Debütfilm zwar irgendwie auch die Fragen von Sinn und Unsinn des Lebens und dem Zweck des Seins erkundet, dies allerdings auf eine eher humorvolle Art und Weise und weniger düster-depressiv, als es gerade im Trend zu sein scheint. Emotionale Dystopie schlägt im deutschen (Debüt-)Film derzeit doch eher augenzwinkernde Innenschau und/oder garstigen Gesellschaftskommentar. Wir haben es begriffen: Die Welt ist schlecht. Weshalb sollten wir uns da nach einem Kinobesuch nicht erst recht ritzen wollen, nachdem wir prätentiösem Leid gefolgt sind? Oder, Caroline Wahl (Opens in a new window)?

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Hier nimmt die Zweigstelle mit all ihren Marotten und Gastauftritten, bayerischer Selbstironie und manch umgedrehtem Klischee, einen begrüßenswert anderen Weg. Allein schon, dass das Sterben und der Tod nicht immer das tragische Tal, deprimierende Dunkel oder die hoffnungslose Hölle sein müssen, freut. Wir soll(t)en offener über das Ende reden und haben es dann oft doch nur im Düsternis und Depression, Krankheit und Siechtum, brutalem Mord und Opfergaben in Film und Fernsehen wie Buch und Musik zu tun. Aber dass die Bayern das auch auf humorvolle Weise hinkriegen, wissen wir seit den Geschichten um den Kerschgeist saufenden Boandlkramer nur zu gut.

Bock als Gott und Mahita als "NullI" // © WennDann Film GmbH / Luis Zeno Kuhn
Bock als Gott und Mahita als "NullI" // © WennDann Film GmbH / Luis Zeno Kuhn

Dennoch darf viel Deep Talk, der letztlich meist an der Oberfläche bleibt, auch in Julius Grimms Zweigstelle nicht fehlen. Vor allem zwischen dem Hausmeister aka wohl Gott (Rainer Bock) und Resi geht es da hoch her. Dank deren guten Schauspiel und manch spitzer Formulierung fällt nicht jede Platitüde allzu sehr ins Gewicht und die gute Absicht hinter deren Austausch ist durchweg erkennbar. Löblich. Wenn sich dadurch die Moral der G'schicht auch schnell ankündigt.

Maximilian Schafroths Fridolin, der mit der IT und dem Verbot von Magie hadert, wirkt in der Tat wie eine Figur, die in einen zu langen Extra 3-Sketch geraten ist. Zunächst viel Freude und frischer Wind, dann wird es redundant und irgendwann dröge. Simon Pearce gibt einen Amts-Abteilungsleiter, wie er in jeder Hausordnung steht. Passend und dank eines späten Gags mit der dauerpausierenden Frieda (Sina Wilke) auch wunderbar heiter sind Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys als Zweigstellen-Empfangsband. Ein Verhör Philipps bringt Spaß und Spannung, eine Mischung aus Eberhofer-Klamauk und Der Pass. Die Bestatter (Rick Kavanian (Opens in a new window), Florian Brückner) hingegen sind ein räudiger und geistloser Witz, den die Macher sich gern hätten sparen können.

Fridolin (Maximilian Schafroth) fragt sich viel // © WennDann Film GmbH / Luis Zeno Kuhn
Fridolin (Maximilian Schafroth) fragt sich viel // © WennDann Film GmbH / Luis Zeno Kuhn

Um noch einmal zum überlangen Sketch zurückzukommen: So sehr der etwas an Sterben für Anfänger erinnernde Zweigstelle anfangs mit vielen neuen Ideen oder wenigstens solidem Twist sowie manch fein getimtem Witz und gut gelegter Pointe punktet, so sehr geht der Jenseits-Bürokratie-Komödie zum (melodramatischen) Finale hin, die Puste aus. Gags wiederholen sich oder finden kein Ende, einige Running-Gags brechen hechelnd zusammen und aus manch präzisem Strich wird plumper Vorschlaghammer. Und je länger, desto Boomer.

https://www.youtube.com/watch?v=VXYilX_1lgQ (Opens in a new window)

Was wir auch an anderen Besucher*innen im Saal merken konnten, die an einigen Stellen, die wir als arg cringe empfanden, doch herzlich lachten und für sich feststellten, dass solch ein Witz heute fehle und überhaupt beeindruckter von der Nummer waren als wir. Sei ihnen gegönnt. Auf jeden Fall ein solider Streich diese Zweigstelle, die sich irgendwann, ähnlich ihren Protagonist*innen, nicht so recht zu entscheiden weiß, was und wie und wohin und worum es eigentlich gehen soll, was wichtig und was nichtig ist. Löblich, ambitioniert, Potenzial allerdings nicht voll ausgeschöpft.

AS

PS: Apropos Gott: Dieser regt unsere Gedankenwelt ja doch immer wieder an. Einer besonders kafkaesken Inkarnation mit Fridolin-Zügen begegnen wir am 2. November 2025 im nächsten Berliner Tatort mit dem Titel Erika Mustermann.

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ZWEIGSTELLE ist seit dem 9. Oktober 2025 im Kino zu sehen; Laufzeit ca.: 98 Minuten; FSK: 6

Topic Film & Serie

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