FILM-KRITIK (Opens in a new window)
Nicht alles, was offen scheint, bedeutet Freiheit (Opens in a new window). Nicht jede ruhige Freundlichkeit oder stoische Gelassenheit bedeutet wahrhaft gute Absichten. Nicht zwangsläufig, doch ebenso wenig selten, trügt der helle Schein und es offenbart sich früher oder später Gewalt. Diese Erfahrungen machen zuallererst und vor allem (und immer wieder) Frauen.

Wie wohl jene, die zu Beginn von Osgood Perkins’ Keeper zunächst fröhlich und verschmitzt, verführerisch und erwartungsvoll, später skeptisch und erschrocken und schlussendlich voller Angst und Blut in die Kamera – also zu uns – schauen und schreien. Ein irritierender und verstörender Zusammenschnitt sind diese Bilder von gequälten Frauen aus verschiedenen Epochen. Nach und nach wird entschlüsselt, was es damit auf sich hat. Zunächst folgen wir dem Arzt Malcolm (Rossif Sutherland, der vor allem durch das dauerhafte Lächeln und die Stimme im Kopf bleibt) und der Künstlerin Liz (stark und verunsichernd verunsichert: Tatiana Maslany) in das abgelegene, skandinavisch angehauchte Holz-Glas-Haus, in dem das Fourtysomething-Couple das einjährige Beziehungsjubiläum verbringen möchte.
Stadtfrau Liz ist skeptisch: Wald und Einsamkeit, die zwei für längere Zeit nur aufeinander... und überhaupt – was, falls sie doch nur eine Art Langzeit-Affäre ist und er eigentlich irgendwo eine „echte“ Familie hat?! (Wofür „kept woman“ stehen kann, was sie im englischen Originalton am Telefon zu einer Freundin sagt.) So wundern wir uns auch früh über manch eine passiv-aggressive Verhaltensweise.

Seltsamer wird es, als bereits am ersten Abend Malcolms aufdringlicher Cousin Darren (Birkett Turton) und dessen nicht-englischsprachige Model-Freundin Minka (Eden Weiss) auftauchen. Diese warnt Liz noch vor einem ominösen Schokokuchen, der „wie Scheiße“ schmecke. Was Liz, die Schokolade nicht mag, später bestätigt. Und ihn in einer folgenden surrealen Szene doch willig verschlingen wird. Spätestens von nun an beginnt sie, seltsame Dinge zu sehen und sich immer unwohler zu fühlen. Dass Malcolm noch in die Stadt muss, um eine sterbende Patientin zu behandeln, erhöht die Anspannung nur.
Dies sowohl bei Liz als auch bei uns Zuschauenden, die von Beginn an ein entsetzlich entfesseltes Gefühl der Beklemmung verspüren. Nun mag das zum Teil daran liegen, dass, wer Oz Perkins Arbeiten kennt, weiß, dass es sich nie um Wohlfühlhorror handelt. Doch kommt dieses Unwohlsein sicherlich auch daher, dass das so offen wirkende Haus von Beginn an wie aus einem klaustrophobischen Albtraum scheint. Was bringt all das Glas, wenn mensch sich darin zur Schau gestellt fühlt? Wie soll es gemütlich werden, wenn es keinerlei Rückzugsraum mangels Türen gibt? Dafür Winkel um Ecke an Treppe, Schrägen an Schatten und Co.?!

Dazu die ausgezeichneten Bilder von Jeremy Cox sowie die Musik von Edo Van Breemen, die den unangenehmen Zustand beständig steigern und keinerlei Gewissheit erlauben. So auch das Drehbuch von Nick Lepard und natürlich Perkins' Inszenierung. Manche mögen meinen, dass Keeper schlingere, sich nicht entscheiden könne, welche Art er sein wolle. Andere, so wie wir, empfinden diese vermeintliche „Unsicherheit“ als eine der Kernaussagen des Psycho-Horrors.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/ccf8d323-44a5-4ccb-93a4-51f8bb16de94 (Opens in a new window)Liz fragt sich, was im Haus und womöglich mit Malcolm vor sich geht. Diesen wiederum erleben wir nur aus Liz' Blickwinkel und somit eventuell verzerrt...? Sehen wir ein Horror-Drama um (psychische) Gewalt gegen eine Frau? Oder sehen wir das dramatische Psychogramm einer vielleicht bereits traumatisierten Frau? Irgendwie beides?
https://www.youtube.com/watch?v=Nq3qB_uW0dk (Opens in a new window)Da nichts vorweggenommen werden soll, bleiben wir mal bei diesen offenen Fragen und verweisen vor allem auf Perkins’ Vorgänger wie I Am the Pretty Thing that Lives in this House und Longlegs, die im Kern ebenfalls Gewalt gegen Frauen thematisieren. (Longlegs drehte er vor Keeper, die Stephen King-Adaption The Monkey danach, beziehungsweise Keeper als kanadische Produktion während der US-Streiks, als der Monkey stillhalten musste.) Somit ist der perspektivisch eindrückliche, mehrdeutige und einigermaßen ambivalent ausgehende Film unsere spezielle Empfehlung zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen.
AS/NS
PS: Wir empfehlen unbedingt die Originalfassung - im Zweifel mit deutschen Untertiteln.
PPS: From Keeper and kept woman to Beekeeper…?!?
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KEEPER ist seit dem 20. November 2025 im Kino zu sehen.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/aac4ff78-5b34-47b6-92ee-14557f0538b7 (Opens in a new window)