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FLEISCH SPRICHT NICHT

LITERATUR-KRITIK (Opens in a new window)

Am Anfang und Ende des Lebens sind wir nackt. Das letzte Hemd hat keine Tasche und so weiter. Nackt ist auch „unser“ Fleisch auf der Weidewiese oder im sprichwörtlichen wie wortwörtlichen Saustall, Kuhknast oder der Hühnerhölle. In den Schlachthöfen sowieso. Das sieht in Agustina Bazterricas ZART IST DAS FLEISCH nicht anders aus. Nur, dass es sich in der Horror-Dystopie (Opens in a new window) der argentinischen Autorin um sogenanntes „Spezialfleisch“ handelt.

Aus Sicht von Marcos, der im ehemaligen Schlachthof des dementen Vaters nun für Verwaltungsaufgaben zuständig ist, wird rückblickend geschildert, wie ein Virus Tiere befiel, sie aggressiv machte und ihr Fleisch vergiftete. Infolgedessen griffen die Regierungen konsequent durch und leiteten den „Übergang“ ein. Die Menschen durften sich nur noch mit Schirmen im Freien aufhalten. Nicht des Regens wegen (Opens in a new window), sondern da von nicht getöteten Vögeln Gefahr ausgehen könne. Alle anderen Tiere – ob Haus- oder Nutztiere, frei lebende Wildtiere und solche in den Zoos ohnehin (Opens in a new window), wurden abgeschlachtet.

Achso, und: Von nun an war es legal Menschen zu metzen und ihr Fleisch zu verzehren, die Haut zu verarbeiten, alles zu nutzen, zu genießen. (Außer das Hirn, da es hieß, es würde Krankheiten übertragen können (Opens in a new window), doch steigt die Nachfrage im Laufe der Zeit wieder.) Selbstredend war und ist es bei Androhung der Todesstrafe untersagt, von „Menschenfleisch“ zu sprechen. Drum der Terminus „Spezialfleisch“. Wer es sich leisten kann, hat eine eigene Kühlkammer im Haus und hält sich ein eigenes Stück, gleich ob Männchen oder Weibchen. Und wer es besonders gut hat, tut sich am ERG gütlich. ERG steht für „Erste Reine Generation“, dem Kobe-Rindfleisch in dieser neuen Welt.

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Marcos, der trotz seiner durchaus verhassten Arbeit im Schlachthof von Herrn Urami (ob der Name bewusste Nähe zum Begriff „Umami“ hat?) kein „Spezialfleisch“ zu sich nimmt, sich also vegan ernährt (Opens in a new window), schaudert es bei der Kaltblütigkeit und Kaltschnäuzigkeit seiner „Mit-Menschen“. Dass es ihnen nichts ausmacht, die gezüchteten Stücke, denen die Stimmbänder durchtrennt werden, damit sie nicht schreien, teils lebend zu zerlegen. Zudem leidet er darunter, dass seine Schwester ein Miststück (ihre Worte klängen wie Papier, auf dem nicht stünde), der Vater in der „dunklen Stille der Demenz (Opens in a new window)“ verloren und seine Frau (vorübergehend) ausgezogen ist, nachdem die beiden ihr Neugeborenes verloren haben.

Notwendigkeit und Hass treiben ihn an, weiterzumachen, weiterzuleben (Opens in a new window). Dann erhält er ein ungewolltes Geschenk: ein ERG-Weibchen. Er sperrt sie in seinen Schuppen und sieht sich nun mit diversen Problemen ethischer wie haltungstechnischer Natur konfrontiert. Zwischen Aasfressern, gierigen Metzger*innen, Großkapitalisten und Billig-Fleisch-Dealern scheint Marcos, bei allem Defätismus und aller Abgeschlagenheit, als einer der wenigen eher aufrechten mit einem noch nicht gänzlich verwesten moralischen Kompass.

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Agustina Bazterrica nutzt kalte, klare, karge Sprache, die Matthias Strobel eindringlich ins Deutsche überträgt. Es ist erlebbar, wie diese Worte „hinter dem Wahnsinn verfaulen“. Ob es um den sehr deutlich beschriebenen Schlachtprozess, die Empfindung – oder Mangel dieser – gegenüber dem „Übergang“ geht, eine Art Vergewaltigung oder auch das Fühlen von Verlust: Kühn und kahl ist das alles, greifbar grausam und gerade deswegen so emotional (belastend). Wenige warme Ausnahmen sind das freundschaftlich-vertraute Verhältnis zwischen Marcos und der Assistentin Mari oder ein einsamer Besuch im vermeintlich verlassenen Zoo.

Alles, was hier geschieht, ist alltäglich und somit leicht auf unser eigenes Leben, das eigene Selbst übertragbar. Was den giftigen Genuss von Zart ist das Fleisch, erschienen bei Suhrkamp, von so „eisiger Intensität“ sein lässt. Vieles weitere ließe sich zu dem denkwürdigen Roman, der in Struktur und Schlusspunkt glänzt, anmerken. Doch würde dies nur die fatalistische Faszination des ersten Lesens aushebeln. Das kann Sinn der Schreckens-Sache nicht sein.

Hier noch ein Schreck und der Bogen zum nackten Texteinstieg: Diese Rezension ist unser Beitrag zum heutigen Tag der Nacktheit. Den habt ihr jetzt nicht kommen sehen, oder? Bitte, gern geschehen. c

AS

PS: Apropos Hühnerhölle – merkt euch schon einmal den 6. August vor. Da startet György Pálfis Lebensansichten eines Huhns im Kino. Ein Film, ganz anders, als mensch denken mag. Unsere queer review gibt’s kurz vor Start.

Eine Leseprobe findet ihr hier (Opens in a new window).

Agustina Bazterrica: Zart ist das Fleisch (Opens in a new window); März 2026; Aus dem Spanischen von Matthias Strobel; 236 Seiten; Broschur; ISBN: 978-3-518-47548-5; Suhrkamp Taschenbuch; 12,00 €

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Topic Belletristik & Literatur

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