Vorweg
Diese Woche war ich vermehrt in meinem 103. unbezahlten Beruf Interieurdesignerin für betreutes Senior*innenwohnen tätig. Meine Mutter aka meine erste Kundin ist bis heute sehr zufrieden mit meiner Arbeit, sie sagt, dass sie sich jeden Tag darüber freue, wie schön ihr Apartment ist. Sie geht so gut wie gar nicht raus und hat nur noch Freude an leckerem Essen, Wildtierbeobachtung und eben ihrem kleinen, kuscheligen Nest. Wenn sie nachts üble Schmerzen hat, rollatort sie durchs Zimmer, snackt etwas und dann schiebt sie die Blumentöpfe auf der Fensterbank hin und her, bis sie perfekt symmetrisch stehen.
Die Anordnung von Blumentöpfen ist auch ein Thema bei meinem neuen Klienten. Er heißt Laser. Die kleine Maus ist fast ganz erblindet und checkt auch nicht mehr sehr viel. Deshalb stresst ihn alles, was im Weg rum oder anders steht als vorher noch mehr, als es Katzen ohnehin stresst. Außerdem hat Laser schon zwei Unfälle gehabt, er ist von dafür nicht vorgesehenen Emporen gesprungen oder gefallen, zum Glück, ohne sich zu verletzen. Deshalb machen wir die Wohnung und die Terrasse jetzt so sicher wie möglich für ihn und stehen, wann immer es unsere Zeit erlaubt, als Assistenzmenschen zur Verfügung.

Auch Laser fühlt sich jetzt in seinem Apartment am wohlsten, früher hat er diese Nische hinter der Treppe fast komplett ignoriert. Am besten ist sein Leben, wenn eine*r von uns sich mit Hüftschmerzen ums Treppengeländer herumwindet und neben ihm auf der Minimatratze lieg und ihn streichelt.
Die bookishe Treppe zu unserem gemeinsamen Bettbüro hat er noch nicht benutzt, aber ich darf ihn, wenn es nicht länger als 30 Sekunden dauert, auf dem Arm dorthin tragen.

Wenn ihr Katze/n zu euch holt, bedenkt bitte, dass sie irgendwann alt sind und dann vielleicht noch viele Jahre lang alles vollkotzen, -pinkeln und -kacken. Ihr werdet es klaglos wegmachen, weil es Teil vom Leben und Lieben ist, aber es schadet nicht, das vorher schon zu wissen.
Es gibt so unglaublich viele Sachen, die einem keiner sagt, weil es die, die einem sonst immer alles sagen, lange nicht direkt betroffen hat. In meiner Kindheit ist gefühlt nie eine Katze alt geworden, weil sie alle überfahren wurden. (Ich hasse deutsche Autokultur, die das einfach normal findet.)
Spätestens in 15 Jahren wird sich das mit dem Wissen über pflegebedürftige Katzen ändern, denn dann werden die massenhaft 2025 adap-, äh, adoptierten cuten Kätzchen der cuten Dudes auf Instagram alt geworden sein. Ich finde cis Männer mit Katzen als Socia-Media-Performance wirklich sehr viel besser als Männerrechtler, aber möchte trotzdem darauf hinweisen, dass sie auch nur wieder Dudes sind, die im Weg rumstehen und den Blick auf Inhalte versperren, die eine bessere Welt befördern könnten.
Etwas Altes: Status quo
Du tust 24/7 jede Menge Dinge, die unnötig wären, wenn andere Menschen sich das Leben nicht zu einfach machen würden. Richtig falsch, oder?
Etwas Neues: Status Streik
Überlege bis nächste Woche erst mal selbst, was das bedeuten könnte.
Etwas Geborgtes: Ein Text von Sarah Raich
Bitte diesen Text von Sarah Raich lesen, nein, unbedingt. Dann auch gleich ihren Newsletter abonnieren: tolle Autorin, tolle Kurzgeschichten.
https://steady.page/de/geraeuschbar-ist-ein-echtes-wort/posts/6b337d16-036c-4414-a706-53b816df40dd (Opens in a new window)Etwas Unheimliches: Instagram-Geisterfreund*innen
Allgemeines Geghoste brauche ich nicht zu erklären, kennt ihr mittlerweile alle aus Täter*innen- und Betroffenenperspektive. Nein? Belügt euch nicht selbst.
Relativ neu ist eine spezielle Form des Ghostens, das man ausnahmsweise nicht »dem Algorithmus« anlasten kann. Ich spreche vom Alle-glotzen-alle-deine-Instastorys-an-aber-niemand-liket-nicht-mal-deine-Freund*innen-Ghosten.
Was dahintersteckt? Keine Ahnung. Nichts gesellschaftlich Gutes jedenfalls.
Ich kann nur sagen, wie es sich anfühlt: Als stünde fast dein gesamtes soziales Umfeld direkt vor deinem Zuhause, dutzende, hunderte Personen, und alle glotzen dich unverwandt durchs Fenster an, aber sie haben leere Zombieaugen.
Bei Personen, die noch Arbeit von mir erwarten, finde ich dieses Verhalten ok. Die denken vielleicht: Christiane, hör auf, zu posten, tu, was du tun solltest. Die anderen werden mir von Tag zu Tag ein bisschen fremder, es ist richtig unheimlich.
Ich danke ausdrücklich den drei Personen, die alles liken, was sie von mir sehen und mögen. So war das doch eigentlich gedacht mit sozialen Medien.
Dass ich mir sowieso permanent einen abbreche, weil ich gar nicht auf Instagram sein möchte, aber, weil kaum jemand wegen Schleusenöffnung in Sachen Hetze und Desinformation weggegangen und woanders wieder aufgetaucht ist, dort noch sein muss, damit nicht mein ganzes Publishing-System zerbricht, ist ein anderes Thema. Der Verlag ist ganz weg von Instagram, im Autorinnen-Account mache ich Werbung fürs Buch und poste politisch, wenn ich die gesellschaftliche Heuchelei mal wieder gar nicht ertrage. Privat (im geschlossenen Account) poste ich ab und zu ein Lebenszeichen, das ich dann nach ein paar Tagen wieder lösche. Neue inhaltliche Sachen (»Original-Content«) poste ich bei den Girls und als FrauFrohmann nurmehr als Links zum Blog in Storys, was eine Riesen-Zusatzarbeit ist.
Shadowban betrifft mich natürlich auf allen Accounts massiv, aber das ist ja bei so einer linken Furie wie mir erwartbar. Wenn ich mich jedoch nicht mehr darauf verlassen kann, dass echte Menschen partizipativ den Plattform- und Bot-Faschismus ausgleichen, bin ich geliefert. Nicht als Mensch – ich könnte längst wieder famos ohne soziale Medien leben –, aber als Publizistin und Aktivistin.

Rubrikloses
Auf meinem Grabstein wird stehen: Sie schrieb gerade an einem Text über sympathische Dudes, die einen am Ende doch wieder zur übersehenen Assistentin gemacht haben werden, als mit der Post ein Brief ins Haus flatterte, der als Werbemittelwerbung einen auf wertig machenden Kugelschreiber enthielt, auf dem in Versalien der Name des vorletzten sympathischen Dudes, der sie vor vielen Jahren am Ende doch wieder zur übersehenen Assistentin gemacht hatte prangte. Der Griffel Gottes (Opens in a new window)? Wohl eher der unter Menschenrechtsverletzungen produzierte Griffel des Patriarchats und des Kapitalismus. Den Text über sympathische Dudes, die einen am Ende doch wieder zur übersehenen Assistentin gemacht haben werden, schreibe ich jetzt nicht mehr weiter, die paar Sätze hier reichen schon, damit ihr versteht. Den Kugelschreiber aber lege ich im Keller in unseren Schrein des Horrors, zwischen die Werbekugelschreiber des Immobilienmaklers, der im Büro einen Adolf-Hitler-Wein stehen hatte und des Notars, der im Büro »Kunst« mit Rape-Vibe hängen hatte.
Präraffaelitische Girls erklären
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Neu: Für alle, die nicht auf Bluesky oder Mastodon sind, gibt es die täglich neuen Mindestens-eines-Listen jetzt gesammelt im Frohmann-Blog, speichert den Link und klickt einfach jeden Tag darauf, wenn ihr in der Stimmung dafür seid. Ein bisschen länger dort rumzulesen, ist vielleicht auch eine gute Ersatztherapie fürs Doomscrollen. (Ein Mindestens-eines-Abreißkalender für 2026 ist ebenfalls in Arbeit.)
https://frohmannverlag.de/blogs/frohmann/mindestens-eines (Opens in a new window)Maus sieht sich. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.
XOXO,
FrauFrohmann
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