
Herzlich willkommen bei UNBOXING TRANS. Dem Podcast Projekt, bei dem einzelne trans* Themen bis ins Detail ausgepackt werden. In jeder Folge bringen Kathleen und Julia jeweils Themen oder Objekte mit trans* Bezug mit, ohne dass das Gegenüber vorher davon weiß, diese unboxen wir dann :-)
In unserer dritten Folge sprechen wir über den Glottisschlag und eine Schwarze Freiheitsstatue!
Was der Glottisschlag mit nicht-binärer oder geschlechtsneutraler Sprache zu tun hat und wo wir da aktuell stehen, das unboxt Julia in der 3. Folge. Kathleens Objekt-Mitbringsel ist das aktuelle Cover des New Yorker, auf dem eine Schwarze Freiheitsstatue mit knallpinker Haarpracht prangt. An dem Gemälde zeigt sich, wie die staatliche Bekämpfung von trans* Sichtbarkeit den US-Kunstsektor erreicht. Im Anruf aus der Vergangenheit geht es um das kurze Leben von Lili Elbe und in der Community-Frage um Sichtbarkeit in den sozialen Medien. Im Kulturteil unboxen wir aktuelle Film-, Podcast- und Ausstellungsempfehlungen zu queeren Themen. Zum Schluss gibt's den Anti-Preis - dieses Mal für die CDU in Hessen. Und die tin*-Rechtshilfe bekommt einen ordentlichen Applaus. Viel Spaß beim Hören!
Unser Steady Newsletter fasst alles zusammen und liefert ergänzende Informationen und weiterführende Links zu den Inhalten, die im Podcast angesprochen haben.
Da wir das alles in unserer Freizeit recherchieren und organisieren, würden wir uns sehr freuen, wenn ihr uns unterstützen wollt:
Das kann hier mit einem kleinen Beitrag bei Steady sein, indem ihr Mitglied werdet
Wenn ihr bei Spotify (Opens in a new window), Apple (Opens in a new window) oder Podigee (Opens in a new window) den Podcast abonniert
oder einfach unsere Inhalte teilt.
Vielen Dank und viel Spaß.
LG Kathleen und Julia
Inhaltlicher Überblick
(00:01:41) Unboxing by Julia: Glottisschlag
(00:24:24) Anruf aus der Vergangenheit
(00:31:33) Community Teil
(00:41:07) Unboxing by Kathleen: Schwarze Freiheitsstatue
(00:50:41) Kulturempfehlungen
(00:57:05) Angstkatzenhäschen & Goldener Blumenstrauß
Ganz herzliches Dankeschön an Queermentor (Opens in a new window), die einen Hinweis zu unserem Podcast in ihren Newsletter aufgenommen haben! :-)
Unboxing by Julia - Glottisschlag
In unserer neuesten Folge haben wir uns mit einem faszinierenden Phänomen der deutschen Sprache beschäftigt: dem Glottisschlag! Was zunächst kompliziert klingt, verwenden wir täglich – oft ohne es zu merken. Dennoch ist er in der heutigen Zeit zu einem großem Streitobjekt geworden, weil er in der gendersensiblen Sprache eingesetzt wird. Das “Gendern” erhitzt zunehmend die Gemüter der Gesellschaft. Umso wichtiger ein Blick hinter die Kulissen, wo der Glottisschlag bereits Anwendung findet, und vor allem wie oft?
Als Glottisschlag bezeichnet man den kleinen "Knacklaut", der entsteht, wenn unsere Stimmbänder kurz verschlossen werden. Er macht sogar erhebliche Bedeutungsunterschiede möglich:
Brauerei vs. Brauer-Ei
Spiegel-Ei vs. Spiegelei
Bio-Öl vs. Bioöl
Zitronen-Eis vs. Zitroneneis
Ur-Instinkt vs. Urin stinkt
Ihr könnt ja mal versuchen auf diesen Knacklaut im Alltag zu verzichten? Wusstet ihr, dass die deutsche Sprache zwischen 300.000 und 500.000 Wörter umfasst? Dabei nutzen wir im Alltag nur etwa 12.000-16.000 Wörter aktiv.
https://www.scribbr.de/deutsche-sprache/wie-viele-woerter-hat-die-deutsche-sprache/ (Opens in a new window)Ich (Julia) bin keine Wissenschaftlerin und konnte die genaue Anzahl der Wörter mit Glottisschlag nicht exakt bestimmen. Aber Recherchen zufolge sollen in der deutschen Sprache etwa 15% der Wörter mit einem Vokal beginnen, in denen dieser phonetische Laut (Glottaler Plosiv) vorkommt. Wenn man dazu noch die Wörter rechnet, welche im Inneren des Wortes einen Glottisschlag beinhalten, dann kann man von ca. 20% ausgehen. Laut Sprachwissenschaft enthalten etwa 10-20% typische Stellen, an denen im Standarddeutschen ein Glottisschlag vorkommt. Eine exakte Zählung bedarf aber spezieller, aufwändiger, linguistischer Forschung unter Einbezug von phonetischen Korpora und Lautschriftanalysen.
Vom Knacklaut zum Gendersternchen
Die Geschichte geschlechtersensibler Sprache ist länger als gedacht:
1478: Erste Doppelnennungen in Nürnberger Polizeiverordnung
(“das kein burger oder burgerin, gast oder gestin in diser stat Nuremberg .. peteln sol”)19. Jahrhundert: Verwendung weiblicher Formen in Klammern: Lehrer(innen)
1940ern: Schreibweise mit Schrägstrich plus Bindestrich: Lehrer/-innen
1970er: Feministische Linguistik / Un-Konvention
1981: Einführung des Binnen-I: LehrerInnen
1987: UN - Guide to Non-Sexist Language (Leitfaden für einen nicht-sexistischen Sprachgebrauch).
1990er: Das Sternchen (Asterisk) wurde in der Informatik als Platzhalter genutzt und etabliert sich in der trans* Community ebenfalls als Platzhalter für viele Selbstbezeichnungen. Aus Transgender, transsexuell, transident, usw.. wird trans* als Adjektiv genutzt. Das schreibt Alexander Regh, der Gründer des Vereins TransMann e.V. (1999) in seinem 2002 erschienen Buch
2003: Der GenderGap (_) kommt dazu
2009: Das (_) wird durch (*) ersetzt und etabliert sich
2010: Antidiskriminierungsstelle des Bundes gibt als erste offizielle Stelle ein Gutachten heraus mit (*)
2018: "Gendersternchen" wird zum Anglizismus des Jahres (Opens in a new window) gekürt
Scrabble hat das Gendersternchen mit einem eigenen Genderstein am WeltScrabble Tag eingeführt. In der Pressemitteilung (Opens in a new window) von Scrabble vom 13.04.2022 heißt es unter anderem:
„Indem man bestimmte Dinge benennt, werden sie bewusst. Mit Sprache kann man die Wahrnehmung verändern“ sagt Prof. Dr. Diewald. Die Professorin für Germanistische Linguistik am Institut für Deutsche Sprache und Literatur der Universität Hannover spricht sich klar für das Gendern aus und weist auf den Einfluss von Sprache auf die Gesellschaft hin: „Sprache schafft Realität“.
Unser Experiment
Versucht doch mal bewusst im Alltag, eine Stunde lang auf den Glottisschlag zu verzichten und du wirst merken, wie anstrengend das ist! Es zeigt: Der Knacklaut ist ein natürlicher Teil unserer Sprache.
Unsere Kernbotschaft
Wer sagt "Das kann man nicht aussprechen", dem geht es meist nicht ums Können, sondern ums Wollen. Der Glottisschlag ist bereits da – wir nutzen ihn nur bewusster für inklusive Sprache.
Genderwörterbücher
Manche Wörter neutral zu beschreiben kann zu einer Herausforderung werden. Mit diesen Webseiten/Apps bekommt ihr immer gute Alternative Vorschläge ohne das generische Maskulinum zu verwenden:
Methoden für gendersensible Sprache sind in Wikipedia sehr ausführlich dargestellt:
Besonders spannend ist die Phettberg-Methode:
https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/geschlechtergerechte-sprache-2022/346085/entgendern-nach-phettberg/ (Opens in a new window)Anruf aus der Vergangenheit
Lili Elbe zählte damals in ganz Europa zu den aufsehenerregendsten Fällen von Kurt Warnekros [Werner Kreutz], Gynäkologe und Leiter der Frauenklinik in Dresden, sowie von Magnus Hirschfeld [Professor Hardenfeld] an seinem Institut für Sexualwissenschaft [Institut für Seelenkunde] in Berlin.
Nach mehreren Operationen, die zu einer Geschlechtsangleichung führten, wurde auch ein Versuch der Transplantation einer vollständigen Gebärmutter unternommen. Ob es sich jedoch wirklich um eine Transplantation gehandelt hat oder eher eine Scheidenplastik durchgeführt worden ist, gilt heute als umstritten. Sie verstarb am 12. September 1931 in der Frauenklinik und wurde ebenda am 15. September 1931 beerdigt. Über die Todesursache ist nicht viel erhalten. In einem Zeitungsartikel aus „Die Geburtenregelung“ von 1933 wird auf Seite 33 Krebs als Todesursache genannt. Auch wird davon gesprochen, dass sie an einer Herzlähmung starb und diese als Folge der letzten Operation gesehen werden kann. Genaueres ist jedoch unklar, da die Aufzeichnungen der Frauenklinik im Krieg verloren gegangen sind und die Sterbeurkunde keinerlei Vermerke enthält.
Ausführliche Artikel:
https://mh-stiftung.de/projekte/biografien/lili-elbe/ (Opens in a new window)https://www.frauenorte-sachsen.de/die-frauen/lili-elbe/ (Opens in a new window)Kunstwerke von Lili Elbe:
https://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/lili-elbe/ (Opens in a new window)https://www.wikiart.org/de/lili-elbe (Opens in a new window)Die Pionierin Lili Elbe wurde von Clara von der Lili Elbe Bibliothek vorgestellt. Weitere Hintergrundinformationen zu Clara und zur Lili Elbe Bibliothek:
https://lili-elbe.de/ (Opens in a new window)Community Fragen
Bei Instagram hat Julia einen Aufruf (Opens in a new window) gemacht und um Fragen aus der Community gebeten. Seitdem gehen auf unterschiedlichen Wegen Fragen bei Julia ein. Diesmal gab es eine Anfrage per Email:
“Ich habe den Eindruck, dass gerade trans Personen in den sozialen Medien sehr heftig attackiert werden und kann mir vorstellen, dass es sehr viel Durchhaltevermögen braucht, um das alles durchzustehen bzw. dass man sich dem ganzen Hass gar nicht erst aussetzen möchte. Kannst du dazu vielleicht etwas sagen?”
Julia war mal auf einer Veranstaltung bei der die Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung Ferda Ataman sagte, dass insbesondere trans* Personen in den sozialen Medien ziemlich heftigen Attacken ausgesetzt seien und für ihre Resilienz ein Bundesverdienstkreuz verdient hätten. Daraufhin titelten etliche Hetz-Medien, sie wolle das Prozedere zur Vergabe dieser Auszeichnung verändern. (Ich will hier keines dieser Schmierblätter verlinken!)
Atamans Aussage zeigt auf, dass diese Wahrnehmung korrekt ist. Im Internet wird sehr viel gegen trans* Menschen gehetzt.
Hier ist ein guter Artikel dazu auf tagesschau.de (Opens in a new window), wie Queerfeindlichkeit ständig zunimmt:
https://www.tagesschau.de/faktenfinder/kontext/queerfeindlichkeit-desinformation-100.html (Opens in a new window)Unboxing by Kathleen
Auf dem Cover des aktuellen New Yorker Magazins ist das Werk “Trans Forming Liberty” der afro-amerikanischen Malerin Amy Sherald’s abgebildet. Die auf dem Bild portraitiete Person ist die Schwarze trans Frau Arewà Basit in der Rolle der Statue of Liberty.

Für die Künstlerin geht es bei diesem Porträt um die Auseinandersetzung mit der Frage, wer als Symbol für Freiheit und Amerikanität gelten darf – und wer nicht. Weil die renommierte Smithsonian National Portrait Gallery in Washington D.C. genau dieses Bild aus der Werkschau der Künstlerin verbannen wollte, zog Amy Sherald ihre gesamte Ausstellung in Washington zurück. Komplett. Dann brachte das New Yorker Magazin die Geschichte raus.
Auf ihrem Instagram-Kanal bedankte sich die Künstlerin beim Magazin. Sie schreibt: „When liberty is conditional, art has to insist. Visibility isn’t granted — it’s claimed. Thank you @newyorkermag (Opens in a new window) for holding space for the full vision of Trans Forming Liberty“.
Also in etwa: „Die Kunst muss beharren, wenn Freiheit an Bedingungen geknüpft wird. Sichtbarkeit wird nicht gewährt – sie wird eingefordert. Danke @newyorkermag (Opens in a new window), dass ihr Raum für die vollständige Vision von Trans Forming Liberty geschaffen habt.“
Die Veröffentlichung des New Yorker bildet in trauriger Weise die Gegenklammer zur 2014 veröffentlichten Time, damals mit Laverne Cox auf dem Cover. Der Titel: „The Transgender Tipping Point”. https://time.com/132769/transgender-orange-is-the-new-black-laverne-cox-interview/ (Opens in a new window)
Diese Veröffenlichung galt als Wendepunkt für die Darstellung von trans* Personen in den Medien.
In einem Guardian Artikel zum Thema warum trans* Kunst gerade wichtiger denn je ist, wurde eine Umfrage zitiert, nach der weniger als die Hälfte der Amerikaner*innen glaubt, jemals eine trans* Person getroffen zu haben. Auch deswegen sei Repräsentation in der Kunst so wichtig, heißt es da. Sie könne ein gewisses Maß an Empathie und Verbundenheit mit einer Gemeinschaft hervorrufen, die das Mitgefühl von Cisgender-Menschen eigentlich dringend benötigt.
Kompletter Artikel:
https://www.newyorker.com/culture/cover-story/cover-story-2025-08-11 (Opens in a new window)Kulturtipps
Der 6-teilige Podcast „The Protocol“ befasst sich mit der Geschichte der medizinischen Behandlung von trans Jugendlichen. Wie es mit den Behandlungen begann, wie sie Leben verändert hat, hin zu den rechtlichen und politischen Kämpfen, die zum Thema in den USA entbrannt sind:
https://www.nytimes.com/2025/06/02/podcasts/trans-gender-care-protocol.html (Opens in a new window)
Ausstellung „the line Between us“
Film: “I Want what I want” (Kostenlos bei YouTube)
1972 von John Dexter, die Genauigkeit mit der damals eine Transition mit ihren Herausforderungen beschrieben wurde, wo es noch nicht so viel Aufklärung gegeben hat.
Im K20 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalens in Düsseldorf wird vom 27. September bis 15. Februar 2026 die Ausstellung Queere Moderne gezeigt. Die erste umfassende Ausstellung in Europa, die den bedeutenden Beitrag queerer Künstler*innen zur Moderne in über 130 Werken vorstellt. Der Fokus liegt auf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Sam Nicoresti ist der erste trans* Person, die beim Edinburgh Fringe Festival den „Oscar der Comedy“ erhielt. Ausgezeichnet wurde sie für ihre Show „Baby Doomer“.
Preise
Unser Angstkatzenhäschen verleihen wir an Personen oder Institutionen, die mit transfeindlichem Verhalten auffallen. Diesmal geht der Preis an die CDU Hessen, weil sie ein landesweites Genderverbot als Bedingung voraussetzten, bevor sie mit dem jetzigen Koalitionspartner SPD überhaupt in Koalitionsverhandlungen treten wollen. Sie rücken sachliche politische Inhalte in den Hintergrund und zwingen ideologische Projekte auf.
Unser goldener Blumenstrauß geht an die tin* Rechtshilfe (Opens in a new window), ein Bündnis juristischer Personen, die sich aktiv für trans* Rechte einsetzen. Sie waren an einer aktellen Entscheidung beteiligt, welche es dem Hetzportal NIUS vorsätzliches Misgendering, also die falsche Anrede, untersagt.
Quellen:
https://www.instagram.com/p/DN71Pf7DMn6/?img_index=2&igsh=Y3cxa2h5ZjR2aTQ4 (Opens in a new window)
„Misgendern“ wird bestraft!
“Herr Transfrau", "Mann in Damenbekleidung", "Mit-Glied-Schaft" – wegen solcher Diffamierungen, zahlreicher männlicher Pronomen und der Veröffentlichung von Klarnamen und einem unverpixeltem Foto der Betroffenen muss Nius obendrein eine Entschädigung von 6.000 Euro zahlen.
Zu diesen Personen gehört Berufsprovokateur Julian Reichelt. Regelmäßig kassieren das von ihm als Chefredakteur geleitete rechte Nachrichtenportal Nius oder er persönlich gerichtliche Niederlagen wegen Misgenderns. So auch nun wieder: Das Landgericht (LG) Frankfurt am Main gab dem Unterlassungsantrag einer trans Frau, der ein Erlanger Frauenfitnessstudio die Mitgliedschaft verwehrte, gegen Nius statt (Urt. v. 10.07.2025, Az. 2-03 O 129/25). "Herr Transfrau", "Mann in Damenbekleidung", "Mit-Glied-Schaft" – wegen solcher Diffamierungen, zahlreicher männlicher Pronomen und der Veröffentlichung von Klarnamen und einem unverpixeltem Foto der Betroffenen muss Nius obendrein eine Entschädigung von 6.000 Euro zahlen.
Hinweise
Während der Aufnahme sprachen wir vom “Kultusminister”. Richtig wäre Kulturminister („Staatsminister beim Bundeskanzler und Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien“)
Credits
Konzept und Umsetzung: Kathleen und Julia
Musik: Moby
Produktion: heroess (Opens in a new window)
Steady: Julia
Ein besonderes Dankeschön geht an Clara Hartmann. Clara hat unseren Beitrag mit dem Anruf aus der Vergangenheit sehr bereichert.
Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, dann freuen wir uns, wenn du unseren Newsletter abonnieren würdest.
Du hast eine eigene Projektidee und möchtest du selber bei Steady publizieren? Dann melde dich über unseren Affiliate-Link an