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Man Next Door (14/50)

Wie fröhlich kann eine E-Mail machen, liebe Koapier-Community?

Sehr. Jedenfalls war ich sehr fröhlich als ich die Antwort von Blake bekam, die die Grundlage dieses Kapitels bildet. So fröhlich, dass ich diese Begeisterung mit euch teilen für euch kopieren möchte. Denn das ist der Zauber, den digitale Dateien mit Freude, Liebe und Vertrauen teilen: sie wachsen wenn man sie teilt.

✨Lob der Kopie ✨

Also erzähle ich euch von der Mail von Blake. Er ist der Mann, von dem ich den Begriff Interpolation gelernt habe. Unter seinem Produzenten- und DJ-Namen Luxxury hatte er diese Form der musikalischen Kopie so bekannt gemacht, dass er im Netz auch als Mr. Interpolation bezeichnet wird. Ich bin großer Fan seines Podcasts One Song (Opens in a new window) und niemals nie hätte ich gedacht, dass er sich mal fürs Kopieren kapieren interessieren würde.

Aber wann immer du niemals nie denkst, solltest du es probieren. Diese Lehre ziehe ich aus der vergangenen Woche: Ich schrieb Blake eine Mail. Denn dank dieser wunderbaren digitalen Nachbarschaft namens Internet, bin ich nicht nur Fan, ich kann auch quasi next door anklopfen - und Blake öffnete antwortete: “love the concept, happy to participate

Verstanden zu werden, ist eines der schöneren Gefühle. Es ist sozusagen ein indirekter Heureka-Moment, bei du nicht selbst etwas erkennst, sondern erkannt und damit verstanden und gesehen wirst. Und genau diese Heureka-Fröhlichkeit möchte ich heute in dein Postfach kopieren: einer der bekanntesten Musik-Erklärer im Internet mag unser kleines Projekt hier - und macht sogar mit.

Dass ich dank Blake nun seit Tagen “Massive Attack” (wieder)höre, ist ein weiterer fröhlicher Nebenaspekt dieser wunderbaren Mail.

Fröhliches Erkennen & Erkanntwerden
Dirk

Man Next Door

Man Next Door (Opens in a new window)” von Massive Attack - vorgeschlagen von Blake Robin, der als Musik-Produzent und -Exklärer Luxxury (Opens in a new window) bekannt ist und zum Beispiel im Podcast One Song (Opens in a new window) Hintergründe zu Lieder offenlegt.

John Holt hat seine Komposition „Man Next Door (Quiet Place)“ offenbar an dem Song „A Quiet Place“ von Garnett Mimms & The Enchanters aus dem Jahr 1964 orientiert; tatsächlich haben die beiden Songs jedoch nur wenige Textzeilen gemeinsam. Seine Aufnahme dieses Songs aus dem Jahr 1968 mit seiner Gruppe The Paragons besticht durch wunderbar paranoide Texte und eine Melodie in Moll, deren Düsternis nur geringfügig durch den beschwingten Rocksteady-Groove des Songs überdeckt wird.

1981 nahm die Band eine Neuauflage des Songs mit dem neuen Titel „Indiana Jones“ auf, die von Sly und Robbie abgemischt wurde. Die Fragmentierung von Gesang und Synthesizern sowie die allgemeine Betonung des Raums durch Delay- und Hall-Effekte verstärken das Gefühl der Entfremdung, das der Song vermittelt.

Der wunderbare Horace Andy coverte den Song einige Male mit seiner unverwechselbaren, rauen, bebenden Stimme, darunter ein Soloauftritt Mitte der 1970er Jahre und am bekanntesten mit der Trip-Hop-Band Massive Attack (deren Version Samples sowohl von Led Zeppelin als auch von The Cure enthält) auf deren unglaublicher LP „Mezzanine“ von 1998.

Und schließlich nahm die Post-Punk-Band The Slits 1980 eine fantastische Coverversion auf, darunter auch eine Dub-Version, beide produziert vom in Großbritannien lebenden jamaikanischen Produzenten Dennis „Blackbeard“ Bovell. Von Rocksteady über Dub bis hin zu Post-Punk und Trip-Hop bewahrt der Song eine durchgehende unheimliche Spannung, während jeder Künstler ihm auf seine ganz eigene Weise etwas hinzufügt.

Interpolation

(D5) Es geht um eine Möglichkeit, sich an einem fremden Song zu bedienen, sagt der Mann mit der rotgetönten Sonnenbrille (Opens in a new window): “Das wird oft mit Sampling verwechselt. Beim Sampling nutzt man die Aufnahme eines Lieds. Bei der Interpolation geht es nicht um die Aufnahme, stattdessen bedient man sich an der Komposition.” Der Mann, der das sagt heißt Blake Robin und sitzt gerade in seinem Studio in Los Angeles. Hier filmt er Videos, in denen er Songs und ihre DNA analysiert. Besonders das Phänomen der Interpolation erklärt er dabei so häufig, dass das Wort eng mit ihm verbunden ist. Arte Tracks hat Blake deshalb in Los Angeles besucht, denn die Form des Nachspielens von Melodien, Songszeilen und Stimmungen ist seit rund zehn Jahren einer der populärsten Trends in der Popmusik.

Blake Robin (Opens in a new window)

Das hat einerseits einen wirtschaftlichen Aspekt, weil Musikrechte verkauft und deshalb fürs Sampling schwieriger nutzbar wurden - wie der Popjournalist Ted Gioia in einem bekannten Atlantic-Text im Jahr 2022 (Opens in a new window) beschrieb. Aber das interpolierte Referenzieren von Musik hat auch einen kulturellen Antrieb, es ist eine Art “Pop-Punk” geworden, wie Blake in seinem Studio Los Angeles erzählt: “Manchmal kommt Interpolation aus einem Instinkt heraus, du lässt dich inspirieren und versuchst davon ausgehend neue Wege zu gehen.”

Das ist allerdings kein Diebstahl (dass der Begriff schwierig ist, wurde bereits hier thematiert (Opens in a new window)) oder Etikettenschwindel. Es geht um die bewusste Referenz.

In einem großen Beitrag über das Phänomen des Interpolierens in der Popmusik kommt der Journalist Christoph Möller im November 2016 in Deutschlandfunk-Kultur (Opens in a new window) zu dem Schluss: “Vielleicht ist der Pop-Trend 2016 also nicht das Interpolieren, sondern die neue Ehrlichkeit gegenüber musikalischen Einflüssen.” Denn das Erkennen der Vorlage ist kein Überführen eines Übeltäters, sondern das Verstehen eines Witzes - ein gemeinsames Erkennen und Erkannt werden (siehe hierzu auch die Ironie-Metapher aus Folge 11 (Opens in a new window)).

Interpolieren hat in der Popmusik als kreative Folgen. Es schafft aber auch eine Herausforderung für die Kopierkompetenz: das Verstehen der Referenz, die nicht einfach 1:1 gesamplet, noch nachgespielt und imitiert ist.

…ich denke weiterhin über die Frage nach: Ist das Übersetzen von Texte eine Kopie in anderer Sprache? (Opens in a new window) Danke für die Rückmeldungen zur letzten Folge.