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Westbindung oder Sibirien

Die Atlantikbrücke ächzt, der Werte-Kompass rotiert. Trotzdem klammern sich viele Menschen stur an alte Himmelsrichtungen. Warum?

Bis vor kurzem erinnerten Westdeutsche ihre schwer erziehbaren Landsleute noch gern an die sogenannte Westbindung. Das Wort diente als Ermahnung, wenn im Osten falsche Parteien gewählt wurden oder sächsische Lokalpolitiker mit Putin über das Donezbecken verhandeln wollten. Es schien ein Naturgesetz zu sein, ewig gültig wie Wachstum oder die ebenso ominösen „westlichen Werte“. Ihre Stimmen bebten dabei, als könne man diese heiligen Floskeln nur in Großbuchstaben aussprechen: Denkt an die Westbindung, der Weihnachtsmann sieht alles!

Achtzig Jahre nach dem letzten verlorenen Krieg glaubten viele Westdeutsche womöglich schon selbst, sie hätten sich ihre Westbindung damals freiwillig ausgesucht. Vom Himmel gefallen oder dem Berg Sinai, in einen groben Stein gemeißelt.

Es war aber nur der Petersberg bei Bonn. Dort saßen die Hohen Kommissare der Siegermächte, als die erst wenige Wochen alte Bundesrepublik im November 1949 versprach, ab jetzt immer lieb zu sein. Eine Tracht Prügel wirkte seinerzeit noch Wunder. Und so beteuerte man, alle „totalitären Bestrebungen“ und sogar „die Neubildung irgendwelcher Streit­kräfte“ künftig zu lassen.

Dafür durfte die kleine BRD ein paar Fabriken behalten und quengelte umgehend weiter: Können wir nicht auch in den Europarat? Oder doch bei der NATO mitspielen? Dürfen wir ausnahmsweise etwas länger aufbleiben?

So wanzte sich Westdeutschland immer tiefer in die Bündnisse seiner Besatzer. Von Befreiung sprach man erst 40 Jahre später. Bis dahin wärmte der atomare Rockzipfel im Kalten Krieg. Man plapperte alles nach, was der Westwind über den Atlantik wehte. Coca-Cola und Elvis, so der Mythos, hatten hungernde Barbaren in fanatische Demokraten verwandelt. Der Osten büßte derweil allein unter der Sowjetknute. Für beide Seiten, geografisches Pech – aber immerhin mit einem selbstbestimmten Seitenwechsel 1989.

Man könnte sogar sagen: Anders als die meisten Wessis haben viele Ostler den Westen aus freien Stücken gewählt. Eine ähnlich tiefe Bindung kam dennoch nur bei wenigen auf. Dafür ändert der Westen seine Werte und Grundgesetze einfach zu oft – und sei es nur für neue Kriegskredite.

Seit Leute wie Trump die sogenannte freie Welt anführen, hört man auf einmal weniger von der Westbindung. Westdeutsche Politiker reden jetzt lieber von einer „wertebasierten“ oder – ganz und gar wertfrei – „regelbasierten Ordnung“. Und als bindungsgestörter Ossi staune ich vor allem über das Tempo, mit dem ihr Werte-Kompass pendelt.

Eben hieß es noch „Nie wieder!“ Schon rüsten Zeitenwendehälse zum nächsten Krieg gegen die Horden aus dem Osten. (Opens in a new window) Gestern noch ein kleiner transatlantischer Satellitenstaat, will man heute wieder Speerspitze bei der Rettung Europas sein. Mal sind Flüchtlinge willkommen, dann passen sie nicht mehr ins Stadtbild. Mal ist Antiamerikanismus des Teufels, dann wieder Gebot der Stunde.

Kaum volljährig belehren sie ihre ehemaligen Umerziehungsberechtigten, sie müssten sich von einem Hillbilly aus dem mittleren Westen nicht über westliche Werte belehren lassen. Als Faschismus-Weltmeister wisse man schließlich selbst am besten, wie man den Anfängen wehrt. Und wähnt sich erneut aus allen Himmelsrichtungen bedroht, allein gegen alle.

Warum lassen sich Westdeutsche schon wieder so leichtfertig für Aufrüstung begeistern? Für Ausgangssperren, Razzien und Parteiverbote? Wieso zeigen sie mit dem Finger lieber nach Osten und verstehen nicht, dass es ihr eigener Rechtsruck ist, wenn sieben von zehn AfD-Wählern aus dem Westen kommen? Sind es nur Buchstabendreher, die Westbindung von einem Rest Bildung unterscheiden? Und seit wann ist ihre Geo-Moral so unflexibel?

Immerhin gehörte auch Südafrika zu dieser Wertegemeinschaft – jedenfalls bis zum Ende der Apartheid. Man zählte Pinochet zu seinen Verbündeten, die Militärdiktaturen der NATO-Waffenbrüder Griechenland und Portugal, samt Folter und Kolonialkrieg in Afrika. Die alte Bundesrepublik stand in Vietnam solidarisch hinter den USA, sogar Schulter an Schulter bei den Überfällen auf Jugoslawien und Afghanistan. Pol Pot, Erdogan, den angeblich ganz anderen Putin der 2000er Jahre – all das hielt der globale Wertewesten aus, wenn nicht zusammen: Geschäfte und Geostrategie waren die Bindemittel, Heuchelei ist es noch.

Als zufälliges Kind der DDR hat man mir sicher auch viel Quatsch eingeimpft – die Bindung an eine Himmelsrichtung allerdings nicht. Eine gute Skibindung löst sich, bevor die Beine brechen. Binde ich mir Wanderschuhe und laufe stur nach Westen, komme ich irgendwann wieder im Osten an. Und genau so fühlt sich dieser Westen heute oft an: Überholt, überrundet. Wie Osten.

Mir persönlich wäre sogar eine Nordbindung suspekt. Allenfalls für eine Südbindung könnte ich mich erwärmen, wegen des Wetters oder Italien. Warum also soll man sich überhaupt zwischen Sibirien und dem kalten Nord-Atlantik entscheiden?

Ostdeutsche Westbindung bestand bis 1989 mit etwas Glück aus Westpaketen, zwei West-Fernseh-Programmen und ein paar Ost-Western mit jugoslawischen Ureinwohnern des wilden Westens. Alles danach war eher schwaches Bindegewebe oder eben Westbindungsgerede. Jedenfalls kenne ich niemanden, der in Leipzig auf die Straße ging, um unbedingt NATO-Mitglied zu werden. Keiner wollte faschistische Lehrer aus dem Westen im Thüringer Landtag. Oder sehnte sich jemand danach, für seine Wohnung im Osten Miete an einen Westfalen zu zahlen?

Im Gegenteil: Westliche Werte wie etwa die Wertschöpfung auf Kosten anderer blieben einem seltsam fremd. Mietpreisbindung? Meinetwegen. Aber Westbindung? Lächerlich!

Der Osten wollte Westgeld, weiter nichts.

© Holger Witzel 🍊🍊🍊🧅🍊 2026

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