Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – den Newsletter für Klarheit in einer Welt, die uns ständig überfordert. Heute: Warum die Menschheit nicht so schlimm ist, wie sie online manchmal aussieht.

Eigentlich wollte ich diese Woche über Schönheit schreiben. Aber das muss warten, denn gerade beschäftigt mich etwas anderes: Social Media und der Hass im Netz. Moment! Ich verspreche, das wird nicht deprimierend. Das hier wird kein Abriss darüber, wie Social Media die Menschheit zerstört. Ich möchte erklären, warum unsere Mitmenschen meistens besser sind als das, was wir auf Instagram, X usw. sehen.
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Wenn nette Menschen böse posten
Wir sollten darüber reden, denn gerade gibt es wieder sehr guten Grund, an der Online-Menschheit zu verzweifeln. Vor ein paar Wochen ging die Meldung durch die Medien, dass die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali sich für ein paar Tage aus den sozialen Medien zurückziehen würde. Denn Hayali ist massiv bedroht und beschimpft worden, nachdem sie im ZDF den ultra-konservativen Influencer Charlie Kirk „extrem und extrem umstritten“ genannt hat. Sie sagte außerdem, dass sein Tod dennoch nicht gefeiert werden dürfe, auch nicht angesichts seiner „rassistischen, sexistischen und menschenfeindlichen Aussagen“.
Anschließend wünschte (Opens in a new window)das Internet ihr selbst den Tod an den Hals.
Das ist furchtbar und alles andere als harmlos. Auch, weil viele Täter sich online radikalisieren.
Gleichzeitig ist wichtig zu verstehen, dass die Menschheit nicht so schlimm ist, wie sie online häufig aussieht. Aus drei Gründen:
Der digitale Maskenball. Es gibt einen berühmten Cartoon aus dem Jahr 1993. Darin sieht man einen Hund, der am Computer sitzt und zu einem anderen Hund sagt: „Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist.“ Anders gesagt: Was Menschen online sagen, ist nicht unbedingt das, was sie in einer Besprechung im Büro sagen würden. Das gilt besonders dann, wenn sie anonym kommentieren.
Der Psychologe John Suler hat dies den „Online-Enthemmungseffekt“ genannt. (Opens in a new window) Demnach fühlen sich die Menschen freier, ihre Meinung zu äußern, wenn das Gegenüber unsichtbar ist und sowohl Augenkontakt als auch Mimik und Gestik fehlen. Das bedeutet: Gemeine Kommentare spiegeln oft nicht die wahren Überzeugungen der Menschen wider. Sie sind eher eine Art digitaler Maskenball, bei dem einige ihre dunkelsten Impulse ausleben.
Die Megafon-Minderheit. Das ist ein alter Hut, aber es muss einfach immer wieder gesagt werden: Die großen Social-Media-Plattformen verdienen Geld mit unserer Wut und Aufmerksamkeiten. Algorithmen verstärken kontroverse, empörende oder polarisierende Inhalte, weil diese mehr Klicks und Interaktionen erzeugen. Dadurch erscheinen aggressive Stimmen überrepräsentiert, obwohl sie in der Realität eine Minderheit sind.
Es ist, als hätten alle Bullies in deinem Jahrgang ein Megaphon, während alle anderen normal reden. Natürlich klingt es dann, als wäre der ganze Schulhof voller Aggressiver – dabei schreit nur eine kleine Minderheit.
Lost in Translation. Online-Kommunikation ist voller Missverständnisse. Es fehlen nonverbale Signale wie Mimik, Gestik, Tonfall. Ironie, Humor oder Unsicherheit werden leicht als Angriff missverstanden.
Ich muss online gar nicht mit fremden Menschen diskutieren, um zu erleben, wie missverständlich schriftliche Kommunikation sein kann. Wenn mir etwa mein Mann eine Whatsapp-Nachricht mit „Wo bist du?“ schreibt, kann ich da jeden Tonfall reinlesen, der gerade zu meiner Stimmung passt. Liebevoll, kontrollierend – oder einfach neugierig.
Was wirklich gegen Vorurteile hilft
Diese Liste könnte noch weitergehen, aber ich will hier keine Doktorarbeit schreiben. Der springende Punkt ist: Wenn du, so wie ich, manchmal den Glauben an die Menschheit verlierst, wenn du durch deine Timeline scrollst, dann hilft es, durchzuatmen und sich an diese Punkte erinnern. Das ist nicht nur wichtig, um nicht den Verstand zu verlieren. Sondern auch, weil es zur Strategie extremistischer Akteure gehört, uns erschöpft und mutlos zu machen. Es spielt ihnen direkt in die Hände, wenn der Müll, den sie posten, uns Energie raubt.
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Das Beste, was man dagegen tun kann, ist nicht Online-Gegenrede. Die eignet sich, um Solidarität zu zeigen und stärkt das Gefühl, dass es mehr Menschen gibt, die wie wir selbst denken. Um Menschen auf der Gegenseite zu überzeugen, ist sie aber eher sinnlos. Oder bewirkt sogar das Gegenteil, wie Dana Buchzik in diesem Interview (Opens in a new window) erklärt. „Onlinediskussionen verstärken meist extreme Positionen auf allen Seiten.“ Sie sollte es wissen, denn sie ist Expertin für Radikalisierungsprävention.
Was stattdessen hilft: Menschen im echten Leben begegnen. Studien zur Sozialkontakttheorie zeigen, dass direkte Begegnungen Vorurteile und Feindseligkeit stark reduzieren können. Sogar ein einziges Gespräch von vielleicht zehn Minuten – wenn es empathisch geführt wird, wie beim sogenannten Deep Canvassing (Opens in a new window) – reicht manchmal, um Einstellungen über Monate hinweg zu verändern.
Man kann dem digitalen Maskenball nämlich echte Gesichter entgegensetzen.
Dann zeigt sich: Die Menschheit ist nicht so hässlich, wie man manchmal denkt.
Bis nächste Woche!
Deine Theresa
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