Skip to main content

Warum der Fußball angeblich von links unterwandert ist

Hi,

es ist Länderspielwoche bei den Fußball-Männern. Zuerst spielt Deutschland diese Woche gegen Luxemburg, kommende Woche gegen Nordirland in der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2026 in Kanada, Mexiko und den USA.

Wir nehmen das als Anlass und zeigen heute (in der ersten unserer Doppelausgabe), wie die extreme Rechte den Diskurs rund um den Fußball beeinflusst. Es geht um die Erzählung einer angeblich “linken Politisierung” des Fußballs - ein zentraler Mythos. Sie behauptet, der Sport werde von Diversität, Antirassismus und Gleichberechtigung “unterwandert” und inszeniert sich als Verteidigerin eines “unpolitischen” Fußballs.

Kommende Woche zeigen wir dann, wie die extreme Rechte selbst den Fußball politisiert: mit Symbolen, Kampagnen und gezielter Nachwuchsarbeit - und warum der Fußball für ihre Ideologie so anschlussfähig ist.

In diesem Sinne: Sport frei, bleib achtsam und wenn du es nicht schon getan hast, folg’ uns auf LinkedIn (Marias Kanal (Opens in a new window)), Instagram (Opens in a new window)und Bluesky (Opens in a new window)!

Und wenn du unsere Arbeit unterstützen möchtest, dann kannst du ganz leicht Mitglied werden - und den Newsletter auch als Podcast (beispielsweise via Spotify (Opens in a new window)) hören. Das geht ab 1,50 Euro / Ausgabe und sichert unsere Arbeit finanziell. Wir freuen uns über jede:n Unterstützer:in!

Newsletter

Um was gehts?

Für mich ist die Politisierung des Sports unerträglich.” [1]

Das hat Björn Höcke vor Jahren auf Telegram geschrieben.

Dass Sport und insbesondere Fußball wieder unpolitisch werden solle, fordert die extreme Rechte schon lange. Darunter sind nicht nur offen rechtsextreme Akteur:innen, sondern auch das ideologische Umfeld der Neuen Rechten, das mit identitären und kulturkämpferischen Narrativen arbeitet. Sie erzählen dann von einer “guten alten” Zeit, in die man zurückkehren müsse.

Höcke drückt es in einem Artikel für die rechtspopulistische Schweizer Weltwoche so aus:  

Waren Stadien einst Orte eines freien, unpolitischen, deftigen Meinungsaustauschs, ja, grosse Stammtische, sind sie heute Kathedralen, in denen quasireligiöse Global-Agenden (Multikulturalismus, Gender-Mainstream, Klimarettung etc.) liturgisch exerziert werden.”

Wie die extreme Rechte den Fußball für ihre Agenda instrumentalisiert, welche Narrative sie dafür benutzt - darum geht es heute.

Die Unterwerfung durch die “Regenbogenideologie”

Fußball ist ein beliebtes Spielfeld für die extreme Rechte. Dort führen sie ihren Kulturkampf mit dem Ziel, Debatten ideologisch aufzuladen. Aber sie nutzen den Fußball auch, um Nachwuchs zu rekrutieren.

Das überrascht nicht: Fußball ist anschlussfähig - schließlich gibt es Millionen Fans und Amateurspieler:innen. Es geht um Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Abgrenzung, Identität, Tradition und Werte wie Vereinstreue.

Das alles lässt sich gut mit rechten Positionen verknüpfen.

Zudem ist Fußball männerdominiert und emotionalisiert stark - was direkt als Ausrede benutzt werden kann: Die Herabwürdigung anderer wird dann mit Emotionen erklärt.

Es ist genau diese enthemmte Umgebung, die die extreme Rechte braucht.

→ Was Höcke und viele extrem Rechte an diesen “Stammtischen”, wie er es nennt, seit Jahren etablieren wollen, ist die Erzählung, dass der Fußball politisiert werde - und zwar, na klar, von links.

Anzeichen, die das beweisen, sind in rechten Kreisen dann Regenbogenarmbinden [2], rosa Auswärtstrikots oder Team-Fotos, auf denen sich Spieler:innen den Mund zuhalten [3] oder vor Anpfiff aus Solidarität mit der “Black Lives Matter”-Bewegung auf die Knie gehen [4].

Höcke nennt sowas “Faxen” oder direkt “Unterwerfungsgesten” und ein “Einknicken vor dem linksliberalen Zeitgeist”. Dieser “Zeitgeist” - hier verwendet als extrem rechtes Feindbild-Narrativ - wolle Höcke zufolge “Vielfalt statt Vaterland” als “volkspädagogische Botschaft” in unser “Hirn hämmern”. Und deshalb könne von einem “selbstbestimmten Bekenntnis gegen Rassismus” bei den Spieler:innen keine Rede sein [5].

Höcke und andere extrem Rechte verwechseln mit solchen Darstellungen gezielt politische Haltung mit parteipolitischer Politisierung. Wenn Spieler:innen ein Zeichen gegen Rassismus oder für Gleichberechtigung setzen, ist das aber kein linkes Bekenntnis, sondern Ausdruck demokratischer Grundwerte und die Konsequenz aus den Menschenrechten. Das ist das Gegenteil ideologischer Vereinnahmung.

Abwertung aller Demokratie- und Diversitätsbemühungen

Aber zurück zu den - laut Höcke - Verantwortlichen: Das sind “linke Nichtregierungsorganisationen”, die von “Akteuren der Staatsmedien” gestützt werden und “woke Propaganda” betreiben. Ihr Ziel: Spieler:innen wie Fans sollen sich unter “polit-medialem Druck” zu eben diesem “politischen Zeitgeist” bekennen.

Diese Sprache ist, das zeigt dieses Buzzword-Gewitter, geprägt von Raunen. Wenig wird konkretisiert, vieles vage gehalten und bietet so Raum für Interpretation. So kann jede:r hineinlesen, was er oder sie will.

Trotzdem gibt es typische Erzählungen, die hier auftreten, wie das Opfer-Narrativ der extrem Rechten: Es fantasiert von einer angeblich linken Kulturhegemonie, geplant und totalitär gegen das Volk und dessen Willen durchgesetzt von einer mächtigen Elite.

Wie krass das in Worte gefasst wird, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 2022, in dem AfD-Co-Chef Tino Chrupalla die Regenbogenarmbinde sogar mit der NS-Armbinde vergleicht. Damals sagte er über die Regenbogenarmbinde, die bei einem Fußballnationalmannschaftsspiel von Nancy Faeser getragen wurde:

“Die Bundesinnenministerin […] stand mit bunter Armbinde auf der Tribüne. Deutsche Regierungspolitiker mit Armbinde. Ich hatte gehofft, dass wir dieses Bild nie wiedersehen müssen.” [6]

Dieses Zitat steht auch in der Materialsammlung des Verfassungsschutzes, mit der die Einstufung der Gesamt-AfD als gesichert rechtsextrem dargelegt werden soll. Der Geheimdienst erklärt dazu, dass Chrupalla implizit die “bunte Armbinde aus Solidarität mit der LGBTQI+-Community und Nationalsozialisten mit Hakenkreuzarmbinde” vergleicht.

Diese “links-totalitäre” Hegemonieerzählung, die sich unter anderem in Regenbogenarmbinden ausdrückt, verfolgt hier zwei Ziele:

1️⃣ Erstens steckt in dieser Verschwörungserzählung der populistische Volk-gegen-Elite-Masterframe, mit dem die AfD ständig arbeitet. Sie ist unten, verkörpert das Volk, die anderen (in dem Fall Nancy Faeser) bilden eine unterdrückende Elite.

2️⃣ Zweitens greift die Hegemonieerzählung alle demokratischen, antirassistischen Positionen und / oder Symbole an, wie eben die Regenbogenarmbinde, und delegitimiert damit pauschal sämtliche Vielfaltsbemühungen als linke Indoktrination “von oben” und als “Regenbogenideologie”, die dem Fußball aufgezwungen wird. Das Eintreten für Menschenrechte und Vielfalt kommt damit nicht aus den Spieler:innen selbst heraus, sondern wird ihnen (und damit auch den Fans) aufgezwungen.

Diese Indoktrination leitet Björn Höcke in dem bereits erwähnten Text für die Schweizer Weltwoche [7] anhand seiner Biografie her. Darin berichtet er von seinen Fußball-Erfahrungen in der Kindheit.

Die Schilderungen handeln vom “Bolzplatz”, der Dorfjugend, von “abschüssigen Kuhwiesen” und vom “Drill”, von “Ordnung, Disziplin, Fleiss, Pünktlichkeit” im Training und, dass das alles echtes “Glück” bedeutete. Diese Erfahrungen bildeten Höcke zufolge den Grundstein für einen “natürlichen” Patriotismus, den er dann später beim Schauen der Nationalmannschaft verspürte.

→ Was Höcke hier macht, ist ein typisch rechtes Motiv: der sehnsuchtsvolle Blick zurück in die Vergangenheit. Sie erzählen damit, dass “früher alles besser war” und die Gegenwart hingegen dekadent sei - auch deshalb betont Höcke den früheren Drill und die Härte in Abgrenzung zu heutigen Spieler:innen, die von rechts oft als verweichlicht dargestellt werden.

Jede Niederlage der Nationalmannschaft in der Gegenwart wird dann zum Beweis für diese bessere Vergangenheit herangezogen: “Buntland ist endlich raus” [8] oder “stellt euch vor, wir hätten nur weiße, Bio-Deutsche Spieler gehabt” [9] lauten dann die Kommentare online. Damit macht die extreme Rechte linke Indoktrination, Diversität, Antirassismus, rosa Trikots und bunte Armbinden für schlechte Ergebnisse und Leistung verantwortlich.

In dem nostalgischen Blick in die Vergangenheit steckt auch immer ein Versprechen: Wer die extrem Rechte wählt, wird diese (linke) Schwäche wieder los und bekommt die glorreiche Vergangenheit zurück (die aber in Wahrheit nie existiert hat - schon gar nicht für alle).

Die “natürliche patriotische Aufwallung”

Trotzdem ist das, was Höcke von Bolzplatz und Kuhwiese schreibt, eine anschlussfähige Erzählung. Weil sie nicht nur ihn und seine rechtsextreme Ideologie verharmlost, sondern weil sich viele Menschen so oder so ähnlich an ihre Jugend und den Fußball damals erinnern.

Diese “kollektive” Erinnerung will Höcke dann vereinnahmen: Er schreibt, der Grund für seinen “Patriotismus” im Fußball seien seine damaligen Erfahrungen gewesen - geprägt von Fleiß, Disziplin und Ordnung (bei Höcke sind es sicherlich nicht zufällig die preußischen Tugenden, die in einer autoritären Werteorientierung das angeblich “deutsche Wesen” ausmachen).

Die vermeintliche Logik: Alle Deutschen, die den Fußball früher so erlebt haben, wie Höcke, sind natürlicherweise Patriot:innen geworden. Seine Beweisführung endet bei der WM 2006, die gezeigt haben soll, dass eben nicht nur er diese Entwicklung durchgemacht habe, sondern ganz Deutschland. Die Weltmeisterschaft war in seinen Worten eine gesellschaftsweite “natürliche patriotische Aufwallung”, mit Nationalismus und schwarz-rot-goldenen Fahnen überall.

Dann aber kam die Politisierung des Fußballs: Der patriotischen Aufwallung wurde der “Garaus gemacht” von einem “antipatriotischen Kulturkampf”, einem “Kampf gegen rechts”, den auch der DFB als Teil einer “halbtotalitären Zivilgesellschaft” geführt habe.

Hier macht es Höcke ganz klar: Er stellt einen “natürlichen Patriotismus”, den 2006 noch alle Deutschen im Fußball gespürt hätten, einer “linken künstlichen Ideologie” gegenüber, die durch eine Elite aufgezwungen wurde.

Und als sei das noch nicht genug, mischt er an dieser Stelle noch ein weiteres Kernmotiv der extremen Rechten unter: den antisemitischen Weltverschwörungsmythos.

Höcke bezieht sich dann auf ein Buch, in dem von einem “engmaschigen, die gesamte westliche Welt umspannenden Netzwerk aus Sport, Medien, Wirtschaft und Politik” erzählt wird, das Fußball vom “National- zum Globalprojekt transformiert habe”.

Hier braucht es nicht viel Fantasie, um die jüdische Weltverschwörung hineinzulesen, die laut Höcke letztlich mit “Abermilliarden von Reklame-Dollars oder -Euros” den Menschen beim Fußballschauen “das Gendern, die Klima- und Corona-Apokalypse” einreden würde.

Höckes Text schließt mit dem Fazit, dass der “Fussball” früher “für etliche Stunden von der Politik befreite”, heute aber eine “Invasion von Ideologen” tief in “dessen Sphäre” vorgedrungen sei. An anderer Stelle schreibt Höcke noch, dass er sich deshalb “nicht mehr mit unserer Nationalmannschaft identifizieren” [10] könne.

→ Zusammengefasst: Wenn die extreme Rechte den Fußball “entpolitisieren” will, bedient sie damit einen wirkungsvollen Frame. Das “Unpolitische” suggeriert Neutralität, ist aber selbst politisch. Die extreme Rechte macht den Fußball zum Schauplatz ihres Kulturkampfs um Zugehörigkeit und Identität. Wer Diversität oder Antirassismus als “Ideologie” abwertet, erklärt in Wahrheit nur das eigene Weltbild zur einzigen unpolitischen Wahrheit.

Wer den Fußball wirklich instrumentalisiert - das ist die extreme Rechte. Wie genau sie das machen, darum geht es nächste Woche!

Dialog

Rede:

“Der Fußball soll endlich wieder unpolitisch werden.”

Gegenrede:

“Wenn man sagt, Fußball solle unpolitisch werden ist selbst schon politisch. Er soll Vielfalt, Antirassismus und Gleichberechtigung unsichtbar machen - und nationale Homogenität wieder als Normalität erscheinen lassen. Fußball war nie unpolitisch, er war immer Spiegel seiner Gesellschaft.”

Aussage:

“Diese ganze Regenbogen- und Gender-Propaganda hat im Stadion nichts zu suchen.”

Gegenrede:

“Deine Aussage ist ein Angriff auf demokratische Grundwerte. Wer Gleichberechtigung oder Vielfalt als ‘Propaganda’ bezeichnet, will bestimmen, wer dazugehört - und wer nicht. Fußball gehört allen, nicht nur denen, die sich für ‘normal’ halten.”

Quellen
Werde Mitglied

0 comments

Would you like to be the first to write a comment?
Become a member of Wie Rechte reden and start the conversation.
Become a member