Ob wir mehr Demonstrationen brauchen, wisse er nicht. Erinnern müsse man sich aber. Daran, was früher war. Bevor ich mit einem der zahlreichen Feiertagsbesucher*innen vor dem Prater gesprochen habe, habe ich von Leonore Gewessler erfahren, warum sie mit einem kleinen Stand vorm Flucc am Praterstern Reis verteilt. Aber fangen wir von vorn an.
7:50 Uhr. 1. Mai. Den Abdruck des Kopfkissens in meinem Gesicht bekomme ich nicht mehr rechtzeitig weg, bevor ich in Ottakring am Schumeierplatz ankomme und gerade noch rechtzeitig vor Abmarsch der Ottakringer SPÖ die Bezirksvorsteherin Stefanie Lamp erwische. Eine der zwei Blaskapellen spielt „We like to move it, move it“. Warum sie mitgehe, frage ich sie.
„Das ist der internationale Tag der Arbeit. Und ein Tag, wo es ganz, ganz viel darum geht, um die Rechte von ganz vielen Menschen zu kämpfen in den letzten über 100 Jahren. Das ist für mich vollkommen klar, dass ich heute mit dabei bin.“

Während sich die Delegation aus Ottakring zu „Arbeiter von Wien“ entlang der Thaliastraße über den Gürtel zum Rathausplatz bewegt, frage ich mich, ob das noch zeitgemäß ist. Den Achtstundentag haben wir. Urlaub, Versicherung, Überstundenbezahlung und vieles mehr. Wofür sollten wir an einem 1. Mai auf die Straße gehen?
Stefanie Lamp geht für ganz viele Dinge auf die Straße, sagt sie. Für bessere Dienstverhältnisse oder die Gleichberechtigung von Männern und Frauen. „Es gibt so viele Dinge, für die man kämpfen muss. In der Arbeitswelt und überall. Das heißt, es ist ganz richtig, dass wir heute hier auf die Straße gehen.“
Die gleiche Frage stelle ich knapp zwei Stunden später Mati Randow, der gerade den Rathausplatz betritt. Er trägt die Flagge vor der Delegation aus Alsergrund und ist Vorsitzender der Sektion8 (Opens in a new window).

„Einerseits für die historischen Errungenschaften, die sonst immer auch vergessen werden. Und aber auch dafür, dass es nicht dabei bleibt, sondern es weitergeht, dass weiter Arbeitnehmer*innenrechte erkämpft werden. Ein besseres Leben für alle Menschen“, sagt Randow und schließt sich wieder seiner Delegation an.
Michael Ludwig wird mit der Delegation Floridsdorf empfangen. Andreas Babler marschiert mit dem 7. Bezirk. Sie sind also alle da. Die Tradition wird fortgeführt, feierlich.
Im Laufe des Tages befrage ich immer wieder Menschen, wie sie den 1. Mai begehen. Ein Gespräch ging so:

WF: Findest du es immer noch wichtig, dass der Tag auch politisch gefeiert wird?
Passant: Nein, eigentlich nicht. Es war sicher eine wichtige Errungenschaft. Aber prinzipiell: nein. Politisch finde ich es nicht richtig. Dass es politisch instrumentalisiert wird, finde ich nicht richtig.
WF: Wie wird der Tag instrumentalisiert?
Passant: Jeder schreibt sich’s quasi auf die Fahne. Jede Partei und im Großen und Ganzen … ja, ich kann damit nicht viel anfangen. Aber ich kann allgemein mit Politik nichts anfangen. Ich bin politisch relativ uninteressiert.
WF: Eine Frage noch. Mit dem, was du verdienst oder was du jeden Monat aufs Konto bekommst – kommst du damit zurecht, kannst du davon leben?
Passant: Ja, aber auch nur, weil ich keine Kinder habe und allein im Leben bin.

Tatsächlich wollte ich mir am Freitag anschauen, was die anderen Parteien am 1. Mai veranstalten. Während die ÖVP den 1. Mai den Sozialdemokraten zu überlassen scheint und keine Events auf ihrer Homepage präsentiert, finde ich bei den Grünen eine Umverteilungsaktion vor dem Flucc am Praterstern.
Vor Ort treffe ich direkt Frau Gewessler und frage sie, was da passiert:
„Die Aktion zeigt am ersten Mai, dass es eigentlich um Gerechtigkeit gehen müsste. Und bei der aktuellen Regierungspolitik von ÖVP, SPÖ und NEOS tut es das leider nicht. Und wir symbolisieren das heute: Da hinten sind riesige Mengen Reis. Das symbolisiert das Vermögen des reichsten Österreichers.

Im Vergleich dazu: Eine Lehrerin verdient drei Reiskörner. … Die Lehrerin muss alles versteuern, aber ein Beitrag der Superreichen fehlt. Der fehlt auch wieder in diesem Budget. Dieses Budget wird am Rücken der Lehrerin, der Frauen, der Familien und der Pensionistinnen konsolidiert. Wir finden das ungerecht und darauf machen wir heute auch aufmerksam, gerade am ersten Mai. Der eigentlich ein Tag der Gerechtigkeit sein soll“, so Gewessler.
Ich muss noch einmal nachhaken und frage: „Frau Gewessler, noch mal für Normalsterbliche: Konsolidierung, Budget – wie kann man sich das genau vorstellen?“
Gewessler: Österreich muss sparen. Aber wie die Bundesregierung das macht, das ist ungerecht. Weil die Lehrerin, die alleinerziehende Mutter, mit dieser Regierungspolitik am Küchentisch sitzt und rechnen muss, wie sie ihr Leben noch finanzieren kann. Aber bei den Porsches dieser Welt knallen die Champagnerkorken. Und das ist ungerecht, und darauf machen wir heute hier auch aufmerksam.
WF: Was kann denn die Regierung machen oder was hätte sie besser machen können?
Gewessler: Die Regierung müsste gerade jetzt unbedingt einen Beitrag der Superreichen einfordern. Wir haben Menschen in diesem Land, ganz wenige, die erben Milliarden und hunderte Millionen. Und die müssen keinen Beitrag dafür zahlen, sondern erben das steuerfrei, einfach so. Und jeder und jede von uns, die arbeiten geht, zahlt aber auf jeden Euro Steuern. Und das ist ungerecht. Da müsste die Regierung endlich handeln für mehr Fairness.
WF: Und warum traut sich da niemand?
Gewessler: Gute Frage. Der Vizekanzler Andi Babler hat das im Wahlkampf hoch versprochen, hat gesagt, das ist eine Koalitionsbedingung. Und jetzt haben sie offenbar in der Regierung nicht darum gekämpft – die Sozialdemokratie. Und auch daran erinnern wir am 1. Mai.
WF: Ist es, weil die ÖVP und die NEOS sowieso nicht dafür sind? Oder warum ist Andreas Babler da allein verantwortlich?
Gewessler: Natürlich muss es am Ende die gesamte Regierung beschließen und verantworten. Aber genau deswegen ist es wichtig, dass man, wenn man in der Regierung ist, Druck macht, kämpft und sich einsetzt für die Anliegen, die einem wichtig sind. Und das tun wir heute hier, genauso wie in den Regierungen und im Parlament.

Über den Tag hinweg habe ich noch mit weiteren Personen gesprochen. Dazu wird es in den kommenden Tagen eine kleine Videoreportage geben. Ganz schön lang, so ein Feiertag.

Diese Woche gibt es einige Veranstaltungen, die ich dir gerne empfehlen möchte:
Vorab aber noch kurz in eigener Sache: Ich bedanke mich hiermit für 103 Bewerbungen, die bei mir eingegangen sind. Ich bin mir sicher, wir werden einige tolle Teams zusammenstellen, die dir und hoffentlich vielen anderen Wiener*innen mit ihrer Berichterstattung und den zahlreichen Geschichten Freude bereiten werden.
Grätzl Art Open
Samstag, 9. Mai 2026
14 - 19 Uhr Open Doors in Galerien
15. Bezirks und darüber hinaus

FeTe — Das Textilfestival
11 Talks und sechs Workshops von und mit internationalen Textilexpert*innen finden im Rahmen der ArtOpen statt. Veronika Persché ist Textildesignerin und eine der wenigen Personen, die Einzelstücke auf Strickmaschinen anfertigt. Textil- und Strickbegeisterten werden auf ihre Kosten kommen.
Donnerstag, 7. Mai 2026 bis Samstag, 9. Mai 2026
→ Hier geht es zu den Workshop-Anmeldungen & Programm. (Opens in a new window)
Samstag, 9. Mai 2026
18h Abschlussfest
mit Live Musik von VANTAN (Opens in a new window), Buffet und Drinks – open end!
im Atelier Veronika Persché, Liebhartsgasse 22 (Opens in a new window)
Vernissage: Deborah Sengl „Trouble in Paradise“
Zitiert werden beispielsweise amerikanische Postkartenmotive der 50er Jahre. Was harmlos und idyllisch scheint, wird durch eine herannahende Gefahr gebrochen. Die unterschiedlichen Ebenen stehen stellvertretend für Welten, die meist stärker miteinander verknüpft sind als wir es uns eingestehen wollen.
Freitag, 8. Mai 2026 ab 18 Uhr
Boutique Romana
Nevillegasse 2 in 1050 Wien

50 Jahre Arena Wien
Dieses Jubiläum wird heuer noch häufiger gefeiert. Es sind Veranstaltungen und Ausstellungen angekündigt, auf die wir sicherlich noch zurückkommen werden. Diese legendären Geschichten möchten wir uns nicht entgehen lassen. Beginnen möchten wir mit dieser Empfehlung:
→ Hier geht es zum Programm. (Opens in a new window)

Bis zur nächsten Ausgabe wünsche ich dir eine gute Zeit!
Liebe Grüße,
Alexandra Folwarski
Herausgeberin Wiener Flâneur