
Ich möchte Joan Didion sein.
Nein, präziser: Ich möchte das für den deutschsprachigen Raum werden, was Joan Didion für die USA war.
Du kennst mich unbescheiden. (Falls noch nicht: JETZT kennst du mich so.)
Für diejenigen unter euch, die Joan Didion nicht kennen: Joan Didion ist eine der berühmtesten Essayistinnen der USA.
Sie ist inzwischen gestorben, aber berühmt ist sie noch immer.
Schriftstellerin, Essayistin, Drehbuchautorin, Journalistin. Am Ende ihres Lebens weit über die USA hinaus bekannt. Und weit über den englischsprachigen Raum.
Ich war in den letzten Wochen wieder viel krank. Ich habe eine chronische Stoffwechselstörung, habe ich das je erzählt? Ich weiß es selbst noch nicht so lang. Diese Stoffwechselstörung bewirkt vor allem, dass ich sehr anfällig für Infekte bin. Und wenn mich einer erst erwischt hat, dann dauert es Wochen bis Monate, bis ich wieder auf den Beinen bin.
Ich habe gerade wieder eine solche Phase hinter mir. Und ich weiß noch nicht genau, ob sie wirklich vorbei ist.
In diesen Phasen, von denen ich in den vergangenen zwölf Jahren mehr als genug hatte, verbringe ich überdurchschnittlich viel Zeit im Bett. Wo ich mich zu Tode langweile.
(Honestly, ich kann die beigefarbenen Vorhänge in meinem Schlafzimmer nicht mehr sehen. Und die schwarzen kleinen Flecken darauf, die der Fensterrahmen auf ihnen hinterlassen hat und die einfach kein Muster ergeben wollen. Farbkontraste sind wichtig, gerade wenn man krank ist. Aber sie müssen vor allem ästhetisch sein. Innenarchitektonischer Einschub Ende.)

Denn das ist der Punkt: Während der Körper zu schwach ist, um auf den Beinen zu bleiben, bleibt mein Kopf so willensstark wie eh und je. Das Gehirn ist benebelt, aber die Lust am Schaffen und Tun ist ungebremst.
In diesen Phasen also schaue ich Dokumentationen, wenn Lesen nicht geht. Meisten auf arte. Dieses Mal war es die Netflix-Doku Die Mitte wird nicht halten.
Eine Doku über Joan Didion.
Ich bin Joan Didion schon einmal begegnet, aber ich habe es vergessen.
Bzw. ich habe es nicht vergessen; ich habe es nur nicht einordnen können.
Kennst du das, wenn du mit Inhalten in Berührung kommst, diese aber zu isoliert für sich stehen und du mit ihnen darum nichts anfangen kannst? Und erst dann, wenn du sie in einen Kontext einbetten kannst, bekommen sie einen Sinn?
Ich bin mit Joan Didion in Berührung gekommen, als ich Schreibtisch mit Aussicht. Schriftstellerinnen über ihr Schreiben las. In diesem Sammelband ist ein Essay von Joan Didion abgedruckt, der Essay Why I Write. Ich habe den Essay gelesen, so wie ich alle Essays in dem Band gelesen habe. Aufmerksam, neugierig, genussvoll. Aber ich habe nicht verstanden, wer Joan Didion eigentlich war (auch wenn mir der Name schon geläufig war).

Jetzt, nach der Doku, habe ich den Essay erneut gelesen; und mit ganz anderen Augen.
Es ist, als würde man eine Person, mit der man vorher nur E-Mail-Kontakt hatte, plötzlich persönlich treffen. Live, in echt und in Farbe.
Die geschriebenen Wörter bekommen einen anderen Ton, weil ich aus ihnen plötzlich die Stimmlage der Autorin hören kann. Das Wissen über ihre Herkunft, Zeiten und Orte, an denen sie sich aufhielt.
All das schärft meinen Blick für den vor mir liegenden Text. Es ist plötzlich nicht mehr irgendein Text, losgelöst vom Äther. Sondern ein Text, der in einem Kontext steht, eingebettet in eine Zeit, Orte und eine Biographie.
(Im Literaturwissenschaftsstudium haben wir viel über den Tod des Autors gesprochen. Darüber, dass Texte losgelöst von ihren Verfassern zu betrachten seien. Nur der Text sei der Text. Das ist natürlich eine mögliche Lesart, die den Vorteil hat, dass man mit ihr der Versuchung entgeht, so absurde Sätze zu schreiben wie “Der Autor wollte damit sagen…” – unsägliche Sätze, die wir in der Schule fleißig lernten und die unsere Uni-Dozenten uns über mehrere Semester gewaltsam austreiben mussten, wofür ich heute dankbar bin.
Aber inzwischen sehe ich diese Tod-des-Autors-Haltung eher als intellektuelle Spielerei. Es ist schick, Kunst als etwas an sich Geschlossenes und Vollkommenes zu sehen; und sicher kann man aus einem Text auch wahnsinnig viel ziehen, wenn man ihn isoliert betrachtet. Doch am Ende macht es doch einen gewaltigen Unterschied, ob man weiß, dass ein Text im Russland des Großen Terrors 1937 geschrieben wurde; oder unter der Herrschaft Napoleons oder von einer jungen Frau aus Kalifornien in den 1960er Jahren.)
Which leads me back to Joan Didion.
Denn ich schreibe lediglich, um herauszufinden, was ich denke, was ich anschaue, was ich sehe und was es bedeutet. Was ich will und wovor ich mich fürchte.
Schreibt Joan Didion in Why I Write.
Und weiter heißt es:
Warum kamen mir die Ölraffinerien an der Carquinez Strait im Sommer 1956 so unheimlich vor? Warum brennen in meinem Kopf seit zwanzig Jahren die Nachtlichter des Bevatron? Was passiert auf den Bildern in meinem Kopf?
Im Schreiben von Joan Didion geht es um Bilder. Um Bilder, die Fragen auslösen. Fragen, die drängen.
Ein Bild kann eine Beobachtung sein. Ein Gefühl, das sich einstellt. Eine Aussicht. Eine Konstellation. Eine Situation.
Nur eines ist ein Bild nicht: abstrakt.
Ein Bild ist kein Gedankenkonstrukt. Keine intellektuelle Annäherung an einen theoretischen Begriff.
Ein Bild hat immer mit der Persönlichkeit des Betrachters zu tun, dessen Sichtweise das Bild unweigerlich prägt; genau wie der Winkel, in dem eine Kamera eingestellt ist, maßgeblich darüber entscheidet, wie das Foto am Ende wirkt.

Joan Didion verstand sich als Beobachterin von Bildern, deren Aufgabe es war, diese in Sprache zu übersetzen. So präzise wie möglich.
Grammatik ist ein Klavier, das ich nach Gehör spiele, weil ich in der Schule offenbar gefehlt habe, als die Regeln erklärt wurden. Alles, was ich über Grammatik weiß, ist, dass sie unendliche Macht besitzt. Die Struktur eines Satzes zu verschieben heißt, die Bedeutung zu verschieben, so kategorisch und radikal, wie die Kameraposition die Bedeutung des fotografierten Objekts verändert. Mit Kamerawinkeln kennt sich heute jeder aus, aber mit Sätzen nur wenige. Es kommt auf die Anordnung der Wörter an, und die richtige Anordnung gibt das Bild vor, das man im Kopf hat. Das Bild diktiert die Anordnung.
(Hervorhebung von mir)
Wenn ich davon spreche, Joan Didion sein oder werden zu wollen, dann ist es neben ihrer offensichtlichen Berühmtheit genau das, was ich möchte: diesen bildlichen Zugang zu Sprache zu bekommen wie sie ihn hatte.
Das heißt: In Bildern zu erzählen, nicht in Abstraktionen.
Von Erfahrungen auszugehen, nicht von Gedankenkonstrukten.
Das ist es, wohin ich mein Schreiben entwickeln will.
In der Netflix-Doku ist Joan Didion bereits als sehr alte Frau zu sehen. Wenn sie spricht, fuchteln ihre Hände unkontrolliert in der Luft herum; ich schätze: Parkinson.
Sie spricht über ihre Texte, ihr Schreiben. Über ihren Mann, ihre Tochter. Und wie sie beide im Verlauf eines Jahres verlor. Und wie sie darüber schrieb.
Und da verstand ich etwas: Joan Didion zu sein, bewahrt einen nicht davor, ein echtes Leben leben zu müssen. Ein Leben mit Trauer und Verlust, Krankheit und Leid. Ein Leben, das sich jeden Tag im Alltag entfaltet, so wie es Annie Dillard schreibt: Wie du deinen Tag verbringst, ist, wie du dein Leben verbringst.
Mit Krankheit kenne ich mich aus, Tod und Trauer haben mich bislang nur berührt, nicht umgehauen. Doch ich weiß, dass sie auf mich warten, unweigerlich. Ob ich nun Joan Didion werde oder nicht.
Und das ist genau der Punkt: Sie warten auch dann auf mich, wenn ich nicht Joan Didion werde.
Sie warten auch dann auf mich, wenn ich nicht das tue, was ich liebe.
Also verbringe ich meinen Tag, mein Leben doch lieber mit dem, was ich liebe: mit Schreiben. So genial wie Joan Didion. So erfolgreich, klar – mindestens. Aber als ich selbst.
Dieser Essay ist nicht der erste Schritt dorthin, aber ein wichtiger weiterer. Mehr wird folgen, wie du es von mir kennst. Ich freu mich drauf! Du dich auch?
Alles Liebe
Miriam
❤️
Nachweise
zur Netflix-Doku: Joan Didion. Die Mitte wird nicht halten (Opens in a new window).
zum Essayband: Was ich meine (Opens in a new window) von Joan Didion
zum Sammelband: Schreibtisch mit Aussicht (Opens in a new window), herausgegeben von Ilka Piepgras
die markierten Zitate von Joan Didion stammen alle aus dem angegebenen Sammelband
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