
In unserer heutigen Folge des Videocasts und Newsletters geht es um den Einsatz von KI im Krieg. Bei diesem Thema handelt es sich nicht, so unbequem das ist, um Science Fiction, um eine ferne Killerroboter-Dystopie. Künstliche Intelligenz ist längst in realen Konflikten angekommen – in der Aufklärung, in der Logistik, in der Lageanalyse und zunehmend auch in der Auswahl der Ziele, die angegriffen werden.
https://youtu.be/VSruP5GQ6vw (Si apre in una nuova finestra)
Im Videocast reflektieren wir, wie fern uns persönlich das Thema Krieg ist und wie schwer es uns fällt, in dieser Folge so selbstverständlich und sachlich über das systematische Töten von Menschen zu sprechen. Hier im Newsletter tragen wir vor allem einige Fakten, ihre Quellen, sowie die wichtigsten Diskussionspunkte bezüglich des Einsatzes von KI zusammen.
Seid einigen Jahren schießen die Militärausgaben weltweit nach oben. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI beziffert sie (Si apre in una nuova finestra) für 2024 auf 2,718 Billionen US-Dollar, den stärksten jährlichen Anstieg seit 1988. Deutschland liegt dabei, nach den USA, China und Russland, auf Platz vier der größten Militärausgeber weltweit.
Zudem möchte Deutschland über das nächste Jahrzehnt, addiert man die geplanten Jahresbudgets bis 2035 auf, über 1 Billionen Euro für Verteidigung ausgeben, vieles davon im Bereich KI.
Zur gerade entstehenden Vision eines hochtechnologiesierten militärischen Deutschland zählen moderne Kommunikationsausrüstung, Flugzeuge und Drohnen, ebenso wie KI-gestützte Aufklärung und Lageerfassung. Dabei spielen etablierte Rüstungskonzerne wie Rheinmetall ebenso eine Rolle wie junge KI Startups. Erst vor wenigen Monaten billigte der Haushaltsausschuss (Si apre in una nuova finestra)des Bundestag Aufträge über rund 540 Millionen Euro für Kampfdrohnen von Helsing und Stark Defence.
Wir sind mitten in einem neuen Zeitalter. Und das Neue ist nicht einfach nur, dass es jetzt „auch KI“ im Militär gibt. Das Neue ist die Kombination aus sehr viel Geld, hoher politische Dringlichkeit (durch aktuelle Bedrohungen, aber insbesondere auch durch die Volatilität des transatlantischen Bündnis), relativ schwacher öffentlicher Kontrolle und einer neuen, aus unserer Sicht unheilvollen, dichten Verbindung zwischen Technologiesektor und Politik.
Wo wird heute KI auf dem Schlachtfeld eingesetzt?
Den Einsatz von KI sehen wir aktuelle gerade in drei großen Kriegen: in der Ukraine, in Gaza und im Iran.
Autonome Drohnen: In der Ukraine werden Drohnen mit einem Ziel versehen und fliegen anschließend vollständig autonom — ohne weiteres menschliches Eingreifen.
Dabei sind Drohnen für rund 80 Prozent der Kampfverluste (Si apre in una nuova finestra) auf beiden Seiten verantwortlich. Entlang der Front hat sich eine rund 16 Kilometer breite „Kill Zone" gebildet, in der
Auch Unterwasserdrohnen (UUV) werden eingesetzt, wie die ukrainische „Sub Sea Baby", die einen russischen Hafen durchbrochen hat.
Zielerfassung: Israels
Israel setzt laut investigativen Recherchen (Si apre in una nuova finestra)die Systeme „Lavender", „Where's Daddy" und „Gospel" zur KI-gestützten Zielidentifikation ein. Nachdem zu Beginn des Kriegs „zu wenige Ziele verfügbar“ waren, hat die Israeli Defence Force (IDF) eine sogenannte KI-gesteuerte Target Factory etabliert, in der 37.000 Ziele pro Jahr generiert wurden.
Etwas vergleichbares sehen wir im Iran. US MIlitärgeneralstaschef Caine sagte (Si apre in una nuova finestra): “Dies war ein massiver, überwältigender Angriff über alle Domänen hinweg – mehr als 1.000 Ziele wurden in den ersten 24 Stunden getroffen.” Eine solche Masse von Zielen wäre ohne KI nie zustande gekommen.
Lagedarstellung und Logistik: KI optimiert Versorgungsketten und ermöglicht vorausschauende Wartung.
Die Grundlage dieser Technologien basiert darauf, dass alle möglichen Datenströme flächendeckend abgefangen und per Musteranalyse ausgewertet werden.
Für diese Technologie ist Project Maven von Palantir wahrscheinlich das bekannteste Beispiel und Symbol einer neuen Form von Kriegsführung. Ursprünglich als Pentagon-Projekt gestartet (Si apre in una nuova finestra), ist es heute eine breit eingesetzte Daten- und Analyseplattform, die unterschiedlichste Sensorquellen zusammenführt: aus Land, See, Luft, Weltraum und Cyberraum. Was früher rund 2.000 Geheimdienstoffiziere erforderte, wird nun von etwa 20 Operatoren geleistet (Si apre in una nuova finestra). Mitarbeiter des Pentagon sprachen 2025 davon, dass es maschinell erzeugte Geheimdienstprodukte nutzte, die „no human hands“ berührt hätten. Da sind wir an einem Punkt, an dem nicht nur Daten sortiert werden, sondern ein erheblicher Teil militärischer Wirklichkeitskonstruktion maschinell vorstrukturiert wird.
Die Kill Chain vervollständigen
In Berichten ist viel davon die Rede, dass künstliche Intelligenz die sogenannte Kill Chain - Entscheidungs- und Angriffsprozess) in allen Phasen unterstützen kann:
Find — Ziel aufspüren, z.B. durch Satelliten, Drohnen, Geheimdienstinformationen
Target - Ziel für einen Angriff auswählen und das geeignete Mittel bestimmen
Engage — Angriff ausführen
Assess — Wirkung des Angriffs bewerten (Battle Damage Assessment)
Dabei wird vor allem der Grad an Ki und Automatisierung in den Bereichen “Target” und “Engage” kontrovers diskutiert. Die Berichte über die Verwendung der Systeme „Lavender“, „The Gospel“ und „Where’s Daddy?“ in Gaza waren für viele ein Schock, weil sie gezeigt haben, wie weit die algorithmische Durchdringung der Zielauswahl bereits gehen kann. Medien berichteten 2024 unter Berufung auf israelische Geheimdienstquellen, dass Lavender nicht nur zehntausende Personen als potenzielle Ziele markiert habe sondern Soldaten oft nur etwa 20 Sekunden (Si apre in una nuova finestra)für die Bestätigung eines Vorschlags gehabt. Die israelische Armee bestreitet (Si apre in una nuova finestra) zwar, dass ein KI-System selbstständig Terroristen „identifiziert“, und betont, solche Systeme seien nur Hilfsmittel für Analysten. Aber genau diese Spannung ist zentral: worum handelt sich sich bei diesen KI-Systemen: Um Entscheidungshilfen oder eine brüchige Grenze zur Automatisierung des Tötens, da die menschliche Prüfung viel zu schnell erfolgen muss und daher nur noch symbolisch ist?
Was bedeutet es, wenn betont wird, dass es immer noch einen „human in the loop“ gibt? In vielen realen Umgebungen ist dieser Mensch nicht der freie moralische Akteur, als den wir ihn uns vorstellen. Er sitzt in einem Interface, unter Zeitdruck, mit unvollständigen Informationen, in einer Befehlskette, umgeben von einem System, das auf Beschleunigung optimiert ist.
Psychologisch gibt es dafür einen ziemlich klaren Begriff: Automation Bias (Si apre in una nuova finestra). Gemeint ist die Tendenz, maschinellen Vorschlägen übermäßig zu vertrauen, selbst wenn widersprüchliche Hinweise vorliegen. Das ist in Hochrisikoumgebungen gut dokumentiert (Si apre in una nuova finestra). Ist “Kontrolle” in diesen Situationen nicht mehr nur ein Ritual und der Mensch nur noch das letzte Kästchen in einem beschleunigten Prozess?
Historisch gibt es einen langen ethischen und politischen Konsens, dass nur Menschen über Leben und Tod entscheiden sollen. Allerdings ist dies, für uns überraschend, im internationalen Recht nirgendwo verbindlich kodifiziert.
Im Zusammenhang mit Ki sprechen viele Experten davon, dass diese Grenze gerade vorschoben wird. Manche gehen davon aus, dass Kriege in nicht sehr ferner Zukunft sogar weitgehend automatisiert ablaufen werden. Was aber macht das mit dem Töten?
In seinem lebenswerten Buch Im Grunde gut (2020) (Si apre in una nuova finestra) argumentiert Rutger Bregman, unter Berufung auf den Militärhistoriker Dave Grossman, dass Menschen eine starke psychologische Hemmschwelle gegen das Töten anderer Menschen haben und dass Militärtraining historisch darauf ausgerichtet war, diese Hemmung zu überwinden. Unter anderem beschreibt er Studien an Gewehren aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, die zeigen, wie oft Soldaten absichtlich daneben geschossen haben.
Distanzwaffen haben die Hemmschwelle schon lange verändert. Aber KI-gestützte Zielerfassung und autonome Systeme treiben diese Entkoppelung weiter. Die Entscheidung wird in Datensätze, Scores, Wahrscheinlichkeiten und Freigabeschritte zerlegt. Man sieht nicht mehr den Menschen, sondern das Muster. Man bewertet nicht mehr eine konkrete Situation, sondern ein vom System vorgeschlagenes Target. Das macht Krieg nicht nur effizienter. Es macht ihn innerlich glatter. Und eine Gesellschaft sollte sich sehr genau fragen, was passiert, wenn Töten immer weniger moralische Reibung erzeugt.
Auch in dem aktuellen Streit um KI-Governance zwischen Anthropic und dem Pentagon (Si apre in una nuova finestra) geht es darum, inwieweit Anthropic’s Sprachmodell Claude für vollständig autonome Waffen ohne menschliche Beteiligung im Targeting-Prozess eingesetzt werden kann. Anthropic hielt an dieser ursprünglich vereinbarten Einschränkung, (sowie einer zweiten Einschränkung in Bezug auf Massenüberwachung amerikanischer Bürger) fest, während ein Pentagon-Strategiememorandum im Januar 2026 die Vertragsbedingungen aufweichen wollte.
Genauigkeit und Geschwindigkeit – ein gefährliches Paar
Die Websites der Rüstungs-KI-Unternehmen sprechen eine verführerische Sprache: clean war, smart war, perfect knowledge. Die Realität ist erheblich unordentlicher.
Eine vielzitierte Bloomberg-Recherche (Si apre in una nuova finestra) zu Project Maven aus dem Jahr 2024 zeigt das konkret: Während menschliche Analysten bei der Bildauswertung auf eine Trefferquote von rund 84 Prozent kommen, erreicht Maven im Durchschnitt etwa 60 Prozent – und unter schwierigen Bedingungen wie Schnee, dichter Vegetation oder Tarnung kann die Erkennungsrate auf unter 30 Prozent fallen. Das System hat in Tests Fahrzeuge mit Bäumen oder Schluchten verwechselt. Was im Nahen Osten auf Wüstengelände trainiert wurde, versagt in europäischen Wintern. Was im Labor funktioniert, bricht unter aktivem Täuschungsmanöver zusammen. Schon ein simpler Aufkleber auf einem Stoppschild kann ein Bilderkennungssystem, das für autonomes Fahren ausgelegt ist, zum Irren bringen. Die Militärdomäne ist nicht anders. Maven hat in manchen Szenarien auch aufgeblasene Attrappen nicht von echten Fahrzeugen unterscheiden (Si apre in una nuova finestra) können.
Die Behauptung, KI-gestützte Systeme seien zwangsläufig präziser als Menschen, ist damit mindestens verfrüht. Was tatsächlich stimmt: Sie sind schneller. Und genau das ist das eigentliche Problem.
Denn Geschwindigkeit ist im Denken der Branche längst zur obersten moralischen Kategorie geworden. Wer schneller ist, rettet Menschenleben, heißt es. Wer schneller ist, kommt dem Feind zuvor, schützt die eigenen Soldaten. Das klingt einleuchtend. Aber dieselbe Logik der Beschleunigung zerstört die Möglichkeit zur Korrektur. Wenn Systeme innerhalb von Sekunden Tausende Signale verarbeiten, Ziele priorisieren und Angriffsfenster öffnen, sinkt die reale Chance, einen Fehler noch zu erkennen, geschweige denn zu stoppen, gegen null.
Paul Scharre, ehemaliger Army Ranger und Verfasser der ersten US-Militärpolitik zu autonomen Waffen, nennt diesen Punkt im Podcast 80.000 (Si apre in una nuova finestra) die Gefahr einer „Battlefield Singularity": einen Kipppunkt, an dem das Tempo des Gefechts die Möglichkeiten menschlicher Kontrolle systematisch übersteigt. Er fordert ein Äquivalent zu dem so genannten Circut Breaker an den Finanzmärkten. Dort haben wir auf Hochgeschwindigkeitsautomatisierung mit Mechanismen reagiert, die den Handel automatisch stoppen, wenn Systeme zu schnell aus dem Ruder laufen. Im Krieg gibt es kein Äquivalent. Das ist eine Asymmetrie, über die wir ernsthaft nachdenken müssen.
https://www.youtube.com/watch?v=NdHYDGHN5rQ (Si apre in una nuova finestra)Zivile Opfer: Wo die Präzisionserzählung bricht
Ob die Erzählung von der „präziseren Kriegsführung" trägt, entscheidet sich letztlich an der Frage: Was passiert mit den Menschen, die keine Kombattanten sind?
Das Völkerrecht kennt dafür das Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Militärische Ziele müssen gegen den zu erwartenden Schaden an der Zivilbevölkerung abgewogen werden. In der Theorie klingt das nach einem nüchternen, kontrollierbaren Kalkül. In der Praxis der vergangenen Jahre sieht das anders aus.
Am 28. Februar 2026, in den ersten Stunden der US-israelischen Angriffe auf Iran, traf ein Marschflugkörper (Si apre in una nuova finestra) die Shajareh-Tayyebeh-Grundschule für Mädchen in der Stadt Minab. UN-Experten dokumentierten, dass dabei mindestens 165 Schulmädchen im Alter von sieben bis zwölf Jahren getötet und viele weitere verletzt wurden – während der Unterricht lief. Amnesty International sowie Human Rights Watch bewerteten den Angriff als völkerrechtswidrig und forderten eine Untersuchung als mutmaßliches Kriegsverbrechen. Unabhängige Untersuchungen (Si apre in una nuova finestra)kamen zu dem Schluss, dass das angrenzende Militärgelände seit rund 15 Jahren nicht mehr in Betrieb war und alle Sicherheitsposten bereits 2016 entfernt worden waren.
In der Ukraine dokumentierte Human Rights Watch 2025 (Si apre in una nuova finestra), wie russische Streitkräfte Drohnen gezielt gegen Zivilisten einsetzten. In Kherson wurden im Jahr 2024 Dutzende Zivilisten durch Drohnenangriffe getötet und Hunderte verletzt – in offensichtlich vorsätzlichen oder zumindest rücksichtslosen Angriffen, die Kriegsverbrechen darstellen. Von Dezember 2024 bis November 2025 wurden bei Kurzstreckendrohnenangriffen allein in der Ukraine mindestens 514 Zivilisten getötet (Si apre in una nuova finestra) und über 3.000 verletzt, wieder die meisten davon in und um Kherson.
Das ist kein Randproblem der Technologie, sondern eines ihrer Kernmerkmale: Autonome Systeme werden mit einem Ziel versehen und fliegen dann ohne weiteres menschliches Eingreifen. Erkennt eine Drohne unter bestimmten Bedingungen ein landwirtschaftliches Fahrzeug statt eines Militärfahrzeugs – oder verwechselt sie, wie in Tests dokumentiert (Si apre in una nuova finestra), aufgeblasene Attrappen mit echten Panzern –, kann niemand mehr eingreifen und die Entscheidung zurückrufen.
In Gaza stellen die Recherchen zu „Lavender" eine noch grundsätzlichere Frage: ob das Verhältnismäßigkeitsprinzip überhaupt noch als juristischer Maßstab galt oder ob es zur technischen Schwellenwertrechnung wurde. Laut den Aussagen israelischer Geheimdienstquellen gegenüber +972 Magazine war es in den ersten Kriegswochen erlaubt, für jeden niedrigrangigen Hamas-Kombattanten bis zu 15 bis 20 Zivilisten zu töten. Für einen Bataillons- oder Brigadekommandeur wurden in Einzelfällen über 100 Zivilopfer genehmigt. „Die Zahlen stiegen von Dutzenden tolerierten Zivilopfern bei der Tötung eines hochrangigen Funktionärs in früheren Operationen auf Hunderte", berichtete eine der Quellen (Si apre in una nuova finestra). Die IDF bestreitet diese Darstellung und betont, an das Völkerrecht gebunden zu sein.
Doch selbst wenn man diese Berichte mit Vorsicht liest, bleibt ein strukturelles Problem: Wenn KI-Systeme Ziele in industriellem Maßstab generieren und die menschliche Prüfung auf Sekunden komprimiert wird, verändert sich, was Verhältnismäßigkeit überhaupt noch bedeuten kann. Krieg wurde nie ohne zivile Opfer geführt. Aber noch nie war die Entscheidung darüber so tief in Datensätze, Scores und automatisierte Genehmigungsprozesse eingebettet.
Die Verwischung von Verantwortung
Wer haftet, wenn ein autonomes oder halbautonomes System falsch liegt? Der Entwickler? Die Kommandeurin? Der Operator? Der Staat? Die unbequeme Antwort lautet: strukturell niemand so richtig.
Juristen und Militärethiker nennen das den „Accountability Gap" – die Verantwortungslücke. Wenn eine Maschine selbstständig ein Ziel auswählt und angreift, versagen die bestehenden Rechtskategorien: Das humanitäre Völkerrecht und das Strafrecht wurden für menschliche Entscheidungen gebaut. Trifft stattdessen ein KI-System eine folgenschwere Wahl, lässt sich die Verletzung kaum einer bestimmten Person zurechnen – weder dem Programmierer noch dem Kommandeur noch dem Staat.
Das Problem ist nicht, dass das Recht aufhört zu gelten. Es wird in der Praxis schlicht kaum anwendbar: weil sich nicht mehr rekonstruieren lässt, wer welche Entscheidung auf welcher Grundlage und mit welcher Absicht getroffen hat. Die Verantwortung fragmentiert sich entlang einer langen Kette: Einer hat den Datensatz geliefert, eine andere das Modell trainiert, der nächste die Benutzeroberfläche gebaut, eine weitere nur den Freigabeknopf gedrückt, der letzte nur den Einsatzbefehl gegeben. Am Ende gibt es Tote - und erstaunlich wenig zurechenbare Entscheidung.
Das ist keine abstrakte Befürchtung. Im Fall der Mädchenschule in Minab, so Analysten (Si apre in una nuova finestra), wurde ein Ziel angegriffen, dessen militärische Funktion seit Jahren nicht mehr bestand – weil die Daten hinter dem Target nie aktualisiert worden waren und die Menschen, deren Aufgabe die Verifikation gewesen wäre, längst aus der Kette herausgeschnitten worden waren. Die Maschine führte den Fehler mit Präzision aus.
Bis heute gibt es kein internationales, rechtlich bindendes Abkommen, das autonome Waffensysteme umfassend reguliert. UN-Generalsekretär Guterres und das IKRK fordern ein solches Instrument seit Jahren, mit explizitem Verbot der autonomen Zielerfassung von Personen ohne menschliche Beteiligung. Das Ziel: Vertragsverhandlungen bis Ende 2026. Der politische Wille dafür ist jedoch weltweit sehr ungleich vorhanden. Technologie und Einsatzpraxis laufen dem Recht davon.
https://open.spotify.com/episode/5EKgnGnjvTy6YJaYYKAiNl?si=5ff27d353089440f (Si apre in una nuova finestra)Die Verschmelzung von Silicon Valley und Militär
Die neuen Verteidigungsunternehmen kommen nicht mehr aus dem klassischen Maschinenbau, sie kommen aus dem Tech-Bereich. Das ist kein kosmetischer Unterschied. Software lässt sich in Wochen aktualisieren, ein Panzer nicht. Und die Werte, die die Startup-Welt prägen – move fast and break things, die Fetischisierung von Schnelligkeit, hohe Risikobereitschaft, Skalierung als Selbstzweck – durchdringen jetzt eine neue Generation von Waffen.
Symbolisch verdichtet sich diese Verschmelzung in einem Ereignis vom Juni 2025: Die US Army vereidigt mit „Detachment 201: Executive Innovation Corps" vier Führungskräfte aus dem Silicon Valley als Offiziere der Army Reserve. Darunter der CTO von Palantir, der CTO von Meta und der Chief Product Officer von OpenAI. Offizielles Ziel: die Armee „leaner, smarter and more lethal" zu machen. www.army.mil (Si apre in una nuova finestra) Sie tragen Dienstgrad und Uniform, behalten ihre Konzernposten und sollen Brücken bauen zwischen Rüstungsbeschaffung und Technologieindustrie. Ein Interessenkonflikt, den die Army mit Verweis auf historische Präzedenzfälle für handhabbar hält.
Wenn das Militär Silicon Valley nicht mehr nur einkauft, sondern kulturell mit ihm verschmilzt, verändert das auch die Sprache, in der über Krieg gesprochen wird. Alex Karp, CEO von Palantir, bringt das Weltbild seiner Industrie auf den Punkt (Si apre in una nuova finestra): „KI ist gefährlich. Es gibt positive und negative Konsequenzen. Und entweder gewinnen wir – oder China." In anderen Interviews beschreibt Karp technologische Überlegenheit als moralische Pflicht, Krieg als Zero-Sum-Game, Beschleunigung als Staatsräson. In diesem Denken ist gesellschaftlicher Konsens kein Maßstab, sondern ein Luxusproblem, das man sich im Wettbewerb nicht leisten kann.
Derweil ist auch Peter Thiels 10x-Logik, der zufolge Unternehmen danach streben sollten, 10x größer zu sein als ihre Wettbewerber um einen Monopolstatus zu erhalten, im Militär angekommen: Die US Army und die britische Verteidigungsstrategie sprechen explizit von einer „10x tödlicheren Armee".
Die Politikwissenschaftlerin Elke Schwarz von der Queen Mary University London, die zu militärischer KI und Ethik forscht, sagt: Geschwindigkeit und Skalierung werden nicht von Sicherheitserwägungen bestimmt, sondern von Finanzierungszyklen. und Venture-Capital-Rhythmen.
Alle zwölf bis achtzehn Monate braucht ein Startup nachweisbare Fortschritte, um die nächste Finanzierungsrunde zu sichern. Alle zehn Jahre wird ein Fond ausgezahlt und muss bis dahin eine hohe Rendite abwerfen. Sicherheitsprüfungen, die traditionelle Rüstungsunternehmen über Jahrzehnte durchführen, passen nicht in diesen Takt. Im zivilen Tech-Bereich sind leere Versprechen schmerzhaft, aber beherrschbar. Im Krieg werden Systeme mit unbekannten Fehlerquoten im aktiven Einsatz erprobt. Prototype Warfare – als wären die Fronten ein weiteres Beta-Environment.
Elke Schwartz über Military AI, Venture Capital and the Hype of War - Youtube (Si apre in una nuova finestra)
Was das konkret bedeutet, formuliert die Investorenseite ohne Umschweife: Ein Geschäftsführer des American Frontier Fund sagte auf einer Konferenz offen, dass im Falle eines Konflikts zwischen China und Taiwan einige ihrer Investitionen sich verzehnfachen würden. Krieg als Investitionschance – die Toten, die Vertriebenen, die gesellschaftlichen Folgekosten sind im Modell nicht vorgesehen.
Dazu passt es, dass die Vordenker und Lobbyisten der KI Unternehmen in Interviews, Podcasts und anderen Formaten ein Klima permanenter Bedrohung heraufbeschwören. InPalantirs Selbstbeschreibung heißt es: „Als Nation befinden wir uns in einem nicht erklärten Ausnahmezustand." Konflikt und Krieg sind nicht nur eine Weltanschauung, sondern eine Umsatzstrategie.
Deutschland mittendrin
Auch hierzulande greift diese Logik um sich – schneller als die öffentliche Debatte. Gerade Mittelständler drängen ins Rüstungsgeschäft. Zählte 2022 der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie nur 120 Mitglieder, waren es im Februar 2025 schon 265 und im April 2026 sind es über 540!
Elektronikfirmen, Maschinenbauer, Softwarefirmen, aber auch Rechtsanwaltskanzleien entdecken Verteidigung als „planbares, morgenstarkes Geschäftsfeld".
Zugleich warnen kritische Stimmen vor einer risikoreichen Wette: Rüstungsausgaben erzeugen nach gängiger volkswirtschaftlicher Einschätzung deutlich geringere Multiplikatoreffekte als zivile Investitionen. So errechnet eine Studie der Uni Mannheim (Si apre in una nuova finestra), dass die volkswirtschaftliche Wertschöpfung bei jedem in Rüstung investierten Euro nur bei 0,50 Euro liegt, während sie bei Investitionen in Bildung bis zu 3 Euro bringt. Wer auf Verteidigung als Wachstumsmotor setzt, sollte die Zahlen kennen.
Der Imperiale Boomerang
Während den Recherchen zu diesem Thema hat uns eine Entwicklung besonders beunruhigt. Und das ist die Nutzung der für den Kriegsfall entwickelten Technologie und Infrastruktur im Inland.