Offengebliebene Fragen, die ich nicht stellen konnte, als ich im Juni im Berliner Bildungsausschuss saß und von der NoAfD u.a. mit ihrem traurigen, einseitigen Männlichkeitsbild konfrontiert wurde.
Hintergrund und Vorgeschichte:
Senatssitzung in Berlin - mein Rückblick mit Link zur Aufzeichnung (Si apre in una nuova finestra)
„Also ich erziehe alle meine 4 Kinder gleich … - Meine Jungs raufen lieber, meine Tochter kuschelt lieber“. (Tommy Tabor, Berliner AxD)
Diese Aussage ist unfassbar traurig! Und bedenklich! Und macht mich zornig, weil sie so viel Unwissen offenbart, so viel Rosa-Hellblau-Falle, dass ich in der konkreten Situation in Berlin nur einen Bruchteil davon durch Fakten widerlegen konnte. In dem Wissen, dass Fakten hier ohnehin nichts ändern würden. Und dass ich wütend sein SOLL! Und dass Leute, die schon verunsichert sind in dem Thema, AUF MICH wütend sein sollen. Denn …
der NoAfD geht es nicht um Rollenbilder, ihr geht es um Deutungshoheit, Spaltung und Macht.
Die Aussage der Überschrift oben stammt aus einer öffentlichen Senatssitzung, für die ich einen fachlichen Input beisteuern durfte. Und die mich ziemlich hilflos zurückgelassen hat. Schockiert auch über die politischen Abläufe, hilflos gegenüber der Tatsache, dass Fakten auch hier keine Rolle spielen.
Hier gehts zu einem kurzen Zusammenschnitt der o.g. Stelle (Si apre in una nuova finestra)(auf Insta) (Si apre in una nuova finestra)
Und es ist wichtig zu wissen, dass eine solche Sitzung nicht das Format hat, das einen Dialog ermöglichen würde. Ich konnte keine direkte Rückfrage stellen:
„Wie gehen Sie denn dann mit Ihren Söhnen um, wenn die traurig sind? Ist Berührung unmännlich für Sie?“
Es ist in solch einer Sitzung kein Raum, das Gegenüber an die eigene Kindheit zu erinnern:
„Wie ging es Ihnen als Kind, als Ihr Vater sagte: reiß dich zusammen, du bist doch kein Mädchen!“
Es wird in fester Reihenfolge entlang einer Namensliste gesprochen; wer sich auf andere bezieht, wie es hier geschieht, kann nicht direkt eine Antwort bekommen:
„Wie gehen Sie mit Ihrem eigenen Bedürfnis nach Geborgenheit um?“
Dieser Berliner Politiker behauptet also stellvertretend für andere seiner Partei, meine Ausführungen „stellen den natürlichen Verlauf der Natur in Frage“. Meine Ausführungen: damit bezieht er sich ohne logischen Zusammenhang auf meine bildungspolitische Forderung, Kindern Wahlfreiheit unabhängig vom Geschlecht zu ermöglichen und sie in ihrem Verhalten, ihren Interessen, ihrem Spielzeug, ihrem beruflichen Weg zu unterstützen, anstatt sie einzuengen mit veralteten, schädlichen Rollenbildern.
„Wenn dein Sohn morgen sagt: ‚Papa, ich will nicht kämpfen, ich will kuscheln‘ – wie würdest du reagieren?“
Die #noAfd instrumentalisiert Geschlechterbilder für ihren Machtkampf. Sie betreibt einen reaktionären Männlichkeitskult, der harte Männer und klare Hierarchien feiert, während er Fürsorge und Empathie als Schwäche herabsetzt und zugleich beides den Frauen zuweist: „Meine Jungs raufen lieber, meine Tochter kuschelt lieber“. Das sei der Lauf der Natur, und dass diese Aussage wissenschaftlich nicht haltbar ist, interessiert nicht, denn die ganze Gender-Debatte von rechts ist nur ein Vorwand, um zu spalten, zu verwirren, Angst und Unsicherheit zu wecken.
Die #noAfD benutzt also (natürlich) auch Kinder und die Debatte um Bildung und Pädagogik, um ihre Spaltungs-Strategie umzusetzen.
„Was würde es mit dir machen, wenn dein Sohn in der Schule dafür ausgelacht wird, dass er zärtlich ist? Würdest du es ihm abtrainieren? Bist du also dieser „Lauf der Natur“?“
Schon Babys zeigen durch sogenannte Spiegelneuronen Ansätze von Empathie, zum Beispiel wenn sie beim Weinen anderer Babys auch zu weinenbeginnen. Diese „Gefühlsansteckung“ ist die Grundvoraussetzung für empathisches Verhalten. Im ersten und zweiten Lebensjahr zeigen Kinder, dass sie das Unglück anderer bemerken und sie versuchen, durch eigene Mittel zu helfen. Wenn Kinder in ihrer Umgebung wenig Wärme oder Verständnis erleben, fällt es ihnen schwerer, sich in andere einzufühlen(1). Werden ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse von Erwachsenen nicht gesehen oder ernst genommen, verlieren sie mit der Zeit das natürliche Mitgefühl, das eigentlich in jedem Kind steckt (2). Deshalb ist es so wichtig, dass Erwachsene mit gutem Beispiel vorangehen und Empathie im Alltag vorleben – und zwar bei Töchtern wie Söhnen! Kinder brauchen Menschen, die ihnen zeigen, wie das geht, mitfühlen und auf andere achten, damit sie diese Fähigkeit richtig entfalten können (3).
Aber Fans der #noAfd, die auf binäre Rollenbilder setzen, ist es egal, dass der Mensch per se empathisch ist.
Sie behaupten steif und fest, es sei der “natürliche Lauf der Natur”, dass Jungen lieber raufen und dabei weniger empathisch seien, dabei wird ihnen die Emapthie nur als “unmännlich” abgewöhnt. Durch Menschen wie den hier genannten und seine Partei, die behaupten, der starke Mann werde es schon richten, und die Frau soll ihm folgen. Der wütende Mann wird gefeiert, denn Wut passt zum Männlichkeitsideal der blauen Partei. Und Wut passt zu den Grabenkämpfen, die die einen gegen die anderen aufbringen. Ohne jede fachliche, faktische, wissenschaftliche Grundlage. Was hilft, ist - das ist die Ironie in dieser Sache: empathische Gespräche:
„Wie würdest du dich fühlen, wenn dein Sohn oder deine Tochter später sagt: ‚Papa, ich durfte nie ich selbst sein‘?“
Wir wünschen Euch viele Gelegenheiten dafür, viel Gelassenheit und Geduld, sie immer und immer wieder zu führen.
Bunte Grüße
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Almut & Sascha
1 - Müller & Thomas, 2013, „Entwicklungspsychologische Grundlagen der Empathiefähigkeit“
2 - Zorzi, 2017, „Mitgefühl bei Kleinkindern: Eine Studie“
3 - Liekam, 2005, „Empathie als Fundament pädagogischer Professionalität“; Zorzi, 2017, „Mitgefühl bei Kleinkindern: Eine Studie“
Link zum Input von Almut Schnerring (Si apre in una nuova finestra) im Rahmen der o.g. Senatssitzung
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