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Ich gaslighte mich selbst: Impostor für chronisch Kranke

Eine Frau liegt erschöpft auf einem Bett.
Foto: Pexels via Pixabay

Als ich diesen Text zu schreiben begann, sollte er sich ausschließlich darum drehen, wie sehr ich mir meine eigene Wahrnehmung bzgl. verschiedener Symptome und Merkmale im Zusammenhang mit chronischer Erkrankung und Neurodivergenz in Abrede gestellt habe. Manchmal (okay: häufig) entwickeln sich meine Texte aber erst beim Schreiben zu dem, was sie am Ende werden.

In diesem Fall: Ein Aufruf gegen das Patriarchat.

Ich möchte ja nicht die Stimmung versauen, aber: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Wir leben im Hoch-Kapitalismus. Und wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, die immer noch nur so vor Misogynie (Frauenfeindlichkeit) strotzt.

Und das ist in vielerlei Hinsicht ein riesengroßes Problem. Denn ja, auch in diesen vermeintlich fortschrittlichen gesellschaftlichen Zuständen, in denen alles auf Produktivität ausgelegt ist, liegen Ursachen für Diskriminierung und sozialen Ungleichgewichten. Sie sind es, die die Ausbeutung und die Herabsetzung von Frauen (und anderen marginalisierten Gruppen) als Unterstützung der Selbstoptimierung verkaufen, deren (vermeintliche) Notwendigkeit sie selbst erschaffen haben. Denn damit lassen sich besser Produkte verkaufen.

Ist man nicht „nur“ Frau, sondern lebt auch noch in einem dicken Körper, ist chronisch krank oder behindert, dreht sich die Spirale der Benachteiligung nur umso schneller. Es ist, als würde man in einer Achterbahn sitzen, die aus einer endlosen Reihe von Loopings und Schrauben besteht. Und man hängt kopfüber da drin. Ohne Option auszusteigen. Wem wäre da nicht zum Kotzen zumute?

Leistung, Anpassung – und die Aberkennung von Bedürfnissen

Anders formuliert: In dieser Gesellschaft ist von Wert, wer leisten kann und wer selbst möglichst wenig „Aufwand“ macht. Für wen man Sorge tragen muss, wer nicht konstant arbeiten kann, wer seine*ihre Rechte einfordert, der*die gilt schnell als unbequem. Mindestens. Mehr als ein geraunztes „Was wollen die denn noch?!“ und ein mitleidiger bis verächtlicher Blick sind meist nicht zu holen.

Diese Grundhaltung in unserer Gesellschaft führt dazu, dass Bedürfnisse nicht Ernst genommen, kleingeredet, umgedeutet – oder schlichtweg aberkannt werden. Das finden wir in Äußerungen wie:

„Frauen sind doch gleichberechtigt“ oder

„Sie wollte es doch auch“ oder

„Ja, aber so dick zu sein ist ja nicht gesund. Eigentlich willst du doch auch schlank sein. Jede*r will schlank sein“ oder

„Jede*r, der*die arbeiten will, findet auch Arbeit“ oder

„Unsere Gesellschaft lässt niemanden im Stich“

Ich könnte endlos so weiter machen, doch was ich damit eigentlich sagen will, ist: Die leistungsorientierte, weiße, cis-männliche Sicht der Welt führt (unter anderem) dazu, dass Realitäten geleugnet werden. Und weil wir alle mit diesen Aussagen und den dahinterliegenden Haltungen sozialisiert wurden, kann das Ganze so weit führen, dass wir unsere Bedürfnisse am Ende selbst leugnen, nicht wahrnehmen oder ignorieren. Danke für nichts.

Meine persönliche Erfahrung: Impostor für chronisch Kranke & Neurodivergente

Als ich meine Diagnose ME/CFS bekam, war da zunächst eine (zugegeben: morbide, verdrehte) Art von Erleichterung (die natürlich nur sehr kurz hielt, denn 1. ist das eine Diagnose, die ich niemandem wünsche und 2. liefen meine Hoffnungen, mit einer Diagnose auch endlich Hilfe zu finden, nahezu ausnahmslos ins Leere).

Endlich gab es einen Namen dafür, wie es mir ging. Ganz abgesehen davon, was das dann im Außen folgte, meldete sich aber rasch eine innere Stimme (ich werde sie ab sofort meine „innere Natter“ nennen, denn sie möchte mich mit zischenden, aggressiven Lauten dazu verführen, ihre Unwahrheiten zu glauben):

„Du bist doch gar nicht so krank. Anderen geht es viel schlechter als dir. Stell dich nicht so an. Es wird Zeit, wieder auf die Beine zu kommen.“

Wie perfide diese, meine eigenen inneren Ansagen waren, zeigt sich daran, wie es mir tatsächlich ging: Ich war nicht in der Lage dazu, spazieren zu gehen. Die basalsten Tätigkeiten, wie Hygiene und Nahrungsaufnahme forderten all meine Kraft. Jede noch so kleinste Anstrengung zwang mich wieder, mit Schmerzen, Übelkeit und vernichtender, allumfassender Erschöpfung, ins Liegen – mit Glück nur für Stunden, meist aber mindestens für Tage.

Und obwohl es mir schon Monate so ging, versuchte ich mich anfangs nach jedem Krankenschein zum Arbeiten zu zwingen. Ich arbeitete zum Teil aus dem Bett heraus, weil ich kaum aufrecht sitzen konnte. Nur, um nicht als unzuverlässig oder faul wahrgenommen zu werden. Sätze wie „Aber die Arbeit tut dir doch gut“, hörte ich mehr als einmal - von Außen und von Innen. Statt mir selbst und meinen Beschwerden zuzuhören, mir Ruhe und Erholung zuzugestehen, machte ich weiter, versuchte zu funktionieren. Und produzierte so noch mehr Symptome.

Mein Körper schrie immer lauter nach Hilfe – bis der finale Crash kam, nachdem Monate lang nichts mehr gehen würde. Und erst da gab ich nach. Zumindest ein bisschen – erreichbar blieb ich nämlich für die Kolleg*innen meist trotzdem. Wir sprachen nicht häufig, aber doch regelmäßig. Ich wollte nämlich um jeden Preis den Eindruck vermitteln, dass ich zuverlässig bin.

Und in all dem Schlamassel brachte ich es immer wieder fertig, mich zu schämen. Dafür, dass ich krank war, versagt hatte. Wieder und wieder redete ich mir ein, dass es so schlimm nicht sein könne. Dass ich diese vernichtende Krankheit nicht haben könnte, denn – und jetzt wird es wirklich absurd: Ich schaffte es ja noch, erreichbar zu sein. Anderen ging es doch so viel schlimmer als mir.

Ja, das stimmt – anderen ging es noch viel verheerender als mir. Aber chronische Erkrankung ist kein Wettkampf. Der Leistungsgedanke in mir war (und ja, vielleicht ist er es zu oft immer noch) so stark, dass ich mir selbst nicht glaubte, krank genug zu sein, weil ich immerhin noch selbstständig zur Toilette gehen und meine Gabel selbst halten konnte. Dass ich nach jede der seltener gewordenen Duschen völlig kraftlos zusammensank und mir meine Haare abrasierte, weil die Kraft zum Föhnen fehlte, das verschwieg ich in solchen Momenten vor mir selbst.

Selbstvalidierung durch Dokumentation

Ich führte Symptomtagebücher - einerseits, um Belege für Ärzt*innen zu haben und etwaige Fort- oder Rückschritte nachverfolgen zu können. Andererseits waren sie mein Anker, an dem ich mich selbst wiederholt validieren konnte: Guck, Anne, dir geht’s wirklich so schlecht. Da steht‘s. Später sah ich mir regelmäßig meine Arztberichte an, um mir vor Augen zu führen, dass ich ehrlich krank war. Als wären diese Berichte mehr wert, als das, was ich am eigenen Leib mit solcher Intensität spürte.

Ähnlich geht es mir aktuell mit meiner Autismusdiagnose. Ich dokumentiere meine Merkmale und Verhaltensweisen, sehe mir wiederholt den Diagnosebericht an, um mir selbst glauben zu können, dass ich autistisch bin. Obwohl ich natürlich all diese Verhaltensweisen, die damit einhergehenden konstanten Herausforderungen, die lebenslangen Schwierigkeiten und die damit verbundenen Anstrengungen so, so gut kenne. Auch hier: Die Validierung von Außen steht über meiner eigenen.

Das Problem ist nicht individueller Natur

Gut, was ich schildere, mag ein Hardcore Fall von Impostor Syndrom für chronisch Kranke und/oder Neurodivergente sein. Und ich würde ja behaupten, es liege an mir. An meiner Unsicherheit, meinen Selbstzweifeln, meinem brüchigen Selbstwert. Aber das wäre nur ein Teil der Wahrheit.

Denn die Erfahrungen, die ich in der Anerkennung meiner eigenen Diagnosen gemacht habe, die sind mir im Austausch mit vielen anderen Kranken, Behinderten und Neurodivergenten begegnet. Immer wieder stellen sich diese Menschen, allen voran betroffene Frauen, die Fragen: „Bin ich wirklich krank genug? Bin ich wirklich neurodivergent genug?” - und damit verbunden: “Steht mir wirklich Hilfe zu?”

All diese Zweifel und Unsicherheiten müssen ja irgendwie entstanden sein – und damit wären wir wieder bei der strukturellen, gesellschaftlichen Ebene.

Im Gespräch mit der Therapeutin, die meine ASS diagnostiziert hat, bestätigte sie, dass sich in ihrer Praxis viele Frauen unsicher fühlen, ob sie „autistisch genug“ für eine Diagnose seien. Denn ja, gerade spätdiagnostizierte Frauen sind in ihrem Leben bislang vielleicht ganz gut zurechtgekommen.

Oder was man eben „ganz gut“ nennen mag, wenn man all die Anstrengung und das Maskieren, die damit verbunden sind, vernachlässigt. Aber sie hatten keine andere Wahl, als sich anzupassen. Schließlich sind es auch sie, denen in ihrem Leben viel zu häufig gesagt wurde, „zu anstrengend“ zu sein, „zu viel“ zu sein, doch mal mehr „wie die anderen“ sein zu sollen, sich „nicht so dranzustellen“. Ihre eigene Wahrnehmung und ihr Verhalten wurden von Außen immer wieder relativiert. Und wer oft genug hört, dass etwas nicht mit ihr stimmt, die glaubt es am Ende selbst – und zwar so sehr, dass sie diesem Außen mehr glaubt als ihrer eigenen Wahrnehmung.

Wo bitte geht’s hier raus aus dem Patriarchat?

Und warum wurde ihnen all das gesagt? Weil sie Frauen sind. Um sie klein zu halten, sie anzupassen. Damit sie ihre Aufgaben als möglichst angepasste Versorgerinnen - und Fürsorgerinnen - erfüllen können. Damit sie bloß keinen Aufwand machen, sondern das Bild der braven Frau erfüllen, die alle Wünsche ihrer Lieben an deren Lippen ablesen kann und sie ohne zu Knurren in die Tat umsetzt. Im Haushalt, beim Job, im Bett, bei der Care Arbeit. Weil das Patriarchat ohne dieses Rollenbild keinen Bestand mehr hätte – aber alles daran setzt, sich selbst aufrechtzuerhalten.

Weil wir in einer Leistungsgesellschaft leben, in der „nicht zu funktionieren“ oder auch nur ein bisschen von den Erwartungen abzuweichen, wie ein Stein im Getriebe ist, der es zum Stocken bringt. Um den man sich kümmern muss. Und das kostet Zeit – und Zeit ist Geld. Wir sind hier immer noch im Kapitalismus. Dazu ist es in seinem Selbstverständnis nicht die Aufgabe des Patriarchats, sich zu kümmern, fürsorglich und solidarisch zu sein. Das ist, wenn überhaupt, die Aufgabe der Frau. So beißt sich die Katze in den Schwanz.

Also ja, das Patriarchat leugnet so lange unsere Bedürfnisse, bis wir nicht anders können, als uns ihm anzuschließen und das Gleiche zu tun. Bis wir uns selbst gaslighten1 - in unseren Emotionen, unserer Erschöpfung, und ja, sogar in unseren Erkrankungen oder in unserer Neurodivergenz.

Wir müssen uns selbst glauben

Deshalb fordere ich: Glaubt euch selbst. Glaubt euren Empfindungen. Glaubt euren Gedanken. Nehmt euch Ernst. Und dann glaubt euren Freund*innen, Geschwistern, Kindern und Kolleg*innen. Vermeidet jedes „Ist doch nicht so schlimm“. Lasst und solidarisch miteinander sein. Lasst uns miteinander reden, offen und ehrlich – ganz ohne Scham.

Denn die Scham, das Beschämen ist das schärfste Schwert des Patriarchats in der Aberkennung unserer eigenen Realität.

Und wenn es uns gelingt, sie zu überkommen, in die aufrichtige Verbindung miteinander zu kommen, dann sind wir nicht nur auf einem guten Weg, für uns einzustehen und gut für uns zu sorgen und – sondern auch, uns dem Patriarchat entschieden entgegenzustellen.

Anekdote am Rande

Ich kenne all die Mechanismen, die ich beschrieben habe - und doch bin ich immer noch von ihnen betroffen. Ich hatte solche Struggle damit, diesen Text zu schreiben. Meine innere Natter hat immer wieder gezischt: „Wer will das schon lesen? Andere können viel besser schreiben als du. Was maßt du dir an? Kannst du nichtmal eine bessere Struktur in deine Texte bringen?“ Diese Stimme hat mir schon so häufig in meinem Leben die Lust am Schreiben – und am Veröffentlichen – genommen.

Also habe ich meinem Partner davon und vom Inhalt dieses Textes erzählt. Seine Reaktion: „Das ist doch exakt das, worüber du schreibst, oder? Das ist doch Impostor.“ Natürlich hat er recht. Allzu häufig nehmen wir uns in so vielen Bereichen unseres Lebens nicht Ernst, halten uns klein, gehen unseren Neigungen und Wünschen nicht nach, denken, wir seien nicht gut genug. Ich versuche mir deshalb, so häufig es geht, selbst zu sagen: Genau das ist es, was das Patriarchat und der Kapitalismus wollen. Und ich schade ihnen am meisten, wenn ich nicht mehr mitspiele – und andere dazu ermutigen kann, sich mir anzuschließen. Also schreibe ich. Ich veröffentliche. Ich sage: „Ich bin chronisch krank“ mit der gleichen Festigkeit wie „Ich bin Autistin.“ Egal, was meine inneren Stimmen sagen – und dem Patriarchat zum Trotz.

  1. Gaslighting: Die eigene Wahrnehmung/Realität wird in Abrede gestellt. Das kann von einem Gegenüber als gezielte Manipulationsart eingesetzt werden.

Argomento Feminismus

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