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Die guten Dicken

(Si apre in una nuova finestra)
Image by Willy Go from Pixabay

Jahrelang habe ich versucht, die „gute Dicke“ zu sein. Als ich irgendwann das Glück hatte, mich dazu mit anderen mehrgewichtigen Personen austauschen zu können, habe ich verstanden, dass es nicht mir alleine so ging und geht. Wir versuchen um jeden Preis zu beweisen, dass wir nicht so sind „wie die anderen Dicken“. Wir sind diszipliniert und kämpfen um jeden Preis darum, nicht bloßgestellt zu werden. Was das jedoch konkret bedeutet und warum das (nicht nur für uns!) so schädlich ist – dazu mehr in der heutigen Kolumne.

Warum wir versuchen, uns von anderen abzuheben

Als dicke Person erlebt man nahezu konstant eine Kommentierung der eigenen Person – vor allem des eigenen Körpers. Schon im Kindergartenalter werden Essverhalten und Körperbau beurteilt. Verwandte, Erzieher*innen und Ärzt*innen scheuen sich nicht davor, ungefragt Tipps dazuzugeben, was das Kind essen sollte (und was nicht) oder auch dazu, dass es doch lieber mal mehr vor die Tür gehen als vorm Fernseher/Computer/Tablet/Handy hängen sollte. Bereits in frühester Kindheit erleben wir uns also, wenn wir nicht schlank sind, als irgendwie nicht passend, als mängelbehaftet. Als müssten wir uns unbedingt verändern und besonders anstrengen, um reinzupassen.

Diese Kommentierungen werden dann erfahrungsgemäß nicht weniger. Je älter wir werden, umso mehr Menschen fühlen sich dazu befähigt, unsere Körper zu labeln und zu kritisieren: Klassenkamerad*innen, Freund*innen, Partner*innen – und allzu viele Menschen, mit denen wir überhaupt nichts zu tun haben. Darunter Fremde und nicht zuletzt die breite Öffentlichkeit in Form von vermeintlichen Gesundheitsratgebern, Zeitungsartikeln oder auch Influencer*innen, die irgendein Bauchweg-Produkt (Shakes, Saftkuren, Shapeware – you name it) breitlächelnd bewerben. Es scheint kaum einen Schutzraum zu geben, in dem wir einfach nur sein dürfen und in dem sich niemand für unsere Figur interessiert.

Je länger wir diese Erfahrungen machen, umso weniger können wir uns sogar selbst ein Schutzraum sein, denn natürlich hat all das, was wir zeit unseres Lebens hören, einen Einfluss auf uns. Wir beginnen, die Kommentare und abwertenden Haltungen gegenüber größeren Körpern zu internalisieren – und schließlich beginnen wir damit, uns selbst abzuwerten und dem Ziel nachzurennen, schlank zu sein, um endlich Ruhe vor all der Beobachtung und Kommentierung zu bekommen.

Die Auseinandersetzung mit unserem Körper wird also allgegenwärtig. Sind wir weiblich sozialisiert, kickt dieser Umstand sogar noch einmal härter, denn unsere Gesellschaft scheint ein noch größeres Problem mit dicken Frauen als mit dicken Männern zu haben – zumindest, wenn man die Art und Häufigkeit betrachtet, wie Körper geschlechtsspezifisch kommentiert werden. Ein simples Beispiel: Bei Männern* sprechen wir regelmäßig von einem „Wohlstandsbauch“. Wir verbinden Mehrgewicht also mit Wohlstand – und damit möglicherweise und implizit auch mit Disziplin, sofern wir die beliebte Prämisse anlegen, dass Wohlstand über harte Arbeit erreicht wird (statt den Umstand zu berücksichtigen, wie häufig Reichtum vererbt wird). Einer dicken Frau* hingegen schreiben wir mangelnde Disziplin vor und bezichtigen sie, sich gehen zu lassen – als würde es irgendjemanden, außer die betroffene Person selbst, überhaupt etwas angehen.

Disziplin ist dabei das treffende Stichwort, denn genau hier beginnt die Reise zur „guten Dicken“. Es ist nur nachvollziehbar, dass all das Kommentieren und Abwerten uns stört und dass wir einfach nur dazugehören und anerkannt sein wollen. Wir Menschen sind soziale Wesen, das Erleben von Abtrennung ist schmerzhaft für uns. Wie wollen „eine*r von ihnen“ sein. Schnell realisieren wir auch, dass der Weg zur Zugehörigkeit über die Gewichtsabnahme ein steiniger ist. Denn: Um Gewicht zu reduzieren, braucht es Zeit und Ressourcen (z. B. finanzielle Mittel zum Erwerb bestimmter Lebensmittel, zur Mitgliedschaft in Vereinen oder Fitnessstudios etc.; mentale Kapazitäten, um sich mit den Möglichkeiten der Diät auseinanderzusetzen; körperliche Kapazitäten, um Sport machen zu können usw.). Zudem verkennt dieser Weg den Umstand, dass es genetische Unterschiede gibt. Nicht jeder Körper ist per se ein schlanker – und Diäten führen (nicht nur aufgrund von genetischer Veranlagung) häufig wieder zu Gewichtszunahmen, ggf. ist man danach schwerer als zuvor. Ein reduziertes Gewicht zu halten, bedeutet möglicherweise einen lebenslangen Verzicht auf Nahrungsmittel – und damit steigt das Risiko, an einer Essstörung zu erkranken. Gewichtsreduktion ist also, entgegen der landläufigen Meinung, keine Frage der Disziplin. Schaffen wir es jedoch nicht, Gewicht dauerhaft zu verlieren, so wird uns ein Mangel dieser vorgeworfen.1

Und vor diesem Hintergrund ist es doch nur nachvollziehbar, dass wir unseren Ehrgeiz, unsere Disziplin auf anderem Weg unter Beweis stellen möchten. Wir versuchen, zu „guten Dicken“ zu werden.

Wie wir versuchen, uns von anderen abzuheben

Es gibt verschiedene Wege, sich diszipliniert zu zeigen. Die beliebtesten (meinen Beobachtungen nach) unter „guten Dicken“ sind sicher Leistungsfähigkeit/-bereitschaft und ein hohes Maß an Engagement die eigene Optik betreffend. Wir zeigen uns nicht ungeschminkt oder unfrisiert und tragen Lagen von Shapewear, die uns am tiefen Atmen hindern. Wenn wir schon dick sind, dann wenigstens so nah dran an der gesellschaftlich akzeptierten Sanduhrfigur (wobei selbst dieser Trend aktuell und in Zeiten von „SkinnyTok“ wieder rückläufig zu sein scheint) wie irgendwie möglich. Oder wir tragen bewusst weit geschnittene Kleidung, um uns zu verhüllen und um unser Umfeld nicht mit dem Anblick unseres Unterbauchs oder unserer dicken Schenkel zu belästigen. Wir bemühen uns, unter Lagen von Stoff zu verschwinden – in der Hoffnung, dass die Menschen, die uns begegnen, unsere Körper darunter nicht bemerken. Streng und emsig kämpfen wir darum, die ästhetischen Ansprüche der Gesellschaft möglichst wenig herauszufordern.

Wir werden „High Perfomer*innen“ (urgh, dieser Begriff...), schieben Überstunden, übernehmen unbezahlte Zusatzdienste und sagen auch im Freund*innen- und Verwandtenkreis nie „Nein“, wenn wir um einen Gefallen gebeten werden. Wir werden die am meisten angepassten People Pleaser*innen, nur damit bloß niemand denken könnte, wir seien (schließlich sind wir ja dick) faul oder erschöpft. Und all das tun wir mit einem breiten Lächeln, hinter dem wir nur allzu oft am Abgrund tanzen und kurz davor sind, an ihm zu zerbrechen. Wir möchten für fleißig, besonders leistungs- und hilfsbereit, gefällig und zupackend gehalten werden. Und so setzen wir alles daran, damit niemand auf die Idee kommt, wir seien träge oder keine Arbeitstiere. Mit Leistungsbereitschaft bis zur Selbstaufgabe scheinen wir sagen zu wollen: „Schau her, ich bin nicht so wie die anderen Dicken. Ich bin eine*r von den Guten.“ Dabei wissen wir dann selbst nicht mehr: Wollen wir die ganzen Dicken-Klischees widerlegen oder nur unsere eigene Haut retten?

Wir schleppen uns in Sportkurse und Fitnessstudios, in denen wir abgewertet und bis weit über unsere Grenzen angetrieben werden. Niemals würden wir zugegeben, ausgelaugt zu sein. Wir versuchen, nicht zu schwitzen und nicht laut zu atmen, damit niemand uns eklig findet, sondern möglichst viele uns für sportlich halten. Als sei das jemals möglich, denn: Schwitzen wir nicht, müssen wir uns anhören, dass wir nicht hart genug trainieren, um unsere Pfunde zu verlieren. Schwitzen wir, ernten wir angewiderte Blicke und hören das Tuscheln hinter (mehr oder weniger) vorgehaltenen Händen. Wir können es nicht richtig machen. Dabei strengen wir uns doch so sehr an, alles richtig zu machen und auch hier unsere Disziplin zu beweisen.

Wir „guten Dicken“ setzen jedoch nicht nur alles daran, um als diszipliniert wahrgenommen zu werden. Wir gehen noch weiter. Vor allem gehen wir niemals langsam. Stets eilen wir durch die Welt, bewahre, dass jemand denken könnte, wir könnten nicht schneller. Wir hetzen und sputen uns – und auch dabei atmen wir völlig flach, damit niemand merkt, wie wir vor lauter Gerenne außer Atem geraten. Überhaupt schämen wir uns dafür, dass uns jemand atmen hören könnte. Wir spannen brav immer so viel an unserem Körper an, wie irgendwie geht – den Bauch, den Po, die Beine im Sitzen. Wir verschränken die Arme vor unseren Körpern und versuchen immer und überall, weniger Platz einzunehmen, als wir eigentlich bräuchten.

Wir informieren uns. Wir kennen jede Diät, jede Kalorie, jeden Punkt, jede Abnehmstrategie. Wir essen nicht in Gesellschaft, sind nie hungrig. Und falls doch, bestellen wir Salat, egal, wie laut unser Magen knurrt. Wir kennen jede Sportart, jedes Training, von HIIT bis 21 Minuten, vor allem die, mit denen sich viele Kalorien verbrennen lassen. Wenn uns jemand erklären möchte, mit welcher Methode man am besten Gewicht reduzieren kann, steigen wir mit ein und verfallen mit ihn*ihr ins Fachsimpeln. Soll bloß niemand denken, wir würden uns nicht auskennen oder uns gar verweigern.

Und die schlimmste, die gemeinste Seite an uns verbergen wir vor anderen nicht, obwohl wir uns so sehr für sie schämen: Wir lachen mit ihnen, wenn sie Witze über Dicke machen, damit sie merken, dass wir nicht so sind. Wir können ja lachen – über andere und uns selbst. Wir verstehen ja Spaß. So viel wird man ja wohl noch sagen dürfen. Schließlich meinen sie es ja nicht böse, es geht ihnen nur um unsere Gesundheit und die anderen. Anwesende ausgenommen. Wir unterbrechen sie nicht, wenn sie andere abwerten, nicht einmal dann, wenn sie uns abwerten. Wir vergleichen uns mit Anderen und obwohl wir es nie laut aussprechen würden, sind wir vielleicht sogar froh, wenn es eine dickere Person im Raum gibt. Einmal wollen wir uns nicht das Objekt ihrer Sezierungen sein. Einmal wollen wir in Ruhe atmen können und spüren, wie es sich anfühlt, einfach nur zu sein.

Warum das so gefährlich ist

Und genau an dieser Stelle, wenn wir mit in dieses „Othering“ einsteigen, wird es gefährlich. Othering bedeutet, eine Gruppe aufgrund eines Merkmals abzuwerten (in diesem Fall also die „schlechten Dicken“), um uns von ihnen abzugrenzen. Da dient dazu, sich selbst als überlegen oder auch mächtiger zu positionieren. Den Mechanismus, dem wir selbst zum Opfer (wir sind im Vergleich zu den „normalen“ bzw. „Dünnen“ die „Anderen“, in dem Fall die Dicken), setzen wir so also fort. Wir, „die guten Dicken“, grenzen uns von „denen“, den „schlechten Dicken“, also denen, die nicht so viel Wert auf ihr Äußeres legen (können oder wollen), die weniger Sport machen, weniger arbeiten, sich schlechter ernähren etc., ab und werten sie damit ab.

Unsere Gesellschaft lebt von diesen Machtgefällen und dass verschiedene Gruppen sich immer wieder über andere erheben. Doch genau das ist die Grundlage jeglicher Diskriminierung. Und wo Diskriminierung stattfindet, da finden sich auch Abwertung, Ausgrenzung, Entmenschlichung, Scham – und schließlich ernsthafte Risiken für die körperliche und mentale Gesundheit statt.

Es ist also einerseits nachvollziehbar, dass wir „die guten Dicken“ sein wollen, weil das unser verzweifelter Versuch ist, die aufgebauten Hürden abzubauen, mitspielen zu dürfen und über Stöckchen zu springen, die andere für uns immer höher halten. Wir wollen dazugehören. So weit, so menschlich.

Doch solidarisieren wir uns hier nicht mit den Falschen? Perpetuieren wir auf diese Weise nicht das, was uns selbst zuteilwird? Sollten wir es nicht besser wissen? Sollten wir nicht entschieden eintreten gegen Diskriminierung und Herabwürdigung? Sollten wir Fatshaming nicht unbedingt und bei jeder Gelegenheit outcallen? Sollten wir uns nicht einsetzen für mehr Solidarität, Zusammenhalt und den Abbau von Stereotypen? Sollten wir nicht längst wissen, dass sich über andere erheben zu können ein fucking Privileg ist – aber keins von den anständigen?

Lasst uns nicht mehr versuchen, die guten, die braven Dicken zu sein. Lasst uns solidarisch miteinander sein. Lasst uns widerständig sein gegen diskriminierende Körperbilder, die aufrechterhalten werden sollen, um uns zu disziplinieren und zu beschäftigen, damit wir uns nicht den wirklich wichtigen Themen widmen können. Lasst uns respektvoll sein, uns einander so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen. Lasst und mitfühlend sein, denn erst recht in Zeiten wie diesen ist Mitgefühl der wichtigste Kitt unserer Gesellschaft. Lasst uns uns noch einmal klarmachen: Jeder Körper ist ein guter Körper und verdient es, respektvoll behandelt zu werden – auch von uns selbst. Wir schulden niemandem eine Körperform, einen Look oder unsere Gesundheit. Aber wir schulden einander einen Respekt. Immer und überall.

  1. An dieser Stelle möchte ich gerne ein paar Literaturempfehlungen aussprechen:

    Dr. Antonie Post & Petra Schleifer: Gesundheit kennt kein Gewicht

    Dr. Elisabeth Lechner: Riot, don’t diet

    Melodie Michelberger: Body Politics

Argomento Body Acceptance

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