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Dialektischer Life-Hack: Was ist das Wahre daran? Und was das Falsche?

Portrait des Philosophen Hegel, farblich verfremdet
Patriarchaler Vordenker der Binarität: der Philosoph GWF Hegel. Nichtsdestotrotz war er immer noch klüger als die Schwarz-Weiß-Debatten von heute.

Liebe Leute,

als ich Mitte der 1980er Jahre in Frankfurt am Main studierte, waren wir eine „Flut“ an Student*innen: übervolle Hörsäle, Professoren, die man nie zu Gesicht bekam (Professorinnen praktisch nicht existent). Deshalb suchte ich mir Seminare oft nicht nach dem Thema aus, sondern nach Abseitigkeit, in der Hoffnung auf überschaubare Gruppen. Auf diese Weise landete ich in einem Seminar über Hegels Rechtsphilosophie. Es war von vornherein auf sechs Semester angelegt, was auf ein graduelles Schrumpfen der Teilnehmer*innenzahl hoffen ließ. Für mich war es außerdem sehr effizient, denn ich konnte am Ende für meinen Magisterabschluss in allen drei Fächern die mündliche Prüfung über Hegels Rechtsphilosophie ablegen – im Hauptfach Politikwissenschaft genauso wie in den Nebenfächern Philosophie und Theologie. Hegel als Passepartout.

Natürlich bin ich heute kein allzu großer Hegel-Fan mehr. In einem früheren Newsletter (Si apre in una nuova finestra) habe ich erzählt, wie ich die italienische Feministin Chiara Zamboni kennenlernte und sie mir ziemlich gründlich erklärt, warum Hegels Binaritäten – die Unterscheidungen in Natur/Geist, Besonderheit/Allgemeinheit, männlich/weiblich, die sich „dialektisch“ aufeinander beziehen – problematisch sind. Hegel ist integraler Teil des patriarchalen Denksystems, das wir überwinden müssen.

Aber trotzdem ist Hegel um Längen klüger als das, was heute so als Zeitgeist herumwabert. Er ist ein geradezu idealtypischer Vertreter des traditionellen Patriarchats, das derzeit im postpatriarchalen Chaos untergeht. Wenn heute über irgendein politisches Thema gestritten wird, ist da weit und breit keine Dialektik in Sicht, also kein differenziertes und komplexes Nachdenken über die Art der Polarität, mit der man es zu tun hat, sondern heute werden Binaritäten schlicht als unvereinbare Gegensätze präsentiert – schwarz oder weiß, richtig oder falsch, Freund oder Feind. Bist du dafür oder dagegen? Wer nicht eindeutig für uns ist, ist gegen uns – und damit als Bündnispartnerin diskreditiert. Und so weiter. Die Infizierung unserer Kultur durch dualistisches Entweder-oder-Denken wird leider nicht nur von Rechten betrieben, sondern hat auch das Denken in linken, feministischen Zusammenhängen erfasst. Auch da sind Bekenntniszwang, Reinheitsforderungen, Abgrenzungsrituale verbreitet.

Hegel war anders. Ihm verdanke ich einen echten Lifehack, den ich damals im Seminar gelernt und dann verinnerlicht habe. Die entsprechende Übung im Seminar war simpel: Wenn eine Aussage, ein politisches Phänomen, eine Bewegung zur Beurteilung vorliegt, so lernten wir, lautet die Frage nicht: Ist das richtig oder falsch? Sondern: Was ist das Wahre daran – und was das Falsche?

Es kommt nämlich so gut wie nie vor, dass eine politische Bewegung, ein soziales Phänomen, eine noch so fragwürdige Position einfach vollständig „falsch“ ist. Etwas Wahres steckt immer drin. Ein Begehren, ein echtes Problem, eine reale Erfahrung. Hegel hat das in einem aufwändigen Begriffsgebäude entfaltet – Für-sich-Sein, An-sich-Sein, Aufheben, das Konkrete und das Abstrakte, die Spiralbewegung der Geschichte. Damit kann man sich viele Semester lang beschäftigen. Aber man muss nicht die Hegel’sche Dialektik in voller Tiefe verstanden haben, um diese eine Verschiebung vorzunehmen: Um ein Ding zu verstehen, ist es nicht hilfreich, es in seiner Gesamtheit beurteilen zu wollen (Daumen hoch oder Daumen runter), sondern es ist notwendig, seine Wahrheitsgehalte und seine Fehler getrennt herauszuarbeiten.

Ich verwende diesen Hack ganz automatisch, seit ich ihn damals an der Uni kennengelernt habe. Zum Beispiel beschäftigt mich derzeit das Phänomen der „Conservative Womanhood“, also die politischen Bewegungen, in denen Frauen verstärkt wieder konservative, traditionelle Rollenbilder inszenieren und verteidigen, und zwar als aktiv gewählt und nicht aufgezwungen. Mit Argumenten, die gelegentlich sogar feministisch klingen und unter explizitem Verweis auf ihre Freiheit und ihr eigenes Wollen. Seien es Tradwives, die auf Social Media Brot backen und Kinder hüten und sagen, das sei ihre freie Entscheidung oder konservativ-religiöse Musliminnen, die Bekleidungsvorschriften als Ausdruck von Eigenständigkeit und kultureller Differenz rahmen. Oder Frauen, die Giorgia Meloni zujubeln, weil ihnen das Postpatriarchale zu chaotisch geworden ist und sie sich irgendeine Form von Ordnung wünschen.

Ich finde es unbefriedigend, das alles einfach als „falsch“ zu framen, sondern denke, mit Hegel zu fragen, was „das Wahre daran“ ist und was „das Falsche“, erlaubt ein besseres Verständnis und auch eine treffendere politische Analyse. Zum Beispiel bekomme ich einen Blick für das, was an genuinem Begehren dahinter steht. Der reale Erschöpfungszustand angesichts einer ungelösten Care-Krise (die auch wir Feministinnen, trotz aller Anstrengung, ja nicht gelöst haben). Der Wunsch nach Verlässlichkeit, nach Formen des Lebens, die nicht ständig neu verhandelt werden müssen. Die Erfahrung, eine eigene Identität zu haben und sich nicht an eine Mehrheit zu assimilieren. Der Widerwille gegen ein neoliberales Emanzipationsversprechen, das in der Praxis nur zu immer mehr Stress führt.

Ich bin angesichts der derzeitigen politischen Kräfteverhältnisse der Ansicht: Wenn wir den Ruck ins Autoritäre, den wir gerade erleben, aufhalten wollen, kommen wir nicht darum herum, Verbindungen zu schaffen in das Lager derer hinein, die mit diesen autoritären Bewegungen liebäugeln. Aber wie?

Mit den Verbindungen zwischen „Links“ und „Rechts“ beschäftige ich schon länger, etwa mit dem Phänomen, dass viele „Linke“, aber auch manche Feministinnen irgendwie letzten Endes ganz rechts außen gelandet sind – woher kommt diese „gefährliche Nähe“? https://bzw-weiterdenken.de/2018/07/gefaehrliche-naehe/ (Si apre in una nuova finestra) Und neuerdings interessiert mich verstärkt, ob sich eine solche Nähe vielleicht auch in umgekehrter Richtung nutzen ließe?

Zum Beispiel überlege ich, was wohl die konservativen MAGA-Frauen in den USA über die immer absurderen Abtreibungsverbote in den republikanisch regierten Bundesstaaten denken. Tatsächlich sind es ja sie selbst, die von diesen Gesetze am stärksten gefährdet sind. Frauen, die keine Kinder wollen, oder für die Abtreibung keine Sünde sondern eine legitime Option ist, die vielleicht Feministinnen sind und entsprechende Netzwerke und Kontakte haben, können sich vorbereiten: Auslandsreisen, vorsorglich beschaffte Medikamente, Entscheidungen, erst gar keine Schwangerschaft zu riskieren. Das ist nicht einfach, sondern gefährlich, teuer, schwierig - aber es gibt immerhin Optionen.

Frauen hingegen, die in republikanischen Staaten leben und einem konservativen Frauenbild entsprechend (viele) Kinder wollen, müssen ja schwanger werden. Von MAGA-Propaganda eingelullt sind sie wahrscheinlich nicht darauf vorbereitet, dass es bei Schwangerschaften Komplikationen geben kann. Fehlgeburten in den ersten drei Monaten sind ja keine Seltenheit. Wenn diese Frauen dann bei Schwangerschafts-Komplikationen wegen der Heartbeat-Regelungen keine angemessene medizinische Versorgung bekommen und ihr Leben auf dem Spiel steht - wie finden sie das? Oder wenn ihnen nach Fehlgeburten Gefängnisstrafen drohen, weil ihnen vorgeworfen werden kann, mit ihrem Lebenswandel den Fötus gefährdet zu haben? Frauen, die das konservative Familienbild tatsächlich leben wollen, sind von diesen Gesetzen stark betroffen.

Das ist jetzt nur ein Beispiel, ich denke, dass sich bei vielen Themen, die derzeit entlang des Konfliktes zwischen autoritären und freiheitlichen Positionen verhandelt werden, ähnliche Muster zeigen. Mir erscheint jedenfalls die Frage „was das Falsche daran“ ist, ein besserer Ansatzpunkt zu sein für die Auseinandersetzung mit Menschen, die sich von autoritärer Politik angezogen fühlen, die davon fasziniert sind oder, wie es mir manchmal vorkommt, regelrecht „infiziert“, als pauschale und ganz undialektische Gegenüberstellungen. Was meint Ihr?

Liebe Grüße,
Antje

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Throwback

Apropos Ende des Patriarchats: Was ein Ende hat, hat auch einen Anfang. Vor einiger Zeit hab ich mal einen ausführlichen Text für die Blätter geschrieben darüber, wie das Patriarchat eigentlich entstanden ist - mein Throwback des Monats.

https://www.blaetter.de/ausgabe/2023/oktober/die-langen-linien-des-patriarchats (Si apre in una nuova finestra)
Neues vom Chaos

Postpatriarchales Chaos - jetzt auch als Hörbuch. (Si apre in una nuova finestra) Tadaa - mein aktuelles Buch könnt Ihr jetzt auch hören, gelesen von Friederike Breyer, erschienen beim John von RBmedia Verlag.

Von Manosphere und Tradwives: Feminismus in chaotisch-autoritären Zeiten. (Si apre in una nuova finestra) Im Dissens-Podcast sprach ich mit Lukas Ondreka über das neue Buch: Warum sind der ausufernde Frauenhass und die zur Schau gestellte Romantisierung traditioneller Geschlechterrollen keine Beweise für das Wiedererstarken des Patriarchats, sondern für sein Ende? Und was folgt daraus?

Ist das Patriarchat vorbei? (Si apre in una nuova finestra) - Im Eule-Podcast sprach ich mit Philipp Greifenstein über mein Buch und die Frage, ob die Kirche vielleicht das letzte Refugium des Patriarchats ist.

Postpatriarchat bei den “Penis Papers (Si apre in una nuova finestra)- Julia Thiem geht in ihrem Podcast den Strukturen des Patriarchats nach und schreibt nach unserem Gespräch: “Jetzt gilt es eigentlich ‘nur noch’, das Machtvakuum mit einer postpatriarchalen Ordnung zu füllen.”

FAQ zum Postpatriarchalen Chaos (Si apre in una nuova finestra) - Die vergangenen Wochen war ich auf Tournee, um das Buch vorzustellen, und dabei gab es einige Fragen, die immer wieder aufgekommen sind. Deshalb gibt es jetzt ein FAQ dazu.

Rechts, weiblich - und frei? (Si apre in una nuova finestra) - Das Kapitel über “Rechte Frauen” aus dem Buch ist in der aktuellen Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik abgedruckt - allerdings mit Paywall.

Neu im Internet
Schwarz-Weiß-Foto von Lia Cigarini mit ungefähr 40 Jahren

Lia Cigarini, eine der bedeutendsten Vordenkerinnen des italienischen Differenzfeminismus, ist gestorben. (Si apre in una nuova finestra) Im Forum bzw-weiterdenken habe ich noch einmal drei Texte von ihr verlinkt, aus den Jahren 1991, 2013 und 2021, die weiterhin lesenswert sind.

Wird KI uns bald ersetzen? (Si apre in una nuova finestra) - Nein. Aber sie hilft uns, den alten Aristoteles hinter zu lassen und besser zu verstehen, was eigentlich menschlich ist an uns Menschen. Meine aktuelle Kolumne im BR.

Courage wird fünfzig und feiert im Juni in Berlin (Si apre in una nuova finestra)- ich habe dazu mit Sybille Plogstedt, einer der damaligen Mitgründerinnen, gesprochen.

Gebrauchsanweisung für Männer, die Bücher von Frauen kritisieren wollen. (Si apre in una nuova finestra) Aus gegebenem Anlass gebloggt.

Antje las einBuch

Neu in der Youtube-Reihe „Antje las ein Buch“

Caroline Arni: Wir. Nicht wir. Frühsozialistischer Feminismus. (Si apre in una nuova finestra)Über die politischen Ideen einer Gruppe proletarischer Frauen um 1830 in Frankreich. Super interessant!

Clara Tempel: Politische Geborgenheit. (Si apre in una nuova finestra) Vor*ankommen in sozialen Bewegungen.

Asako Yuzuki: Tokyo Girls Club (Roman). (Si apre in una nuova finestra) Eine Frauenfreundschaft entwickelt sich zur Horrorstory.

Termine

Mittwoch, 13. Mai 2026 | FRANKFURT/M
Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern
Abend zusammen mit der Spoken Word Poetin Jessy James LaFleur in der Lesereihe Schnittstellen, BePoet Offspace, Langenhainer Straße 26, 19.30 Uhr (mehr) (Si apre in una nuova finestra).

Freitag, 15. Mai 2026 | MANNHEIM
Postpatriarchales Chaos / Revolutionärer Feminismus
Vortrag, Bücher-Vorstellung und Diskussion bei der Anarchistischen Buchmesse, Freitag, 15. Mai, Jugendkulturzentrum Forum, Neckarpromenade 36, 14 Uhr (mehr) (Si apre in una nuova finestra).

Dienstag, 19. Mai 2026 | RÜSSELSHEIM
Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern
Lesung (Si apre in una nuova finestra) und Diskussion, Frauenzentrum Rüsselsheim, Darmstädter Straße 101, 19 Uhr.

Donnerstag, 21. Mai 2026 | DARMSTADT
Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern
Lesung (Si apre in una nuova finestra) und Diskussion, Literaturhaus Darmstadt, Kasinostraße 3, 19 Uhr, veranstaltet von der Luise Büchner Gesellschaft.

Donnerstag, 28. Mai 2026 | ONLINE
Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern
Werkstattgespräch der EFiD, 18 Uhr.

Buch-Geschenke

Manchmal habe ich Bücher doppelt, zum Beispiel als Print und als E-Book, oder ich habe eins versehentlich zweimal gekauft (schusselig wie ich bin), oder ich habe das Buch zwar gelesen, will es aber nicht behalten, oder ich sortiere mein Bücherregal aus …

… deshalb frage ich hier im Newsletter nach, ob jemand ein Buch geschenkt haben will.

Diesmal gibts:

  • Barbara Blaha: Funkenschwestern. Wie Feminismus alles besser macht.

  • Asha Hedayati: Die stille Gewalt. Wie der Staat Frauen alleinlässt.

  • Indigo Drau/Joanna Klick: Alles für allee. Revolution als Commonisierung.

Bei Interesse bitte einfach per Mail mit dem Betreff Bücherverlosung Newsletter“ Adresse schreiben, first come first serve. Wer mag, kann mir anschließend die Portokosten per paypal an post@antjeschrupp.de (Si apre in una nuova finestra) ersetzen, aber muss nicht. (Wirklich nicht).

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