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So lonely: Macht Wissenschaft einsam?


[Dieser Beitrag erschien zuerst am 16. Juli 2024 auf Substack.]

Wer in der Wissenschaft arbeitet, kennt das Phänomen: Durch wechselnde Arbeitsorte, sich stetig vergrößernde Netzwerke, Vortragseinladungen und Begegnungen bei wissenschaftlichen Events kommt in der akademischen Laufbahn schon bald der Punkt, an dem man in allen möglichen Städten alle möglichen Leute kennt. Besuche von Tagungen und Workshops erzeugen dann regelmäßig eine Menge Wiedersehensfreude und im besten Fall sogar eine Art Klassenfahrt-Gefühl (die gute Variante, bei der es uns einen kleinen Stich ins Herz versetzt, wenn wir wieder abreisen, in dem Wissen, die lieb gewonnenen Kolleg_innen, von denen manche zu Freund_innen geworden sind, erneut eine ganze Weile nicht zu sehen). Wissenschaftler_innen scheinen also in der Welt zuhause und haben ein viele Orte umspannendes soziales Netzwerk, von dem sich denken ließe, dass sie sich jederzeit dort hineinfallen lassen können — Einsamkeit sollte da eigentlich kein Thema sein. Oder? Nun, ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass Arbeit in der Wissenschaft sehr wohl einsam machen kann — allen tollen Menschen zum Trotz, die ich seit dem Beginn meiner wissenschaftlichen Berufstätigkeit kennengelernt habe. Aber woran liegt das eigentlich? Darum geht es im heutigen Newsletter.

Je besser Du über Dein Thema Bescheid weißt, desto weniger können andere Dir damit weiterhelfen

Der erste Grund für die Einsamkeit, die wissenschaftliches Arbeiten mit sich bringen kann, scheint mir in der Natur dieses Arbeitens zu liegen, jedenfalls des Arbeitens, wie es in den Geisteswissenschaften praktiziert wird (inwieweit das Folgende auch für andere Disziplinen gilt, mögen andere beurteilen, die sich da auskennen — und es mich gern wissen lassen). Als Wissenschaftlerin in den Geisteswissenschaften bin ich in der Regel eine one woman band. Klar, ich kooperiere mit anderen, tausche mich aus, präsentiere meine Forschung auf Tagungen und stelle sie dort zur Diskussion — es ist also nicht so, als ob ich ein solipsistisches Dasein friste, in dem ich mit meinen wissenschaftlichen Unternehmungen von der akademischen Community völlig alleingelassen werde. Gleichwohl habe ich aber das Gros der Texte, die ich verfasst habe, ohne andere verfasst — selbst, wenn es später noch Feedback gab, in Form von Herausgeber_innen-Kommentaren, Peer Reviews etc. Gerade in der Promotion habe ich diese auf mich zurückgeworfene Arbeitsweise teils als echte Quälerei empfunden, was nicht zuletzt daran lag, dass mit der immer weiter ausgereiften Expertise für das eigene Thema auch die inhaltliche Entfernung zu Kolleg_innen stetig zunahm: Irgendwann muss man einfach sehr, sehr viel erklären, um anderen das Problem, an dem man sich gerade die Zähne ausbeißt, begreiflich zu machen. Das gilt sogar, wenn Leute thematisch relativ nah dran sind, denn wenn man an einem so umfangreichen Projekt sitzt wie einer (monographischen) Dissertation, ist das Ganze irgendwann so spezialisiert und man selber steckt so tief drin, dass es immer schwerer fällt zu antizipieren, was man anderen überhaupt erklären müsste, damit die kapieren, womit man gerade inhaltlich kämpft.

Auch ist es so, dass ich mir das Versagen, als das mir mein eigenes inhaltliches Scheitern in dieser Zeit erschienen wäre, komplett selbst zugerechnet hätte. Ich erinnere mich, dass mir plötzlich dämmerte, dass an einer entscheidenden Stelle in der Dissertation ein Argument nicht aufging. Das Gefühl, das sich einstellte, mag völlig überzogen und unverhältnismäßig gewesen sein, aber es war das Gefühl einer existenziellen Angst (wobei das angesichts möglicher Konsequenzen eines Scheiterns für die eigenen Berufsaussichten auch nicht gänzlich absurd war). Mein Körper spielte ein Programm ab, das evolutionär wahrscheinlich für gravierende Bedrohungen von Leib und Leben vorgesehen war — nur, weil ich nicht wusste, wie ich mein Problem mit dem Argument lösen sollte. Klingt vermutlich für Außenstehende einigermaßen abwegig, aber vielleicht kennen es die einen oder anderen, die ebenfalls beruflich in der Wissenschaft tätig sind.

Zu der Sorge, meine Arbeit nicht fertig zu bekommen, kam auch noch die Angst, mich furchtbar zu blamieren, den hohen Standards meiner Fachcommunity nicht zu genügen und in der Folge die Anerkennung zu verlieren, die für meine Mitgliedschaft in dieser Community vorausgesetzt ist. In der Philosophie liebt man möglichst wasserdichte Argumentationen, die so gut es geht gegen mögliche Einwände abgesichert werden. Mir wäre nicht im Traum eingefallen, etwas nicht Fertiges, nicht zu Ende Gedachtes abzuliefern, etwas, das erkennbar eine Sollbruchstelle hat — denn ich weiß, dass in meinem Fach alle darauf programmiert sind, diese Sollbruchstelle zu finden und mit einer solchen Wucht da draufzuhauen, dass das Projekt danach im schlimmsten Fall komplett in Trümmern liegt. Auch andere um Hilfe bitten fiel mir schwer — ich hatte das Gefühl, es alleine schaffen zu müssen, um zu beweisen, dass meine Mitwirkung in der Wissenschaft kein Versehen war, dass ich da wirklich hingehörte (ob ich das mehr anderen oder mehr mir selbst beweisen wollte, da bin ich mir heute nicht mehr ganz so sicher).

Dass mit hinzugewonnener Expertise die Zahl derjenigen, mit denen man qualifiziert über das eigene Vorhaben sprechen kann, immer weiter schrumpft, ist wohl nicht zu ändern. Dass Wissenschaftler_innen durch das Nicht-Scheitern-Dürfen, das Sich-nicht-angreifbar-machen-Dürfen und das Sich-ständig-beweisen-Müssen einsam werden, hingegen schon. Wissenschaft ist ein Gemeinschaftsprojekt, in dem es Wissenschaftler_innen nicht als Schwäche ausgelegt werden sollte, wenn sie einmal nicht das gegen jedwede Kritik immunisierte, rundum fertige Hochglanz-Argument vorbringen, sondern sagen: Ich komme hier nicht weiter, es gibt noch Lücken in der Argumentation, ich brauche Hilfe. Das zu sagen sollte nicht als Zeichen missgedeutet werden, dass die Person, die es sagt, in der Wissenschaft nichts zu suchen hat, ganz im Gegenteil: Es sollte als Stärke verstanden werden, die Grenzen der eigenen Forschungsarbeit (die möglicherweise auch in der Sache selbst liegen) gegenüber anderen als solche zu benennen. Und es wäre gut, wenn die wissenschaftliche Community sich endlich darauf einstellen würde, die entsprechende Hilfe auch zu leisten. Projekte kaputtmachen ist meistens einigermaßen leicht: Beinahe jedes Vorhaben hat mehr oder weniger erkennbare Schwachstellen, die auszumachen wir alle geschult sind. Aber wer draufhaut, schuldet der Person, deren Projekt damit in Frage gestellt wird, zumindest den Versuch, zugleich einen konstruktiven Vorschlag zum Reparieren zu machen. Das so oft wie möglich zu tun (und es überhaupt erst einmal zu lernen) wäre ein probates Mittel gegen die inhaltliche Einsamkeit, mit dem einiges gewonnen wäre.

Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort: Wie Pendeln und Arbeitsortwechsel Einsamkeit erzeugen

Aber es ist nicht bloß die inhaltliche Einsamkeit, die das wissenschaftliche Arbeiten mit sich bringt. Es gibt da noch eine andere, fundamentalere Einsamkeit, die nicht nur unser Berufsleben, sondern unser soziales Leben generell betrifft. Wer über Jahre an wechselnden Orten immer wieder von vorne beginnt (Si apre in una nuova finestra) oder wer mindestens die Wochen in der Vorlesungszeit auf Arbeitsort und Wohnort aufteilt, wird es vielleicht kennen: das Gefühl, auch sozial einsam zu sein. Ich selbst hatte an allen Orten, an denen ich gearbeitet habe, nicht nur geschätzte Kolleg_innen, sondern immer auch Freund_innen. Menschen, die ich mit jedem Arbeitsortwechsel zurücklassen musste, um woanders neu zu beginnen. Das hat Spuren hinterlassen. Das oben beschriebene Szenario, dass man überall coole Leute kennt und also in beinahe jeder Stadt, in die es eine_n verschlägt, spontan mit jemandem Kaffee trinken könnte, klingt nett — aber tatsächlich macht man das doch furchtbar selten. Zum einen, weil die Arbeitslast so immens und der Stress aller Beteiligten in der Regel zu groß ist. Und zum anderen, weil es nur wenige Menschen gibt, die man monate- oder gar jahrelang nicht sehen kann, um sich bei der Wiederbegegnung dann so zu fühlen, als habe man gerade gestern das letzte Mal gesprochen.

Seien wir ehrlich: Viele soziale Beziehungen halten es nicht aus, wenn man sie nicht zumindest ein bisschen pflegt. Sie nehmen Schaden oder zerbrechen sogar ganz daran. Und wie soll man diese Beziehungen pflegen, wenn man räumlich und gedanklich ganz woanders ist, an einem Ort, wo man ja eigentlich neue Kontakte knüpfen will (oder soll)? Am Besten noch, während man zwischen Wohn- und Arbeitsort hin und her hetzt, ohne an einem dieser Orte je richtig anzukommen? Wer eine_n Partner_in und/oder eigene Kinder bzw. eine engere Beziehung zur eigenen Familie oder zu Freund_innen hat, mag sich zumindest an den einzelnen Tagen der zerlegten Pendelwoche, die am Wohnort verbracht werden, weniger einsam fühlen. Aber sogar unter denen, die freiheitsliebend und unabhängig sind (zu denen ich mich ohne Frage zähle), dürften einige sein, die es schmerzt, mehrere Tage in der Woche nicht dort sein zu können, wo Menschen sind, die man liebt.

Gemeinsam statt einsam: Wir brauchen Arbeitsbedingungen, die verlässliche soziale Beziehungen ermöglichen

Es ist deshalb auch im Hinblick auf das Sozialleben von Wissenschaftler_innen dringend erforderlich, dass akademische Biographien endlich ohne eine Aneinanderreihung von zig wechselnden Orten auskommen — und dass die Weichen für ein langfristiges Arbeitsverhältnis deutlich früher gestellt werden. Auch im Interesse unserer Angehörigen. Denn die beschriebene soziale Einsamkeit hat zwei Seiten, sie beschränkt sich keineswegs auf uns Wissenschaftler_innen: Die geliebten menschlichen Gegenstücke, bei denen wir nicht sind, können durch unsere Abwesenheit ebenso unter Einsamkeit leiden. Manchmal denke ich, es ist ein Wunder, dass nicht mehr zwischenmenschliche Beziehungen von Wissenschaftler_innen in die Brüche gehen. Allerdings kenne ich auch keine Zahlen dazu, wie viele an den Bedingungen zerbrechen. Es ist schlimm genug, dass wir so viele Opfer bringen für die Arbeit in der Wissenschaft — Beziehungen zu Menschen, die uns viel bedeuten, sollten nicht darunter sein (müssen). Und: Mit verlässlichen sozialen Beziehungen wäre nicht zuletzt auch die inhaltliche Einsamkeit sehr viel besser zu ertragen — und davon dürfte auch die Wissenschaft profitieren.

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