Passa al contenuto principale

Immer unterwegs, nie angekommen: Vom Pendelleben

„Keine Lust mehr auf Pendeln? Dann bleib doch einfach hier! Karriere an der Uni Kiel.“

Eine Beschäftigung an der Uni als Mittel gegen das Pendeln?! Das dürfte allen, die mit dem Wissenschaftsbetrieb näher vertraut sind, als völlig absurder Gedanke erscheinen. Schließlich ist das Pendeln durch Kettenbefristung und dadurch provozierte regelmäßige Arbeitsortwechsel unter Promovierenden und Postdocs stark verbreitet. Für viele bedeutet Arbeit in der Wissenschaft daher jahrelange Pendelei. Und im Wissenschaftsbetrieb hört die oft nicht einmal dann auf, wenn wider Erwarten doch noch eine dauerhafte Perspektive erreicht wurde, denn das geschieht oftmals schlicht nicht früh genug, um noch die Weichen zu stellen hin zu einem pendelfreien Berufsleben: Aufgrund der im Schnitt erst äußerst spät (d.h. mit Anfang 40) erfolgenden Berufung auf Lebenszeitprofessuren pendeln auch von den Wissenschaftler_innen, die eine solche Professur erhalten haben, viele anschließend weiter, weil sie ihren Lebensmittelpunkt in dieser Lebensphase oft nicht mehr ohne Weiteres an den Arbeitsort verlegen können. Das kann etwa daran liegen, dass die Familie nicht einfach mit umziehen kann oder will oder dass man sein durch Wissenschaft als Beruf ohnehin arg strapaziertes vertrautes soziales Umfeld nicht mehr zurücklassen möchte. Es überrascht daher nicht, dass die oben zitierte mehrteilige Werbeanzeige der Uni Kiel, die sich damit als Arbeitgeberin für Pendelmüde ins Gespräch bringt, unter Wissenschaftler_innen in den Sozialen Medien zu einiger Empörung geführt hat (Si apre in una nuova finestra).

Was immer sich die Uni dabei gedacht hat: Auch ich habe mich über die Anzeige sehr geärgert, denn sie zeigt exemplarisch, dass Universitäten nach wie vor die Augen verschließen vor den tatsächlichen Arbeits- und Lebensbedingungen eines beachtlichen Teils ihrer Beschäftigten. Da ich in diesem Semester die Pendelei auf ein neues Extrem gehoben habe, um mein Sozialleben wenigstens in Teilen davor zu retten, vollends von meinem Beruf aufgefressen zu werden, widme ich daher den heutigen Newsletter einer Beschreibung dieser Bedingungen — und werde außerdem darauf zu sprechen kommen, warum wissenschaftliche Arbeitgeber gut daran täten, ihren Beschäftigten mit einem Mindestmaß an Empathie und Wertschätzung zu begegnen.

Pendeln am Limit: Mein schlimmer Dienstag

Dieses Semester habe ich meine komplette Lehre und meine Sprechstunde auf den Dienstag gelegt; unser Institutskolloquium (das ich dieses Semester mit organisiere) liegt ohnehin schon auf diesem Tag. Da ich vor dem ersten Seminar meist noch diesen Newsletter fertigmache und hier bei Steady einpflege, klappe ich den Laptop um sieben Uhr morgens auf. Nach dem Kolloquium gehen wir mit den Vortragenden in der Regel zum Abendessen, ich bin also erst gegen 22 Uhr zurück in meiner kleinen Stuttgarter Pendelwohnung. Die Phasen, in denen ich nicht lehre, Sprechstunde habe oder im Kolloquium bin, werden jeden Dienstag von Mails usw. aufgefressen. Ich versuche, zumindest nicht zu arbeiten, während ich esse — es klappt oft nicht. „Sowas macht man nur einmal und dann nie wieder!“ sagte neulich jemand von den Kolleg_innen zu mir, als ich über den schlimmen Dienstag berichtete. Was ist da los, wie komme ich dazu, diesen offenkundig quälend vollen Tag so organisiert zu haben? Habe ich etwa den Verstand verloren, es war doch absehbar, dass das so extrem anstrengend wird? Nun, hinter dieser Planung steckt ein Ziel, das mir so wichtig war, dass ich den fürchterlichen Tag dafür (vorerst) in Kauf zu nehmen bereit bin. Denn zumindest in den Wochen, in denen keine Gremiensitzungen stattfinden, kann ich bereits mittwochs wieder im Zug nach Hause sitzen, um den Rest der Woche von dort aus zu arbeiten. In früheren Semestern bin ich oft schon montags nach Stuttgart gefahren, weil ich es nicht riskieren wollte, zu spät zum Kolloquium am Dienstagabend zu kommen, vor allem bei den Sitzungen, die ich moderiert habe. (Ich habe schon mehrfach über sieben Stunden von Münster nach Stuttgart gebraucht und meine Reise beginnt nicht erst in Münster, sondern in einem Dorf im Münsterland; um ganz sicherzugehen, dass ich für einen Termin um 18 Uhr rechtzeitig da bin, muss ich am Vortag fahren.) Danach hatte ich an den beiden Folgetagen Lehre und Sprechstunde und bin donnerstags im Anschluss wieder nach Hause gefahren. Das hieß: Private Termine welcher Art auch immer konnte ich zu Hause allenfalls am Freitag, Samstag oder Sonntag unterbringen. Donnerstagabend war keine Option, weil durch die erwartbaren Zugverspätungen eine Verabredung erfahrungsgemäß nur zu Frust für alle Beteiligten führen konnte. Und ja, ich habe auch private Termine in Stuttgart — allen voran die Treffen mit Kristin Eichhorn, die ich nicht missen möchte —, aber was nach jahrelangem Pendeln von meinem privaten Umfeld überhaupt noch übrig ist, befindet sich eben zu größeren Teilen im Münsterland. So war also mein Gedanke: Ich fahre dieses Semester montags nach Stuttgart, bringe den schlimmen Dienstag hinter mich, bin am Mittwochabend wieder zu Hause und gewinne so zumindest den Donnerstagabend, an dem ich zusätzlich zu den Wochenend-Abenden so etwas wie ein Privatleben haben kann, verlässliche Terminplanung inklusive.

Der Preis dafür — neben der Arbeitsbelastung am Dienstag: Ich fahre innerhalb von nur drei Tagen in der Regel um die zehn Stunden Zug. Montag und Mittwoch sind bis ins Letzte durchgetaktet und auf Kante genäht. Weil ich keine Lust habe, das oft unerquickliche und wenig gesunde, vielfach auch nur rudimentär oder gar nicht vorhandene Bahnhofs- oder Zugessen an zwei Tagen zu einem wesentlichen Teil meiner Ernährung zu machen, nehme ich mir seit längerer Zeit Essen mit auf die Fahrt, das ich vorher zubereiten muss. Ich muss mir jedes Mal sehr genau überlegen, was ich für die Woche einpacken sollte: welche Bücher, welches technische Equipment, welche Sport- oder Vortragskleidung, welche Medikamente usw. Das klappt trotz stabiler Routinen gerade mit zunehmender Erschöpfung immer schlechter, während ich diese Zeilen tippe, sitze ich z.B. ohne meine Kopfhörer im Zug — wer pendelt, wird nachempfinden können, wie ätzend es ist, die zu vergessen. Die jeweils zu verlassende Wohnung — sei es die zu Hause oder der Pendel-Schuhkarton in Stuttgart — will vor meiner Abreise in einen Zustand versetzt werden, in dem sie zumindest bis zu meiner geplanten Rückkehr verbleiben kann. Für die Pendelwohnung gilt: ggf. auch länger, denn ich könnte krank werden (dazu gleich mehr) und deshalb länger weg sein. Selbst viele besser haltbare frische Lebensmittel können also nicht in der Wohnung bleiben, insbesondere nicht geöffnet. Ich kaufe längst keine frischen Produkte mehr, die ich nicht an drei Tagen verbrauchen kann — man kann sich ausmalen, wie sehr das die eigene Ernährung einschränkt und mit welchem organisatorischen Stress es verbunden ist.

Dauerbelastung in vollen Zügen

Das Pendeln als solches ist abgesehen davon — vor allen in der Kombination mit einem fordernden Berufsleben — auch für sich genommen unglaublich anstrengend. Ich sitze sehr viel in Zügen, in denen viele Menschen neuerdings über die bereits üblichen Telefonate hinaus auch für alle möglichen anderen digitalen Aktivitäten ihre Handytöne eingeschaltet lassen, sodass Videocalls, TikTok-Content, Handyspiele usw. den ganzen Wagen beschallen. (Deshalb ist das Kopfhörer-Vergessen auch ein echtes Problem. Ich bitte schon regelmäßig Leute, den Ton abzuschalten, aber wenn es den halben Wagen betrifft, gebe ich es irgendwann auf, zumal regelmäßig neue Beschallungsfreudige unterwegs zusteigen.) Die Züge, in denen ich sitze, sind oft voll und in den Wintermonaten gibt es eigentlich keine Fahrt, während der ich nicht in der Nähe von Menschen mit Atemwegsinfekten sitze, die schniefend, niesend und hustend ihre Viren verteilen. Das Resultat: Ich war in vier Monaten nun dreimal erkältet, obwohl ich fast durchgehend Maske trage — nur zum Essen muss ich sie nun einmal abnehmen. Ist es denn sicher, dass ich mich in Zügen angesteckt habe? Das nicht. Zumindest meinem Immunsystem ist der Reisestress aber sicher nicht zuträglich. Seit ich mit dem Laufsport begonnen habe, trage ich eine Uhr, die Daten über Schlaf und andere Parameter erhebt, zum Beispiel die Herzfrequenzvariabilität, die anzeigt, wie groß die Variabilität der Zeitintervallen zwischen den Herzschlägen ist — je höher, desto besser die Regenerationsfähigkeit. An Pendeltagen sind diese Werte desaströs. Auch hier gilt: Die Daten sind sicherlich nicht so verlässlich wie in einem Schlaflabor. Aber ich kann inzwischen anhand dieser Daten dennoch ziemlich sicher prognostizieren, wann mich der nächste Infekt erwischt.

Nun versuche ich alles mir Mögliche, um diesen ganzen Stress abzupuffern: treibe Sport, bemühe mich um genügend Schlaf, esse überwiegend gesund, nehme Nahrungsergänzungsmittel und ein Nasenspray mit Carragelose, das verhindern soll, dass Viren an den Schleimhäuten anhaften, mache Entspannungsübungen, um das Nervensystem zu beruhigen usw. Aber die Wahrheit ist: Ich komme gegen den Stress nicht an. Es ist nicht das erste Mal in bald 14 Jahren Wissenschaft, dass meine Gesundheit unter diesem Beruf und seinen Bedingungen leidet. Das haben über die Jahre auch diverse Ärzt_innen festgestellt — und die bislang längste Pendelstrecke in meinem bisherigen Berufsleben fordert ihren Tribut.

Dabei kommt noch hinzu, dass sich beinahe alles in mir dagegen sträubt, wieder und wieder in irgendwelche Züge zu steigen, vor allem in die, die mich von meinem Zuhause wegbringen. Mein Herz ist jedes Mal zentnerschwer und es wird von Monat zu Monat schwieriger, mich aufzuraffen — ich mache das über diese große Distanz nun schon seit April 2022. Mein Leben ist hundertmal besser, wenn ich während der vorlesungsfreien Zeit in meinem Zuhause-Bett schlafen kann, wo ich mich rundum wohlfühle, wenn ich eine richtige Küche habe statt zweier Kochplatten und ein richtiges Badezimmer statt einer Dusche mitten im Raum, wie es in meiner Stuttgarter Pendelwohnung der Fall ist. (In meiner früheren Pendelwohnung in Düsseldorf hatte ich übrigens ein Bad mit sogenannter Kölner Lüftung — das heißt einem Loch in der Wand — und ohne Heizung. Der in die Jahre gekommene Heizstrahler konnte das Bad trotz seiner winzigen Größe nicht aufheizen. Es war im Winter mehr als unangenehm.)

Bitte etwas Empathie!

All das wird an Hochschulen offenbar von vielen, die nicht wissenschaftlich tätig sind, immer noch nicht gesehen. Welchen Kraftakt es bedeutet, jede Woche vom eigenen Zuhause wegzumüssen. Sich mit den Verspätungen der Bahn zu arrangieren, die an Bahnfahrtagen das Plänemachen erschweren oder gar unmöglich machen. Und all das für eine befristete Beschäftigung, deren Ablaufdatum immer in unseren Köpfen ist. Speaking of which: Ich habe immer noch keine Information zu meiner Zwischenevaluation, weiß also weiterhin nicht, ob und wie es nach Ende März 2026 für mich in Stuttgart weitergeht. Trotzdem mache ich jede Woche so engagiert, wie es mir möglich ist, meinen Job dort, Arbeiten während des Pendelns, d.h. unter mehr als widrigen Bedingungen, inklusive.

Es wird Zeit, dass Mitarbeitende in den Führungsetagen und Verwaltungen des Wissenschaftsbetriebs endlich verstehen, wie unerbittlich uns unser Beruf stresst — wegen der prekären Beschäftigung, der ständigen Unsicherheit, der Zukunftsängste und Existenzsorgen, der Dauerkonkurrenz, der immens hohen Arbeitsbelastung, der entgrenzten Arbeitszeiten und ja, auch wegen der Belastung der Pendelei, die viele von uns über Jahre betrifft, die uns immer weiter zermürbt und die auch für unsere privaten Beziehungen eine kolossale Zumutung ist. Es verwundert nicht, dass die Kollegin, die die Werbeanzeige der Uni Kiel fotografiert hat, in ihrem Bluesky-Post dazu schreibt, sie fühle sich davon verhöhnt. Ich kann das allzu gut verstehen. Denn die Stelle an der Uni ist für einen großen Teil des Personals erst die Ursache exzessiven Pendelns, nicht das Mittel dagegen. Entsprechendes zu behaupten geht an der universitären Lebensrealität so eklatant vorbei, dass es wehtut.

 Strukturelle Veränderungen im deutschen Wissenschaftssystem sollten substanziell sein, damit sie endlich faire Bedingungen gewährleisten. Aber sie fangen auch im Kleinen an: indem man bei der eigenen Öffentlichkeitsarbeit und dem Werben um Personal endlich anfängt, den Bedingungen Rechnung zu tragen, unter denen sehr viele von uns Wissenschaftler_innen derzeit arbeiten. Wir sind Menschen mit Bedürfnissen, mit begrenzten Kräften, mit Angst um unsere Zukunft und die unserer Lieben — nicht bloß ein Einklagerisiko auf zwei Beinen, das man ohne jede Empathie verwalten kann. Es braucht hier dringend einen Kulturwandel hin zu mehr Mitmenschlichkeit! Und das Beste an dieser Mitmenschlichkeit: Sie bedarf weder einer Änderung von Gesetzen noch kostet sie Geld. Man kann sie einfach praktizieren, von jetzt auf gleich und ohne Mühe: indem man deutlich macht, dass man die schwierigen Bedingungen, unter denen in Deutschland Wissenschaft als Beruf von den meisten ausgeübt wird, als solche sieht — und anerkennt, was diese Bedingungen mit denen machen, die sie betreffen. Für uns Wissenschaftler_innen wäre damit schon einiges gewonnen. Denn wenn man uns erstmal als Menschen wahrnimmt, klappt es auch besser mit einer grundlegenden Veränderung der Strukturen — hin zu menschenfreundlichen Arbeitsbedingungen!

 

Argomento Neue Beiträge