Passa al contenuto principale

Postwendend zurück: Antwort der deutschen Wissenschaft auf Ihr Schreiben vom 7. Oktober 2025

von Kristin Eichhorn

Verehrte Frau Prof. Dr. Bahr,

das an mich gerichtete Schreiben, das Sie an dieser Stelle öffentlich gemacht haben (Si apre in una nuova finestra), lässt mich einigermaßen ratlos zurück. „Wir müssen reden“, schreiben Sie — und nach Lektüre Ihrer Zeilen sehe ich mich gezwungen, Ihnen Recht zu geben, denn ich muss feststellen, dass Sie offenkundig einer höchst irrigen Wahrnehmung anhängen, was unser Verhältnis betrifft, oder, wie Sie sagen, „unsere gemeinsamen Jahre“. Ich ersuche Sie daher eindringlich, die folgenden Richtigstellungen in Ihrem Newsletter zu publizieren, zu denen ich mich schlicht deshalb verlasst sehe, um die durch Ihre Unterstellungen erfolgte Rufschädigung zu begrenzen — nicht zuletzt weil an mir interessierte internationale Wissenschaftler_innen durch Ihre Ausführungen von einer Tätigkeit in Deutschland abgeschreckt werden könnten, nachdem ihnen ein völlig falsches Bild von der Arbeit an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen vermittelt worden ist.

Zunächst: Das deutsche Wissenschaftssystem gehört zu den begehrtesten in der ganzen Welt und bietet Spitzenforschenden attraktive Bedingungen für ihre Arbeit. Darüber hinaus zeichnet es sich durch eine enorme Zahl an Instrumenten der Nachwuchsförderung aus: von Stipendien über Emmy-Noether-Gruppen und andere renommierte — mit Recht extrem kompetitive! — Programme, in denen nur die besten Köpfe Aussicht auf Förderung haben. Nirgendwo sonst erhalten junge Wissenschaftler_innen unabhängig vom Standort eine qualitativ hochwertige Ausbildung, die sich bis ins fünfte Lebensjahrzehnt erstrecken kann. Und dies ganz ohne Studiengebühren! Im Gegenteil: Nachwuchsforschende können sogar darauf rechnen, dass sie in Form von Hilfstätigkeiten, Teilzeitstellen oder Stipendien regelmäßig ein kleines Taschengeld erhalten, das sie in der Qualifikationsphase unterstützt, bis unter ihnen Auserwählte im jungen Alter von Anfang bis Ende 40 den Ruf auf die Lebenszeitprofessur erhalten. Häufig ist mit diesen finanziellen Zuschüssen auch die Chance auf eine institutionelle Einbindung gekoppelt, die es den jungen Leuten ermöglicht, Erfahrungen in Lehre, Drittmitteleinwerbung und Selbstverwaltung zu sammeln, die für die spätere akademische Laufbahn unumgänglich sind. Ohne diese spezielle Förderung wären unsere Nachwuchskräfte (im Übrigen auch Sie, liebe Frau Bahr!) mehr oder weniger chancenlos, wenn sie später mit dem Ernst des Lebens konfrontiert sind und sich in einem Berufungsverfahren für eine der raren Professuren gegen ihre Konkurrenz durchsetzen müssen. Nirgendwo sonst auf der Welt liegen Betreuung von Qualifikationsarbeiten, ihre Benotung sowie die Vorgesetztenfunktion so selbstverständlich in einer Hand wie in Deutschland. Und das ist auch gut so: Denn auf diese Weise ist zu jeder Zeit sichergestellt, dass die noch lenkungsbedürftigen Jungforschenden eine verlässliche Ansprechperson für alle ihre Anliegen und Nöte haben, die sie bei ihren ersten Schritten im Wissenschaftssystem an die Hand nimmt, ihnen die zu beachtenden Regeln erklärt und die richtigen Kontakte vermittelt. Nirgendwo sonst erfolgt von Anfang an ein derart umfassendes Mentoring, dem auch die zum Teil unangenehme, aber von den Kolleg_innen stets mit großer Sorgfalt erfüllte Aufgabe zukommt, denjenigen, die sich als nicht geeignet für die wissenschaftliche Karriere erweisen, reinen Wein einzuschenken. Ihre Doktoreltern werden deshalb stets darauf bedacht sein, Sie jederzeit zu Höchstleistungen anzuspornen und Sie konsequent noch auf die allerkleinsten Fehler hinzuweisen, um Sie vor der Gefahr des Scheiterns zu warnen, die droht, wenn Ihre Leistungen am Ende doch nicht so gut gewesen sind wie die anderer exzellenter Nachwuchskräfte.

Frau Bahr, ich muss mich sehr wundern, dass Sie sich in Ihrer unsicheren Position, von der Sie selbst schreiben, zu einer derart vermessenen Haltung aufschwingen und dann auch noch die Dreistigkeit haben, diese in aller Öffentlichkeit vorzutragen. Was stimmt mit Ihnen nicht?! Eine Zwischenevaluation ist kein Zuckerschlecken und Sie täten gut daran, mit Rücksicht auf die noch ausstehende Entscheidung Ihrer Universität eine gewisse Vorsicht walten zu lassen. Wissen Sie nicht, was für Sie auf dem Spiel steht? Es geht nicht nur um zwei Jahre zusätzlicher Verlängerung. Bedenken Sie: Sollte sich Ihr Verhalten in Ihrem Fachbereich herumsprechen, wird kaum jemand bereit sein, sich eine bereits als renitent aufgefallene Kollegin ins Haus zu holen. Niemand will schwierige Frauen um sich haben, auch nicht in der Wissenschaft, Gleichstellungsberichte hin oder her. Dies gilt umso mehr in unseren gesamtgesellschaftlich schwierigen Zeiten, die vonseiten der Wissenschaft wirklich äußerste Zurückhaltung und Neutralität erfordern, um mit allen politischen Akteuren einvernehmlich und gut zusammenarbeiten zu können.

Ich muss Sie offensichtlich noch einmal eigens darauf aufmerksam machen, wie viele Chancen ich Ihnen in den vergangenen 14 Jahren eingeräumt habe, die keineswegs zu dem von Ihnen als so zwangsläufig dargestellten Ausscheiden führen müssten, hätten Sie sie richtig zu nutzen gewusst. Sie werfen mir vor, dass Sie nicht zu sich gekommen sind, dass Sie Hobbys und Privatleben für mich aufgeopfert haben. Ja und? Was wollen Sie denn noch? Was brauchen Sie für Hobbys, was für ein Privatleben neben mir? Die Wissenschaft sollte für Sie vollkommen erfüllend sein — und wer seinen Job wirklich liebt, der braucht keine Erholung, für den ist die Arbeit schon Urlaub genug. Angesichts der Erleichterung, die Sie beim Gedanken an Ihr anstehendes Ausscheiden aus dem deutschen Wissenschaftssystem nunmehr zu verspüren angeben, bleibt mir nichts weiter, als Ihnen mitzuteilen, was Sie vermutlich nicht hören wollen: dass sich genau an dieser (übrigens überzogenen!) emotionalen Reaktion zeigt, dass Sie eben nicht die richtige Einstellung für eine wissenschaftliche Karriere in Deutschland mitbringen. Beziehungsweise glaube ich, dass Sie diese (bei so vielversprechenden Anfängen!) wohl durch den schädlichen Einfluss Ihrer #IchBinHanna-Mitstreiter_innen Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon in den letzten fünf Jahren verloren haben …

Es ist schade um Sie, Frau Prof. Dr. Bahr, äußerst schade! Was hätten Sie für eine Leuchtturmphilosophin werden können, ein Vorbild für künftige Studierende und junge Frauen in der Wissenschaft? Sie hätten nennenswerte Spuren in Ihrem Fach hinterlassen, nicht nur wissenschaftspolitische (ein ohnehin unsäglicher Zeitvertreib, der Ihnen kaum einen bleibenden Ruhm eintragen wird). Wenn Ihr Vertrag ausläuft — egal, ob im März 2026 oder später —, wie lange wird es dauern, bis Ihr Name vergessen ist? Und er wäre es nicht, hätten Sie nur noch ein paar wenige Jahre mehr wirklich alles gegeben und noch ein paar Urlaube und Wochenenden geopfert, um ans Ziel zu kommen, das doch schon in greifbarer Nähe war! Über diese Dummheit kann ein vernünftiger Mensch nur den Kopf schütteln! Das Leben ist kurz, Frau Bahr, die Zeit rieselt Ihnen ohnehin durch die Finger. Warum sie also nicht für etwas nutzen, das Sie wirklich unsterblich machen könnte — wie für ein millionenstarkes Drittmittelprojekt? Mit Ihnen hätte die deutsche Philosophie wieder Weltspitze werden können, was sie, seien wir ehrlich, doch schon seit Kant nicht mehr ist … Diese vielversprechende Karriere geben Sie nun auf, indem Sie mich bezichtigen, nichts für Sie getan, Ihr Können nicht gesehen zu haben. Oh doch, ich habe es gesehen, nur Sie wollten meine Liebe nicht, das ist die Wahrheit. Hätten Sie einmal die Beratungsangebote einer der Universitäten in Anspruch genommen, an denen Sie tätig waren, dann säßen wir heute nicht hier. Jede Beziehung braucht Arbeit — und vor allem Sie hätten an sich arbeiten müssen, denn gerade in Ihrem Schreiben werden die Defizite Ihres Charakters doch sehr evident.

Und so muss ich denn, schweren Herzens, abschließend sagen, dass ich nicht umhinkomme, Ihre Erleichterung angesichts unserer bevorstehenden Trennung zu teilen. Ja, es ist richtig: So geht es nicht weiter. Ich habe große Hoffnungen in Sie gesetzt, Frau Bahr, sehr große — und Sie haben sie alle enttäuscht. Leben Sie also wohl und schauen Sie, ob das Gras auf der anderen Seite wirklich grüner ist (im Klimawandel unwahrscheinlich, aber sei’s drum).

Ihre deutsche Wissenschaft

Argomento Neue Beiträge