📍Sanremo
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
gestern startete die 76. Ausgabe des Festival di Sanremo, der wichtigste Musikwettbewerb Italiens. Es ist gleichzeitig der älteste Popmusik-Contest Europas. Seit 1951 findet es jährlich in Sanremo im Ariston-Theater statt.
Die meisten von euch wissen das sicher bereits: Der Sieger oder die Siegerin des Festivals wird traditionell auch beim Eurovision Song Contest für Italien auf der Bühne stehen.
Gestern war ich auf einer Sanremo-Watchparty. Daher bin ich heute auch noch sehr müde (entschuldigt also den ein oder anderen Tippfehler), aber es hat sich gelohnt. Ich schaue Sanremo nämlich jedes Jahr sehr gerne.
Das Schönste am Sanremo-Festival sind für mich, neben der Musik, die kleinen Dramen auf der Bühne, das gemeinsame Kommentieren des Abends und am allerbesten sind die Memes auf italienischen Social-Media Kanälen hinterher.
Nie liegen Trash und Kulturerlebnis so nah beieinander wie in der Sanremo-Woche. Herrlich!🍿
Aber zurück zum gestrigen Abend. Moderiert wird das Festival dieses Jahr von Carlo Conti der Sängerin Laura Pausini. Sie hatte bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele die italienische Nationalhymne gesungen. Und: 1993 gewann die damals 18-jährige Laura Pausini selbst das Sanremo-Festival mit ihrem Herzschmerz-Song La Solitudine. (Si apre in una nuova finestra)
La Solitudine lief nach dem Sieg immer wieder im Radio und erinnert mich an meine frühe Kindheit, wenn die Erwachsenen um mich herum dieses Lied mitsangen.

Die Tops und Flops des Abends:
Gianna Pratesi (Top) und die Repupplica (Flop)
Geht man zu einer Sanremo-Watchparty, singt man gemeinsam, man isst, man trinkt zusammen und man ist sich dann auch relativ schnell einig, was die Tops und die Flops des Abends waren.
Highlight gestern war mit Sicherheit der Auftritt von Gianna Pratesi, eine 105-jährige Malerin, die auf Einladung von Carlo Conti über das Referendum von 1946 sprechen sollte. Damals stimmten Italienerinnen und Italiener ab: Republik oder Monarchie? Zum ersten Mal durften auch Frauen wählen. Eine von ihnen war Gianna Pratesi.

Auf die Frage von Carlo Conti, was sie gewählt habe, holte Pratesi kurz aus und erzählte: „Bei mir zu Hause waren wir uns sicher, wir waren alle links.“ Sie ahmte daraufhin eine Geste nach, die so viel wie Ciao/Tschüss bedeutet, und schob die Worte „..die Faschisten…“ nach. In ihrer Familie war man sich also einig:
Man wollte Ciao sagen, zu den Faschisten.
Und so kam es, dass dieses Sanremo-Festival doch wieder politisch wurde. Gott sei dank, muss man eigentlich schon fast sagen. Wer sich den Ausschnitt mit Gianna Pratesi nachträglich ansehen möchte, kann das hier hier tun (Si apre in una nuova finestra).
Beim Sanremo-Festival liegen Ernst und Komik auch immer sehr nah beieinander. Das wurde im Moment des Gastauftritts von Gianna Pratesi deutlich: Im Hintergrund auf dem Screen wurde nämlich das Wort Repubblica falsch eingeblendet. Zu lesen war dort: Repupplica. Autsch. Ich musste sehr lachen und fand es zwar komisch, aber auch irgendwie sehr beruhigend, dass bei einem so durchgeplanten Abend eben doch auch mal was so richtig daneben gehen kann.
Und natürlich gab’s dann dazu die ersten Memes auf Social Media, wie dieses hier:

Politisches, Skandale und Überraschungen
Während des Sanremo-Festivals gibt es eigentlich immer überraschende Momente, wie den mit Gianna Pratesi. Kleine und größere Dramen, Skandale, Gerede. Es wird nicht langweilig (wobei die Zuschauerzahl nach dem ersten Abend deutlich geringer war als im letzten Jahr. Sanremo-Müdigkeit?).
Auch politische Themen haben immer ihren Weg in die Show gefunden. Das gehört irgendwie so ein bisschen zu den Gewissheiten des Festivals. Man erinnere sich zum Beispiel an den Auftritt des Sängers Ghali vor zwei Jahren. Nachdem er seinen Song Casa Mia performt hatte, rief er: Stop al genocidio! (Stoppt den Genozid) ins Mikrofon. (Si apre in una nuova finestra)

Die Geschichte des Festivals ist von Momenten und Ereignissen durchzogen, die sich auf der Bühne und hinter den Kulissen ereignet haben. Hier sind noch ein paar (es gibt natürlich noch viele mehr) aus der Vergangenheit:
1961: Adriano Celentano löst tanzend einen Skandal aus
Große Empörung macht sich breit: Adriano Celentano steht mit dem Rücken zum Publikum auf der Bühne des Ariston und performt seinen Song 24 mila baci. Celentano brach damit das Gewohnte auf, nämlich, dass die Sänger und Sängerinnen stets mit dem Gesicht zum Publikum auftreten. Noch dazu schwang er Hüften und Hintern und tanzte wild. Damals ein richtiger Skandal.

1981: Massimo Troisi tritt nicht während des Festivals auf
Der Schauspieler Massimo Troisi sollte 1981 einen Monolog auf der Bühne des Sanremo-Festivals halten. Da die Rai sich an die provokanten Auftritte von Roberto Benigni im Vorjahr erinnerte, verlangte sie von Massimo Troisi, seine geplanten Monologe vorab zur Prüfung einzureichen. Troisi lehnte dies jedoch ab. Daraufhin kürzte die Rai die für ihn vorgesehene Sendezeit. Am Ende sagte Troisi seine Teilnahme wenige Stunden vor der Sendung ab.
1967: Suizid Luigi Tenco
Luigi Tenco nimmt mit dem Lied Ciao amore, ciao am Sanremo-Festival teil. Allerdings schafft es der Beitrag nicht ins Finale. Und da nimmt alles eine sehr tragische Wendung: Tenco begeht in seinem Zimmer im Hotel Savoy in Sanremo Suizid. Er hinterlässt ein Abschiedsschreiben: „Ich habe das italienische Publikum geliebt und ihm sinnloserweise fünf Jahre meines Lebens geopfert. Ich tue dies nicht, weil ich des Lebens überdrüssig bin (ganz im Gegenteil), sondern als Akt des Protests gegen ein Publikum, welches Io tu e le rose ins Finale wählt und wegen einer Jury, welche La rivoluzione kürt. Ich hoffe, dass dadurch einigen etwas klar wird.“
Ob sich Tenco wirklich selbst durch einen Kopfschuss getötet hat, ist bis heute nicht ganz geklärt.

🎶 Sanremo 2026 Playlist 🎶
Wer die Songs aller Künstler und Künstlerinnen des diesjährigen Sanremo-Festivals hören möchte, kann das ab jetzt auch auf Spotify tun. Die offizielle Playlist findet ihr hier (Si apre in una nuova finestra).🎼
Sanremo-Hits und Italo-Disco in München
Ihr habt Lust auf italienische Musik und Partynächte und seid in München? Das Kollektiv Kefai macht’s möglich. Und dann singen auf einmal alle mit, völlig egal, ob man Italienisch kann oder nicht.
Warum italienische Musik so eine große Bedeutung für Italiener und Italienerinnen im Ausland hat, unterschiedliche Ausgeh-Gewohnheiten, Urlaubsgefühle und - natürlich - Klischees, darüber habe ich vor drei Jahren mit Francesco Cicoria und Leandro D’Introno gesprochen. Der Text ist in der Süddeutschen Zeitung erschienen, man kann ihn online hier lesen (Si apre in una nuova finestra).
Wer kein Abo hat und dennoch lesen möchte, meldet sich bitte kurz bei mir.
Happy End für die Bidet-Geschichte 🚽
Ihr erinnert euch sicher noch an den letzten Newsletter und die Bidet-Story. Nach erscheinen des Newsletters hat es dann doch noch geklappt und der Text über die Bidet-Verwirrung bei Olympia ist im stern erschienen.
Der Text ist daher nicht mehr online über meinen Newsletter abrufbar, man findet ihn ab jetzt auf stern.de (Si apre in una nuova finestra). In eurem Postfach bleibt er natürlich weiterhin noch lesbar.
Wer die Arbeit an meinem Newsletter durch einen freiwilligen Beitrag unterstützen möchte: Über diesen Link ist es möglich (Si apre in una nuova finestra).
Ein riesiges Dankeschön an alle, die es schon tun.
Grazie di cuore! 💌
Wir lesen uns im März wieder. Bis dahin: Buon divertimento beim Sanremo-Festival.
Während dieser Sanremo-Newsletter in eurem Postfach landet, sitze ich schon wieder bei der nächsten Watchparty und hoffe, dass das Festival noch ein bisschen spannender und vielleicht auch noch ein bisschen politischer wird. 🍹
Ciao, ich bin Ornella und die Autorin hinter Autostrada del sole.
Mit diesem Newsletter möchte ich ein vielschichtiges Bild von Italien zeigen. Abseits von vino, dolce vita und amore. Tipps für Reisen wird es bei mir also nicht, oder, wenn überhaupt, nur in Ausnahmefällen geben.
Stattdessen möchte ich Themen aus Italien aufgreifen, die in Deutschland in dieser Form weniger sichtbar sind. Ich möchte in die Tiefe gehen, euch mitnehmen nach Italien zu Menschen, Geschichten, Orten und Dingen, die ich erzählenswert finde, und euch dazu einladen, auf dieses Land ohne romantisierende Sonnenbrille zu schauen. Und wer weiß, vielleicht entdeckt ihr Italien dann von einer anderen, neuen Seite (und könnt mit dem Wissen beim nächsten Urlaub punkten)?

Ich bin Tochter und Enkelin italienischer (Gast)arbeiter aus Sizilien, arbeite als Journalistin für verschiedene Medien (u.a SZ, fluter, The Weekender, etc.) und bin zweisprachig aufgewachsen. Studiert habe ich Italienische und Romanische Philologie. Schon immer bewege ich mich viel, bedingt durch meine Familiengeschichte, zwischen Deutschland und Italien. Ich kenne beide Länder sehr gut, bin in München und Süditalien Zuhause. Aus dieser Perspektive heraus möchte euch mitnehmen nach Italien. Schön, dass ihr dabei seid. 💙
🗓️ Terminhinweis: Am 15. März moderiere ich in Regensburg das Podiumsgespräch Von Gastarbeitern zu Mitbürgern: 70 Jahre Deutsch-Italienisches Anwerbeabkommen.

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