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WM 2026: Lagebild – 14. Mai 2026

Bis zum Start der Fußball-WM dauert es noch genau vier Wochen. Was ihr über die politischen Themen jenseits des Platzes wissen müsst, liefert euch ein neues Format: das „Lagebild”.

Schon in den vergangenen Ausgaben des Newsletters war die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko das größte Thema. In den kommenden Wochen bahnt sich ein Turnier an, das schon vor dem ersten Anpfiff am 11. Juni so umstritten ist wie kein anderes zuvor.

Mit dem „Lagebild” gibt es hier nun ein neues Ressort, in dem ich in regelmäßigen Abständen vor, während und nach der WM über die sport- und geopolitischen Zusammenhänge schreiben werde. Dabei werde ich versuchen, verschiedene Fäden zusammenzuführen und Entwicklungen im Auge zu behalten, die im konstanten Content-Überfluss einer Fußball-WM untergehen. Denn dieses Turnier ist so politisiert und ökonomisch so exklusiv wie seit Langem keines.

Was es hier nicht geben wird: Eine regelmäßige Berichterstattung über den sportlichen Verlauf des Turniers. Dafür werde ich höchstwahrscheinlich zu wenige Spiele sehen, was vor allem an den späten Anstoßzeiten und der geringen sportlichen Bedeutung vieler Spiele liegt.

Das heißt nicht, dass das Lagebild gar nicht in Verbindung mit einzelnen Spielen stehen wird, denn diese finden nicht im luftleeren Raum statt. Ergebnisse lassen sich woanders nachlesen, hier geht es eher um den Gesamtkontext.

Argentinien 1978: Junta und Propaganda. Russland 2018: Imagepflege. Katar 2022: Menschenrechte. In der Vergangenheit brachten insbesondere diese drei Ausgaben am meisten Diskussionsstoff und politische Spannungsverhältnisse mit sich. Sie alle hatten ihre eigene Zeit, ihre eigene Sphäre und Diskurse. Was sie alle gemeinsam haben, ist die Instrumentalisierung des Fußballs durch autokratische Regime – „Sportswashing” entwickelte sich vor einigen Jahren als der zentrale Begriff, der mittlerweile aber fast schon verwässert ist.

Fußball ist aufgrund seiner weltweiten Popularität ein entscheidendes Vehikel für politische Kommunikation. Damit kann ein Despot versuchen, sich reinzuwaschen. Aber auch ein Demokrat oder ein Sozialist kann die Strahlkraft des Fußballs für eigene, lautere oder unlautere, Zwecke nutzen.

Noch vor etwa zehn Jahren hätte niemand gedacht, dass die USA autokratisch regiert werden würden. Unter Donald Trump sind die Vereinigten Staaten nicht der einzige Ausrichter, in den elf Austragungsorten finden allerdings 82 der insgesamt 104 Spiele statt. Früher waren die USA zudem „leader of the free world”, eine nunmehr fast 250 Jahre alte Demokratie und wichtigster Partner Europas.

Doch von diesem Weg haben sich die Vereinigten Staaten verabschiedet. Nach mehr als einem Jahr als amtierender US-Präsident hat Donald Trump innen- und außenpolitisch einen Scherbenhaufen hinterlassen. Als Supermacht führt er die USA in den Suizid, wie es der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder beschreibt.

Grönland, Venezuela, NATO, die Nationale Sicherheitsstrategie, ICE-Razzien, Krieg mit Iran – über all diese Themen habe ich hier geschrieben. So richtig abgeschlossen ist keines dieser Kapitel, sie ziehen sich bis zum WM-Start durch und auch der erste Anpfiff wird daran nichts ändern.

Die Interpretation dieser Konfliktthemen fällt auf den beiden Seiten im US-Kongress erwartbar unterschiedlich aus. Die Demokraten warnen vor hohen Kosten, Trumps erratischem Agieren, ICE-Razzien und Menschenrechtsverletzungen bei der Einreise von Fans. Die MAGA-Bewegung, hervorgegangen aus der Republikanischen Partei, erhofft sich von dem Turnier die Demonstration amerikanischer Stärke mithilfe der Strahlkraft des Fußballs. Das verdeutlicht, wie tief die Gräben sind. Und klar ist, dass die MAGA-Bewegung im Sport viel Potenzial identifiziert hat, um den eigenen Kulturkrieg weiterzuführen.

FIFA-Präsident Gianni Infantino ficht das alles nicht an, er ist bei dieser Weltmeisterschaft die zweite Hauptfigur und eindeutig auf MAGA-Linie. Mittlerweile ist er Chef eines internationalen Großkonzerns in der Entertainment-Industrie und hat jegliches Schambewusstsein über Bord geworfen.

Die Verleihung des sogenannten „FIFA-Friedenspreises” an Donald Trump ist nach Infantinos zahlreichen Besuchen im Weißen Haus Zeugnis davon, dass sich der frühere Rechtsanwalt im Schatten von Trump als statesmen sieht, die politische Neutralität der FIFA ignoriert und wie ein echter Oligarch vorrangig in die eigene Tasche wirtschaftet.

Infantinos Profitinteressen

Die Grundidee als Non-Profit-Organisation hat die FIFA schon vor langer Zeit hinter sich gelassen. Der vermeintliche Wendepunkt vor zehn Jahren, als zahlreiche hochrangige Mitglieder wegen Korruption angeklagt wurden, ist rückwirkend betrachtet nur der Abschluss der Zeit von Infantinos Vorgänger Sepp Blatter.

Unter Infantino sollte alles besser werden: Reformen, mehr Transparenz, weniger Vetternwirtschaft, mehr Rücksprache mit den Nationalverbänden und mehr Beteiligung der kleineren Länder. Gleichzeitig schlug Infantino seine eigene Linie ein, paktierte mit Wladimir Putin in Russland und Emir Tamim bin Hamad al Thani in Katar. Sein derzeitiger wichtigster Ansprechpartner ist US-Präsident Donald Trump. Für 2034, wenn die WM in Saudi-Arabien stattfinden wird, intensiviert er schon die Beziehungen zu Mohammed Bin Salman.

Der FIFA-Präsident reist durch die Welt und verbreitet seine Maxime, dass der Fußball eben diese vereine und daher eine Sache ist, die über den Dingen schwebt, losgelöst von politischen Realitäten. In Wahrheit ist Infantino allerdings längst zum Chef eines Entertainment-Riesen geworden, der aus seinem Kernprodukt Weltmeisterschaft das Maximum an Profit herausholen will – und wenn er dafür einen Pakt mit dem Teufel eingehen muss.

Seit 2016 ist er im Amt und dürfte das noch bis 2031 bleiben. Für die Wahl im nächsten Jahr hat er schon den Rückhalt der Kontinentalverbände aus Afrika, Asien und Südamerika und damit mehr als die Hälfte der Stimmen der Mitgliedsländer. Denn auch sie wollen etwas vom Kuchen abhaben.

Die größte Cash Cow ist für die FIFA die Weltmeisterschaft der Männer, für die Umsätze der WM 2026 werden 13 Milliarden Euro prognostiziert (Si apre in una nuova finestra) – zusammengesetzt aus Ticketpreisen und dem Verkauf von Vermarktungsrechten. Wie viel tatsächlich am Ende bei den Verbänden landet, weiß niemand.

Der Verkauf der WM-Tickets für die Spiele in den USA zeigt, dass Infantino kein Problem damit hat, wenn sein Turnier zu einem Event wird, das sich nur noch reiche Menschen leisten können – limited access, nur für die reichen zehn Prozent.

Nach aktuellem Stand kostet das teuerste Ticket für das Finale mehr als 30.000 US-Dollar (Si apre in una nuova finestra). Wenn ein Fan nur in der Vorrunde seinem Team durch die USA folgen möchte, fallen Tausende Dollar allein für die Tickets an. Selbst Donald Trump sagte vor kurzem, er würde sich kein Ticket für das Spiel zwischen den USA und Paraguay kaufen. Das günstigste kostet 1000 US-Dollar.

Hinzu kommt das Konzept der dynamischen Preisentwicklung, bei der ein Algorithmus den Preis je nach Nachfrage bestimmt – ein undurchschaubares System, bei dem Menschen für das gleiche Produkt einen unterschiedlichen Preis zahlen. Will ein Fan sein Ticket auf der FIFA-eigenen Plattform verkaufen, nimmt der Verband 15 Prozent von Käufer und Verkäufer.

Ein legalisierter Schwarzmarkt also, bei dem das Geld am Ende immer bei der FIFA landet. Für die „104 Super Bowls“, wie Infantino sie bezeichnet, können insgesamt sechs Millionen Tickets verkauft werden.

Vor einigen Tagen war zu lesen, dass ein Verkäufer vier Karten für das WM-Finale für je mehr als zwei Millionen Dollar angeboten habe. Infantinos Reaktion darauf:

„Sollte tatsächlich jemand ein Ticket für das Finale für zwei Millionen Dollar erwerben, werde ich ihm persönlich einen Hotdog und eine Cola vorbeibringen, um sicherzustellen, dass er ein wirklich großartiges Erlebnis hat.“

Bei einem solchen Deal würde die FIFA 2,4 Millionen Euro mitverdienen. Ein gigantisches Potenzial zur Gewinnmaximierung also.

Die FIFA missbrauche ihre Monopol-Stellung, um Fans überhöhte Preise und unfaire Bedingungen aufzuzwingen, sagen eine europäische Verbraucherschutz- und eine Fanorganisation, die zusammen bei der Europäischen Kommission Beschwerde gegen die Preispolitik der FIFA eingelegt haben.

Unter dem Strich ist diese WM eine große Abzocke. Für den Großteil der Menschen ist ein Ticket unerschwinglich geworden. Mit der europäischen Idee des Fußballs als Kultur hat das nichts mehr zu tun. Fernsehbilder von Fans auf Tribünen, die enthusiastisch ihre eigene Mannschaft anfeuern, wird es daher weniger geben.

Der Markt in den USA gibt es her, dass die Menschen dort eines von vielen Unterhaltungsprodukten aussuchen können und dafür problemlos einen hohen Preis bezahlen – selbst wenn sie vorher noch nie ein Fußballspiel gesehen haben. Von Fußball als völkerverbindende und einigende Kraft kann nicht mehr die Rede sein.

Doch es ist nicht so, als gebe es in den USA keinen Widerstand dagegen. Demokratische Bürgermeister*innen und Gouverneur*innen kritisierten die FIFA für ihre Preispolitik und kamen, zugegebenermaßen eher etwas spät, auf die Idee, dass sich der Weltverband wie ein Raubtier verhalte.

Alle Einnahmen aus einem Austragungsort, aus Ticketverkäufen bis hin zu Parkgebühren, nimmt die FIFA mit in die Schweiz. Die lokalen Regierungen der Ausrichterstädte bleiben auf den Kosten für Infrastruktur und Sicherheit sitzen.

Eine Einigung, die Anreise zum Stadion für Ticketinhaber*innen per Bus oder Bahn wie bei vorherigen Turnieren kostenlos zu machen, gibt es nicht. Deswegen wälzen manche Ausrichterstädte die hohen Transportkosten auf die Ticketinhaber ab, sodass eine Bahnfahrt fünfmal so teuer ist wie sonst.

Etwa 250 Millionen US-Dollar müssten die elf Städte in den USA, in denen die Spiele stattfinden, für das Spektakel aufbringen, hieß es zuletzt. Zudem gibt es unterschiedliche Einschätzungen dazu, wie viel Umsätze Hotelbuchungen oder Restaurantbesuche im Spielort mit sich bringen würden.

Ich gehe davon aus, dass der Ticketmarkt sich während des Turniers beruhigen wird. Für Spiele wie Jordanien gegen Algerien wird es günstige Tickets geben, für Spiele der Titelfavoriten eher nicht.

Neben den Ticketverkäufen nimmt die FIFA über den Verkauf von Fernsehrechten Geld ein. Doch hier gibt es ein Problem: Nur einen Monat vor Beginn des Turniers hat der Weltverband keine Deals abgeschlossen, um die 104 WM-Partien in China und Indien übertragen zu können.

Zusammengerechnet leben in beiden Ländern 2,8 Milliarden Menschen, etwa ein Drittel der Weltbevölkerung. Die veranschlagten Preise, die Fernsehsender an die FIFA zahlen sollen, sinken beständig.

Eingeplant waren anscheinend 400 Millionen US-Dollar an Einnahmen durch die Verkäufe an Sender aus den beiden Ländern die keine Fußball-Hochburgen sind und deren Nationalmannschaften sich noch nie für das Turnier qualifiziert haben.

Für den indischen Markt gibt es derzeit offenbar nur ein Angebot in Höhe von 20 Millionen US-Dollar – viel zu wenig für die Ansprüche in Zürich. Einer der wesentlichen Gründe könnte die Anstoßzeit sein, ein Experte wies dies im Gespräch mit dem Guardian (Si apre in una nuova finestra) allerdings zurück. Auf dem indischen Markt gebe es keine wirkliche Konkurrenz, weswegen die Optionen für die FIFA kleiner geworden seien.

CCTV aus China, der bisher immer alle Turniere dort übertrug, plant mit einem Budget zwischen 60 und 80 Millionen US-Dollar. Auch hier wird es kurz vor dem Turnier noch Einigungen geben, aber sonderlich hoch pokern kann Infantino hier nicht. Denn wenn die Spiele auf diesem riesigen Markt gar nicht übertragen werden, gilt das für die FIFA und ihre Werbepartner als Super-GAU. Und die illegalen Streaming-Plattformen bieten im Notfall immer eine Lösung, um die Spiele zu sehen.

Mit dem Lagebild zur Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko beobachte ich die (geo-)politischen Entwicklungen während des Turniers regelmäßig. Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, kannst du ein Abo (Si apre in una nuova finestra) abschließen oder mir ein kleines Trinkgeld (Si apre in una nuova finestra) geben. Vielen Dank!

Kylian Mbappé und Lamine Yamal

Auch ohne Trump und Infantino gibt es im Vorfeld der WM schon genügend Themen. Denn es erregt auch immer Aufsehen, wenn Weltstars sich politisch äußern.

Frankreichs Kapitän Kylian Mbappé zeigte sich in dieser Woche in einem Interview mit dem Magazin Vanity Fair (Si apre in una nuova finestra) besorgt über einen möglichen Sieg des Rassemblement national bei den Präsidentschaftswahlen 2027. Der Weltmeister von 2018 sagte:

„Das beschäftigt mich sehr, ich weiß, was das bedeutet und welche Folgen es für mein Land haben kann, wenn solche Leute an die Macht kommen.”

Mbappé bekräftigte seine Rolle als Staatsbürger, er wehre sich gegen die Idee, dass Fußballer nur spielen und die Klappe halten sollten.

Jordan Bardella, designierter Spitzenkandidat des RN, entgegnete auf X: „Ich weiß, was passiert, wenn Kylian Mbappé PSG verlässt: Der Klub gewinnt die Champions League (und vielleicht bald ein zweites Mal).” Seine Chefin Marine Le Pen antwortete bei RTL: „Ich glaube ehrlicherweise, dass die Leute, die den Fußball lieben, frei genug sind, um zu wissen, wen sie wählen sollen, auch ohne Einfluss von Herrn Mbappé.”

Der Stürmer von Real Madrid hatte schon 2024 auf die Ergebnisse der Parlamentswahlen reagiert und den RN kritisiert. Eine Fortsetzung dürfte folgen.

Beim FC Barcelona, dem ärgsten Rivalen von Real, liegen unterdessen die Feierlichkeiten über den zweiten Meistertitel in La Liga noch nicht allzu lange zurück. Bei der Siegesparade durch die Stadt hatte der 18-jährige Weltstar Lamine Yamal die palästinensische Fahne (Si apre in una nuova finestra) geschwenkt. Lamal ist Muslim, spielt für die spanische Nationalmannschaft, sein Vater ist Marokkaner.

Die spanische Regierung unter Pedro Sánchez vertritt innerhalb der EU die härteste Position gegen das israelische Vorgehen im Gaza-Streifen, das spanisch-israelische Verhältnis ist extrem angespannt. Palästinensische Flaggen werden wahrscheinlich auch bei WM-Spielen zu sehen sein. Vielleicht nicht immer in einer Fernsehübertragung, aber bestimmt über Social Media.

Im nächsten Newsletter geht es um …
– die Rolle von ICE und verschärfte Einwanderungspolitik in den USA
– warum Menschenrechtsorganisationen inzwischen vor Reisen dorthin warnen
– und wie sich die politische und soziale Lage in Mexiko auf das Turnier auswirkt

Argomento WM 2026: Lagebild

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