
Die Klub-WM läuft unter den Augen des US-Präsidenten, der sich wie ein Kaiser Gladiatoren ins Büro einlädt. Ein parallel laufendes Turnier in einem kleinen EU-Land hat einen Hauptdarsteller mit Swag.
Die Welt brennt und der Fußball mit ihr. Bringt man beides zusammen, kommt man nicht an den Bildern vorbei, die in der vergangenen Woche im Oval Office entstanden sind. Der faschistische US-Präsident Donald Trump empfing eine Delegation von Juventus, das Zugpferd des italienischen Fußballs weilt gerade während der Klubweltmeisterschaft Copa Gianni in den USA – dem wahrscheinlich tiefsten Tiefpunkt der Fußballgeschichte.
Unter Gianni Infantino hat sich der Weltverband zu einem Propaganda-Instrument für Trumps Ideologie entwickelt, bei absurden Terminen wie diesem steht Infantino begeistert im Scheinwerferlicht und spielt den willfährigen Ringküsser für Trump.
Fußballmillionäre als Geiseln
Im Beisein von überbezahlten, politisch meist desinteressierten jungen Fußballprofis (die allerdings nur ihren vertraglichen Pflichten nachgegangen sind, kein Mitleid) aus unterschiedlichen Nationen schwadronierte Trump über Trans-Frauen im Sport, Migrationspolitik, das Verhältnis zwischen Iran und Israel und eigentlich war es ihm egal, wer neben ihm stand.
Die Bilder (Si apre in una nuova finestra) von dieser grotesken Veranstaltung erinnerten im Ansatz an die Fotos des Inhaftierten aus dem Gefängnis (Si apre in una nuova finestra) in El Salvador, wohin die USA Straftäter abschiebt – und hinterließen ein ähnlich schauderhaftes Gefühl. Die Spieler der Vecchia Signora, wie wir 11Freunde-Abonnent*innen sagen, wirkten wie Geiseln eines verrückten Terroristen.
Dass die Fußball-Delegation überhaupt vor Ort war, liegt an Trumps, laut eigener Aussage freundlichen, Beziehung zu Juves Hauptaktionär John Elkann, dessen Familie ihr Geld in der Automobilbranche gemacht hat – man kennt sich, man schätzt sich in der Broligarchy. Gleich zu Beginn begrüßte Trump mit Weston McKennie und Timothy Weah zwei amerikanische Profis, die für Trump hoffentlich “die besten Spieler auf dem Platz" sein werden. Wer könnte das besser beurteilen als Trump selbst, ein Fußballexperte vom Fach, so great, tremendous und beautiful.
Einfach nur Fußball spielen
Die amerikanischen Spieler so herauszustellen war die absolute Krönung, denn Timothy Weah ist der Sohn von George Weah, der Liberianer wurde 1995 als bester Fußballer der Welt ausgezeichnet und gilt als eines der besten afrikanischen Fußballer der Geschichte. Doch damit gab er sich nicht zufrieden: Zwischen 2018 und 2024 war Weah Senior Präsident von Liberia.
Achja, der unpolitische Fußball, was soll man noch alles sagen. Zitat Timothy Weah über den Termin bei Trump: “Sie sagten uns, wir müssen dahin, also hatte ich keine Wahl. Als Trump über Politik mit Iran und so weiter gesprochen hat, dachte ich mir nur… Ich will Fußball spielen, Mann.” Das tut er auch, denn Juve steht im Achtelfinale der Copa Gianni. Wie das sein Vater findet, ist nicht überliefert.
Und Mitte Juli, nach dem Finale, ist auch dieser Spuk wieder vorbei und die Fragen stellen sich: Wieso soll man den FIFA-Großveranstaltungen unter Trumps und Infantinos Ägide überhaupt noch folgen? Warum berichten Medien darüber, liefern unendlich Content und legitimieren das Ganze?
Wie laut werden die Diskussionen rund um einen Boykott der Weltmeisterschaft 2026, inwieweit knüpft das an die WM in Katar 2022 an? Wird sich die Diskussionsspirale wiederholen, werden die deutsche Bundesregierung oder der DFB ähnlich herumlavieren? Und wie in Gottes Namen wird Alexander Dobrindt als Innenminister auf einer amerikanischen Stadiontribüne beim ersten Spiel der DFB-Elf aussehen, denn wer erinnert sich nicht an Nancy Faeser mit der One-Love-Binde?
Ein EU-Regierungschef flirtet mit Russland und hostet ein UEFA-Turnier
Die Antworten kenne ich nicht, teilweise will ich sie auch nicht kennen. Nur eines weiß ich ganz bestimmt: Der gegenwärtige Fußball hat es sich sehr gemütlich gemacht in einer Welt, die von Egomanen, Lügnern, Diktatoren und Kapitalisten regiert wird.
Und damit landen wir direkt in einem EU-Land: In der Slowakei findet am Samstag das Finale der U21-Europameisterschaft der Männer statt, Deutschland gegen England. Premierminister der Slowakei ist Robert Fico in seiner dritten Amtszeit, der Jurist schwankt in seiner Regentschaft beständig zwischen einer Annäherung an die EU und einer nationalistischen, anti-westlichen Rhetorik, in der er schon mehrfach seine Bewunderung für Russlands Diktatoren Wladimir Putin und Ungarns Premier Viktor Orban geäußert hat. Sein Flirt mit autoritären Regierungen gehört zum Repertoire, genauso wie Beleidigungen und (bis dato unbestätigten) Behauptungen zum Wahlbetrug durch die Opposition.
Im Mai reiste Fico als einziger Ministerpräsident eines EU-Landes zur russischen Militärparade zum 80. Jahrestag nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Moskau – ein klarer Widerspruch gegen den Kurs der EU. Mit dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic und Milorad Dodik, Präsident des serbisch dominierten Landesteils von Bosnien und Herzegovina, befand Fico sich allerdings in illustrer nationalistischer Begleitung. Deswegen protestierten in der Slowakei Anfang Mai mal wieder Tausende Menschen gegen Ficos Politik. Diese im Schnelldurchlauf durchdekliniert: Migrationsgegner, gegen gleichgeschlechtliche Ehen, während Corona gegen Masken und Impfungen. Mehr muss man für den Moment nicht wissen.
Unvergessen: Jan Kuciak
Besonders in Erinnerung ist mir das Jahr 2018 geblieben: Im Februar waren der Investigativ-Journalist Jan Kuciak und seine Verlobte erschossen worden. Kuciak hatte mehrfach Texte über Korruption in der Slowakei veröffentlicht und auch zu möglichen Connections zwischen der Regierungspartei von Fico und der italienischen Mafia recherchiert.
Fico hatte diese Anschuldigungen zurückgewiesen. Medienberichte von damals legten auch nahe, dass Kuciak zu Unternehmen aus dem Dunstkreis von Ficos Partei Informationen gesammelt hatte. Die slowakische Polizei kam zu dem Ergebnis, das Kuciaks Ermordung “höchstwahrscheinlich” mit seinen Recherchen zusammenhänge. Der damals von Fico geführten Koalition drohte der Zusammenbruch, die regierungskritischen Demonstrationen im Land erhöhten den Druck, Fico trat zurück. Eine geräuschlose politische Karriere sieht in jedem Fall anders aus.
Beliebtes Vehikel war und ist für Fico allerdings der Fußball. Er selbst bezeichnet sich als großen Fan, laut eigener Aussage habe er als Kind rund um die Uhr gespielt. Er habe, so ein Medienbericht aus 2010, allerdings auch Steuergelder, die anders eingeplant waren, für den Bau von Sportplätzen ausgegeben, die er dann selbst eröffnete. Der slowakische Donald Trump also, der in Sachen Sport die Selbstinszenierung ohne Rücksicht auf Verluste durchzieht. Vielleicht sehen wir Fico auch am Samstagabend beim Finale der U21-EM in Bratislava, wenn er DFB-Kapitän Eric Martel die Trophäe überreicht.
Es gibt auch positive Momente
Martels Team ist auf jeden Fall Favorit, was neben dem Kölner Martel vor allem an Nick Woltemade liegt. Der 1,98m große Stuttgarter ist mit sechs Toren und drei Vorlagen (vor dem Finale) schon jetzt der MVP des Turniers. Entgegengesetzt zur Copa Gianni also die beste Fußball-Beobachtung dieses Sommers. Sein Swag mit Haarband, heruntergezogenen Stutzen, langem Unterziehshirt lässt ihn schonmal geil aussehen, er sieht eher wie ein Basketballer aus der NBA aus.
Sein Spielstil: technisch elegant, ball- und kombinationssicher, überall im Mittelfeld- oder Sturmzentrum einsetzbar, dribbelstark trotz seiner Körpergröße. Ihm zuzusehen, sorgt immerhin mal für positive Emotionen.
Und weil wir gerade schon bei einem positiven Abschluss sind: Die Mitglieder des FC Bundestag haben bei ihrer Mitgliederversammlung eine Satzungsänderung beschlossen. Der Vorstand kann ab sofort mit einfacher Mehrheit darüber entscheiden, neue Mitglieder aufzunehmen oder nicht. Das trifft besonders dann zu, „wenn der Antragsteller Mitglied in einem Verein, einer Organisation oder einer Partei ist, die verfassungsfeindliche Ziele verfolgt“. Wer damit wohl gemeint sein könnte?
Das Bekenntnis der Mitglieder zum Christentum zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist ebenso Grundlage wie das Entgegentreten rassistischer, verfassungsfeindlicher und anderer extremistischer Bestrebungen. Machen wir’s kurz: AfD-Abgeordnete sind raus. Die erste Hürde zum AfD-Verbotsverfahren ist also genommen. Woltemade und der FC Bundestag schenken also Hoffnung 🙏