Klatsch hat einen negativen Beiklang. Zu Unrecht, findet Creatorin und Performerin Tova Leigh.
Interview: Barbara Vorsamer
Zuerst erschienen am 29. Oktober im Spiegel (Si apre in una nuova finestra)
In Ihrem aktuellen Buch schreiben Sie, dass niemand Frauen mag, die viel zu sagen haben. Sie reden viel und sind ziemlich erfolgreich damit. Sicher, dass der Satz stimmt?
Tova Leigh: Auch ich denke jeden Tag darüber nach, was ich öffentlich sagen kann. Ich frage mich: Kann ich noch ein Stückchen weiter gehen? Oder ist das zu viel?
Bei welchen Themen fragen Sie sich das?
Zum Beispiel, wenn ich über die Ehe und Monogamie herziehe. Dass ich damit durchkomme, liegt auch daran, dass ich selbst in einer stabilen, heterosexuellen Partnerschaft lebe und mein Mann meine Arbeit öffentlich unterstützt – was problematisch ist, finden Sie nicht? Kolleginnen, die getrennt sind, dürfen dieselben Sprüche nicht machen. Als ich anfing, Videos mit feministischen Botschaften zu machen, achtete ich immer darauf, pinken Lippenstift zu tragen und zu lächeln. Als müsste eine Frau immer dazu sagen: Hey, ich spreche zwar ernsthafte Probleme an, bin aber gar nicht wütend und bedrohlich, sondern immer noch nett und attraktiv.

Warum musste das sein?
Das Publikum mag keine wütenden Frauen. Deswegen war das damals die richtige Strategie, um Reichweite aufzubauen. Mittlerweile ist es mir egal, wie ich rüberkomme. Das ist das Alter, denke ich. Ich werde bald 50.
Und sie haben inzwischen eine verlässliche Fanbasis, ob Sie pinken Lippenstift auflegen oder nicht.
Für mich hat meine größere Freiheit mehr mit den Live-Shows und Büchern zu tun. Im Internet ist kaum Raum für Nuancen, die Aufmerksamkeitsspanne ist so kurz. Ich muss die Botschaft schnell raushauen und dabei sofort interessant und witzig sein. Wer sich ein Buch kauft oder zu einer Show kommt, hat mehr Geduld. Ich kann kompliziertere Geschichten erzählen und so am Ende die bösere Pointe setzen.
Bekommen Sie viele Hasskommentare im Netz?
Klar, die Leute zerreißen sich das Maul über meinen Körper und die Art und Weise, wie ich meine Mutterschaft lebe oder meine Ehe. Dafür bin ich ihnen jeden Tag dankbar.
Wieso das?
Trolle sind fantastisch für die Reichweite. Je aktiver sie in den Kommentaren sind, desto mehr Menschen sehen meine Videos. Und die Hater tun mir meistens den Gefallen, bei Inhalten, die mir wichtig sind, besonders viel zu schreiben. Ich nehme nichts persönlich, diese Leute sagen über jede Frau dasselbe.
Sie haben dazu eine unterhaltsame Videoreihe gestartet, „Men reacting to …“, in der sie die Profilbilder der Männer neben den Kommentaren zeigen, die diese über Superstars wie Taylor Swift und Dua Lipa geschrieben haben.
„Sie ist höchstens eine vier von zehn.“ „Bringt mich zum Kotzen.“ Oder: „Sieht aus wie ein Typ.“ Jede Frau, die in irgendeiner Weise öffentlich sichtbar ist, bekommt derlei Bewertungen, und zu viele lassen sich davon verletzen. Dass die schönsten und erfolgreichsten Frauen des Planeten dieselben Sprüche abbekommen, zeigt: Diese Kommentare haben rein gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Sie sagen nur viel über den Verfasser aus.
https://www.instagram.com/p/DNnjNY3oZZ3/ (Si apre in una nuova finestra)
Sie drehen Videos für Social Media, stehen auf Bühnen, veröffentlichen Bücher. Wie würden Sie jemandem, der Sie nicht kennt, Ihren Beruf beschreiben?
2025 ist diesbezüglich ein sehr wichtiges Jahr für mich, denn im Dezember werden es zehn Jahre, dass ich diese Arbeit mache. 2015 begann ich mit meinem Blog, da waren meine Zwillinge gerade zwei Jahre alt, mein ältestes Kind vier. Ich ertrank in Mutterschaft, verlor jeden Tag mehrmals die Nerven und langweilte mich in meinem Bürojob zu Tode. Also startete ich ohne Ziel einen Blog und schrieb einen Text mit dem Titel: „I love my kids but sometimes I wish they would fuck off“ („Ich liebe meine Kinder, wünsche mir aber manchmal, sie würden sich verpissen“). Er ging viral.
Gleich der erste Text?
Ja, tatsächlich. Ich schrieb dann noch ein paar von der Sorte, dann entdeckte ich, dass Videos noch besser funktionieren. Ich bin ausgebildete Schauspielerin, also dachte ich mir: Kann ich auch. Ich sagte zu meinem Mann: Lass mich das Vollzeit versuchen, manche Leute verdienen damit Geld. Wir einigten uns darauf, dass ich es drei Monate lang ausprobieren würde, und mir danach wieder einen Job suchen würde, sollte es sich nicht rechnen. Schon wenige Tage nach meiner Kündigung kontaktierte mich ein Agent und wollte mich vertreten.
Und jetzt sind Sie hauptberuflich … was eigentlich? Auf Ihrer Website bezeichnen Sie sich als Creatorin, Autorin und Performerin.
Was für dumme Wörter, wieso stehen die da? Keiner dieser Begriffe trifft es.
Welcher dann?